Online-MegazineInterview

THERAPY?

Im DeLorean zurück in die Zukunft

Das letzte Album "Suicide Pact - You First" empfanden viele THERAPY?-Fans mit seinen klaustrophobischen Industrial-Sounds als Zumutung - bezeichnend, dass Mühlmann drauf steht (kleiner Scherz, Herr Kollege...). Die neue Scheibe "Shameless" wurde in der Redaktion zwar auch zwiespältig aufgenommen, aber zumindest besinnen sich die Iren nun wieder auf ihre Wurzeln und haben einige neue Hits abgeliefert. Sänger und Gitarrist Andy Cairns sowie Bassist Michael McKeegan standen uns Rede und Antwort.

Da wir beim letzten Album gar kein Interview führten, müssen wir zunächst noch mal kurz auf die CD zu sprechen kommen. Welcher Teufel hatte euch denn da geritten?

Andy: »Etliche Fans finden, dass dies unsere beste Scheibe sei. Sie ist fraglos extrem und polarisierend, aber wir stehen nach wie vor zu ihr. Zu dieser Zeit habe ich fast nur Digital Hardcore-Zeugs wie Atari Teenage Riot gehört, und das hat sich nun mal stark in unserem Sound niedergeschlagen.«

Warum dann jetzt diese Rückbesinnung?

A: »Wir sind selber große Musikfans, sie sich regelmäßig aktuelle CDs kaufen und zu Konzerten gehen. Dabei haben wir in letzter Zeit Bands wie Zen Guerilla, die Supersuckers, Zeke, Murder City Devils oder The Black Halos kennen gelernt. Diese Gruppen versprühen eine enorme Energie und haben einige der besten Shows abgeliefert, die wir je gehört haben und das will wirklich etwas heißen, denn schließlich sind wir weit über 30.«

Wie sieht´s denn mit den Backyard Babies oder Hellacopters aus? Steht ihr auch auf die?

A: »Auch, aber nicht so, denn sie sind eher vom Hardrock der Siebziger? Kiss, Hanoi Rocks und so - beeinflusst, während die anderen eher aus der Dead Boys/Ramones-Ecke kommen, die wir noch lieber mögen. Dadurch sind wir wieder auf den Garagen-Rock- und Punk-Trip gekommen, bei dem der Song als solcher im Mittelpunkt steht. Wir schrieben das neue Material nach dem Motto "Don´t bore us, get to the chorus", so dass die Tracks nur noch drei und nicht mehr fünf oder sechs Minuten lang sind.«

Habt ihr euch wegen dieser neuen Einflüsse Jack Endino als Produzent ausgesucht?

A: »Ja, denn er hat sich nie von der Musikindustrie vereinnahmen lassen und stets cooles Zeug gemacht. Sein Erfolg als Nirvana-Produzent war eher ein Unfall. Danach hätte er jede Menge Kohle scheffeln können, hat die ganzen Major-Jobs aber abgelehnt, weil ihm die Musik nicht gefallen hat und ihm diese Plastik-Bands eh auf den Sack gehen. Er erzählte uns, wie die Plattenfirmen arbeiten: Sobald ein Act Erfolg hat, wird sofort eine Kopie unter Vertrag genommen und bekommt dann einen Namen, der mit dem gleichen Buchstaben anfängt, damit die CDs im selben Plattenregal stehen. Stichwort: Weezer und Wheatus oder Limp Bizkit und Linkin Park. Weil er auf dieses abgefuckte Business keinen Bock hat, fährt er lieber mit dem alten, rostigen Pick-up seines Vaters anstatt mit einem Porsche rum und produziert dafür die Gruppen, die ihm musikalisch etwas geben. Und das waren in letzter Zeit eben viele Sub Pop-Bands, wobei das Label heutzutage ja nicht mehr für Grunge, sondern eben für diesen punkigen Garagen-Rock steht. Unsere Arbeitsweise war recht ungewöhnlich: Wir schrieben unsere Lieblingsbands auf eine Tafel und versuchten dann, deren Vibes wohlgemerkt: nur die Vibes, nicht deren konkrete Ideen! in unseren Songs herauszuarbeiten. Dabei orientierten wir uns entweder an unseren bereits vorhandenen Rohversionen oder aber am Text. ´Body Bag Girl´ handelt beispielsweise von einem Junkie. Das assoziierten wir mit Iggy Pop. Unser Lieblingsalbum von ihm ist "The Idiot". Also arbeiteten wir den Song um, bis er dessen Atmosphäre hatte. Unsere erste Single ´Gimme Back My Brain´ ging von vornherein in Richtung Ramones und Black Flag, so dass wir lediglich deren Charme noch etwas betonten. ´Dance´ vereint das Beste von Jesus Lizard und Turbonegro, wobei ich mit dem zweistimmigen Solo auch noch Thin Lizzy Tribut zolle. Jack erhob zunächst zwar Einspruch dagegen und meinte, dass wir das heutzutage ja wohl nicht mehr bringen könnten, aber als ich ihm erwiderte, dass wir schließlich auch Iren seien und von daher das Recht dazu hätten, stimmte er widerwillig zu - allerdings nicht ohne den Kommentar, dass ich ja wohl völlig schamlos wäre. Daher rührt der Albumtitel.«

Noch wesentlich unzeitgemäßer klingt die trashige Orgel im Stooges-Rocker ´Wicked Man´.

Michael: »Wir sind einfach in ein Instrumentengeschäft gegangen und haben dem Verkäufer gesagt: "Wir hätten gerne ihren kitschigsten Klimperkasten, bitte." Er hat erst mal ziemlich doof geguckt, uns dann aber diese olle Second Hand-Orgel verkauft, die für unseren Zweck ideal war, denn schließlich wollten wir sie wegen der Sixties-Atmosphäre, die wir mit ihr auch prima hinbekommen haben. Leider hat sie das Format einer Schrankwand, so dass wir sie nicht mit auf Tour nehmen können.«

Aus dem Rahmen fällt zudem noch der Soundtrack-artige ´Theme From DeLorean´.

A: »Ursprünglich war das Stück als Instrumental gedacht. Der Titel ist dem gleichnamigen Sportwagen aus den Achtzigern gewidmet (der silberne Flügeltürer aus "Zurück in die Zukunft" - d.Verf.), der übrigens von einer nordirischen Firma gebaut wurde, die leider schnell pleite war. Als wir in Seattle gerade an der Nummer arbeiteten, bekamen wir einen Anruf aus der Heimat, dass einer unserer Freunde bei einem Autounfall tödlich verunglückt sei - ein tragischer Zufall. Wir sind direkt in eine Kneipe gegangen und haben uns betrunken, um unsere Trauer zu verarbeiten. Dabei schrieb ich alle Gedanken auf, die mir zu dem Toten einfielen, und sie bilden nun den Text.«

Um ein ähnliches Thema dreht sich auch ´Joey´, oder?

A: »Der Text ist eine Hommage an Joey Dunlop, einen erfolgreichen Motorradrennfahrer, der die 500ccm-Klasse mehrmals gewonnen hat, aber leider ebenfalls tödlich verunglückt ist. Er war ein sehr bodenständiger Typ und in Nordirland ein Volksheld. Ich mochte ihn zudem, weil er eine Frisur wie Joe Ramone (R.I.P. - d.Verf.) hatte.«

Seid ihr denn Motorsport-Fans?

A: »Eigentlich nicht. Es geht uns in Songs wie diesem eher um die menschliche Seite.«

Gibt es eigentlich irgendeinen Zusammenhang zwischen dem Album- oder einem Songtitel und dem originellen Cover?

M: »Nicht wirklich. Wir arbeiten mit den beiden Künstlern schon länger zusammen und gaben ihnen einfach den Song ´Gimme Back My Brain´. Dieses Artwork mit den im Kino sitzenden Hasen war ihre Idee - keine Ahnung, wie sie darauf kamen. Wir lieben es, weil es so schön schräg ist und diesen Melvins/Frank Kozik-Touch hat. Die Plattenfirma wollte eigentlich ein Bandfoto auf dem Cover haben, aber das hätte bei unseren hässlichen Visagen die Verkäufe wahrscheinlich negativ beeinflusst (lacht).«

Positiven Einfluss hattet ihr bei euren letzten London-Shows dagegen auf den Bierumsatz. Man munkelt was von einem absoluten Rekord...

M: »Der Club fasst 750 Leute. Wir haben ihn drei Nächte hintereinander ausverkauft. Diese 2.250 Leute haben mehr als 100.000 Pfund (über 300.000 DM - d.Verf.) versoffen ? macht im Schnitt also 44 Pfund (132 DM - d.Verf.) pro Kopf und Abend. Nicht schlecht, oder?«

Allerdings, obwohl das angesichts der hohen englischen Bierpreise etwas zu relativieren ist. Dennoch spricht es natürlich dafür, dass sich THERAPY?-Songs ausgesprochen gut für ein zünftiges Trinkgelage eignen.

 

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