Online-MegazineInterview

SKINLAB

Bei Anruf: Hass

Seit Jahren warten SKINLAB darauf, vom Underground in die First Class des berühmt-berüchtigten Bay Area-Sounds aufzusteigen. An vielversprechenden Alben und guten Kritiken mangelte es nicht. Vielleicht sollte Frontmann Steev seinen Gitarristen einfach mal etwas mehr Durchhaltevermögen eintrichtern, statt skurrile Fan-Hotlines ins Leben zu rufen...

Das Besetzungskarussell entwickelt an der SKINLAB-Gitarrenfront inzwischen echten Kotzmühlencharakter. Mike Roberts und Gray Wendt, die 1997 das hoch gelobte Debüt "Bound, Gagged And Blindfolded" einspielten, verließen das kalifornische Quartett kurz nach Erscheinen des Albums. Schnell hatte man mit Snake (der vorher bei Skrew tätig war) und Scott Sergeant vollwertigen Ersatz gefunden, um die "Eyesore"-EP und den ´99er Output "Disembody The New Flesh" zu produzieren. Doch auch dieses Line-up hatte nicht lange Bestand. Kurz bevor man für die aktuelle Scheibe "reVoltingRoom" das Studio enterte, gab es erneut Besetzungsprobleme. Scott Sergeant kehrte der Combo den Rücken und wurde durch Glen Telford ersetzt, der vorher bei Wired Shut spielte.

»Der Ausstieg von Scott hat in jeder Hinsicht Probleme verursacht«, bekräftigt SKINLAB-Sänger und Frontmann Steev Esquivel am anderen Ende der Telefonleitung. »Er hat uns zwei Wochen, bevor wir ins Studio gehen wollten, verlassen. Ich konnte es einfach nicht glauben. Wir waren alle sehr überrascht und wussten, dass jetzt Probleme auf uns zukommen würden. Unzählige Male habe ich Scott immer das Gleiche an den Kopf geworfen: "Bist du dir wirklich sicher, dass du gerade jetzt aufgeben willst? Komm, lass uns jetzt einfach dieses verdammte Album machen!" Aber er war nicht mehr mit dem Herzen bei der Band. Es war wirklich eine riesige Scheiße, denn Scott ist seit 15 Jahren einer meiner besten Freunde. Ich war nie ein Mensch, der einem anderen in den Arsch kriecht, und deshalb konnte ich am Ende nur resignieren: "Es ist deine Entscheidung, du ziehst diese Variante vor. See you on the other side!"«

Wie sehen eure Pläne mit Glen Telford aus? Ist er nur ein kurzfristiger Lückenbüßer, oder soll er dauerhaft die Saiten bei SKINLAB bearbeiten?

»Ich hoffe, dass wenigstens er länger bleibt. Das wäre für die ganze Band gut«, lacht Steev mit einer dicken Portion Galgenhumor. »Glen ist jung, motiviert und will unbedingt bei uns spielen. Als er zu uns gestoßen ist, war das Album im Großen und Ganzen schon fertig, weshalb er nur noch einige Ideen für die Bearbeitung beisteuern konnte, aber er hat bereits Gigs mit uns gespielt und wird jetzt mit uns auf US-Tour gehen.« (Als Support von Superjoint Ritual - d.Verf.)

Hat der Name "reVoltingRoom" auch etwas mit euren bandinternen Problemen zu tun?

»Der Revolting Room ist unser Studio, der Ort, an dem alle Emotionen zusammenkamen. Manchmal haben wir uns dort getroffen und waren total traurig. Wegen Scott lag eine Menge Wut in der Luft, wir mussten unsere Arbeit unterbrechen und ganz neue Pläne schmieden. In einer Angelegenheit waren wir uns aber alle einig: Wir wollten die Sache auf jeden Fall durchziehen. Dadurch wurde das Studio im Endeffekt zu einem Ort, an dem wir neue Kraft und Energie schöpfen konnten. Dort haben wir unsere Batterien wieder aufgeladen...«

...um den momentan eher vor sich hin dümpelnden Bay Area-Sound zu retten?

»Nein, dafür gibt es zu viele Bands, die ähnliche, gute Musik machen. Wir leben hier in einer unglaublich kreativen Gegend, und es wartet noch eine ganze Generation junger Bay Area-Bands mit einem neuen, coolen Sound darauf, entdeckt zu werden.«

Wo würdest du SKINLAB einordnen: bei den talentierten Undergroundbands, denen einfach ein wenig das Glück fehlt, um so richtig durchzustarten, oder glaubst du, dass ihr kurz vor dem Durchbruch steht?

»Ich denke, dass beides zutrifft. Unser Problem war, dass wir am Anfang unserer Karriere zu sehr gehypt worden sind und die Erwartungshaltung an uns gigantisch war. Sie haben eine Baby-Band wie uns mit den Kings - mit Machine Head - verglichen, und wir haben als Folge eine ganze Weile unser Dasein in ihrem Schatten gefristet. Ich bin stolz und froh, sagen zu können, dass wir durchgehalten haben und endlich aus diesem Schatten herausgetreten sind.«

Dann klingt Steev wie ein übermütiges Kind:

»Diese Frage ist echt gemein. Ich will nicht wie ein arrogantes Arschloch klingen. Natürlich würde ich am liebsten rausposaunen, dass wir jetzt durchstarten und alles wegpusten werden. Aber nein, wir werden einen Scheißdreck tun«, zügelt sich der Kalifornier. »So sind wir nicht. Wir sind bescheiden und werden es auch bleiben, obwohl wir definitiv ein gutes Album geschrieben haben.«

Wart ihr nie versucht, Nu Metal-Elemente in eure Musik aufzunehmen und eine mögliche Superstar-Laufbahn einzuschlagen?

»Wir sind sehr stolz darauf, dass wir keine Nu Metal-Elemente in unserer Musik haben, und versuchen, von dem ganzen trendigen Zeug so weit wie möglich weg zu bleiben. Wir sind dem Stil treu geblieben, für den wir bekannt sind. Das ist uns wichtiger, als Dreadlocks zu färben und rumzuhampeln wie irre Freaks. Wir sind eine ganz normale Band und ziemlich durchschnittliche Menschen. Ich hasse Limousinen und wüsste nicht, was mich dazu bringen könnte, dieses ganze Superstar-Theater haben zu wollen.«

Ihr habt die "Revolting Hotline" ins Leben gerufen, eine gebührenfreie Telefonnummer, unter der eure Fans anrufen können und ermutigt werden, auf jede erdenkliche Art ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Eine erlesene Auswahl besonders geisteskranker Hasstiraden und emotionaler Ausbrüche findet man auch auf dem aktuellen Album.

»Es war die Idee eines Mitarbeiters unserer Plattenfirma, der meinte, dass es cool wäre, einen Weg zu finden, über den sich die Fans ausdrücken können. Wir sind eine kleine Band und haben nicht gerade gigantisch viele Platten verkauft, aber unsere Fans sind wirklich der Hammer. Sie sind die SKINLAB-Kids, und sie verdienen es, gehört zu werden. Wir haben gar nicht mit so heftigen Reaktionen gerechnet. Viele Anrufer kreischen schmerzerfüllte Todesschreie in den Hörer, weinen, fluchen oder feuern uns an. Diese Kids stehen absolut hinter SKINLAB und hinter der Bewegung und Dynamik harter Musik.«