Online-MegazineInterview

Interview mit Markus Staiger (Nuclear Blast Records)

Das im DVD-Bereich veröffentlichungsfreudigste Metal-Label ist Nuclear Blast Records. Wir sprachen mit Inhaber Markus Staiger über die neuen High-Tech-Formate.

Markus, ihr seid nicht nur im DVD-Video-Sektor sehr präsent (u.a. mit Veröffentlichungen von Manowar, Hammerfall, Stratovarius, Dimmu Borgir und der "Death Is Just The Beginning"-Serie), sondern habt mit Manowar auch den ersten richtigen Metal-Release im Super-Audio-CD-Bereich vorgelegt. Sind SA-CD und DVD-Audio Formate, die die klassische CD früher oder später ablösen werden?

»DVD-Audio ist zumindest im Vorteil gegenüber der SA-CD. Vom Sound ist das 'ne ähnliche Geschichte, es gibt aber die Konstellation, dass Sony auf die SA-CD setzt und die anderen Majors DVD-Audio bevorzugen (ähnlich wie bei den analogen Video-Formaten, wo diverse Systeme konkurrierten, bevor sich VHS durchsetzte - d.Verf.). Im DVD-Audio-Sektor werden daher bestimmt mehr Releases erscheinen. Das Problem ist außerdem, dass ´ne SA-CD auf keinem normalen CD-Player läuft. Mit einer DVD-Audio geht das durchaus, auch wenn natürlich die Sound-Extras nicht zur Geltung kommen.«

Nachdem man uns 20 Jahre erzählt hat, die CD sei ein unschlagbares Superformat, haben wir jetzt also einen Tonträger, der dem tatsächlich noch eins draufsetzt?

»Auf jeden Fall. Bei einer CD hast du zwei Kanäle, bei den neuen Medien fünf. Daher kannst du spezielle Effekte hervorheben und einen räumlicheren Klang erzeugen. Die Aufnahmen müssen dafür komplett neu gemischt werden. Es gibt wenige Mixer, die das können. Aber es ist ein echtes Erlebnis, so was zu hören.«

Vorausgesetzt, man investiert in entsprechend teure Hardware.

»Auf der letzten PopKomm gab es eine Präsentation der SA-CD von Manowar. Die hatten da 'ne megafette Anlage für 'ne Viertelmillion Mark, und der Sound war echt der Wahnsinn. Auch zu Hause braucht man natürlich eine gute technische Basis, und die ist teuer.«

Es sind daher wohl nur die größten Optimisten in der HiFi-Industrie der Meinung, dass die Konsumenten jetzt allesamt losrennen und sich neue Player kaufen. Dementsprechend wird auch ein Run auf den Backkatalog, wie es bei CDs der Fall war, kaum zu wiederholen sein.

»Genau. Viele Leute haben inzwischen einen normalen DVD-Player. Warum sollen die sich gleich noch einen SA-CD- oder DVD-Audio-tauglichen kaufen? Das kann man vergessen. Von der Manowar-SA-CD haben wir gerade mal 500 Stück verkauft. Und Re-Releases sind auch unnötig, da sie ja noch teurer als CDs sind. Es wird sicherlich Kombi-Geräte geben, die alle Formate abspielen, aber das wird noch 'ne Weile auf sich warten lassen und nicht die große Sensation werden.«

Als Ende der Achtziger die VHS-Homevideos in höheren Stückzahlen auf den Markt kamen, lag die Größenordnung der Verkäufe im Vergleich zu CD und Vinyl bei ca. zehn Prozent. Kann man diese Zahlen mit der DVD toppen? Der DVD-Sektor ist ja momentan die einzige Wachstumsbranche im Musikbereich.

»Wir haben sehr früh mit DVDs angefangen. Unsere erste war ein "Death Is Just The Beginning"-Sampler. Damals haben wir 1.000 bis 2.000 Stück gepresst. Bei den gegenwärtigen Highlights wie Stratovarius, Dimmu Borgir und Hammerfall kann man schon von einem Anteil von zehn Prozent ausgehen. Wenn Alben zukünftig zeitgleich als DVD-Audio erscheinen und z.B. Videoclips als Bonus haben, wird sich der Anteil sicherlich erhöhen. Zurzeit hat aber nicht jeder Fan Bock, sich die CD und dazu noch 'ne DVD zu kaufen.«

Zumal viele DVDs eine echte Verarschung sind. Es gibt enorme Qualitätsunterschiede. Neben wenigen High-Class-Produkten stehen Ramsch, der eher wie Super-8-Filme aus den Siebzigern aussieht, und Re-Releases, die lieblos zusammengeklatscht wurden, ähnlich wie billige Backkatalog-CDs.

»Es springen halt viele Firmen auf den DVD-Zug auf. Die packen teilweise einfach irgendwelche alten VHS-Sachen auf DVD. Das Bild ist dann einen Tick besser, aber der Sound wird oft gar nicht nachbearbeitet. Bei Nuclear Blast hatten wir hingegen die Situation, dass Bands wie Hammerfall und Stratovarius auf ihren DVDs Aufnahmen haben wollten, die sie mit ihren eigenen Handycams gefilmt hatten. Über so was bin ich nicht besonders glücklich. Das erreicht nur Homevideo-Qualität.

Frühere Video-Releases, die lediglich auf DVD überspielt wurden, halten wir preislich niedriger als neue Produktionen. Aber auch bei altem Material können immense Kosten durch die Menüs entstehen. Die verschlingen nämlich richtig viel Geld. Sie müssen von Studios erstellt werden, und je hochwertiger man das haben möchte, desto teurer wird's. Man kann mal eben 15.000 Euro allein in die Menüs investieren. Das kann das teuerste Element der ganzen DVD sein.«

Kein Wunder, dass viele Firmen exakt dort den Rotstift ansetzen. Schließlich ist mit DVDs zurzeit noch 'ne Menge Geld zu machen, wogegen die CD den Heldentod durch die Brenner stirbt, wenn es so weitergeht.

»DVDs sind teurer und können eine höhere Gewinnspanne haben, je nachdem, wie viel man in die Produktion investiert. DVDs sind zudem fast immer kopiergeschützt und CDs nach wie vor kaum. 30 bis 40 Euro ist dennoch ein heftiger Preis. Das ist das Doppelte von einer CD. Aber vielleicht gehen die Preise noch etwas runter.«

Das sollten sie, denn die Bootlegger stehen bereits in den Startlöchern. DVD-Brenner und -Rohlinge werden immer billiger, und die Software zum Knacken von Kodierungen ist jeweils nur eine Frage der Zeit, solange das Urheberrecht nicht novelliert wird. Wenn bei Brennern und Rohlingen die entsprechenden Speicherkapazitäten erreicht sind, geht es der DVD an den Kragen.

»Die meisten DVDs kann man allerdings nicht brennen und auch nicht aus dem Internet runterladen. Und noch sind Brenner und Rohlinge teuer.«

Trotzdem hat die Industrie auch bei den DVDs nur eine Gnadenfrist, bis hier ebenfalls große Verluste durch illegales Brennen entstehen.

»Natürlich denken wir daran, was auf uns zukommt. Wenn ein vernünftiger Kopierschutz am Start ist, kann man das Problem jedoch klein halten. Vor fünf Jahren hieß es noch, das Internet und der ganze E-Commerce würden abgehen wie 'ne Rakete. Jetzt heißt es, SA-CD und DVD-Audio seien das nächste Riesending. Aber letztendlich geht doch alles viel langsamer voran.«

Bei den DVDs hat die Industrie noch die Möglichkeit, das Medium so reizvoll zu gestalten, dass eine selbstgebrannte Kopie unattraktiv wird.

»Ich will bei unseren Veröffentlichungen auf jeden Fall dickere Booklets haben. Es stört mich als Fan, wenn ich 'ne DVD kaufe und nur so'n Blatt drin liegt. Das wollen wir ändern. Menüführung und Bonusmaterial sind ebenfalls Prioritäten. Packaging und Inhalt werden insgesamt aufwändiger - es muss einfach value for money sein. Die Leute zahlen mehr Geld als bei CDs, bekommen aber auch mehr geboten. Der Standard von Bild und Ton wird noch höher. Dafür müssen sich die Firmen jedoch Mühe geben. Einfach nur den Markt zuzuknallen, genügt nicht. Denn wenn irgendwann halb so viele DVDs wie CDs erscheinen, kann das niemand mehr kaufen.«

Zumal eine Band ihr Pulver im DVD-Sektor schneller verschießt. Eine Gruppe kann kaum im gleichen Turnus DVDs veröffentlichen, wie sie CDs rausbringt. Es ist schon schlimm genug, dass Acts wie Linkin Park, Sum 41 oder Nickelback bzw. ihre Plattenfirmen nach nur einem Hitalbum der Meinung sind, gleich 'ne abendfüllende DVD nachschieben zu müssen.

»Klar. Die Fans haben keinen Bock, jedes Jahr von derselben Gruppe ein Live-Konzert auf DVD zu kaufen. DVDs werden immer ein Zusatzprodukt bleiben, das nicht so häufig wie eine normale CD erscheinen kann.«

Es gibt inzwischen aber auch mehr und mehr Mischprodukte, entweder im DVD-plus-Format mit einer Audio- und einer DVD-Seite oder durch ein Doppelpackage CD/DVD.

»Letzteres haben wir bei der neuen Manowar-Single. Sie kam mit einer Bonus-DVD auf den Markt, und zwar zum normalen Single-Preis. Daran verdienen wir gar nichts. Es gibt ja schon 'ne Menge Kritik, dass von Manowar zu viel erscheint.«

Dem kann man auch nicht widersprechen. Zumal die Kohle, die Die-hard-Fans in ihre Lieblinge investieren, anschließend fehlt, um Newcomer zu unterstützen.

»Die Fans gehen nun mal in den Laden, um ein Produkt einer bestimmten Band zu kaufen. Und selbst wenn daneben eine Newcomer-CD zum Sonderpreis steht, kaufen sie sie nicht. Wir müssen bestimmt 10.000 CDs von einer Gruppe absetzen, um den Break-even zu schaffen. Das geht nur noch bei besonders guten Newcomern, die auffallen. Und bei einer aufwändig produzierten DVD, für die Gigs gefilmt und Clips gedreht werden, musst du mindestens 5.000 Stück loswerden.«

Hat der DVD-Boom dazu geführt, dass im Metal-Sektor wieder mehr Clips produziert werden? Schließlich gibt es ein neues Medium dafür, nachdem sich das Fernsehen wohl endgültig aus dem Metier ausgeklinkt hat.

»Es sind nur unwesentlich mehr. Clips sind sehr teuer, und VIVA und MTV kannst du abhaken. Manowar liefen dort nur, weil sie in den Charts waren. Und dann mussten wir für die Sender auch noch den Clip umschneiden, damit er im Endeffekt eh bloß fünfmal gezeigt wurde. Leute, die Metal hören, wissen, wann eine Platte erscheint. Über MTV und VIVA erreichst du kaum neue Zielgruppen. Metaller gucken sich MTV und VIVA sowieso nicht an. Und nur für eine DVD-Veröffentlichung, von der du vielleicht 5.000 Stück absetzt, rechnet es sich nicht, in einen Clip 20.000 oder 30.000 Euro zu stecken. Solange es keine Metal-Sendung im TV gibt, ist da kein Sinn erkennbar. Presse, TV und Radio ignorieren den Metal nach wie vor. Das ist in Ländern wie Finnland ganz anders, wo Metal auch außerhalb der Fachpresse und sogar im Radio stattfindet.«