Online-MegazineInterview

KISS

Kiss - Flucht nach vorn

In der Titelstory des neuen ROCK HARD fühlen wir KISS-Boss Gene Simmons u.a. zum neuen Album "Sonic Boom" auf den Zahn und lassen auch Ex-Gitarrist Ace Frehley zu Wort kommen.

Ewigkeiten suhlten sich KISS im recycelten Ruhm ihrer Siebziger-Jahre-Großtaten. Die Setlisten waren unflexibel, die Kostüme längst bekannt, die Show-Elemente tausendfach gesehen. Aus dem Band-Camp tönte dazu im Monatstakt der Spruch, dass eh niemand neue Songs hören wolle. Doch plötzlich kommt alles ganz anders. Die Simmons-Stanley-GmbH wirft mit "Sonic Boom" ein starkes neues Album auf den Markt, modifiziert Bühnen-Gimmicks und Outfits, integriert die beiden "Neulinge" Tommy Thayer (g./v.) und Eric Singer (dr./v.) durch eigene Stücke endlich als vollwertige Mitglieder und versprüht eine Begeisterung, wie man sie das letzte Mal zu "Revenge"-Zeiten erlebte.

Böse Zungen mögen hier ein finales Aufbäumen der alten Herren sehen - und dafür spricht durchaus einiges. In den USA ist "Sonic Boom" wie schon AC/DCs Überflieger "Black Ice" exklusiv bei der Discounterkette "Walmart" erhältlich. Die Drei-Disc-Version enthält neben "Sonic Boom" die letztes Jahr bereits in Japan unter dem Namen "Jigoku Retsuden" veröffentlichten Re-Recordings diverser KISS-Klassiker und eine Live-DVD, kostet schlappe zwölf Dollar und wird durch extra eingerichtete KISS-Regale mit diversen Backkatalog-Alben und Merchandise aus dem immensen Band-Fundus ergänzt. Mehr "value for money" geht nicht. Zudem werden speziell Gene Simmons (b./v.) und sein "partner in crime" Paul Stanley (g./v.) nicht jünger. Gene ist mittlerweile 60 Jahre alt, Paul (57) kämpft seit einiger Zeit mit Stimmproblemen, singt live deutlich gebremster als früher und ist auch auf "Sonic Boom" erkennbar zurückhaltender zugange als in der Vergangenheit. Die exzessiven Nebenspielwiesen der KISS-Chefs (Stanley macht als Maler Millionen, Simmons hat ca. 3.568 Business-Projekte und seine "Reality"-TV-Show "Gene Simmons Family Jewels" am Laufen) tun ein Übriges, um hier den letzten Versuch zu vermuten, noch mal on top of the world zu sein.

Denn auch wenn Gene es gern anders sieht: Es stimmt nicht, dass KISS regelmäßig vor ausverkauften Häusern spielen, und die 2008er Europa-Visite war keineswegs ein Triumphzug durch prall gefüllte Stadien, sondern fand überwiegend in normalen und nicht immer vollen Hallen statt. Speziell Gene verklärt die Dinge gern ein bisschen. Dennoch platzt er fast vor Enthusiasmus, als er sich den Rock-Hard-Fragen stellt. Seit der Promotion für den 1992er Befreiungsschlag "Revenge" war der KISS-Kassenwart nicht mehr dermaßen überzeugend zuversichtlich, dass mit seiner Band in kreativer Hinsicht nach wie vor zu rechnen ist. Und man nimmt es ihm zu jeder Sekunde ab. Nicht zuletzt der grandiose Eric Singer, der schon auf "Revenge" einen beeindruckenden Punch vorlegte, und der vielgescholtene Tommy Thayer, der sich auf "Sonic Boom" endlich eine Nische abseits purer Ace-Frehley-Kopiererei erkämpft, verpassen KISS einen unüberhörbaren x-ten Frühling. Dadurch wird deutlich, was die Band trotz guter bis großartiger Alben seit zweieinhalb Dekaden zu oft vermissen ließ: Frische, Unbekümmertheit, Teamgeist und Selbstbewusstsein. Keine Trendreiterei wie in den Achtzigern, als KISS sich je nach Bedarf Strömungen wie Hairspray-Rock-Getunte und gar Speed Metal öffnen wollten, sondern KISS pur und unverfälscht. Dennoch: Warum erzählten Simmons und Stanley gebetsmühlenartig, dass kein weiteres Studioalbum geplant sei?

Pauls Standardspruch, dass die KISS-Anhänger neue Ideen zwar grundsätzlich schätzen, im Endeffekt aber doch lieber Klassiker wie ´Love Gun´ hören wollen, ist längst ein geflügelter Witz in den KISS-Foren ("That´s nice, now play ´Love Gun´!"). Gene zieht im Rock-Hard-Gespräch bei dieser Frage die Universal-Antwort aus dem Hut, die er immer verwendet, wenn eine verwirrende KISS-Aktion zu begründen ist.

»Wir tun es für die Fans! Sie haben uns dazu gebracht, wieder ins Studio zu gehen. In den letzten Jahren hat sich bei KISS das Publikum verändert. Es kommen immer mehr Kids zu den Shows, die uns zum ersten Mal live sehen und völlig begeistert sind. Viele von ihnen möchten neue Musik hören. Deshalb haben wir diese Platte gemacht.«

Paul hat häufig betont, dass es schwierig sei, auch mit guten aktuelleren Nummern wie ´Psycho Circus´ gegen den übermächtigen Schatten von ´Detroit Rock City´ & Co. anzukämpfen.

»Das werden wir sehen. Es gibt dafür das deutsche Wort Zeitgeist. (Auf Deutsch:) Du verstehst? Man kann jetzt noch nicht abschätzen, welchen Status die neuen Songs in einigen Jahren haben werden. Bislang haben wir über "Sonic Boom" kein einziges schlechtes Wort gehört. Warten wir es ab. Manche unserer Tracks wurden sofort zu Hits. Nimm zum Beispiel ´Rock And Roll All Nite´. Andere hingegen entwickelten sich erst, wie ´I Love It Loud´ oder eben ´Detroit Rock City´.«

´Detroit Rock City´ wurde sogar mal als Single-B-Seite völlig unter Wert verkauft.

»Genau.«

Paul hat "Sonic Boom" produziert. Der Sound ist brillant: druckvoll und angenehm direkt.

»Das stimmt. Es gab immer wieder Alben in unserer History, die uns auf ein höheres Level gehievt haben. Als damals Bob Ezrin mit uns arbeitete, war das Ergebnis "Destroyer" etwas gänzlich Neues. Das ist einige Male passiert.«

Es hat aber nicht immer funktioniert. Es gab Longplayer, die zum Teil trotz großartiger Songs schwach produziert waren. Ich denke da an "Crazy Nights", "Unmasked" und "The Elder".

»Das ist natürlich im Auge des Betrachters. Aber ich weiß, was du meinst.«

Deiner Aussage nach orientiert sich "Sonic Boom" an Siebziger-Jahre-Meilensteinen wie "Rock And Roll Over" und "Love Gun". Ich finde hingegen, dass das Album - von einigen Ausnahmen wie deinem Track ´Yes I Know (Nobody´s Perfect)´ abgesehen - enorm an die Achtziger und einige Elemente von "Revenge" erinnert.

»Damit kannst du Recht haben. Es kommt aber auch hier letztendlich auf die Betrachtungsweise an. Speziell in den USA meinen die meisten Leute, dass "Sonic Boom" sehr wohl nach den Siebzigern klingt. Andere hören ein bisschen was aus den Achtzigern, etwas von "Revenge" und Elemente von "Destroyer". Was "Sonic Boom" auf jeden Fall mit den Siebzigern verbindet, ist die Herangehensweise. Wir wissen inzwischen, was wir wollen. Die Produktion ist sehr basisch. Keine Keyboards, Synthesizer, Backing-Sänger oder anderer Firlefanz. Wir folgen keinen Trends. Es gibt auf unseren Platten kein Gegrunze (imitiert einen röhrenden Death-Metal-Elch - jj) und keinen Rap. Nicht dass ich was gegen Rap hätte, aber das hat bei KISS nix zu suchen.«

__________________________________________________

Die kompletten Interviews mit Gene und Ace findet ihr im aktuellen ROCK HARD, das im Zeitschriftenhandel erhältlich ist. Weitere Infos zur aktuellen Ausgabe gibt´s hier.

ReviewsKISS

Kiss Rocks VegasRH #353 - 2016
(Eagle Rock)Wenn eine Rockband ein Multi-Show-Engagement in Las Vegas präsentie...
OUT ON THE STREETSRH #336 - 2015
Peter Oreckinto, J.R. Smalling, Rick Munroe, Mick Campese(Tokk Publishing)„The...
Kiss40RH #326 - 2014
Universal (151:27)Zum 40. Geburtstag spendieren sich KISS ihre ca. 78. Best-of-H...
MAKEUP TO BREAKUP - MY LIFE IN AND OUT OF KISSRH #308 - 2012
Peter Criss mit Larry „Ratso“ Soman (Scribner) Ausgerechnet der in kreativ...
MonsterRH #305 - 2012
Universal Wenn Gene Simmons im Interview behauptet, dass KISS sich auf ihre Wur...
Destroyer (Resurrected)RH #305 - 2012
Universal (37:46) Da ist Herr Simmons wohl durch unser „Destroyer“-Intervie...
The ElderRH #294 - 2011
FenrizView (Casablanca/Phonogram)VÖ: 1981 erschienen Irgendwie wird man das G...
Sonic BoomRH #270 - 2009
Auch wenn es das (gefühlte) 322. KISS-Album ist: Die Erwartungen an das erste S...
Kissology Vol. 2RH #268 - 2009
Kissology Vol. 2 The Ultimate Kiss Collection, 1978 - 1991 (Eagle Vision/Edel)...
Jigoku RetsudenRH #258 - 2008
Defstar/Import (53:36 + DVD) Beim Erschließen immer neuer lukrativer Möglic...
Alive! 1975 - 2000RH #237 - 2006
(291:46) „Alive! 1975 - 2000“ enthält die drei regulären KISS-Livealben e...
Symphony: The DVD
KISS mögen sich mit ihren unendlichen Abschiedstouren und dem Suhlen in der eig...
Symphony - Alive IVRH #196 - 2003
(96:14) Im Aufwärmen oller Kamellen sind KISS echt die Geilsten. Seit einer De...
The Very Best OfRH #185 - 2002
Juhu! Endlich gibt’s mal wieder ´ne Best-of von KISS. Ach ja, Paul will sich ...
Psycho CircusRH #137 - 1998
Schon im Vorfeld der Veröffentlichung kursierten zahlreiche Gerüchte, wer dies...
Carnival Of SoulsRH #126 - 1997
Wie zeitlos die klassischen KISS sind, zeigt nicht nur der Triumphzug der Reunio...
Greatest KissRH #116 - 1997
KISS befinden sich momentan in einer Ausnahmesituation. Die alle Rekorde brechen...
You Wanted The Best, You Got The BestRH #111 - 1996
"YWTBYGTB" ist der Schnellschuß zum US-Start der Reunion-Tour bzw. die Durchhal...
UnpluggedRH #107 - 1996
Gratulation! Wo andere Bands fleißig Studio-Scheiben veröffentlichen, schaffen...
Alive IIIRH #74 - 1993
Ein jeder wird am Tracklisting was zum Meckern finden, und das mit gutem Grund. ...
RevengeRH #62 - 1992
"Weißt du noch, wie wir angefangen haben? Denkst du noch an die alten Zeiten?" ...
Hot In The ShadeRH #36 - 1989
Nein, ich werde nicht in die Verriß-Orgien der übrigen Magazine einstimmen, we...
Destroyer1976
Wenn man sich die Setlists der KISS-Reunion-Touren ansieht, ist „Destroyer“ ...
Alive!1975
Das erste KISS-Doppel-Livealbum von 1975 markierte den endgültigen Durchbruch d...
Alive II1977
Nach Meilensteinen wie „Rock And Roll Over“, „Destroyer“ und „Love Gun...