Online-MegazineInterview

NIGHTWISH

»Ein Therapeut hätte uns gut getan!«

Drei Wochen nach dem Rausschmiss bei Nightwish macht TARJA TURUNEN reinen Tisch. In einer Pressekonferenz und anschließenden Einzel-Interviews äußert sich die stimmgewaltige Finnin mal wütend, mal mit Tränen in den Augen zu geheuchelten Freundschaften, feigen Kollegen, Morddrohungen und einer möglichen gemeinsamen Zukunft mit ihrer ehemaligen Band.

TARJA TURUNEN sitzt in der Suite eines Berliner Hotels und wirkt sichtlich mitgenommen von den Geschehnissen der letzten Wochen. Nachdenklich berichtet sie den anwesenden Journalisten, dass Tuomas Holopainen Nightwish schon auf der „Wishmaster“-Tour auflösen wollte, weil ihm alles über den Kopf wuchs, dass sie nur selten in die Tournee-Planung involviert wurde und dass sie den körperlichen Strapazen einer Konzertreise im Nightliner nie gewachsen war und deshalb in Hotels übernachten musste.

»Wir haben viel zu wenig über Probleme geredet. Ich bin mir sicher, dass uns ein Therapeut gut getan hätte«, konstatiert die zarte Finnin mit energischem Unterton.

Dann erzählt sie weiter vom durch den Erfolg wachsenden Druck auf die Band, von der schwierigen Situation, in der sie sich befand, wenn auf Tournee keine Umkleidemöglichkeiten für ihre Bühnengarderobe vorhanden waren, und davon, wie ihr niemand, abgesehen von ihrem Ehemann Marcelo, bei Problemen half. Die Situation spitzte sich zu, als Tarja bei der Planung der zweiten US-Tournee entgegen getroffener Vereinbarungen erneut übergangen wurde und ihr nichts anderes übrig blieb, als die Konzerte abzusagen.

Am Ende der Pressekonferenz sitzt die kleine Sängerin wie ein Häufchen Elend in ihrem Sessel. Mit tränenerstickter Stimme berichtet sie enttäuscht von der großen Tournee-Abschlussparty in Helsinki, zu der man sie nie einlud und von der sie erst durch Zufall erfuhr.

Tarja, du wirkst immer noch sehr mitgenommen. Wie hast du die letzten drei Wochen nach dem Rausschmiss verbracht?

»Eigentlich hätte ich nach der Abschluss-Show in Finnland bleiben sollen, um für meine Weihnachts-Solokonzerte zu proben, aber ich konnte nach den dramatischen Ereignissen nicht alleine bleiben. Mir fiel die Decke auf den Kopf, und so folgte ich meinem Ehemann Marcelo nach Argentinien, um ein wenig Abstand zu gewinnen. In den ersten fünf Tagen nach dem Rausschmiss klingelte mein Telefon jede Minute. Journalisten, Freunde und meine Familie wollten mit mir sprechen oder mir die neuesten Berichte aus den Medien mitteilen. In der ersten Woche war ich nicht in der Lage, über die Geschehnisse zu reden. Ich musste erst mal begreifen, was passiert war.«

Du hast sicherlich viele E-Mails und Briefe von Fans bekommen. Gab es extreme Reaktionen?

»Es gab sehr schlimme Reaktionen. Man drohte meinem Mann und mir sogar mit dem Tod. In manchen Briefen stand, dass man uns suchen und es uns dann an den Kragen gehen würde. Das hat mir große Angst gemacht, und ich begann, über meine Sicherheit nachzudenken. Trotz meines Erfolges konnte ich in der Vergangenheit immer unbehelligt über die Straße gehen. Doch seit diesen Ereignissen ist nichts mehr so, wie es war. Ich überlege mir inzwischen genau, mit wem ich wo hingehe.«

Hast du etwas geahnt, als dir Tuomas den Brief gab?

»Die Situation war sehr seltsam. Die Jungs guckten verlegen auf ihre Füße oder in die Luft, als sie mir den Brief gaben. Inzwischen ärgere ich mich, dass ich nicht sofort nach dem Inhalt gefragt habe. Ich dachte, dass in dem Brief etwas über unsere Probleme stehen würde und wie wir damit in Zukunft umgehen. Einen Rausschmiss hätte ich nie erwartet.«

Glaubst du, dass alle Bandmitglieder deinen Rausschmiss wollten?

»Alle haben den Brief unterschrieben. Richtige Freunde waren wir sowieso nie. Das Einzige, was uns zusammenhielt, war die Musik. (Langes Schweigen.) EINEN Freund hatte ich aber in der Band. Zumindest dachte ich immer, dass er ein Freund ist.«

Hast du seit dem Rausschmiss mit einem der Jungs gesprochen?

»Marco rief mich einmal an, und ich kontaktierte Emppu. Das war´s.«

Tuomas hat Angst, dass man Nightwish in den Medien als einen rüden Haufen rücksichtsloser Punks darstellt, der dich nicht gut behandelt hat. Hältst du diese Sorge für berechtigt?

»Ich hätte mich für einen anderen Weg entschieden, unsere Probleme zu lösen. Es hätte viele Alternativen gegeben. Tuomas ist selbst verantwortlich für das, was er tut. Er hätte selber wissen müssen, welche Folgen dieser Rausschmiss mit sich bringt.«

Was ist denn dran an dem Gerücht, dass die Band dir gegenüber manchmal einen sehr rüden Befehlston angeschlagen hat?

»Ich wurde nie schlecht behandelt, aber es gab Momente, die nicht leicht für mich waren. Der Druck der Band auf mich wurde immer stärker. Gleichzeitig versuchten die Jungs aber auch, mir Arbeit abzunehmen. Sie gaben ihr Bestes. Vielleicht war das nicht immer genug.«

Tuomas behauptete, dass er den offenen Brief gewählt hat, weil es keine Möglichkeit gab, mit dir zu sprechen. Stimmt das?

»Auch ich habe immer wieder versucht, mit ihm zu reden. Es hätte unzählige Möglichkeiten gegeben, in Kontakt zu treten.«

Denkst du, dass bei Tuomas´ Entscheidung Stolz eine Rolle gespielt hat?

»Ich habe den Medien immer gesagt, dass Nightwish Tuomas´ Band ist. Vor allem, als ich bemerkte, dass er dieses Thema in Interviews zunehmend aufgriff. Ich habe nie Songs komponiert und mit den Jungs geprobt, weil man mich nie danach fragte. Das hatte sich von Anfang an so eingespielt und wurde nie hinterfragt. Als mir alles zu viel wurde, entschied ich mich im Dezember 2004, an die Medien zu treten und zu verkünden, dass der „Once“-Nachfolger meine letzte Nightwish-Platte sein würde. Ich wollte kein Machtspiel starten, sondern den Jungs die Möglichkeit geben, die Zukunft der Band sorgfältig zu planen. Ich hatte mir vorgenommen, die erste Show mit meiner Nachfolgerin zu besuchen und sie nach Kräften zu unterstützen. Die Band lehnte meinen Wunsch aber ab, und so musste ich die Medien weiterhin anlügen.«

Glaubst du eigentlich, dass du ohne Nightwish die gleichen Erfolge als Solokünstlerin verbuchen könntest?

»Ohne Nightwish hätte ich niemals die gleichen Erfolge als Solokünstlerin feiern können. Wenn meine Zeit bei Nightwish wirklich - wie es Tuomas behauptet - ein Opfer für mich gewesen wäre, hätte ich den Job schon längst aufgegeben.«

Wie sehen denn deine momentanen Solo-Pläne aus?

»Ursprünglich war geplant, dass ich nach dem Erscheinen des „Once“-Nachfolgers im Jahr 2008 meine erste Soloplatte rausbringe. 2006 werde ich auf jeden Fall viele Klassik-Konzerte in Begleitung eines Symphonieorchesters spielen. Meine erste Solo-Scheibe wird kein Heavy-Metal-Album sein, aber ich werde dennoch viele Elemente von Nightwish übernehmen. Den kraftvollen Gitarrensound, der mir schon immer gut gefallen hat, werde ich nicht unter den Tisch fallen lassen.«

Tuomas beschrieb dich als naiv und blind, als ich mit ihm über die Probleme innerhalb der Band gesprochen habe. Denkst du rückblickend, dass dir wirklich Dinge entgangen sind?

»Ich habe die Probleme sehr wohl gesehen. Es ist traurig, dass Tuomas das behauptet. Unsere Beziehung war allerdings nie sonderlich gut.«

Dennoch bezeichnete er dich als eine sehr gute alte Freundin.

»Wenn er wirklich mein Freund wäre, hätte er mich anders behandelt.«

Kannst du dir vorstellen, eines Tages wieder mit den Jungs auf der Bühne zu stehen, wenn ein wenig Gras über die Sache gewachsen ist?

»Auf jeden Fall! Aber das liegt nicht in meinen Händen. Schließlich war ich diejenige, die aus der Band gekickt wurde.«

Stell dir vor, Tuomas ruft dich an, entschuldigt sich und bittet dich, zurückzukehren!

»Das würde er niemals tun. Wenn doch, würde ich mit ihm reden. Bedenkenlos zusagen würde ich aber nicht. Erst mal müssten wir über eine Menge Dinge sprechen.«

 

 

SCHON GEWUSST?

Tarja pendelt seit ein paar Jahren zwischen Argentinien, der Heimat ihres Ehemanns Marcelo, und Finnland. Wohnsitze hat sie in beiden Ländern.

Tarja wuchs in einem kleinen finnischen 400-Seelen-Nest auf.

Weil Tarja bei Auftritten mit Nightwish häufig ihre Kleider wechselte, hatte sie stets ein Bügeleisen im Tournee-Gepäck. Nicht selten sah man die Finnin in ihrer Garderobe Klamotten in Form bringen, obwohl sie laut eigener Aussage das Bügeln hasst.

 

AbfahrplanDie nächsten Konzerte

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