Online-MegazineInterview

TANTRIC

Chickenwings zum Frühstück

Wer Alice In Chains unplugged mag, wird TANTRIC lieben. Die aus Days Of The New hervorgegangene Band hat allerdings noch mehr zu bieten als schmuseweiche Grunge-Balladen, wie das phantastische Debüt und das Interview mit Gitarrist Todd Whitener zeigen.

Bevor wir auf TANTRIC zu sprechen kommen, gilt es jedoch erst einmal, den höchst seltsamen Days Of The New-Split zu erklären.

»Wir wissen bis heute nicht genau, was da eigentlich passiert ist«, gibt sich Gitarrist Todd Whitener, der dort zusammen mit Bassist Jesse und Schlagzeuger Matt spielte, immer noch etwas ratlos. »Wir lebten unseren Traum, Teil des Rockzirkus zu sein und für Idole wie Metallica als Vorgruppe auftreten zu dürfen. Alles lief prima, und wir genossen die Zeit, als Sänger Travis Meeks uns eines Morgens plötzlich sagte, dass wir nicht mehr gebraucht würden und nach Hause fahren könnten. Jesse und Matt kannten ihn schon seit dem Kindergarten. Wir waren alle gute Freunde und konnten uns beim besten Willen nicht vorstellen, von einem Bandmitglied dermaßen hintergangen zu werden. Travis sicherte sich ohne unser Wissen die alleinigen Rechte am Bandnamen, wodurch er auch bessere Karten hatte, den Plattenvertrag zu behalten. Schließlich hat der Name eines Platin-Acts einen gewissen Wert, weil er unabhängig von der Qualität der nächsten Scheibe auf jeden Fall schon mal eine Menge Vorverkäufe garantiert. Dieser linke Vogel hat zudem die uns zustehende Kohle einbehalten. Wir haben ihn natürlich verklagt, aber der Prozess zog sich in die Länge, so dass wir zunächst mal ohne einen Pfennig dastanden. Wir werden wohl noch etwas Geld zugesprochen bekommen. Ab einem gewissen Punkt waren wir es jedoch leid, weiter zu klagen und uns tagtäglich nur noch mit Anwälten zu beschäftigen, weil uns das von unserem wahren Ziel abgehalten hat: nämlich Musik zu machen. Wir waren eben naiv, mussten dafür bezahlen und haben nun unsere Lektion gelernt.«

In der ersten Zeit danach sah es nicht sonderlich rosig für die Jungs aus. Sie waren sogar so abgebrannt, dass sie bei einer Fastfood-Kette arbeiten mussten, um sich über Wasser zu halten.

»Jeden Tag aßen wir nur Chickenwings. Zum Frühstück, zum Mittag- und zum Abendessen.«

Das war natürlich nicht der Lebenstraum der Drei, so dass sie nebenbei hart an neuen Songs arbeiteten und einen neuen Sänger suchten, damit sie wieder mit einer kompletten Band auf Tour gehen konnten. Problematisch war allerdings, dass ihre Heimat Louisville in Kentucky nicht gerade das Zentrum des Musikbranche ist. In dieser Situation half ein gutes Gedächtnis.

»Wir erinnerten uns an diesen super Sänger, den wir vor einiger Zeit mal bei einer gemeinsamen Show mit seiner Band in Detroit getroffen hatten, und riefen ihn an. Dieser Verrückte namens Hugo Ferreira packte sofort seine Sachen, setzte sich in sein Auto und kam zu uns. Diese Entschlussfreudigkeit und auch sein Engagement beim Komponieren haben uns so stark beeindruckt, dass wir nicht lange überlegen mussten, ob wir ihn als neues Bandmitglied aufnehmen. Die Texte schrieben wir zusammen und verarbeiteten dabei unsere schlechten Erfahrungen. Das war allemal ein sinnvollerer Umgang mit unserem damaligen Business-Frust, als einfach irgendwelche Leute zusammenzuschlagen. Hugo ist ein wirklich netter Typ, mit dem wir zwischenmenschlich prima auskommen. Überdies singt er mit so viel Seele, dass er selbst uns immer wieder eine Gänsehaut über den Rücken jagt. Durch seine anderen Einflüsse hat sich unser Spektrum zudem erheblich erweitert.«

Nachdem die neue Besetzung stand, brauchte die Band wegen der angesprochenen rechtlichen Probleme auch einen neuen Namen und entschied sich für TANTRIC. Eine Wahl, die auf einem kuriosen Erlebnis basiert.

»Als wir mal in New York mit dem Taxi unterwegs waren, hatten wir einen indischen Fahrer, der alles Mögliche über Tantra (eine Sexualpraktik, die aus dem Hinduismus hervorgegangen ist - Red.) wusste und uns viel darüber erzählt hat: die Wortbedeutung, die Energiefelder, die Techniken usw. Das machte uns neugierig, so dass wir uns intensiver damit beschäftigten - ziemlich interessant.«

Das Artwork - ein abstrakter Körper ohne Kopf - hat damit jedoch nichts zu tun und besitzt keine tiefere Bedeutung, wie der sympathische Klampfer gesteht.

»Das Cover soll passend zum Bandnamen einfach nur mysteriös und geheimnisvoll wirken. Man kann nicht genau erkennen, was das Motiv eigentlich ist, aber es handelt sich um einen High-Heel-Schuh, der gespiegelt und dessen Abbilder miteinander verwoben wurden.«

Als Produzent wählte die Band Toby Wright, der sich durch seine Zusammenarbeit mit Alice In Chains und Korn einen Namen gemacht hat.

»Er ist der größte Fachmann in Sachen Gesangsharmonien, und seine Vorschläge waren einfach großartig«, schwärmt Todd noch immer. »Er hatte einen genauso großen Einfluss auf uns wie auf Alice In Chains. Eigentlich müsste man Toby als Referenz anführen und nicht Layne Staley & Co., denn die Parallelen gehen auf ihn zurück.«

Das fertige Resultat überzeugte auch mehrere Majorlabels, die um die Band buhlten. Das Rennen machte schließlich das Madonna-Label Maverick, mit dem TANTRIC schnell an alte Erfolge anknüpfen konnten. Die Single ´Breakdown´ lief im Radio rauf und runter, nach kurzer Zeit erreichte das Album Gold und steuert derzeit stramm auf Platin zu. Da alle Musiker diesmal vertraglich gleichberechtigt sind, sollten sie den Fastfood-Tresen vorerst nur von der Kundenseite aus sehen müssen...