Online-MegazineInterview

BOYSETSFIRE

Köpfe werden rollen!

Der Modern-Hardcore/Emocore/Sonst-was-Core-Dschungel ist inzwischen völlig unübersichtlich. Doch wenn es um die Wurzeln dieses Sounds geht, fällt immer wieder ein Name: BOYSETSFIRE.

Die US-Ostküstler sorgen seit Jahren für Qualität, haben zwar den kommerziellen Durchbruch nie geschafft, liefern jedoch mit „The Misery Index: Notes From The Plague Years“ gewohnt gelungenes Futter für die Hart-aber-herzlich-Fraktion. Es braucht allerdings einige Anläufe, um Sprachrohr und Sänger Nathan Gray für weitere Details an den Hörer zu bekommen.

»Scheiße, ich hatte keine Kohle, um meine Telefonrechnung zu bezahlen. Da wurde mir die Leitung gekappt«, schimpft der Sympath.

Ich dachte, ihr wärt inzwischen reich und berühmt...

»Hahaha, guter Witz! Wir sind einfach zu lange nicht mehr richtig getourt. Da ist schnell Ebbe in der Kasse.«

Singst du deshalb auf „The Misery Index...“ emotionaler und inbrünstiger denn je?

»Nein (lacht). Wir haben dieses Mal mit der gesamten Band über die Texte diskutiert und geguckt, wie wir die Inhalte am besten umsetzen können. Uns ist zudem eine riesige Last von den Schultern gefallen, als wir unsere alte Plattenfirma Wind-up los waren. Wir haben jetzt wieder alle Freiheiten.«

Das hier zu Lande an SonyBMG gekoppelte Wind-up-Label soll euch ja mächtig in Musik und Texte reingequatscht haben.

»Oh ja! Sie meinten tatsächlich, dass wir etwas netter mit unserem Präsidenten umgehen sollten. Dann haben sie eine Hitsingle verlangt und gemeckert, dass unsere Songs zu politisch oder antireligiös sind.«

Die Blechbläser, die auf einigen „The Misery Index...“-Tracks zu hören sind, hätten ihnen wahrscheinlich den Rest gegeben.

»Wir fanden, dass zu einem Stück Hörner passen könnten. Wir überlegten, ob wir damit bei den Fans durchkommen, und gelangten zu dem Schluss, dass das nicht der Fall ist. Folgerichtig nahmen wir gleich für mehrere Songs Hörner auf (lacht). Das gibt uns eine Art Rocket-From-The-Crypt-Sound.«

Ein Kritiker meinte über euer neues Album, es sei Shopping-Mall-Core, also dermaßen seicht, dass es auch in Einkaufszentren als Hintergrundmusik laufen könnte.

»Das sehe ich etwas anders. Wir haben einige sehr aggressive Elemente auf der Scheibe. Vielleicht werde ich jedoch alt und finde Dinge hart, die jüngere Kids nicht mehr so empfinden.«

Was hältst du denn von den ganzen Jungspunden wie Atreyu oder Hawthorne Heights, die hunderttausende Platten verkaufen, während du nicht mal deine Telefonrechnung bezahlen kannst?

»Wir haben diesen Sound damals mitentwickelt. Viele Leute haben das aber nicht gemerkt und werfen uns jetzt vor, wir würden auf einen Trend aufspringen. Unser altes Label fand uns zu extrem, und ein paar Fans meinen, wir hätten alle Ecken und Kanten verloren. Was soll´s? Besser man polarisiert, als dass sich niemand für einen interessiert. Trotzdem kann das Gequatsche echt nerven.«

Noch mehr als die ganzen Christen-Rocker, die in deiner Heimat aus allen Löchern gekrochen kommen?

»Ich kann mir vorstellen, dass ihr Europäer das total bizarr findet. Aber im Süden der USA ist eine starke judeo-christliche Bewegung ansässig. Wenn dort Bands gegründet werden, haben sie fast automatisch diesen Background. Mir geht das ziemlich am Arsch vorbei.«

Das gehört sich auch so für einen anständigen Kommunisten...

»Ach, da bin ich drüber hinaus. Die Kommunistische Partei ist nur eine weitere Vereinigung mit Hierarchien und Regeln. Ich habe davon die Schnauze voll.«

Oder haben dich antikommunistische Prediger wie Zoli von Ignite bekehrt?

(Lachend:) »Nein. Zoli sollte wissen, dass Sozialismus etwas anderes als das totalitäre System ist, das er früher in Ungarn erlebt hat. Er sollte echt langsam aufwachen und seinen lächerlichen Kreuzzug beenden.«

Der Song ´Nostalgic For Guillotines´ liest sich, als ob mal wieder Zeit für eine Revolution sei, bei der einige Köpfe rollen.

»Absolut! Früher hatten die Regierungen noch Angst, Mist zu bauen. Sie waren tatsächlich die Diener des Volkes. Sonst konnten sie im wahrsten Sinne des Wortes ihre Köpfe verlieren (lacht). Heute wäre so was erneut nötig. Die Ersten, die sich auf eine Guillotine legen sollten, wären Mr. Bush mitsamt seinem Kabinett und Tony Blair. Na ja, jetzt werden sich bestimmt wieder einige Leute aufregen und behaupten, dass wir Gewalt predigen. Scheiß drauf!«

DISKOGRAPHIE

Consider (7“, 1995)

This Crying, This Screaming, My Voice Is Being Born (EP, 1996)

The Day The Sun Went Out (1996)

In Chrysalis (EP, 1998)

Snapcase Vs. Boysetsfire (Split-EP mit Snapcase, 1999)

Crush ´Em All (Split-7“ mit Shai Hulud, 1999)

After The Eulogy (2000)

Split-7“ mit Coalesce (2000)

Suckerpunch Training (EP, 2001)

Live For Today (EP, 2002)

Tomorrow Come Today (2003)

Before The Eulogy (Compilation, 2005)

The Misery Index: Notes From The Plague Years (2006)

SCHON GEWUSST?

„The Misery Index...“ wurde von Lou Giordano gemixt, dessen Produzenten-History Großtaten von Hüsker Dü, Taking Back Sunday, Samiam und S.S. Decontrol enthält. Um Lou die Platte auch produzieren zu lassen, fehlte BOYSETSFIRE jedoch das nötige Kleingeld. Die Band saß daher selbst an den Reglern.

BOYSETSFIRE sind zu einem Fünftel deutsch: Sie beförderten ihren Roadie Robert Ehrenbrand (ex-My-Hero-Died-Today) 2001 zum festen Bassisten. Robert wohnt jetzt trotz Heimwehs in New Jersey.

Nathans Lieblingssänger sind (wenig überraschend) Samiam-Stimme Jason Beebout und (dann doch überraschend) die christliche Country-Heulboje Randy Travis.