Online-MegazineInterview

SPOCK´S BEARD

Interview mit Neal Morse

Die Alte Welt darf sich glücklich schätzen. Mindestens einmal pro Jahr wirft die Enterprise Spocks Bart über Europa ab, während das Erzeugerland der Progrock-Ausnahmeband regelmäßig leer ausgeht. Wer die gerade beendete Tour der Kalifornier ansatzweise miterlebt hat, wird sagen: Das kann gerne so bleiben, solange Neal Morse & Co. so viel Feuer im Hintern haben wie Senor Valasco nach dem regelmäßigen Genuss seiner Milch mit Tabasco... Allerdings muss genügend Holz aufs Feuer. Wie lange SPOCK'S BEARD noch mit dem bisherigen "moderaten Erfolg" (Bassist Dave Meros) den Rhythmus Platte/Europa-Tour(neen)/so gut wie keine US-Tour/Platte einhalten können, darüber sprachen wir mit Neal Morse, dem Captain Kirk der Band, vor dem Auftritt in Karlsruhe.

 

Letzten Herbst wart ihr hier, im späten Frühling schon wieder. Vernachlässigt ihr nicht eure Heimat ein wenig? Oder macht eine ausgedehnte Headliner-Tour in den Staaten wirtschaftlich keinen Sinn?

»Du wirst lachen, wir stellen gerade eine US-Tour für Ende Juli auf die Beine. Grundsätzlich diskutieren wir innerhalb der Band die Möglichkeit ziemlich oft, weil es mächtig teuer ist. Und wenn du nicht genug finanzielle Absicherung von den Hallen bekommst, dann zahlst du drauf. Okay, die Plattenfirma sagt, sie zahlt das, aber dann gibt's doch einen Rückzieher. Das nervt. Doch wir wollen am Ball bleiben, schließlich haben wir genug Fans drüben. Und wir wollen uns ihnen endlich auf einer richtigen Tour zeigen.«

Tatsächlich gibt es offenbar keine Tourneeplanung in Nordamerika ohne Rückschlag. Gerade sind drei für Mitte Juli vereinbarte Kanada-Gigs gecancelt worden. Und Neal ruft über die Band-Website (www.spocksbeard.com) dazu auf, örtliche Veranstalter um eine Auftrittsgelegenheit zu bitten. Da war´s als Support für Dream Theater anno 2000 schon einfacher, allerdings auch nicht das Paradies:

»Wir haben als Opener die gesamte DREAM THEATER-Tour in den Staaten mitgemacht. Das ging auf die Knochen. Wir sind mit einem Wohnmobil unterwegs gewesen, hatten noch nicht einmal einen Tourbus. Ich meine, die Gigs waren durch die Bank klasse, aber körperlich war es eine Strapaze, ohne Bus, ohne Hotels. Dieses Wohnmobil machte Krach wie eine Dampflok. Es ging alles nur katschun, katschun.« (Mache das Geräusch auf Anfrage gerne vor - d.Verf.) (Wir warten... - Red.) Wir konnten uns auch keinen Fahrer leisten, so dass wir auf einen Freund von Ryo (Okumoto, Keyboarder - d.Verf.) zurückgreifen mussten. Seine Jobs waren: mit einer Hand Fotos machen, mit der anderen telefonieren und dabei auch noch lenken. Mein Laptop ist dabei draufgegangen. Das hat's noch schlimmer gemacht. Wir haben unser Lehrgeld bezahlt. Seitdem versuche ich, wieder rauszukommen, an den selben Orten zu spielen und unsere Fans zu pflegen. Aber irgend etwas ist immer gegen uns. Einmal hatten wir einen Agenten, der die Shows buchen sollte und es nicht tat, ein anderes Mal mussten die Konzerte verschoben werden. Aber wir versuchen es jetzt wieder.«

Eins deiner Keyboards musst du zur Finanzierung der US-Tour aber nicht wieder bei eBay versteigern wie letztes Jahr?

»Oh, Mann (lacht). Wessen verrückte Idee war das eigentlich noch? Genau, Ingrid, eine deutsche Freundin, kam damit an. Wir sprachen eigentlich darüber, das Roland D-10 in einer kleinen feierlichen Zeremonie beizusetzen. Ingrid bestand darauf: Verkauf's bei eBay.«

Und dann landete es auch wieder in Europa.

»Ja, ein deutscher Fan hat es sich an Land gezogen, für 660 Dollar. Dabei war es maximal noch zwei wert, echt. Es war so alt, dass es noch meine alte kalifornische Passnummer eingraviert hatte. Das hatte mir die Polizei mal aus versicherungstechnischen Gründen geraten, weil ich mit der Zeit soviel Zeug zu Hause gebunkert hatte. Also steht da Neal Morse plus Registriernummer drauf. Ich hab's noch signiert, dann ging's zu UPS und ab über den großen Teich. Der Käufer zahlte Gott sei Dank die Transportkosten!« (lacht)

(Wen's interessiert: Das weitere Schicksal des D-10 ist unter www.hopperdietzel.de/Musik/spock/neal_keyb/neal_keyb.html zu verfolgen)

So kratzen SPOCK'S BEARD also ab und an Knete zusammen. Da fragt man sich: Wie lange dauert's noch bis zum längst verdienten Durchbruch beim Geldverdienen?

»Oh, das wäre schön für die Planung. Aber in Wahrheit denke ich nicht in diese Richtung, weil sich gewisse Dinge einfach nicht kontrollieren lassen. Als Musiker ist es zu allererst meine Aufgabe, die bestmögliche Musik für SPOCK'S BEARD zu schreiben und die bestmögliche Show zu bieten. Abgesehen davon habe ich noch meine eigene Plattenfirma Radiant Records ( www.radiantrecords.com), wo ich den Business-Faktor beeinflussen kann. Es ist im Moment einfach kein dickes Geldbündel da, das ein Majorlabel auf den Tisch knallt. Ich würde auch nicht im Traum daran denken, bei den großen Firmen Klinken zu putzen. Nicht auszudenken. Das Einzige, was ich tun kann, ist, weiterzumachen und Gott zu bitten: Hey, wir wollen den Durchbruch schaffen und unsere Musik zu mehr Leuten auf einem höheren Level bringen, so dass wir unsere Familien besser versorgen und die anderen Jobs zurückfahren können. Übrigens ist unser Label InsideOut großartig, sie haben uns Geld gegeben, um das Video für 'All On A Sunday' zu drehen. Vielleicht bringt uns die Single oder das Video weiter. Es scheint so zu sein, dass die Single bei den Leuten besser ankommt, als wir dachten. Ich habe gehört, dass der Clip in der Rotation ist. (während der Tour bei Onyx - d.Verf.)«

Das Video ist eine neue Erfahrung für euch?

»Ja, ich hab's bloß bis heute noch nicht mal im Fernsehen sehen können, auch nicht am Computer als Single-Bonustrack. Ich kenne nur meine Videokopie. Aber mich beschäftigt auch schon wieder eher unsere musikalische Zukunft. Obwohl ich im Moment noch keinen blassen Schimmer habe, wie´s weitergeht.« (lacht)

Kaum zu glauben bei einem Mann, der jeden zweiten Monat Material für eine neue Scheibe zu schreiben scheint.

»Okay, ich habe natürlich neue Songs fertig. Aber nicht so viele, um gleich wieder ins Studio zu gehen. (Februar ist als Veröffentlichungsmonat des sechsten Studioalbums im Gespräch - Verf.) Ich habe das Gefühl, dass SPOCK'S BEARD an dem Punkt angekommen sind, wo wir etwas ändern sollten, ohne jetzt genau zu wissen was. Grundsätzlich könnte es aber so weitergehen: neues Jahr, neue CD. Ich fahre gut damit und bin dafür sehr dankbar. Ich danke Gott jeden Tag dafür, wirklich. Wenn du solche Durststrecken mit Coverbands und anderen Sachen durchgemacht hast wie ich, kannst du leichter verstehen, dass es das Größte ist, aufzutreten und dabei überhaupt Leute vor dir zu haben. Aber jetzt ist definitiv der Punkt, wo entweder der Durchbruch kommt oder es vielleicht etwas abwärts geht.«

Der Monat August wird für alle SPOCK'S BEARD-Jünger ein guter: Drummer Nick D'Virgilio kommt nach Jahren des Materialsammelns mit seiner ersten Scheibe "Karma" aus den Sträuchern, Neal wirft wenig später sein zweites Solo-Album "It's Not Too Late" auf den Markt. Die Platte entstand in der Phase, als George Pappanostas (Aushilfs-Bassist auf der DT-Supporttour - d.Verf.) seinem Krebsleiden erlag.

»Ich habe für meinen Freund George einen Song namens 'The Eyes Of The World' geschrieben, zwei Tage nachdem er gestorben war. Ich erinnere mich, dass ich weinend am Klavier saß. Mein Sohn kam hoch zu mir und fragte: "Daddy, warum weinst du?" Ich sagte: "Ich weine, weil ich meinen Freund vermisse." Und er erwiderte: "Wann bist du damit fertig?" (lacht) Ich antwortete: "Ich weiß es nicht, honey, keine Ahnung." Er entgegnete dann so etwas wie: "Okay, ich vermisse deinen Freund auch, Daddy." Das war rührend. Ich packe diesen Song auf meine nächste Soloscheibe, weil es mehr ist als ein normaler Song. Wir hatten eigentlich vor, ihn mit SPOCK'S BEARD aufzunehmen, sind aber mit der Zeit nicht hingekommen, weil wir im Studio ein paar Equipment-Probleme hatten.«

Du hast mit George zusammen Coversongs gespielt, als an SPOCK'S BEARD noch nicht zu denken war. Was unterscheidet deine damaligen Live-Auftritte von den heutigen?

»Ich hätte drauf gewettet, dass niemals irgendjemand mein eigenes Zeug hören will (lacht). Es gab so viele tote Gigs, so viele fürchterliche Solo-Auftritte. Keiner im Saal hörte zu. Es schert auch niemanden, wenn du mit eigenen Stücken kommst. Die Leute hören nur dann zu, wenn du etwas spielst, das sie kennen. Ich war sicher, niemals groß rauszukommen. Und an diese Zeit muss ich mich immer wieder erinnern. Viel zu schnell betrachtet man seinen Erfolg als selbstverständlich. Du musst alles neu erschaffen, jedes Mal aufs Neue. Ich versuche bei jeder Show zu erleben, wie großartig der Abend ist, und nicht zu vergessen, wie anders es früher mal war.«

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