Online-MegazineInterview

Interview mit Stephan Girlich (Chefredakteur DVD Vision)

„DVD Vision“ ist im mittlerweile recht unübersichtlichen Markt der DVD-Fachmagazine das auflagenstärkste Heft und stellt Monat für Monat die wichtigsten Neuerscheinungen der Branche - natürlich auch im Musikbereich - vor. Wir unterhielten uns mit Chefredakteur Stephan Girlich über Gegenwart und Zukunft der digitalen Scheibe.

Stephan, wie siehst du die Entwicklung der DVD im Musikbereich?

»Grundsätzlich positiv. Zwar steckt das Thema „Musik-DVD“ noch immer in den Kinderschuhen, aber immerhin IST es mittlerweile ein Thema. Pro Ausgabe stellen wir so um die 20 neue Scheiben vor. Und das ist ja nur eine kleine Auswahl dessen, was es tatsächlich jeden Monat an Neuveröffentlichungen gibt, weil immer mehr Musiker aller Stilrichtungen nun nach und nach die Vorteile der DVD für sich entdecken. Fakt ist aber auch, dass der vergleichsweise höhere Preis zur normalen Audio-CD noch als deutliche Konsumbremse wirkt.«

Warum ist die DVD deiner Meinung nach ein sinnvolleres Musik-Medium als z.B. die herkömmliche Videocassette?

»Wenn die Hersteller die Möglichkeiten der DVD nutzen, insbesondere beim Mehrkanal-Ton, ist die DVD ganz klar das Musik-Medium schlechthin. Was kann es Besseres geben, als Musik wie bei einem Live-Konzert zu hören? Mit einer Dynamik, Räumlichkeit und Atmosphäre, als wäre man direkt vor Ort. Rammsteins „Live aus Berlin“, U2s „Elevation 2001“ oder Metallicas „Cunning Stunts“ sind Scheiben, mit denen man es höllisch krachen lassen kann. In der Regel sind solche DVDs dann auch mit dicken Extras wie Interviews oder Backstage-Dokus erstklassig ausgestattet. Und natürlich hat die DVD im Gegensatz zur VHS-Cassette mit null Verschleißerscheinungen zu kämpfen. Bild und Ton sind auch nach dem hundertsten Abspielen einwandfrei.«

Glaubst du, dass die DVD das ultimative Medium ist? Oder siehst du Formate wie SA-CD (Super-Audio-CD) und DVD-Audio auf dem Vormarsch?

»Zwar zieht die DVD-Audio merklich an; ich persönlich glaube aber, dass die DVD-Video das ultimative, weil Massenmarkt-taugliche Medium ist, während sich SA-CD und DVD-Audio vornehmlich an den audiophilen Musikfreund richten.«

Sind SA-CD und DVD-Audio aufgrund der hohen Hardware-Anforderungen nicht genauso zum Scheitern verurteilt, wie es Video-CD, Laserdisc & Co. waren?

»Die Video-CD konnte sich wegen ihrer begrenzten Kapazität und Datenrate nicht behaupten. Dass sich die qualitativ hochwertige Laserdisc bei uns nicht durchgesetzt hat, lag hauptsächlich am zu hohen Preis für die Software. Bis zu 100 Mark für einen einzigen Film konnte und wollte kaum einer bezahlen, zumal die Vorteile mit besserem Bild und Ton auf einem normalen Fernseher kaum zur Geltung kamen. Heute ist der technische Anspruch allerdings ein anderer. Die Faszination eines Kinos in den eigenen vier Wänden ist größer denn je, und damit gibt es zumindest eine Basis für High-End-Formate wie SA-CD und DVD-Audio. Ob es die Leute wirklich wollen, wird sich zeigen.«

Wohin geht deiner Meinung nach die Entwicklung im DVD-Bereich: zu simplen, eher schlicht ausgestatteten DVDs mit lediglich Film bzw. Konzert? Oder zu fetten „Special Editions“ mit tonnenweise Extras?

»Ein Topfilm wird immer auch als Top-DVD erscheinen. Bild, Ton, Extras - das wird weiterhin alles passen oder eher noch besser werden. Gleiches gilt für Klassiker wie z.B. „E.T.“ oder jetzt im Januar „The Crow“, die beide als „Special Editions“ kommen, wie man sie sich wünscht. Tatsache ist auch, dass sich fette „Special Editions“ trotz des höheren Preises deutlich besser verkaufen als Normal-Versionen.«

Was hältst du von Mischformen wie einem Doppelpackage CD/DVD oder DVD-plus?

»DVD-plus ist eigentlich eine feine Sache. Ich kann mir das Live-Konzert meiner Lieblingsband im Heimkino ansehen und dann die Rückseite der Scheibe im Autoradio oder auf einer Party abspielen. Nur ist die Auswahl an DVD-plus-Scheiben immer noch ziemlich bescheiden. Bei einem Doppelpackage würde ich immer zugreifen, wenn der Preis stimmt. Mobys „Play“ ist für mich ein Paradebeispiel dafür, wie so ein DVD/CD-Set aussehen sollte.«

Ein wichtiges Thema sind mittlerweile Kopierschutze. Wohin geht diesbezüglich der Weg? Wird es einen sinnvollen und wirksamen Kopierschutz geben? Oder wird die Entwicklung vergleichbar mit der der CD sein?

»Es wird nie einen hundertprozentigen Kopierschutz geben. Es werden immer Wege existieren, diesen zu umgehen; egal, wie ausgereift der Schutz auch sein mag. Und das ist dann eben der Nachteil eines digitalen Mediums, von dem sich praktisch Eins-zu-eins-Kopien in bestechender Qualität ziehen lassen. Die Preise für DVD-Brenner befinden sich im freien Fall und liegen jetzt schon bei 300 Euro; Rohlinge kosten keine fünf Euro mehr. Es ist davon auszugehen, dass der DVD-Markt eine ähnliche Entwicklung wie der CD-Markt nehmen wird.«

Was kann man tun, um die Konsumenten vom Original zu überzeugen?

»Keine Ahnung. Bedenklich genug, sich überhaupt Gedanken machen zu müssen, jemanden vom Original zu überzeugen.«

Ist der Preis für eine DVD gerechtfertigt?

»So wie sich der Markt im Moment darstellt, sind die Preise meiner Meinung nach in Ordnung. Eine aktuelle DVD kostet zwischen 20 und 25 Euro; ein Kinobesuch mit Freundin oder Frau ist sicher nicht billiger. Außerdem fahren die Publisher nun verstärkt Nice-Price-Aktionen, durch die man seine DVD-Sammlung günstig aufstocken kann.«

Wie lange hält der DVD-Boom - immerhin der momentan einzige sich im Wachstum befindliche Zweig der Unterhaltungsbranche - deiner Meinung nach noch an?

»So lange, bis wir in jedem Wohn- und Kinderzimmer einen DVD-Player oder -Recorder stehen haben. Ende 2002 werden knapp 16 Prozent aller deutschen Haushalte mit einem DVD-Player ausgestattet sein; nächstes Jahr will man 28 Prozent erreichen. Das sollte bei Player-Preisen von unter 100 Euro auch kein Problem sein. Ein Ende des DVD-Booms ist vorerst nicht absehbar.«

Was sind für dich die ultimativen Musik-DVDs?

»„Play“ von Moby und „The Altogether 5.1“ von Orbital.«