Online-MegazineInterview

SUBWAY TO SALLY

Kaffeekränzchen auf dem Knochenschiff

Ungeachtet ihres absolut einzigartigen Stils, qualitativ herausragender Alben, regelmäßiger Dynamit-Platzierungen und einer großen, treuen Anhängerschaft sind SUBWAY TO SALLY nicht satt und selbstzufrieden, sondern haben sich und ihr Schaffen gründlich hinterfragt. Daraus resultierten sowohl musikalisch als auch textlich einschneidende Änderungen. Mit ihrem neuen Meisterwerk „Engelskrieger“ brechen sie zu neuen Ufern auf, ohne die alten aus den Augen zu verlieren. Auf der Brücke stehen Gitarrist/Hauptkomponist Ingo Hampf und Gitarrist/Texter Bodenski Rede und Antwort.

Im Studioreport klang durch, dass ihr einen neuen Kurs eingeschlagen habt, weil ihr zuletzt etwas unzufrieden gewesen seid. Angesichts der Klasse von „Herzblut“ ist das schwer vorstellbar.

Ingo: »Das hatte auch nichts mit dem Album zu tun, auf das wir nach wie vor sehr stolz sind. Wir zogen anlässlich des zehnjährigen Bandjubiläums mehr oder weniger bewusst ein Fazit und merkten dabei, dass wir uns kreativ mittlerweile etwas eingeengt fühlten. Im bisherigen Rahmen haben wir unserer Ansicht nach nämlich alles gesagt und getan, so dass wir uns fortan zwangsläufig wiederholt hätten. Das hätte viele Fans wahrscheinlich zufrieden gestellt, aber wir wollten nicht bloß mit Routine bis zur Rente rocken - dazu sind wir viel zu sehr mit dem Herzen dabei. Deswegen war es an der Zeit, die Koordinaten mal neu abzustecken und eine neue Herausforderung anzunehmen.«

Dazu gehören sowohl musikalisch als auch textlich teils deutliche Änderungen. So hat beispielsweise Eric stark an seinem Gesang gearbeitet und deckt mittlerweile ein viel größeres Spektrum ab.

Ingo: »Wir waren mit dem Gesang auf den bisherigen Alben eigentlich nie hundertprozentig glücklich. Das lag allerdings nicht an Eric, sondern an unserer Arbeitsweise. Nachdem wir nämlich ausgiebig die Basics eingespielt und die Overdubs gemacht hatten, stand er am Ende immer unter Zeitdruck und konnte nicht so ausgiebig experimentieren wie wir Instrumentalisten. Deswegen sind wir die Sache diesmal anders angegangen. Er bekam nicht nur einen Vocal-Coach, sondern auch einen separaten Aufnahmeraum, so dass er parallel zu uns arbeiten konnte. Wir reichten ihm jeden fertigen Song direkt weiter, wodurch er zum einen viel mehr experimentieren und sich zum anderen den für ihn besten Zeitpunkt zum Einsingen aussuchen konnte. Das hat sich bezahlt gemacht.«

Bodenski: »Der ganze Druck wurde ihm genommen, denn selbst wenn er in den ersten vier Wochen keinen einzigen brauchbaren Ton abgeliefert hätte, wäre ihm immer noch genug Zeit geblieben, das Album einzusingen. Damit im Hinterkopf ging er unbeschwerter ans Werk und lieferte vom Start weg eine tolle Leistung. Wir haben diesmal viele erste Takes von ihm verwendet.«

Die Songs sind auf das Wesentliche reduziert. Vor allem im Gitarrenbereich dominieren schnörkellose Riffs, die auch Rammstein gut zu Gesicht stehen würden. Fiel es gerade einem Ausnahmemusiker wie dir, Ingo, nicht schwer, nur so wenig von dem zu zeigen, was du draufhast?

Ingo: »Nö, überhaupt nicht. Wenn ich mir einen abfiedele, interessiert das doch keinen. Das ist nicht der Sinn von Musik. Ich begreife die Herausforderung eher im Songwriting.«

Die Mittelalter-Instrumentierung habt ihr inzwischen fast gänzlich abgeschafft.

Ingo: »Wir haben uns eh nie als richtige Mittelalter-Band gesehen, sondern die Elemente dieser Musik lediglich mit modernen Sounds zu unserem eigenen Stil verwoben. Inzwischen ist diese Verbindung so selbstverständlich in unser Songwriting integriert, dass wir es zu plakativ finden, bestimmte Parts mit Mittelalter-Instrumenten offensichtlich zu betonen. Zwar haben wir auch auf „Engelskrieger“ beispielsweise eine Drehleier verwendet, diese dabei aber so verfremdet, dass man sie nicht als solche erkennt, sondern eher für einen Synthie hält.«

Bodenski: »Ich finde es gut, den Leuten die Mittelalter-Schublade wegzunehmen. Spätestens jetzt müssen sie sich ein neues Bild von uns machen.«

Das neue Material hat eine wesentlich stärker ausgeprägte Metal-Schlagseite. Habt ihr neue Einflüsse aus diesem Bereich, oder woher kommt die verschobene Schwerpunktsetzung?

Ingo: »Nachdem wir die textlichen Themen festgelegt hatten, war klar, dass „Engelskrieger“ ein sehr kämpferisches Album wird. Und dazu passen nun mal kraftvolle Metal-Riffs am besten.«

Das Solo von ´Narben´ ist ungewohnt noisy und tendiert klar in die Indie-Ecke.

Ingo: »Das war nur eine Spielerei mit Effekten, um mal neue Facetten zu haben.«

Wie groß war der Einfluss von Ralph Quick (u.a. Die Happy)?

Ingo: »Allein schon, um alte Zöpfe abzuschneiden, wollten wir mit einem neuen Produzenten zusammenarbeiten. Nachdem wir uns mit einigen unterhalten hatten, fiel die Wahl schnell auf Ralph, weil wir viele Vorstellungen teilen. Die Arbeit mit ihm lief sehr harmonisch ab, und er war uns studiotechnisch eine große Hilfe.«

Bodenski: »Ingo hat sich erstmals in die Welt der Pro-Tools vorgewagt und mit Programming und Samples herumexperimentiert...«

Ingo: »...die wir live aber weglassen. Es geht auf der Bühne ja nicht darum, die Platte eins zu eins zu reproduzieren. Außerdem handelt es sich beim neuen Material um Rock-Songs, die auch ohne diese Spielereien prächtig funktionieren.«

Kommen wir zu den Texten. Die sind diesmal wesentlich konkreter und strotzen nur so vor sozialkritischen und politischen Denkanstößen, ohne einem dabei eine bestimmte Meinung aufzuzwingen. Respekt!

Bodenski: »Danke. Bei unserer Standortbestimmung waren wir alle der Meinung, dass unsere Texte näher an den Menschen und ihren aktuellen Problemen dran sein sollen. Wir selbst haben ja auch mehr Interesse an der Tagespolitik als beispielsweise an einer Hexenverbrennungsgeschichte von anno dunnemals. Nach und nach haben wir die Themen gesammelt, die uns besonders berühren. Ich habe mich anfangs verdammt schwer getan, denn das ist nun mal etwas anderes als das Texten in einer Märchenwelt. Das Problem bestand darin, eindeutiger zu formulieren, ohne platt zu wirken. Als abschreckendes Beispiel hatte ich die ganze Zeit einen Song von Pur im Kopf, der ebenfalls Kindesmissbrauch thematisiert und dabei schrecklich oberlehrerhaft ist. Um so etwas zu vermeiden, haben wir uns intensiv ausgetauscht. Dabei stellte sich unter anderem heraus, dass ´2000 Meilen unter dem Meer´ nicht genug Hinweise auf das Thema Sterbehilfe enthielt, um das es eigentlich geht. Also habe ich ihn um die Passage „Ich bitte dich - schalt ab die summenden Maschinen / die mich am Leben halten - länger als ich will“ ergänzt. Wie man daran sieht, schreibe ich nach wie vor vorzugsweise aus der Ich-Perspektive, weil sich der Hörer so am ehesten in die Situation versetzen kann und dadurch das emotionale Potenzial am größten ist. Auch mein Stil hat sich gar nicht sonderlich verändert. Er ist immer noch betont lyrisch und reich an Metaphern.«

Ingo: »Wir wollen eine Gratwanderung beschreiten, bei der die Texte einerseits zwar relevante Themen aufgreifen und zu Diskussionen anregen, sich andererseits aber nicht penetrant aufdrängen. Man soll schließlich zu der Musik auch einfach nur gepflegt ein Bier trinken und Spaß haben können. Wer will, kann in die Tiefe gehen; wer nicht, soll dazu aber nicht gezwungen werden.«

Wofür steht der Titel „Engelskrieger“?

Ingo: »Der Begriff stand schon sehr früh fest. Ich will ihn nicht so exakt wie ein Lexikon definieren, sondern bewusst etwas offen lassen. Er steht für eine außergewöhnliche Kraft, die jeder in sich hat und die sich sowohl im Guten wie im Bösen einsetzen lässt. Sie kann einen einerseits zum Bezwingen eines hohen Berges beflügeln, andererseits aber auch zu einem Amoklauf verleiten.«

Bodenski: »Als Diskussionsforum - nicht als weitere SUBWAY TO SALLY-Homepage! - haben wir die Seite www.engelskrieger.de ins Leben gerufen. Wir haben schon einige Zeit vor der Albumveröffentlichung Texte und dazugehörige Zeitungsausschnitte ins Netz gestellt, wodurch ein lebhafter Meinungsaustausch in Gang kam. Ich klinke mich oft auf der Seite ein, beobachte aber meist nur, was darauf abgeht, ohne mich einzumischen. Das ist hochinteressant.«

Auch im Booklet finden sich als Hinweise zu den Song-Themen Zeitungsausschnitte.

Bodenski: »Ja, sie sollen in die richtige Richtung führen. Dummerweise waren einige Ausrisse wie der zunächst an die Presse herausgegebene zu ´Falscher Heiland´ etwas irreführend. Diesen Wahlbetrug-Ausschuss finde ich nämlich totalen Quatsch. Die sollen bloß keine Steuergelder dafür verschwenden (das Singlecover ziert Fotos von George W. Bush und Saddam Hussein und liefert damit bessere Anhaltspunkte - ms). Grundsätzlich geht es uns in den Texten gar nicht um die Meldung als solche, sondern um die emotionale Dimension hinter der Nachricht. Ein Song wie beispielsweise ´Kleine Schwester´ ist für alle gedacht, die als Kind missbraucht worden sind. Wir sprechen aber auch gezielt die Zuhörer an, die nicht von diesem Schicksal betroffen sind. Sie wollen wir für das Thema sensibilisieren und einfühlsamer machen. Bei den Recherchen kamen wir auf Folge-Probleme wie die in ´Narben´ beschriebene Autoaggression, also lustvolle Selbstverstümmelung. Es ist inzwischen erwiesen, dass dieses Krankheitsbild meist bei Leuten auftaucht, die als Kinder missbraucht worden sind. Von ´Narben´ kam ich wiederum zu dem immer mehr ausufernden Körperkult, der in ´Knochenschiff´ zur Sprache kommt. Ich habe mich gefragt, ob die Leute mit ihren Piercing-Exzessen und Ganzkörper-Tattoos wirklich nur schick aussehen oder vielleicht doch eher etwas überdecken wollen.«

Ingo: »Ich habe das Gefühl, dass in unserer Gesellschaft die Spiritualität verloren geht. Die meisten sind komplett auf die materielle Welt fixiert und vergessen dabei, dass es auch noch andere Dimensionen gibt.«

Ein weiteres wichtiges Thema, bei dem meiner Ansicht ein großer Handlungsbedarf besteht, sprecht ihr in ´2000 Meilen unter dem Meer´ an: Sterbehilfe.

Bodenski: »Das Komische ist, das eigentlich weitgehend Einigkeit darüber besteht, dass Sterbehilfe liberaler ausgelegt und gesetzlich klarer geregelt werden müsste. Dennoch passiert nichts. Deswegen ist uns dieser Text ein besonderes Anliegen.«

Eure Gedanken sind in unserer oberflächlichen, von Themen wie Dieter Bohlens Tagebuch und „Deutschland sucht den Superstar“ geprägten Gesellschaft nicht alltäglich. Trefft ihr euch einmal pro Woche zum philosophischen Kaffeekränzchen, oder wie kommen solche Diskurse bei euch zustande?

Ingo: »Nö, das nun nicht gerade. Ich denke, das kommt mit dem Älterwerden. Man wächst in solche Themen zwangsläufig hinein, wenn die Großeltern sterben, Freunde schwer erkranken oder man Kinder bekommt. Dadurch erweitert sich nun mal der geistige Horizont, und die Interessen verschieben sich.«

Bodenski: »Momentan habe ich den Eindruck, dass in den Medien ausgerechnet die Dümmsten am meisten reden und so für eine systematische Verblödung sorgen. Ich will niemandem sein Recht auf eine eigene Meinung absprechen, aber ich will nicht damit zugemüllt werden, was jemand wie Verona Feldbusch oder Jeanette Biedermann zu einem ernsten Thema wie dem Irak-Konflikt sagt. Deswegen wollen wir mit „Engelskrieger“ eine Art Gegenbewegung zu dieser Volksverdummung schaffen und Denkanstöße für relevante Diskussionen geben.«

Dieser Impuls war überfällig. Vielen Dank für das Gespräch.

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