Online-MegazineInterview

MY DYING BRIDE

Retten uns die Aliens?

Passend zur herbstlichen Tristesse und vermehrten Dunkelheit legt uns die Institution in Sachen klaustrophobisch-doomige Metal-Epen ein neues Werk ans Herz. "The Dreadful Hours" heißt das siebte Longplay-Baby aus dem Hause der fünf nordenglischen Schwermut-Zelebranten MY DYING BRIDE. Anders als der Titel es weismachen will, erlebt man ganz und gar keine schrecklichen Stunden, während man sich dem Lauschtrip hingibt. Ganz im Gegenteil.

Nach dem mit elektronischen Experimenten angereicherten und vielerorts skeptisch betrachteten Longplayer "34,788%...Complete" (1998) hatten die Doomster mit dem '99er Release "The Light At The End Of The World" wieder ein mehr als versöhnliches Prachtstück aus dem Ärmel geschüttelt - inklusive Reminiszenzen an die deathigen Anfangstage.

Nach den beiden Compilations "Meisterwerk 1" (2000) und "Meisterwerk 2" (2001) folgt nun also "The Dreadful Hours". Mit dem einmal mehr von Producer Mags im Academy Studio produzierten Werk knüpfen die Jungs auf natürliche Weise an das "The Light..."-Album an. Zudem gewinnt man den Eindruck, als vereine die Platte sämtliche Phasen, Vorzüge und Trademarks, für die MY DYING BRIDE stehen: auf der einen Seite monströse, zermalmende Tiefton-Gitarren, die mit aller Wucht durch die Boxen schmettern, auf der anderen grazile akustische Momente sowie melancholische Keyboardfarben (siehe auch Review in Rock Hard 174).

Weshalb ein Juwel wie dieses mit "The Dreadful Hours" betitelt wird, lasse ich mir an einem regnerischen Dienstagabend von Sänger Aaron Stainthorpe erklären:

»Als ich das gesamte Album zum ersten Mal im Studio hörte, bekam ich erstmals ein Gefühl für die Wirkung des Ganzen«, beginnt der gut gelaunte Dunkelmann zu erzählen. »Davor haben wir uns lediglich auf die einzelnen Songs konzentriert. Beim Hören dachte ich, dass das Album ziemlich dunkel, wütend und bedrohlich rüberkommt, beinahe wie ein Monster, das unter deinem Bett lauert und bereit ist, dich zu attackieren. Manchmal tut es das auch tatsächlich. Da der erste Song ´The Dreadful Hours´ hieß, dachte ich, das würde perfekt zum ganzen Album passen, denn der Titel vereint das Feeling des Albums. Inhaltlich geht es um einen von Albträumen geplagten Jungen, der von seinem Vater misshandelt wird, während die Mutter voller Mitleid, aber hilflos zuguckt. Es ist zwar von meiner persönlichen Seite her eine fiktive Geschichte, doch wie wir alle wissen, ist so etwas ja leider auch oft genug Realität.«

Zumeist werden MY DYING BRIDE bzw. die Soundlandschaften der Herren mit "purer Depression" in Verbindung gebracht, obgleich es stets auch kleine, aber feine Parts zum Aufatmen gibt. Wie sieht Aaron dies?

»Wir haben immer versucht, zwei Seiten in unsere Alben einfließen zu lassen: eine finstere und eine, die dem Ganzen ein wenig Licht gibt. Romantik wäre wohl das falsche Wort, aber man könnte sagen, es bewegt sich irgendwo am Rande davon. So versuchen wir zu umgehen, dass das Resultat komplett depressiv ausfällt. Ich liebe z.B. Dead Can Dance, sie haben wirklich düsteres Zeug gemacht, sehr melancholisch. Wenn ich ihre Alben höre, fühle ich mich jedoch gut. Oder auch bei schwerer klassischer Musik. Ich weiß nicht, wie das funktioniert, aber wenn ich depressiv bin und traurige Sachen höre, fühle ich mich - anders, als man es wahrscheinlich erwartet - irgendwie gut. In der hintersten Ecke des Gehirns muss es etwas geben, das in der Lage ist, Positives zu finden, selbst wenn alles komplett finster erscheint. Vielleicht liegt es daran, dass man weiß: Da draußen gibt es Menschen, die sind noch verzweifelter als man selbst.«

Würdest du MY DYING BRIDE als eine Art Therapie bezeichnen?

»Definitiv!«, kommt es wie aus der Pistole geschossen. »Wenn ich die Band nicht hätte, wäre ich wahrscheinlich ein hoffnungslos depressiver Mensch. Die Texte und das Artwork für die Alben entstehen, wenn ich mich mies fühle, sie reflektieren bis zu einem gewissen Grad meine Misere. Die Band ist wie ein Mülleimer, in dem ich meine Schwermut und Ängste abladen kann.«

Apropos Ängste: Unser Planet ist ja nicht gerade der friedlichste Platz, und so manch´ Ereignis kann schon mal für ein mulmiges Gefühl sorgen (schön formuliert... - Red.). Hat Aaron Hoffnung, dass die Menschen aus ihren Fehlern irgendwann vielleicht doch mal lernen?

»Ja, auf gewisse Weise lernen sie schon, aber ich glaube nicht, dass es je eine Lösung geben wird«, antwortet der sympathische Sänger skeptisch. »Außer - und das klingt jetzt wahrscheinlich etwas bizarr - wir würden Lebewesen von einem anderen Planeten entdecken. Würde irgendeine außerirdische Lebensform auf der Erde auftauchen, gingen die Menschen vielleicht dazu über, zu denken: "Vielleicht ist es gar nicht Gott, der uns erschaffen hat." Die ganzen Religionen könnte man in die Tonne treten. Die meisten Kriege basieren doch auf dem "Mein Gott ist besser als dein Gott"-Ding. Vielleicht wäre es möglich, dass die Menschen dann denken: "Hey, es gibt keine Götter, wir haben wohl einen Fehler gemacht" und sich die Hand geben. „Saved By Aliens“, das wäre doch ein guter Titel für unsere nächste Platte, hehehe...«

Aaron gilt auf Grund seiner bildlichen, oftmals nicht ganz einfach verständlichen Lyrics als einer der begnadetsten Wortakrobaten im Musikbiz. Hat er je daran gedacht, wie beispielsweise Henry Rollins, Marilyn Manson oder Nick Cave ein Buch in Angriff zu nehmen?

»Habe ich, ja, aber mir fehlt leider die Zeit dazu. Da wir uns ja von jeher selbst managen, nimmt die Band viel Zeit in Anspruch. Von der Promo-Organisation über Artwork-Geschichten bis zum Buchen von Touren und Verhandeln mit dem Merchandise-Mann machen wir alles selbst. Wir haben einfach ein besseres Gefühl, wenn wir die Kontrolle über sämtliche Dinge haben. Ein Manager würde uns nur unnötig unter Druck setzen, uns Zeitpläne vor die Füße schmeißen oder versuchen, Einfluss auf unsere Arbeit zu nehmen.«

Noch mal zu dieser Buch-Geschichte und Nick Cave. Es war zu vernehmen, dass sein Buch „And The Ass Saw The Angel“ einen Song auf ´The Dreadful Hours´ beeinflusst hat.

»Ja, das stimmt - ´The Raven And The Rose´. Ich las das Buch und fand darin einige gute Ideen. Das Buch ist sehr dunkel und rau, und das passt zu MY DYING BRIDE. Es geht um einen Jungen mit merkwürdigen Eltern und ein Mädchen mit einem merkwürdigen Background. Zwischen ihnen besteht eine sonderbare Beziehung; sie hassen sich, werden aber voneinander angezogen und wissen genau, dass sie füreinander bestimmt sind. Außerdem ist der Junge besessen von dem Gedanken, dass Gott ihm die ganze Zeit sagt, was er zu tun hat. Es sollte eine Art Liebesgeschichte sein, aber es endet nicht sehr happy. Neben der Darstellung der verschiedenen Facetten der Liebe behandelt der Song die Thematik Religion. Es ist doch ziemlich heuchlerisch, wenn Gott als Botschafter der Liebe und des Friedens angesehen wird, er aber gleichzeitig zulässt, dass jemand mordet.«

Um die Beziehung zwischen Mann und Frau geht es auch in ´Le Figlie Della Tempesta' (dt.: Töchter des Sturms).

»Im Groben geht es um Frauen und wie sie Männer dazu verführen, alles zu tun, was sie wollen. Frauen sind viel stärker als Männer. Wir stolpern irgendwie in die Dinge des Lebens rein und straucheln umher, sind beinahe blind ohne die Führung der Frauen. Die starken Frauen können sich diesen Umstand zunutze machen, die Männer verführen und in ihr Netz locken. Wenn sie dann fertig mit dir sind, lassen sie dich fallen, wann und wie sie wollen.«

Einspruch!! Diese Kunst beherrschen die Männer aber auch nicht schlecht...

»Ja, da ist schon was Wahres dran, aber Frauen können´s besser«, beharrt Aaron schelmisch lachend auf seiner Meinung.

Es folgt ein kleines Hin und Her zwischen Sturköpfen, bevor das Thema Bekanntheitsgrad auf den Tisch kommt. Auf dem europäischen Festland sind MY DYING BRIDE seit Jahren eine Kultband, die den großen kommerziellen Durchbruch zwar nicht geschafft hat, aber dennoch auf eine stattliche Anhängerschaft blicken kann. Ein Status, der - getreu dem bekannten Spruch "Der Prophet zählt nichts im eigenen Lande" - in England bei weitem noch nicht erreicht werden konnte.

»Wohl wahr«, bestätigt Aaron, der vor seiner Übersiedlung nach Großbritannien 15 Jahre in Mönchengladbach (!) gelebt hat. »Hier sind wir nahezu unbekannt und verkaufen lediglich ein paar Hundert Einheiten. Wir denken, die Radio-Landschaft trägt einen nicht kleinen Teil dazu bei. Die BBC und die lokalen Sender spielen nur Pop, Spice Girls und ähnlichen Shit. Es gibt zwar eine Rock-orientierte Sendung in der BBC, aber da laufen lediglich Limp Bizkit und Papa Roach. MY DYING BRIDE sind halt keine gepiercten, tätowierten Amerikaner. Wir sind ruhige Engländer, die in Ruhe ihre Platten rausbringen. Ein weiterer Fakt ist zudem, dass die englischen Metal-Fans sich grundsätzlich eher an Amerika und Kontinental-Europa orientieren.«

Zur Freude der einen und zum Leid der anderen haben einige Bands, die wie MY DYING BRIDE mit einem todesmetallisch eingefärbten Heavy-Sound an den Start gingen (beispielsweise Tiamat oder die ehemaligen Labelkollegen und befreundeten Paradise Lost), via Hinzunahme von poppigeren Klangmalereien einen kommerzielleren Weg eingeschlagen als Aaron & Co.

»Ich habe nichts gegen so etwas, für einige Bands kann es echt der große Sprung nach oben sein, wenn sie sich für diese Richtung entscheiden«, erklärt der Frontmann. "Für Paradise Lost freut es mich, dass es gut für sie gelaufen ist und sie einen Major-Deal ergattert haben. Manchmal kann sowas aber auch voll daneben gehen, und du bist im Nu weg vom Fenster, aber wenn du es nicht versuchst, wirst du es nie wissen. Für uns stellt sich die Frage allerdings gar nicht erst. Würde uns ein Major angehen und uns fragen, ob wir nicht etwas Kommerzielleres machen könnten, wäre die Antwort ein klares Nein. Wir machen diese Art von Musik nun seit elf Jahren, und wir machen sie nicht, um das dicke Geld damit zu verdienen. Das ist mit unserem Sound nicht drin. Wir spielen diese Musik, weil unser Herz in ihr zu finden ist.«

Eine Herzensangelegenheit war es auch seit langem, den Song ´The Return Of The Beautiful´ (vom ´92er Debüt-Album "As The Flower Withers") neu aufzunehmen. Diese Neuaufnahme befindet sich nun auf "The Dreadful Hours".

»Wir haben diesen Song schon immer geliebt«, schwärmt Aaron. »Als wir damals unser erstes Album einspielten, hatten wir kaum Geld, so dass die Produktion nicht gerade gigantisch ausfiel. Wir dachten seitdem, es sei schade, wenn der Song einfach so zurückgelassen würde. Wir hatten immer schon vor, ihn eines Tages zu neuem Leben zu erwecken. Als Shaun (Steels, ex-Anathema/Cradle Of Filth; dr.) und Hamish (Glencross, ex-Solstice; g.) bei uns einstiegen, wurde eine Neuaufnahme immer konkreter. Die beiden waren große MDB-Fans und wussten natürlich von unseren Plänen, und ihr Enthusiasmus gab uns schließlich den letzten Kick, die Idee umzusetzen.«

Zum Abschluss verrät der Frontmann noch, dass wir die Dunkelsound-Magier wohl aller Voraussicht nach im Frühjahr 2002 live erleben dürfen. Die seit Ewigkeiten angekündigte DVD (darauf enthalten sein werden der Inhalt des mittlerweile vergriffenen Videos "For Darkest Eyes" (1997, Clips und Live-Aufnahmen) sowie diverser "backstage rubbish" (O-Ton Aaron)) ist für eine Veröffentlichung im Februar vorgesehen. Daumen drücken!

 

AbfahrplanDie nächsten Konzerte

VENOM + MERCILESS + MASTER´S HAMMER + TANKARD + PENTACLE + DOOL + OUR SURVIVAL DEPENDS ON US + BAPTISM + CORONER + EXTREME NOISE TERROR + u.v.m.15.12.2017
bis
16.12.2017
Eindhoven, EffenaarEINDHOVEN METAL MEETINGTickets

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