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HELLACOPTERS

HELLACOPTERS - Rock'n'Roll is dead!

Spätestens seit dem letzten Output der HELLACOPTERS haben wir's schriftlich: Rock'n'Roll is dead! Warum Nicke Royale (git./voc.) und Robert Ericcson (dr.) trotzdem keine Angst vor kleinen Zeichentrick-Krokodilen haben und was man so alles beachten muss, wenn man eine ordentliche Setlist zusammenschrauben will, erfahrt ihr in unserem Interview.

Aufgeben kommt für Frontrocker Nicke eh nicht in Frage. Manchmal muss man eben einen Haufen setzen ...

 

Welcher Aspekt eures Musikerdaseins gefällt euch am besten?

Robert: Das Spielen! Am meisten gefallen mir die Gigs. Das ist der Aspekt, der mich persönlich am meisten befriedigt. Wenn Aufnahmen von uns im Kasten sind, bin ich auch sehr zufrieden.

Nicke: Wenn sich ankündigt, dass bei dem, was du gerade machst, irgendein gutes Resultat herauskommen wird. Ob das nun ein Gig, eine Aufnahme, ein Song, das Artwork für ein Albumcover oder was auch immer ist. Wenn du arbeitest, ist der Weg dahin manchmal sehr schwer, aber wenn das Ergebnis dann gelungen ist, ist das die schönste Belohnung. Ein Gig wird erst richtig gut, wenn du das Publikum wegbläst und umgekehrt ist es genauso - dann erst entsteht dieses so genannte Magische. Ein gutes Ergebnis stellt für mich alles in den Schatten.

 

Was fasziniert euch denn so an der Musik?

Robert: Ich denke, Musik ist einfach etwas Ursprüngliches. Es ist faszinierend, dass Leute sich schon seit Tausenden von Jahren Musik anhören oder selbst machen. Das ist was Elementares, wie laufen oder essen.

Nicke: Natürlich nicht für jedermann. Aber für viele ist es ein Bedürfnis - so wie der Gang zum Scheißhaus. Du brauchst Musik - genau so, wie du manchmal einen Haufen setzen musst. Das ist schon sehr elementar. (lacht)

 

Ist Rock'n'Roll für euch nur eine Musikrichtung oder umfasst der Begriff einen ganzen Lifestyle oder eine bestimmte Haltung?

Nicke: Nun, Haltung ist etwas, worüber die Leute viel reden, aber ich bin mir nicht sicher, ob die Leute heutzutage überhaupt noch wissen, was das bedeutet.

Robert: Ich denke, dass es für verschiedene Leute auch sehr unterschiedlich sein kann. Manche Leute denken, Keith Richards oder Johnny Thunder sind Rock'n'Roll. Andere wiederum denken, es sind G.G. Allen oder Chuck Berry. Das ist nur eine Frage des Blickwinkels.

Nicke: Ich bin jetzt nicht jemand, der Hotelzimmer verwüstet oder sich jeden Morgen mit Tequila die Zähne putzt. Das ist keine Haltung für mich. Aber ich denke, wir haben schon einen bestimmten Lifestyle. Wir reisen, ich denke das ist schon ein anderer Lifestyle als der, den du haben würdest, wenn du in einem Supermarkt arbeitest. Aber der Lifestyle ist nicht das Wichtigste. Du kannst ihn auch nicht vermeiden - das kommt halt mit dem Bereich, in dem du arbeitest. Ich denke, keiner von uns würde das hier machen, wenn's nicht wegen der Musik wäre. Natürlich bringt das auch andere Vorteile mit sich - es ist auf jeden Fall super, Bier für lau zu kriegen. (lacht)

 

Was denkt ihr, wenn ihr euch die Charts anschaut? Da ist ja mittlerweile fast gar keine handgemachte Musik mehr dabei ...

Robert: Das stimmt. Rock'n'Roll is dead!

Nicke: Deshalb haben wir auch diesen Albumtitel ausgewählt. Ich meine, in den 50ern war Chuck Berry ganz oben in den Charts. Und 2005 führt 'Schnappi' die Charts an. Für mich ist das unfassbar!

Robert: Ich würde mir lieber Geräusche von einem Bauarbeiter oder einem Bulldozer auf Tape anhören.

 

Warum hören sich denn so viele Leute sowas an?

Nicke: Ich denke, es liegt daran, dass es so leicht ist, Kacke zu verkaufen. Es ist viel einfacher, ein Zeichentrick-Krokodil zu verkaufen als eine hart arbeitende Rock'n'Roll-Band. 'Schnappi' ist perfekt fürs Geschäft, weil es so einfach gestrickt ist und die Kids das lieben. Aber leider geht's da nicht um die Musik. Das ist mehr wie ein Spielzeug in den Charts. Das kann echt deprimierend sein, wenn du anfängst, darüber nachzudenken. Aber so ist es halt. Es ist ja nicht nur eine Institution, in der was falsch läuft - es liegt ja nicht nur an MTV oder nur an den Labels. Das liegt einfach an der gesamten westlichen Gesellschaft, so wie sie sich entwickelt hat. Und das kann man auch nicht einfach so ändern. Aber ich habe noch Hoffnungen. Wenn erst mal die Major Labels verschwunden sind, was in kürzester Zeit passieren wird, und wenn es Downloads anstatt von CDs geben wird, werden hoffentlich auch einige dieser Modeerscheinungen verschwunden sein. Dann wird Musik zirkulieren, weil sie gut ist.

 

Habt ihr keine Angst, dass euch dann die Grundlage für euren Lebensunterhalt fehlen wird?

Nicke: Wenn du so denkst, dann bist du in erster Linie sehr egoistisch. Und wenn Geld der wichtigste Grund dafür ist, dass du spielst, dann hast du im Musikbusiness nichts verloren. Dann solltest du auch keine Musik machen.

Robert: Diejenigen, die das meiste Geld verlieren, sind doch die Plattenfirmen. Deshalb haben sie auch solche Angst davor. Sie sind schließlich diejenigen, die ihre Jobs verlieren. Die Musiker werden weitermachen.

Nicke: Richtige Musiker werden immer richtige Musik spielen, auch wenn sie kein Geld damit verdienen können. Weil sie einfach das Bedürfnis danach haben. Ich meine, du machst Musik, weil du's brauchst! Wenn du's von der Seite betrachtest, ist es wahrscheinlich sogar besser, wenn du kein Geld mit diesen Downloads verdienst, weil dann hoffentlich diese ganze Scheiße verschwinden wird. Ich meine, da gibt's so viele Bands, die das nur machen, um berühmt zu werden und Geld zu scheffeln - aber die werden dann wahrscheinlich ins Fernsehen gehen ...

 

Wie entstehen neue Songs bei euch?

Nicke: Ich sitze einfach nur da mit meiner Gitarre und schreibe einen Song, und wenn es sich gut anfühlt, mache ich weiter, bis der Song schließlich fertig ist. Die Lyrics kommen immer erst später. Englisch ist ja nicht unsere Muttersprache, vielleicht liegt's daran. Ich schreibe zuerst die Akkordabfolgen und die Melodie für den Gesang. Sogar die Phrasierung und einige der Rhythmen entstehen, bevor ich die Lyrics schreibe. Dann brauche ich immer eine Deadline, weil ich zwar alles im Kopf habe, aber die Lyrics noch fehlen. Wenn ich ein Demo aufnehme, um es den Jungs zu zeigen, sind da nur Scratch-Vocals drauf, lauter Nonsens.

 

Hört ihr euch auch öfter mal eure eigenen Platten an?

Nicke: Wenn die Platte fertig ist, läuft sie bei mir ungefähr einen Monat lang ständig rauf und runter. Aber dann höre ich sie mir eigentlich nicht mehr an. Vielleicht hole ich sie ein paar Jahre später wieder aus dem Regal, um zu schauen, was zur Hölle wir da fabriziert haben. (lacht) Oder wenn wir einen Song spielen wollen, den wir schon sehr lange nicht mehr gespielt haben. Ich höre mir unsere Musik auch nicht so an, wie ich mir andere Musik anhöre.

Robert: Bei mir ist es eigentlich dasselbe. Immer wenn wir eine Platte im Kasten haben, höre ich mir sie so zwei bis drei Wochen lang an. Und wenn die Platte dann wirklich veröffentlicht wird, also ein paar Monate später, sind die Songs für mich schon wieder ein wenig altbacken, weil ich mir sie so oft angehört habe. Vor einer Tour ist es dann so, dass du dich erst wieder daran erinnern musst, was du da eigentlich gemacht hast.

 

Findest du, dass manche Leute sich zu viele Gedanken um deine Songtexte machen?

Nicke: Nee, das kann man so nicht sagen. Das ist doch auch das Gute an der Musik. Musik ist sehr individuell. Sie ist, wie du sie interpretierst. Selbst wenn wir beide exakt denselben Song hören, werden wir nicht dasselbe hören, weil wir verschiedene Ohren haben (aaaaaa-ha!) und verschiedene Sinne - und so sollte es sein. Und wenn die Leute darin eintauchen wollen, ist das schon in Ordnung. Ich meine, ich weiß, was der Song für mich bedeutet, aber selbst das ändert sich, je nachdem in welcher Stimmung ich gerade bin. Wenn ich den Song an einem Tag singe, empfinde ich nicht dasselbe wie am nächsten Tag - und das ist cool! Ich denke, es ist gut, wenn man es offen lässt.

 

Nach welchen Kriterien schreibt ihr eigentlich eure Setlists?

Nicke: Einige Songs müssen wir einfach spielen. Ich glaube, seit wir 'Gotta Have Some Action Now!' geschrieben haben, gab es keine Show ohne diesen Song. Das ist unser 'Blitzkrieg Bop' oder unser 'Rock'n'Roll All Nite' - den müssen wir einfach spielen. Und es macht immer noch Spaß, ihn zu zocken. Das ist einer der Songs, mit dem wir alle wirklich glücklich und zufrieden sind. Ich denke, mit diesem Song hatten wir richtig Glück!

Robert: Wir arrangieren die Setlist danach, in welcher Tonart die Songs sind und welches Tempo sie haben. Einige Songs passen nicht zueinander, wenn man sie direkt hintereinander spielt. Es wäre ja auch ziemlich doof, eine Show mit einer Ballade zu beenden.

Nicke: Die Leute erwarten das wahrscheinlich nicht von uns, aber wir machen uns schon Gedanken über unsere Setlist. Okay, wir haben nur zwei langsame Songs, die anderen sind schon recht schnell, also ist es nicht so, dass wir Millionen von Variationen zur Auswahl hätten. Wir sind halt 'ne Rock'n'Roll-Band!

Robert: Wir versuchen normalerweise, Songs von jeder Platte zu spielen.

Nicke: Aber dann wiederum ist die neue Platte auch die neue Platte und deshalb spielen wir da auch ein paar mehr Songs von.

 

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