Online-MegazineInterview

SPOCK´S BEARD

Interview mit Nick D´Virgilio

Er ist der heimliche Star der Band, ein musikalisches Multitalent, das allein mehr Fähigkeiten auf die Waage bringt als manche Hartwurstcombo zusammen: Nick D'Virgilio, Schlagzeuger, Background-Sänger und Teilzeit-Gitarrist und und und von SPOCK'S BEARD. Mietet euch ausschließlich diesen Kalifornier für einen lauschigen Abend, und am Ende hätte er die Schmusesektion mit seiner sanften Stimme (wie bei ´June´) veredelt und gleichzeitig den Garten umgegraben - so sehr rockt und bluest das Bandküken. Jetzt hat er endlich auch sein privates Stillhalteabkommen gebrochen und wirft am 27. August unter seinem Kürzel NDV seine erste Solo-Scheibe "Karma" in den Ring. Volker Weber sprach auf der SPOCK'S BEARD-Tour mit Nick.

 

Nick, normalerweise sind Babies keine sechs oder sieben Jahre alt, wenn sie zur Welt kommen...

„Nun, auf meiner Platte sind einige Songs tatsächlich etwas älter, der Senior unter ihnen stammt aus den Jahren ´94 bis ´95.“

Warum musste deine Musik erst Staub ansetzen, ehe sie veröffentlicht werden konnte?

„Ich bin als Musiker, als Spieler groß geworden, nicht als jemand, dem das Songwriting in die Wiege gelegt war. Erst als ich 20 wurde, habe ich mich ernsthaft damit beschäftigt. Neal Morse (Kopf von SPOCK'S BEARD - d.Verf.) hat dagegen schon als kleines Kind angefangen zu schreiben. Ich habe als Musiker wohl eine andere Gehirnfunktion als er. Du denkst anders, es ist eine andere Kunstform. Lange Jahre war ich einfach nur ein Fan, immer im Hintergrund, aber ein fanatischer Anhänger von gutem Songwriting. Aber ich hab's selbst nicht hinbekommen, was mich mächtig angepisst hat. Wieder und wieder habe ich's versucht, aber es war einfach Käse in meinen Ohren. Außerdem war ich nicht selbstbewusst genug, um zu sagen: Das kann man Leuten vorsetzen. Ich habe mich einfach nicht getraut, hatte Selbstzweifel. Trommeln ja, das hätte ich für alles und jeden gekonnt, aber mehr? Und dann hab' ich irgendwann Thomas Waber von InsideOut (Plattenfirma von SPOCK'S BEARD - d.Verf.) meine Demos geschickt. Er sagte: „Wenn du was an den Start bringen willst, dann her damit.“ Das war der Tritt in den Hintern, den ich brauchte. Und dann ging's ab, wir haben das ganze Ding in vier Wochen durchgezogen. Ich hatte das Material schon zusammen und konnte mich bei meinen Demos bedienen.“

Vor und nach den SPOCK'S BEARD-Konzerten dudelte Nicks Erstling über die Hallen-P.A. Der erste Höreindruck deutet auf einen fetten Gemischtwarenladen hin.

„Ja, es ist wie eine Achterbahn-Fahrt. Mit progressiven Teilen, aber anders als SPOCK'S BEARD. Die Songs sind in sich harmonischer, mehr auf Schlagzeug, Bass und Gitarre basierend. Ein Stück ist instrumental, die anderen sehr am Gesang orientiert. Die beiden älteren Tracks fallen durch den richtig großen Klangteppich auf, mit Mellotron- und Synthesizer-Teilen. Die modernen Nummern haben mehr Bass und Schlagzeug. Insgesamt wird eine Menge geboten: Heavy-Rock, Rhythm'n'Blues, ein bisschen funky, ein bisschen progressive.“

Ein Name, der im Zusammenhang mit SPOCK'S BEARD immer wieder auftaucht, ist der des verstorbenen Kevin Gilbert. Der Musiker, Produzent und Songwriter beförderte u.a. Sheryl Crow etliche Stufen nach oben auf der Karriereleiter, wurde von ihr dann aber nicht mit hoch genommen. Crows Chart-Hit ´All I Wanna Do Is Have Some Fun´ stammt aus seiner Feder, wie auch eine eigene Scheiben ("Giraffe"). Posthum setzt Nick D'Virgilio ihm mit „Karma“ ein Denkmal, denn Kevin Gilbert ist auf der Scheibe zu hören.

„Für meine musikalische Entwicklung ist Kevin sehr, sehr wichtig gewesen. Den Song ´The Game´ habe ich mit ihm zusammen geschrieben. Es ist übrigens das einzige meiner Lieder, zu dem ich ihn für eine Zusammenarbeit überreden konnte. Er war immer sehr auf sich selbst konzentriert. Es war unheimlich schwierig, ihm mal ein Tape zu geben und zu bitten: "Hey, check this out." Kevin spielt auf ´The Game´ Klavier und 12-String-Guitar. Dazu steht auf "Karma" die Ballade ´Come What May´, die er zusammen mit David Baerwald 1994 für einen Kinofilm komponiert hatte. Ein cooler Lovesong. Ich hatte seine Sachen auf Tape und wollte sie unbedingt behalten. Ja, Kevin war der bedeutendste Mann für meine musikalische Entwicklung - vergleichbar mit Neal...“

„Er muss das sagen, weil ich gerade zur Tür reingekommen bin“, grinst Neal, schmiert sich eine Stulle und hört aufmerksam zu.

Nick: „Kevin hat mich ins Business geholt. Bis dahin hatte ich nur in einer Coverband getrommelt, was ich irgendwann ziemlich hasste. Zufällig kam dann der Kontakt zustande. Ich spielte in einer wirklich schlechten Bluesband in einem Skigebiet, wo er ein Treffen mit Sheryl Crow hatte, mit der er zu der Zeit Musik machte. Er hat mich für ein Tribute-Konzert angeheuert, sechs Monate später im Rahmen des Progfests in Los Angeles.“

Neal: „Hey, das war auch der Zeitpunkt, als ich ihn das erste Mal sah. Irgendwer gab mir den Tipp, dass er bei diesem Jam dabei sein würde. Du hast mich eingeladen zu kommen.“

Nick: „Tatsächlich?“

Neal. „Ja, und ich hatte eigentlich keinen Bock hinzugehen. Also ist es dein Verdienst, das war kein Zufall.“

Nick: „Doch, absolut. Dieses Tribute-Konzert habe ich nur spielen können, weil ein Drummer, den ich zuvor ein einziges Mal in L.A. getroffen hatte, es nicht machen wollte und stattdessen mir anbot. Dann hatten wir die Band zusammen - und es war grottenschlecht. Wir spielten einen Song von Kevin Gilbert, mit ihm selbst am Keyboard, und es klang einfach scheiße. Aber das Unglaubliche war: Kevin kümmerte das nicht die Bohne.“

Neal: „Er war da völlig unsensibel, so cool.“

Nick: „Und das vor all den großen Produzenten und Songwritern...“

Neal: „Er hat mich umgehauen. Das erste Mal traf ich ihn bei deiner Geburtstagsfeier 1994. Zu dem Zeitpunkt hatte er ´All I Wanna Do Is Have Some Fun´ mitgeschrieben, und der Song stand auf Platz eins der Charts, exakt in jener Woche. Es war erstaunlich, wie wenig ihn das bewegte. An dem Tag fuhr er in sein Studio, kramte seine Ausrüstung zusammen und brachte sie mit zu Nick. Wir sagten: „Los, lass uns spielen“ - und meinten eigentlich seine Songs. Er hatte da aber überhaupt keinen Bock drauf und fing an, Funk-Sachen zu spielen. Ich zockte dann Schlagzeug zu ´Things She Said´ mit Kevin als Sänger. Das war ´ne feiste Sache für mich, weil ich ihn so verehrt habe.“ (Neal trollt sich wieder)

Hierzulande bekannter sind andere Bands, für die du schon gearbeitet hast.

„Ja, GENESIS (Nick trommelte auf "Calling All Stations" - d.Verf.) oder TEARS FOR FEARS. Die Leute fragen mich immer noch danach. Das waren die größten Dinge, die ich je gemacht habe. Mit Kevin Gilbert spielte ich diesen Gig, dann ging ich ´96 mit Tears For Fears auf Tour, arbeitete mit Peter Gabriel und spielte schließlich bei GENESIS. Als Kind waren GENESIS meine ultimative Band, und dann konnte ich für sie eine Scheibe einspielen - unglaublich! Hey, mein Name steht auf einer ihrer Platten!

Als Gastmusiker sind auf meiner Scheibe auch Mike Keneally als Gitarrist und Brian Beller am Bass (von der Band BEER FOR DOLPHINS; Mike spielte Gitarre für Zappa und zuletzt mit Steve Vai auf der G3-Tour - d.Verf.) zu hören, mit denen ich vor Jahren das YES-Tribute "Tales From Yesterday" einspielte. Der Deal mit Mike war als Ausgleich gedacht, weil er mich für die Proben vor der letzten gemeinsamen Tour (mit BEER FOR DOLPHINS - d.Verf.) nicht bezahlen konnte. Mike und ich wollen im November zusammen ein verrücktes Live-Ding in Holland abziehen, und wenn Neal Morse dann mit Transatlantic in Europa sein sollte, sind vielleicht wieder ein paar Pub-Gigs mit ihm in Deutschland möglich.“

Auf deinem ersten Drum-Workshop in Europa, in Karlsruhe, hast du einen "Karma"-Song namens ´Paying The Price´ gespielt. Worum geht es darin?

„Es ist einer von drei Songs am Ende der Platte, die zusammengefügt eine Geschichte bilden. Es geht darum, dass viele Kinder in den USA schlecht erzogen sind, weil sie Eltern haben, die sich einen Dreck um sie kümmern. Im ersten Teil geht es um ein Mädchen und einen Jungen aus verschiedenen Familien; beide sind verwahrlost. In ´Paying The Price´ hauen sie ab und treffen sich zufällig. Der Heilungsprozess wird dann im dritten Teil beschrieben.“

Ist „Karma“ von den Texten her politisch zu verstehen?

„Nicht sehr politisch. Zum Titelsong hat mich Bill Clinton inspiriert. Alles, was er zu verbergen versuchte, kam doch schließlich heraus. Er hatte ein schlechtes Karma, es folgte ihm überall hin - die Sache mit seiner Frau und Monica Lewinsky ist nur ein Beispiel. Was auch immer er tat, kein Geheimnis konnte er für sich behalten. Die meisten anderen Songs sind eher von meinen persönlichen Erfahrungen beeinflusst. Meine Frau und ich hatten eine harte Zeit, einiges stammt direkt aus dieser Phase.“

Du sagtest anfangs, du wärst früher eher Musiker als Songwriter gewesen. Fiel es dir dann leicht, die Texte zu schreiben?

„Die Lyrics hinzubekommen, war das absolut Härteste an der ganzen Platte. Ich habe versucht, mir viel von den großen Textern abzuschauen, von den Beatles bis zu Sting. Auch Neal schreibt großartige Texte. Wie funktioniert das nur? Wie schaffen sie es, Worte, die jeder andere auch benutzt, gut klingen zu lassen? Das meiste, was du heute im Radio hörst, ist doch ungeheuer schlecht. Ich habe gebetet, dass es sich bei mir nicht so anhören würde.“

Was soll aus NDV einmal werden?

„Ich verstehe es mehr als ein Projekt und nicht als feste Band, so dass ich die Gastmusiker austauschen kann. Die einzige Konstante bin ich, was es auch leichter macht, die Musik zu schreiben. Ehrlich gesagt ist dieses Projekt das, was ich mein ganzes Leben lang machen wollte. Ich habe immer davon geträumt, der Star der Show zu sein, nicht nur der Mann im Hintergrund. Deswegen komme ich bei jeder Show von SPOCK'S BEARD so oft wie möglich hinter dem Drumkit hervor. Ich möchte mit NDV soweit kommen, wie es nur eben geht. Das will ich aber auch mit SPOCK'S BEARD, denn das ist meine Band, der ich von Anfang an angehöre, die für mich wie eine Familie ist. Es ist ungeheuer befriedigend, weil wir es von nichts zu etwas gebracht haben. Aber meinen eigenen Traum will ich auch leben. Ob und wie ich NDV live umsetzen kann, weiß ich noch nicht. Aber mir schwebt dieses Phil Collins-Solo-Ding vor. Ich gehe raus und singe, bei Gelegenheit spiele ich Schlagzeug und viel Gitarre. Es müssten dann zwei Drummer sein, obwohl das allein finanziell eine hohe Hausnummer sein wird. Insgesamt aber bräuchte ich wohl keine große Band: zwei Drummer, einen Bassisten und einen Gitarristen.“

Und dann soll man eines Tages von Nick D'Virgilio sprechen als berühmtem Drummer, Sänger, Gitarristen oder als was?

„Das ist mir egal, ich kenne meine Stärken. In meinem Schädel kann ich gut beurteilen, welche Fähigkeiten ich beispielsweise als Drummer habe. Obwohl ich manchmal am liebsten in die Stöcke beißen würde, weil ich etwas nicht hinkriege. Aber ich liebe es, wenn die Leute meine Stimme mögen.“

Bei SPOCK'S BEARD bist du ja der Mann für die hohen Stimmlagen.

„Ich muss da immer bis ans Äußerste gehen, mich oft strecken - und das regelmäßig gleich zu Beginn des Sets, ohne Aufwärmphase. Neal gibt mir immer die hohen Lagen, weil er es nicht bis dahin schafft. Das ist so anstrengend, dass ich bei den Soundchecks meine Stimme mittlerweile schone und nicht immer mitsinge.“

Hörst du dich auf "Karma" glockenklar an?

„Auf meiner Platte ist mehr die natürliche Stimmlage zu hören, ich wollte weniger zart singen. Wie Chris Cornell von SOUNDGARDEN würde ich schon gerne klingen, aber ich höre mich rockiger an. Es gibt natürlich auch die volle Ladung schöne Stimme, den ultimativen Lovesong - für meine Frau. Klar, ich will auch, dass Frauen diese Platte mögen. Nur für Kerle, und Frauen müssen leider draußen bleiben - so ist das Album nicht angelegt.“

 

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