Online-MegazineInterview

IN FLAMES

Cool im Pool

Seit ihrem letzten Album „A Sense Of Purpose“ sind IN FLAMES erfolgreicher denn je, aber dennoch herrscht im Lager der Band nicht nur eitel Sonnenschein. Gitarrist Jesper Strömblad hat wegen seiner Suchtprobleme kürzlich die Band verlassen (wir berichteten). Sein Ersatzmann seit einer Weile, Niclas Engelin, gibt normalerweise keine Interviews, macht für uns aber eine Ausnahme. Er und Sänger Anders Fridén führen ein bemerkenswert offenes Gespräch über Jespers Zustand, Niclas´ Integration, Tour-Erlebnisse aus Südamerika und Russland, die weiteren Pläne sowie das gemeinsame Projekt Passenger.

Anders, wie geht es Jesper inzwischen?

Anders: »Es geht ihm besser, aber es ist ein langer Kampf, und man muss von Tag zu Tag schauen. Mit einer Alkoholsucht werden auch andere Probleme deutlich, die man bekämpfen muss. Er ist so weit okay.«

Niclas, ist es schwierig für dich, die Rolle von Jesper einzunehmen?

Niclas: »Ja und nein. Ich kenne die Jungs schon so lange, dass mir die Strukturen und die ganze Art der Songs sehr vertraut sind. Daher war es für mich ziemlich einfach, mich hineinzufinden. Andererseits hat Jesper einen großartigen, sehr eigenen Stil, Gitarre zu spielen. Ich versuche, ihn auf meine Art zu übersetzen und dabei ich selbst zu sein. Ich mache es einfach, ohne groß darüber nachzudenken.«

Anders: »Jesper hat einen sehr speziellen Stil des Pickings. Sehr seltsam.«

Ziemlich einzigartig.

Anders schmuzelt: »„Einzigartig“? Du kannst ihn „einzigartig“ nennen. Er ist auf jeden Fall nicht gerade lehrbuchmäßig und ziemlich schräg. Niclas ist nicht hier, um Jesper zu kopieren. Natürlich soll er die entsprechenden Noten spielen, aber wie er das macht, steht ihm völlig frei. Da sind wir ganz offen. Wir machen ihm keinerlei Vorschriften. Er ist hier, um er selbst und gleichzeitig ein Teil von IN FLAMES zu sein. Es läuft einfach wunderbar und gab noch überhaupt keine Probleme, ganz gleich welcher Art. Wir sind jetzt schon über ein halbes Jahr zusammen auf Tour - oder sogar noch länger. Und es gab schon Situationen davor, in denen er eingesprungen ist. Mit Jesper hatten wir vor gut einem Jahr den Punkt erreicht, an dem es einfach nicht mehr weiterging. Wir konnten es nicht mehr verstecken. Das lief ja schon Jahre davor so, ohne dass es die Öffentlichkeit mitbekommen hat. Wir haben es lange verschwiegen, um sowohl ihn als auch uns als Band zu schützen. Aber irgendwann ging´s einfach nicht mehr.«

Weißt du denn, wie es in Zukunft weitergehen soll? Wird er auf der nächsten Tour nach dem neuen Album wieder mit von der Partie sein?

Anders: »Das ist unser Ziel. Natürlich. Das ist die Hoffnung, die wir alle haben. Aber man weiß ja nie. Wir werden sehen.«

Niclas, du tourtest seit fast einem Jahr als temporärer Ersatz für Jesper. Wie ist dieser Job für dich? Das ist schon was anderes, als mit deiner eigenen Band Engel zu touren, oder?

Niclas: »Ja, das kann man sagen. Es ist komfortabler und angenehmer.«

Anders: »Bei uns gibt´s mehr Bier.«

Niclas: »Ja, mehr Bier, aber trotzdem muss man jeden Abend eine gute Show abliefern.«

Niclas, durch dein Engagement bei IN FLAMES kommen Engel wegen Terminüberschneidungen mitunter zu kurz.

Niclas: »Ja, das kommt vor. Morgen haben Engel eine vom Radio übertragene Show in Stockholm, und ich hoffe, dass der IN FLAMES-Tourtross rechtzeitig dort ankommt. Notfalls werde ich mich schon im Bus umziehen und direkt auf die Bühne gehen. Das wird bestimmt spaßig.«

Anders, hast du sofort an Niclas als Ersatz für Jesper gedacht?

Anders: »Ja, er war unsere einzige Wahl. Er ist der beste Mann, den wir haben können. Wir kennen uns schon seit Ewigkeiten und könnten nicht glücklicher sein. Niclas kommt mit, hilft uns, und alles läuft sehr geschmeidig. Er passt sowohl auf musikalischer als auch auf menschlicher Ebene zu uns. Es ist einfach traumhaft. Er liefert jeden Abend einen tollen Job ab.«

Wie fühlt es sich denn mit Niclas auf der Bühne an? Ist das ein großer Unterschied?

Anders: »Natürlich ist es etwas anderes, aber es ist großartig. Ich genieße es immer, mit Niclas zusammen zu spielen. Wir haben eine gute Zeit und einen Draht zueinander. Natürlich ist es anders, weil Niclas eine andere Person ist, aber es ist nicht in einer schlechten Weise anders. Ich denke, wir sind in dieser Besetzung klasse. Niclas passt perfekt zu uns und hat den Job schon viele Male davor gemacht. Wir sind hier, um den Leuten eine gute Show zu bieten, und genau das machen wir.«

Ihr habt bereits beim Passenger-Projekt zusammengearbeitet. Wird es davon ein zweites Album geben?

Anders: »Ja, wir reden schon seit Jahren darüber. Wir hatten sogar schon eines aufgenommen, fanden es dann aber beide schlecht. Darum haben wir es in den Müll geschmissen. Das war aber schon vor einer ganzen Weile. Wir reden häufig darüber. Hoffentlich finden wir dieses Jahr etwas Zeit dafür. Um kreativ arbeiten zu können, müssen wir zusammen in einem Raum sein. Lange Zeit war ich weg auf Tour. Zudem leben wir inzwischen in anderen Städten (Anders wohnt wegen seiner Frau in Stockholm - ms). Das macht es schwierig. Aber wir sind guter Dinge und würden liebend gerne wieder was zusammen machen. Passenger sind eher ein Spaß-Projekt, und das soll auch so bleiben. Wir wollen kein Album erzwingen, nur um eine Veröffentlichung zu haben.«

Niclas: »Es muss von Herzen kommen.«

Anders: »Genau. Auch mit IN FLAMES, mit denen wir ständig unterwegs sind, schreiben wir nie auf Tour. Das geht einfach nicht. Man denkt, man hätte so viel Zeit, und die hat man ja eigentlich auch, aber es ist enorm schwierig, sich darauf zu konzentrieren. Es gibt einfach zu viel Ablenkung um einen herum. Natürlich hätten Niclas und ich jetzt auf Tour ein neues Passenger-Album schreiben können, aber das wäre dann erzwungen gewesen. Es muss sich von alleine ergeben und, wie Niclas schon sagte, von Herzen kommen.«

Zumindest gut zu wissen, dass ihr mit dem Thema noch nicht abgeschlossen habt.

Niclas: »Eine zweite Scheibe kommt - das ist sicher!«

Ich habe Fotos von eurer Südamerika-Tour gesehen, auf denen ihr mit einem kühlen Bier in der Hand im Pool liegt. Das scheint ein spaßiger Trip gewesen zu sein...

Niclas: »Oh ja, wir hatten verdammt viel Spaß. Das war ein richtiges Abenteuer.«

Anders: »Ich hätte mir allerdings gewünscht, dass wir mehr Zeit gehabt hätten. Einen großen Teil haben wir im Flugzeug, im Hotel oder auf dem Weg zum Flughafen verbracht. Nur einige Male hatten wir etwas Zeit zum Ausspannen. Die Shows waren der Wahnsinn. Es wäre toll gewesen, wenn wir mehr Zeit zum Reisen gehabt hätten, um die Sehenswürdigkeiten zu besuchen und ein paar Tage in jeder Stadt zu verbringen. Nächstes Mal vielleicht. Trotzdem war es überwältigend und eine großartige Erfahrung!«

War das Publikum anders als in Europa?

Anders: »Ja, schon etwas. Hier sind die Leute so drauf, dass sie auch mal eine Show auslassen, weil sie uns eh beim nächsten Mal wieder sehen können. Dort dagegen hatten alle das Gefühl, dass dies ihre einzige Chance ist, uns live zu sehen. Die Leute waren extrem leidenschaftlich. In Kolumbien haben sie jede einzelne Gitarrenmelodie und jede einzelne Gesangslinie mitgesungen. Ich glaube, wir hätten auch überhaupt keine Lichtshow gebraucht, denn die Kameras blitzten am laufenden Band. Völlig verrückt!«

Sind denn irgendwelche schrägen Sachen passiert? Dort zu touren, ist ja schon noch ein Abenteuer.

Anders: »Wir hatten Glück und keine außergewöhnlichen Vorkommnisse. Wir hatten einen guten Sicherheitsdienst. Kolumbien, Bogota - wir haben auch einige Geschichten gehört, dass es dort sehr gefährlich sei. Das ist es wohl auch tatsächlich, wenn man in den falschen Straßen rumläuft. Aber für uns war es eine tolle Erfahrung.«

Ihr habt euch zuletzt eh den Arsch abgetourt: USA, Kanada, Russland. Irgendwelche Geschichten von dort?

Anders: »Die Reaktionen waren ähnlich. Als wir in Weißrussland gespielt haben, bedankten sich die Fans, dass wir dort für sie spielen, und man konnte in ihren Augen sehen, wie dankbar sie sind. Auch sie hatten das Gefühl, dass das die ultimative Gelegenheit ist, uns live zu sehen - darauf hatten sie neun Alben lang gewartet! In Moskau brach die Barriere zum Fotograben, weswegen wir den Gig für ein paar Minuten unterbrechen mussten. Ich habe die Panik in den Augen einiger kleiner Mädchen gesehen, die große Angst hatten, weil der Druck von der ganzen Menge hinter ihnen so groß war. Aber ansonsten gab´s keine größeren Vorkommnisse. Wir hatten natürlich viel Wodka (lacht).«

Niclas: »Bemerkenswert war auch die Fahrt mit dem Nachtzug...«

Anders: »...in dem wir vom grellen Licht einer Taschenlampe geweckt wurden. Die Kontrolleure hielten sie uns ins Gesicht, hatten ihre Maschinengewehre im Anschlag und brüllten nur: „Reisepass! Reisepass!“«

Sie hatten keinen Respekt vor IN FLAMES? Ich bin empört!

Anders: »Ich glaube nicht, dass sie das gekümmert hat. „Hey, weißt du nicht, wer ich bin?“ Hahaha!«

In den letzten zwei, drei Jahren haben IN FLAMES den entscheidenden Schritt zur Mega-Band vollzogen. Ihr habt als Headliner auf den großen Festivals gespielt und tourt weltweit. Nehmt ihr selber wahr, welchen großen Sprung ihr gemacht habt?

Anders: »Wenn man mittendrin steckt, hat man keine Ahnung. Natürlich haben wir uns als Live-Act etabliert, aber wenn man auf Tour ist, denkt man nur von Tag zu Tag, und alles ist verschwommen. Wir lieben, was wir machen, und ich kann wirklich immer und überall auftreten. Aber natürlich bin ich mir unserer Situation durchaus bewusst.«

Was sind die weiteren Pläne für dieses Jahr? Macht ihr euch an die Arbeit zum neuen Album?

Anders: »Erst mal nehmen wir uns einige Monate frei. Dann werden wir die ganzen Ideen zusammentragen und mit dem Komponieren beginnen.«

Also können wir irgendwann 2011 mit der nächsten Scheibe rechnen?

Anders: »Ja, das ist der Plan.«

Das komplette Interview mit weiteren Fragen gibt es als Videostream auf www.rockinvasion.de in Episode 41.

www.inflames.com

www.myspace.com/inflames

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