Online-MegazineInterview

NECRONAUT

Depressiver „Personal Trainer“

Im Interviewauszug der „Krach von der Basis“-Rubrik der Dezemberausgabe wurde bereits angedeutet, dass der einstige DISMEMBER-Drummer Fred Estby mit einigen alten Kumpels (Nicke Andersson sowie Dolf von The Datsuns) sein eigenes Studio eröffnet. Ergo geht es in diesem Gespräch nicht nur um das coole Debüt seines mit vielen Gästen umgesetzten Soloprojekts NECRONAUT, sondern auch um diesen Aspekt seines künstlerischen Schaffens.

»Seit DISMEMBER den Plattenvertrag bei Nuclear Blast hatten, war ich natürlich viel auf Tour, aber mein Appetit auf Soundengineering und Produzentenarbeit stellte sich früh ein. Das Coolste ist, dass Nicke und ich die Deuce Recording Studios zwei Jahre lang besaßen, aber erst langsam und nicht als Vollzeitbeschäftigung damit anfingen, da die Studios in unseren Privatbehausungen untergebracht waren. Jetzt haben Nicke, Dolf und ich eine neue Location mitten in Stockholm, die wir Gutterview Recorders nennen werden. Sie besteht aus zwei großen Aufnahmeräumen von je 35 Quadratmetern. Seit Anfang August habe wir dort renoviert, isoliert und alles aufgefrischt, jetzt können wir endlich das Equipment installieren. Wir haben fast nur Vintage-Stoff, um unseren Soundvorstellungen zu genügen. Egal ob es um Rock oder Metal geht, alle drei stehen auf Old-School-Sounds. Früher als ich in Studios angestellt war, musste ich oft Musik aufnehmen, die mir überhaupt nicht zusagte. Von jetzt an werde ich mich nur um Aufnahmen kümmern, die mir selbst Spaß machen – da haben auch die Künstler mehr von. Wir haben schon etwas Kohle investiert, aber ich hoffe, dass wir nicht nur Bachelorette-Partys aufnehmen müssen, um das wieder reinzuholen, hehe!«

 

Wer seinen Lebensunterhalt seit zwei Jahrzehnten im Musikgeschäft verdient, ohne vor oder hinter dem Mischpult zu den Top-Sellern zu gehören, muss kleine Brötchen backen, Rückschläge aushalten können und einfach besessen sein.

»Es fühlt sich großartig an, dass ich eigentlich mein gesamtes Erwachsenenleben mit Musik bestritten habe, aber ich konnte nie etwas auf die hohe Kante legen. Normale Jobs hatte ich nur zwischen Touren oder wenn im Studio nichts anfiel: Möbelpacker, Postbote, Personal Trainer/Gymnastiklehrer und einiges mehr. In diesen Perioden fühlte ich mich stets depressiv und habe das vitale Element in meinem Leben vermisst. Die Zeit nach meinem Ausstieg bei DISMEMBER war diesbezüglich am schlimmsten. Daher auch die Idee, mein eigenes Studio zu starten. Es ist tough, eine eigene Firma zu leiten, aber verglichen mit bloßen Jobs für den Lebensunterhalt eine befriedigende Herausforderung. Nicke und ich waren von Anfang an eng befreundet. Neid ist Energieverschwendung und Wettbewerb unter Musikern irreal. Über die Jahre habe ich immer wieder mit ihm gearbeitet, im Studio und on the road. Dolf ist auch ein cooler Typ, ich kann mir nicht vorstellen, dass es bei uns mal ernsthaft im Karton rappelt.«

 

Nickes musikalischer Background ist unglaublich facettenreich, er hat sich selbst auch schon außerhalb von Rock und Metal als Musiker versucht. Reicht es Dir, dass Deine metallische Nahrungspalette abwechslungsreich ist?

»Ich kann auch Country und Soul etwas abgewinnen, spüre aber nicht, dass ich die Möglichkeit habe, mich in dieser Musik selbst auszudrücken. Wenn es um das Produzieren oder Tontechnikerarbeiten geht, ist das etwas anderes. Ich habe konkrete Ideen, wie Musik klingen soll, egal, ob es sich um Singer/Songwriter-Kram oder Grindcore handelt. Zuletzt habe ich Aufnahmen mit der schwedischen Band DR. LIVING DEAD beendet, einer talentierten Old-School-Thrash-Band. Ich denke, Nicke, Dolf und ich werden auch in Zukunft separat mit den Bands arbeiten, aber da wird es von Session zu Session Unterschiede geben.«

 

Auf dem Centinex-Debüt „Subconscious Lobotomy“, dem Album mit dem hässlichsten Artwork nicht nur im schwedischen Death Metal, hast Du gesungen, obwohl Du doch sehr unsicher bezüglich Deiner Stimme warst.

»An diese spezielle Aufnahme kann ich mich nicht mehr erinnern, das ist einfach zu lange her. Aber das Artwork ist zusammen mit „Of Darkness...“ von THERION schon eins der hässlichsten im Genre. Mit Alkohol musste man mich dazu nicht überreden, ich trinke grundsätzlich nicht bei der Arbeit, ganz gleich bei welcher. Bis ich das NECRONAUT-Album in Angriff genommen habe, war ich immer noch nicht mit meiner Stimme im Reinen. Ein weiterer positiver Nebeneffekt der Aufnahmen.«

 

Mit Richard Cabeza hast Du den „satanischen“ Flügel von Dismember repräsentiert. Kannst Du mit Vereinigungen wie dem MLO etwas anfangen?

»Ich kenne diese Organisation nicht, also bin ich mir nicht sicher, ob ich irgendwelche ihrer Ziele teile. Ich bin grundsätzlich kein Vereinsmensch.«

 

'Returning To Kill The Light' spendet JB von GRAND MAGUS das Gitarrensolo, 'Souldsie Serpents' leiht er seine nicht minder charismatische Stimme.

„Ich wurde auf ihn aufmerksam, als GRAND MAGUS vor über zehn Jahren in einem Stockholmer Club namens 'Alcazar' spielten, in dem ich für den Sound zuständig war. Während ihres Sets dachte ich nur: Heilige Scheiße, die Jungs sind großartig. Also fragte ich sie nach der Show, ob sie ihr nächstes Album im 'Das Boot' aufnehmen wollten, was sie dann auch taten. Seitdem sind wir befreundet. 'Soulside Serpents' schieb ich vor meinem Ausstieg bei DISMEMBER und hatte bereits damals die Idee, dass seine Stimme perfekt dafür geeignet ist.«

 

Deine Liebe zum rockigen Doom hast du ja schon in der Zusammenarbeit mit TERRA FIRMA dokumentiert.

»Wobei ich nie in der Band war, ich habe sie nur ebenso wie GRAND MAGUS ins Das-Boot-Studio gelockt. BLACK SABBATH und TROUBLE sind immer große Bestandteile meiner musikalischen Welt gewesen. Schon bei Dismember waren einige Songparts enorm von verschiedenen Doom-Strömungen beeinflusst. Nimm nur 'Stillborn Ways' vom „Death Metal“-Album. Viele mögen nur die AUTOPSY-Einflüsse heraushören – aber AUTOPSY selbst waren enorm vom Doom inspiriert.«

 

Eine bequemere Brücke zur Beteiligung Deines alten Kumepls Chris Reifert an zwei NECRONAUT-Songs hättest Du gar nicht bauen können.

»Für alle Albumsongs hatte ich Texte vorgeschrieben, abgesehen vom langsamen Part in 'Infecting Madness'. Und für alle Sänger mit Ausnahme von Chris habe ich Pilotspuren aufgenommen. Allerdings habe ich allen gesagt, dass sie die Freiheiten haben, Änderungen vorzunehmen und eigene Ideen einzubringen. Die 'Tower Of Death' Hookline stammt von Nicke, weil ich zu dem Text einfach keine Melodie im Kopf hatte.“«

 

Welche jungen Death-Metal-Bands kannst Du empfehlen?

»MORBUS CHRON sind in meinen Ohren exzellent, sie haben im Gegensatz zu vielen Old-School-Bands tatsächlich dieses Feeling. Wo ist denn der alte Sound bei BLOODBATH? Trigger und Digitalaufnahmen sind nicht old school! Die Graveyard unter meinen Myspace-Freunden sind die Schweden, bei denen Joakim Nilsson, der Sänger von AFTER THE VOID singt und Gitarre spielt. Die gleichnamigen Spanier kannte ich noch nicht, aber sie klingen verdammt gut! Danke für den Tipp, ich werde den weiteren Weg der Jungs definitiv verfolgen. In unserem neuen Studio werden wir beweisen, dass man auch heute noch Authentizität bewahren kann.«

 

www.myspace.com/necronaut666