Online-MegazineInterview

KITTIE

Rotzbraten süß-sauer

Die Rotzgören KITTIE sind inzwischen (fast) erwachsen und haben mit "Oracle" ein (fast) gutes neues Album am Start. Zeit für einen Plausch mit Band-Chefin Morgan Lander.

 

Morgan ist 'ne kleine Süße. Sehr höflich, sehr charmant und absolut nicht auf irgendein Image bedacht. Ihr Plattenfirmen-Promoter behauptet steif und fest, sie sei 17, aber die Kanadierin ist immerhin schon 19. (»Sorry, Jungs, aber ich kann leider nicht ewig 17 bleiben!«) Als sie das letzte Rock Hard durchblättert, grinse ich sie an, dass das Blatt weitgehend Nu Metal-freie Zone sei. Sie findet das »absolut wundervoll«, kennt aber auf der beigelegten Dynamit-CD außer Devin Townsend überhaupt niemanden.

 

»Wir sind trotzdem nicht Nu Metal. Das ist doch eine reine Mediengeschichte. Es war genauso blödsinnig, die Rockszene Anfang der Neunziger als "alternativ" zu bezeichnen. Aber immerhin steckt das Wort "Metal" in "Nu Metal". Es ist also eine weitere extreme Musikform, genau wie Black- und Death Metal.«

 

Stehst du denn auf Black- oder Death Metal?

»Absolut. Ich habe jedoch andererseits keine Lust, mich auf harte Musik zu beschränken. Ich versuche ständig, meinen Horizont zu erweitern. Ich mag entsetzlicherweise sogar Radiohead. Die sind wirklich scheißengeil. Sunny Day Real Estate sind ebenfalls brillant. Genau wie At The Drive-In.«

 

...die sich leider wegen ihrer Überpopularität aufgelöst haben. Das scheint einigen Bands, die aus dem Underground nach oben gespült werden, so zu gehen. Auch Refused beendeten ihre Karriere unter anderem deshalb, weil sie plötzlich richtig durchstarteten und damit nicht zurecht kamen.

»So eine Einstellung ist fuck-geil. Diese Bands ziehen ihr Ding ewig durch, und keiner interessiert sich einen Scheißdreck für sie. Dann gehen sie ab wie 'ne Rakete, und das erwürgt sie fast. Also machen sie was anderes. Ich kann das nachvollziehen.«

 

Weniger nachvollziehen kannst du wahrscheinlich, dass KITTIE in einer Werbung in der Berliner U-Bahn als Kanadas Antwort auf die Spice Girls bezeichnet werden.

»Du machst Witze!«

 

Nö...

»Das ist wirklich scheißendoof. Manche Leute haben ihre Köpfe scheinbar nicht auf den Schultern, sondern irgendwo anders stecken.«

 

Können die Medien nicht mit einer "harten Girlgroup" umgehen? Die Fans haben ja wohl kein Problem damit.

»Es gibt Leute, die rein gar nix kapieren. Aber wir glauben an unsere Musik. Das hat nichts mit Geschlechterrollen zu tun. Manche Menschen scheinen jedoch etwas alt im Kopf zu sein und können nicht aus ihrer Haut. Die werden uns nie verstehen. Tut uns ja echt leid. Hey, kommt endlich aus eurer Höhle. FUCK!«

 

Euer neues Album "Oracle" ist musikalisch nicht weit vom Debüt "Spit" entfernt. Trotzdem gefällt es mir deutlich besser...

»Wir fühlen uns einfach sicherer, und das merkt man auch ohne großartige stilistische Veränderungen. Besonders die Tour-Erfahrung hört man heraus. So etwas schlägt sich auch in meinen Kompositionen nieder. Mit den alten Stücken haben wir fünf Jahre gearbeitet. Vom Songwriting über die Aufnahmen von "Spit" bis hin zu der wirklich langen Tour verging eine Ewigkeit. Wir haben während der Zeit viel gelernt, was "Oracle" zugute kommt.«

 

Garth Richardson, der "Spit" und "Oracle" produzierte, ist also nicht der große Supervisor, der mehr oder weniger eure Richtung bestimmt?

»FUCK NO! Die einzige Formel, die für uns gilt, ist, direkt geradeaus zu rocken, ohne große Experimente. Wir können jetzt besser spielen, das Equipment ist besser, und wir hatten mehr Zeit im Studio. Das ändert aber nix an unserer Attitüde. Und da lassen wir uns auch nicht reinreden.«

 

Lässt du dir denn zumindest von deinen Kolleginnen reinreden? Du bist die einzige Komponistin bei KITTIE und giltst als ziemlicher Dickkopf.

»Ich schreibe alles allein (rülpst laut ins Mikro und grinst), sorry! Aber wenn ich den anderen eine Idee präsentiere und sie sie ablehnen, wird sie nicht verwendet. Jeder hat etwas zu sagen.«

 

Es gibt eh nur noch zwei Bandmitglieder, die überhaupt ein Veto einlegen können (Morgans Schwester Mercedes (dr.) und Bassistin Talena Atfield), nachdem eure zweite Gitarristin Fallon Bowman auf mysteriöse Weise aus der Band verschwand.

»Sie ist nicht mehr dabei. Punkt!«

 

Machst du es dir da nicht etwas einfach? Eine Menge Fans standen auf Fallon, und es gibt nicht mal ein offizielles Statement über ihren Abgang.

»Viele Leute verstehen die Situation nicht, in der wir sind. Sie haben keine Ahnung, worum es in diesem Geschäft geht. Es gibt Verträge, an die man sich halten muss. Es mag sein, dass manche Fans traurig sind, dass sie weg ist, aber sie hatte eh nicht viel mit der Band zu tun. Sie war es, die ihre Fans hat hängen lassen. Und jetzt ist sie halt weg. Punkt!«

 

Und du spielst auf "Oracle" alle Gitarren allein.

»Richtig. Live ist unser Gitarren-Techniker für die zweite Gitarre zuständig. Wir haben gar nicht erst nach einem Mädel als Ersatz gesucht. Das ist doch scheißegal. Warum sollen wir eine bestimmte Erwartung erfüllen? Im Studio werden wir auch zukünftig nur zu dritt arbeiten.«

 

Wie zum Deibel seid ihr eigentlich als wirklich superjunge Band darauf gekommen, mit 'Run Like Hell' einen Song der alten Hippie-Quälgeister Pink Floyd zu covern?

»Wir hatten schon vor Ewigkeiten das Angebot, ein Stück für einen Pink Floyd-Tribute einzuspielen. Wir waren total begeistert, suchten uns einen Track aus und nahmen ihn auf. Dann wurde leider das ganze Projekt gecancelt. Aber wir hatten den Song schon im Live-Set, und er war echt fuck-geil und kam bei den Fans gut an. Also entschieden wir uns, ihn auf "Oracle" zu packen.«

 

'Run Like Hell' sticht etwas aus eurem eigenen Repertoire heraus und ist auch ein bisschen zugänglicher als viele der Eigenkompositionen. Würdest du das Stück gern als Single sehen?

»Es wäre sehr dumm, wenn wir mit dem Song einer anderen Band als Auskopplung ankommen, nicht wahr?«

 

Mag sein, aber interessiert das eine Plattenfirma, die über die Köpfe der Musiker hinweg die Singles bestimmt?

»Das kann sie nicht. Zumindest nicht bei uns. Wir entscheiden die Richtung. Es gibt große Bands, die dieses Mitbestimmungsrecht nicht haben. Zu blöd. Aber auch wenn es manche Leute nicht glauben, wir gehen unseren Weg selbst.«

 

Und das scheint ein nicht gerade einfacher Weg zu sein. Deine Texte und Vocals sind voller Wut, dabei wirkst du nicht gerade wie eine Aggro-Zicke.

»Stimmt. Aber es passiert halt viel im Leben, das man reflektieren kann. Wenn ich eine Meinung zu einem Thema habe oder ein bestimmtes Gefühl spüre, bringe ich das rüber. Ich habe dafür viele Möglichkeiten. Ich kann flüstern, singen und schreien. Und es ist ein Segen, dass ich diese Palette beherrsche. Ich mag Dynamics. Ich habe hart an meinem Gesang gearbeitet. Wenn ich sauber singe, klingt es wirklich sehr sauber. Und auch die Schreie sind intensiver geworden. Die Gegensätze sind genauer herausgearbeitet.«

 

Habt ihr eigentlich auch Groupies? Schon lange vor eurem Berlin-Gig standen 'ne Menge Fans vor dem Club. Die meisten waren kleine Jungs, die Ausschau hielten, ob sich mal eine von euch blicken lässt.

»Das ist doch süß. Aber wenn du unter Groupie jemanden verstehst, der mit uns poppen will, liegst du falsch. Wir haben keinen Bock auf solche Aktionen. Es ist hingegen eine Ehre, wenn Fans zu uns kommen und mit uns abhängen. Das ist wunderbar.«

 

Und außerdem passt ohnehin der Papa von Morgan und Mercedes auf, der zugleich Manager von KITTIE ist.

»Na ja, so schlimm ist das nun nicht. Wir haben inzwischen eine Menge Erfahrung. Wir sind quasi in diesem Business aufgewachsen. Unsere Eltern halten sich mehr zurück als früher. Jetzt sind wir endlich 18. Bloß Mercedes ist noch 17. Aber unsere Eltern dackeln uns nicht den ganzen Tag hinterher. Oder siehst du meinen Vater gerade misstrauisch um irgendeine Ecke gucken?«