Online-MegazineInterview

OYSTERBAND

Der Hunger stirbt nie

Werden Metal-Bands, die ihren Sound mit folkloristischen Elementen bereichern, nach ihren Einflüssen befragt, fällt sehr oft der Name OYSTERBAND. Die Engländer genießen höchsten Respekt bei Gruppen wie Skyclad, Subway To Sally oder auch Cruachan. Kürzlich feierte das Quintett sein 25-jähriges Bestehen. Höchste Zeit also, dass ich euch meine Lieblings-Folkrock-Truppe mal vorstelle.

Beinahe jährlich warten die Londoner mit einer neuen Veröffentlichung auf, spielen auf großen Folkfestivals und touren durch Europa. Speziell in Deutschland ist die Truppe sehr beliebt, hierzulande verkauft die OYSTERBAND genau so viele CDs wie in ihrer englischen Heimat. Scheiben wie “Holy Bandits” (1993), “The Shouting End Of Life” (1995), “Deep Dark Ocean” (1997) sowie das jüngste Album “Rise Above” (2002) gelten als Klassiker des bodenständigen Folkrocks. Sänger und Ziehharmonikaspieler John Jones stand Rede und Antwort.

John, ihr seid innerhalb eines Jahres zweimal ausgiebig durch Deutschland getourt. So oft wie jetzt konnte man euch noch nie live erleben.

»Wir waren euch etwas schuldig, da wir uns vorher fast drei Jahre nicht blicken ließen, sondern statt dessen in Südeuropa ausgiebig tourten. Deshalb erhielten wir Protestmails aus Deutschland (lacht). Wie auch immer: In Deutschland haben wir die größte Fanbasis außerhalb Englands. Ihr habt uns von der ersten Platte an kräftig unterstützt. Es scheint, dass euer Land generell sehr positiv gegenüber Folkrock eingestellt ist.«

Ihr gehört zu den wenigen Livebands im Folkrock-Genre, derer man nie überdrüssig werden kann. Ich für meinen Teil kann jedenfalls sagen, dass ich seit 1994 – als ihr beim Tanz- und Folkfest in Rudolstadt aufgetreten seid – etliche eurer Konzerte erleben durfte. Und jedes Mal war es wunderbar.

»Danke für die Blumen. Allerdings hatten wir auch viel Glück. Wir durften in den frühen Neunzigern Größen wie The Pogues und New Model Army supporten. Dies half uns sehr. Ich denke, dass wir eine gute Liveband sind – aber alles steht und fällt mit dem Publikum. Wir können uns glücklich schätzen, ein Publikum zu haben, das gern zu uns kommt, das uns nicht vergisst – trotz aller Trends. Wir sind eine durch und durch unmoderne Band und spielen einfach nur Rock und Folk. Es ist immer wieder verwunderlich, dass es offenbar viele Menschen gibt, die lieber eine einfache Band sehen, statt populären Stars zu folgen.«

Nur wenige Genre-Vertreter haben wie ihr überlebt. Bands wie The Pogues oder Pressgang existieren nicht mehr, und New Model Army oder die Levellers haben im Laufe der Jahre an Popularität eingebüßt. Was macht euch so unsterblich?

»Unsterblich (lacht)? Ist man nach 25 Jahren on the road unsterblich? Unser Geheimnis, insofern man es wirklich so nennen kann, ist die stete Veränderung im Rahmen unseres musikalischen Stils. Wir starteten ja als Teenie-Band und wurden Schritt für Schritt eine Rockgruppe mit Folkelementen. Wir hatten eine sehr ungestüme Phase, danach gab es eher ruhiger Songs. Ich denke, dass es bei uns nie Stillstand gab. Ein weiterer Grund, weshalb wir noch ganz gut im Geschäft sind: Andere Bands wie die Levellers hatten Mitte der Neunziger riesigen Erfolg und verkauften Hunderttausende Alben. Nach riesigem Erfolg kann nur eine Abwärtsspirale folgen. Wir jedoch hatten niemals große Chart-Erfolge, aber dafür immer eine kleine, feste Fanbasis – und die ist uns immer treu geblieben. Weil wir mit dem Alter nicht wirklich reich wurden, wurden wir auch nicht träge und fett. Das heißt, unsere Alben klangen nie überproduziert und satt, sondern drückten immer unseren Hunger, unseren Spaß und unsere Frische aus.«

Wenn man sich die Geschichte der OYSTERBAND vor Augen führt, kann man von drei Kapiteln sprechen. Zuerst kommen die frühen Jahre, deren Ende das 87er Album “Wide Blue Yonder” darstellt. Danach folgt die ungestüme Folkrock-Zeit mit “The Shouting End Of Life” als krönenden Abschluss. Seitdem sind eure Alben merklich ruhiger und nachdenklicher.

»Dies hängt einerseits mit unserem Alter, andererseits mit dem Zustand unseres Heimatlandes zusammen. Ende der achtziger Jahre waren wir jung und ungestüm, und wir wollten lautstark dazu beitragen, dass die Regierung der Konservativen endlich beendet wird. Danach folgte eine sehr euphorische Phase, denn wir hatten eine neue Regierung und wir sahen Möglichkeiten, England zu erneuern. Mittlerweile sind wir etwas nachdenklicher und vielleicht auch realistischer geworden: Unsere Regierung macht mit Bush gemeinsame Sache, hat Soldaten in einen Krieg geschickt und ist genau so erbärmlich wie ihre konservativen Vorgänger. Englands linksliberale Wähler haben keine Partei mehr, die sie wählen könnten. Oder besser: Blair und seine Leute haben ihre Wähler verlassen. Folkrock in England – und da sind wir nicht das einzige Beispiel – ist nicht zuerst Tanz- und Partymusik, sondern der musikalische Puls der Zeit, das Spiegelbild der Gesellschaft.«

Im Booklet eures 97er Albums “Deep Dark Ocean” steht folgendes Bandstatement: “And yes, we voted Labour, but we did’nt inhale”. War euch Tony Blair von Anfang an nicht geheuer?

»Er war das kleinere Übel. Vor allem seine neoliberalen Vorstellungen waren uns zuwider. Damals dachten wir, dass er zumindest etwas gerechter sei. Doch mittlerweile wissen wir, es gibt nur eines, das ihn von Englands Ultrakonservativen unterscheidet: Er ist ein moderner Konservativer.«

Wunderst du dich manchmal, dass Metalfans zu euren Konzerten kommen und dass sich Metalbands auf euch berufen?

»Ich habe ab und zu gehört, dass Folk-Metal-Bands offenbar auf unsere Musik stehen. Das freut mich wirklich. Und wenn sich Heavy-Metal-Fans bei unseren Konzerten austoben, finde ich das zwar verrückt, aber offenbar haben Folkrock und Heavy Metal diverse Gemeinsamkeiten. Beide Stile sind trendresistent und haben etwas mit Bodenständigkeit zu tun. Gibt es nicht einen Engländer namens Lemmy, der ebenfalls seit Ewigkeiten dabei ist? Solche Leute verdienen Respekt.«

Was können wir von eurer nächsten Platte erwarten?

»Hättest du mich das vor einer Woche gefragt, dann würde ich keine Antwort geben können. Erst in dieser Woche kamen mir einige Songideen. Die nächste Platte soll auch wieder einige beschwingte, treibende Songs haben.«

Letzte Frage: Mein absoluter Lieblingssong von euch ist ‘20th Of April’. Ist die Geschichte hinter diesem Stück wahr?

»Ja, sie ist wahr. Bei einem Konzert in Spanien lernte ich dieses Mädchen kennen, und ich habe sie bis heute nicht vergessen. Allerdings ist der Brief, den ich ihr laut Songtext schreibe, nur fiktiv. In Wahrheit habe ich sie nie wieder gesehen und auch nie wieder etwas von ihr gehört.«

www.oysterband.co.uk

Discografie:

English Rock’n’Roll (1982)

Lie Back And Think Of England (1983)

20 Golden Tie – Slackeners (1984)

Liberty Hall (1985)

Step Outside (1986)

Wide Blue Yonder (1987)

Ride (1989)

Little Rock To Leipzig (1990)

Deserters (1992)

Celtic Junkies (1993)

Holy Bandits (1993)

Trawler (1994)

The Shouting End Of Life (1995)

Alive & Shouting (Live, 1996)

Deep Dark Ocean (1997)

Alive And Acoustic (Live, 1998)

Here I Stand (1999)

Rise Above (2002)

25 (EP, 2003)

Big Session (Live, 2004)