Online-MegazineInterview

RIOT

Zweitkarriere: Mafioso

Der Titel ihrer neuen Platte „Through The Storm“ legt die Vermutung nahe, dass RIOT seit dem letzten Album „Sons Of Society“ stürmische Zeiten zu bestehen hatten. Ob dem wirklich so ist, erörterte Stefan „Glasimausi“ Glas in einem Gespräch mit Gitarrist und Szene-Urgestein Mark Reale.

 

»Der Albumtitel bezieht sich auf unsere komplette Karriere, die eine echte Berg- und Talfahrt darstellt«, eröffnet der Klampfer das Gespräch. »Diesbezüglich könnte ich wirklich ein Buch schreiben. Allerdings gab es auch in den letzten Monaten einige Enttäuschungen, die wir zu verkraften hatten. Nach unserer Europatour im Winter 2000 hatten wir das Angebot, mit Dio in Amerika auf Tour zu gehen, was wir aus finanziellen Gründen leider ausschlagen mussten. Es hat einige Zeit gedauert, bis ich die anderen Musiker wieder motivieren konnte. Des weiteren hingen wir einige Zeit in der Luft, weil unser Drummer Bobby Jarzombek aufgrund seines Engagements bei Halford für „Through The Storm“ nicht zur Verfügung stand. Glücklicherweise konnten wir mit Bobby Rondinelli einen guten Mann finden, der für die Platte eingesprungen ist. Da ich in New York lebe, sollte der Titel natürlich auch ein wenig eine Metapher für das sein, was im letzten Jahr am 11. September passiert ist.«

 

In den Anfangstagen - vom ´77er Debüt „Rock City“ bis zum ´81er Klassiker „Fire Down Under“ - wurden RIOT immer härter und metallischer. Wo siehst du heute die Gründe dafür?

 

»Für mich war es einfach eine natürliche Weiterentwicklung. Aber vielleicht war auch unsere damalige Plattenfirma Capitol schuld. Wir waren 1980 nach unserem zweiten Album „Narita“ mit Black Sabbath durch Amerika getourt und hatten im Anschluss ein Meeting mit der Plattenfirma, bei dem sie uns nahe legten, radiofreundliches Material zu schreiben, Make-up aufzulegen und so weiter. Wir begannen daraufhin sogar, kommerzielle Songs zu schreiben, aber wir merkten bald, dass wir einfach nur Müll produzierten. Daher fiel „Fire Down Under“ vielleicht als Gegenreaktion umso härter aus. Uns war zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht bewusst, dass in England gerade die NWOBHM ins Rollen kam. Wir dachten, dass dort noch immer Punk groß wäre. Es war also reiner Zufall, dass wir etwa zeitgleich auf die härtere Schiene kamen. Als wir dann kurze Zeit später in England tourten, stellten wir fest, welche Entwicklung hier vonstatten gegangen war.

Anschließend bewegten wir uns für „Restless Breed“ und „Born In America“ fast schon in die Richtung von Bands wie Bad Company, was hauptsächlich an Rhett Forrester lag, der damals unser neuer Sänger wurde.

Nach der Reunion veröffentlichten wir mit „Thundersteel“ und „The Privilege Of Power“ wieder zwei sehr harte Alben, was damals ganz im Sinne des Zeitgeistes war. In den Achtzigern ging es im Metal u.a. darum, wer am schnellsten rennen und wer am höchsten springen kann; es ging darum, Extreme auszuloten. Wir hatten zudem das richtige Team beisammen, und vor allem Tony Moore hatte eine Stimme, die in den Höhen keine Grenzen zu haben schien, so dass wir uns auf das Spiel einließen. Bei „The Privilege Of Power“ wollten wir es dann wirklich wissen und tobten uns in alle Richtungen aus, so dass man auf der Platte Thrash-lastige Songs direkt neben kommerziellen Tracks fand und wir uns auch nicht scheuten, Bläser in die Stücke einzuschleusen.«

 

Hast du eigentlich noch Kontakt zu den - noch lebenden - ehemaligen RIOT-Sängern?

 

»Guy Speranza habe ich zum letzten Mal 1994 getroffen, als wir fast wieder zusammen Musik gemacht hätten. Er hatte sich damals von seiner Frau getrennt und nahm Kontakt mit mir auf. Wir schrieben einige Songs und nahmen Demos auf, doch dann versöhnte er sich wieder mit seinem Mädel und ging zurück nach Florida. Guy ist ein Mensch, der sehr beeinflussbar ist, so dass ihm seine Frau mehr oder weniger immer vorschrieb, was er tun sollte. Seltsamerweise ist seine Frau die Schwester von Jimmy Iommi, der auf „Rock City“ Bass gespielt hatte. Sie brachte ihn dazu, mit der Musik aufzuhören. Ich überlege derzeit, diese ´94er Aufnahmen zusammen mit unseren ersten Demos, die wir vor „Rock City“ aufgenommen haben, auf einer speziellen CD zu veröffentlichen. Außerdem gibt es noch Tapes, auf denen Harry Conklin von Jag Panzer zu hören ist, der sich einmal bei uns beworben hatte. Die würden natürlich auch ganz gut auf eine solche CD passen.

Rhetts Schicksal war ein echter Schock für mich, denn ich hatte kurz vor seinem Tod noch mit ihm telefoniert. Wir nahmen damals gerade „Nightbreaker“ auf, und Rhett hatte mich angerufen. Er bat mich um ein paar Tipps bezüglich seiner Solokarriere und fragte nach Ansprechpartnern von japanischen Plattenfirmen. Ich kann mich noch genau an den Abend erinnern, als Rhett erschossen wurde, denn zuerst rief mich wie ein Blitz aus heiterem Himmel Guy an, von dem ich zu diesem Zeitpunkt elf oder zwölf Jahre lang nichts mehr gehört hatte. Kaum hatte ich aufgelegt, klingelte das Telefon wieder, und unser ehemaliger Bassist Don Van Stavern war in der Leitung. Er erzählte mir, dass Rhett das Opfer eines Carjacking geworden war und von dem Täter erschossen wurde. Ich kann mir bildhaft vorstellen, wie Rhett sich gewehrt hat, denn er war immer ein sehr wilder Typ gewesen. Daraufhin hat der Autodieb wohl seine Waffe gezogen.

Mit Tony hatte ich zum letzten Mal vor etwa einem Jahr Kontakt. Wir haben damals sogar über die Möglichkeit gesprochen, einige Shows mit Songs von „Thundersteel“ und „Privilege Of Power“ zu spielen. Tony hat derzeit allerdings ein Projekt zusammen mit dem zweiten RIOT-Gitarristen Mike Flyntz, so dass wir diese Idee vorerst ruhen lassen.«

 

Es gibt eine Anekdote, die besagt, dass Guy nach seinem Ausstieg bei RIOT als Kammerjäger gearbeitet hat und er Jahre später in einem Studio, in dem ihr gerade aufnahmt, einigen Plagegeistern zu Leibe gerückt ist. Entspricht dies den Tatsachen?

 

»Jetzt, da ich diese Geschichte höre, kann ich mich dunkel erinnern, dass mir der Studiobesitzer so etwas erzählt hat. Aber ich kenne da eine viel verrücktere Geschichte über Guy, die sich auf Lars Ulrich von Metallica bezieht. Ein Journalist hat sie mir neulich erzählt. Die Verlobte von Lars hatte vor Jahren einen Kammerjäger in ihr Haus bestellt, und Guy war derjenige, der diesen Job übernahm. Die beiden kamen ins Gespräch, und Guy erzählte ihr, dass er früher bei RIOT gesungen hätte. Das Mädel rief prompt Lars an, der schier ausflippte, weil er ein riesiger Fan von Guy war. Ich wusste eigentlich gar nicht, dass die Metallica-Jungs schon zur „Fire Down Under“-Phase große RIOT-Fans waren. Lars erzählte mir später, dass er uns 1981 zum ersten Mal persönlich getroffen hat: Wir spielten damals bei einem großen Festival in Kalifornien mit Ozzy und Motörhead, und Lars war einer der Fans, der sich bei unserer Signing-Session ein Autogramm geben ließ. Er war damals noch ein Teenager und spielte noch nicht bei Metallica.«

 

Gibt es Dinge in der Karriere von RIOT, die du im Nachhinein bereust?

 

»Unseren größten Fehler machten wir bestimmt in Bezug auf Cliff Bernstein. Er war von Anfang an ein Fan der Band, und wir waren zudem gut miteinander befreundet. Als wir 1980 von einer sehr erfolgreichen Englandtour zurückkehrten, bei der wir Sammy Hagar supportet hatten, bot er uns an, unser Management zu übernehmen. Er erzählte uns damals auch, dass er gerade in England eine großartige Clubband gesehen hatte, die er zu einer Megaband aufbauen wollte. Diese Band waren Def Leppard. Dennoch lehnten wir sein Angebot ab, weil wir unserem damaligen Manager und Produzenten Steve Loeb treu bleiben wollten. Jahre später haben wir uns dann doch von ihm getrennt. Man weiß, was Cliff für seine Bands wie Metallica alles bewegt hat... Ich möchte mir nicht ausmalen, was wir hätten erreichen können, wenn er uns unter seine Fittiche genommen hätte.«

 

Dennoch kann man behaupten, dass du der Vater des Power- und Speed Metal bist, denn mit „Fire Down Under“ waren RIOT allen anderen Bands Jahre voraus.

 

»Es ist schön, solche wundervollen Komplimente zu hören, und das macht es einfacher, über so manchen Nackenschlag hinwegzukommen, den wir während unserer Karriere einstecken mussten. Es freut mich, wenn ich andere Musiker inspirieren konnte.«

 

Es scheint, als hättest du großes Interesse an amerikanischer Geschichte: Das ´95er RIOT-Album „The Brethren Of The Long House“ setzte sich mit dem Schicksal der Indianer auseinander, und „Inishmore“ von 1998 befasste sich mit der Geschichte irischer Emigranten im 19. Jahrhundert. Hast du jemals versucht herauszufinden, woher deine Familie stammt?

 

»Sowohl Mike als auch ich empfanden dies als spannende Geschichten, die es wert waren, in einem Konzeptalbum behandelt zu werden. Die Abstammung meiner Familie ist mir bekannt: Meine Großeltern stammen aus Sizilien.«

 

Folglich kann Mark nach seiner Karriere als Musiker problemlos bei der Mafia anheuern. Vorerst dürfen wir uns allerdings hoffentlich noch über ein paar ähnlich starke Alben wie „Through The Storm“ freuen.