Online-MegazineInterview

CHRIS SLADE - Ein Leben mit der Trommel

Der am 30. Oktober 1946 in Pontypridd geborene Waliser Chris Slade trommelte bereits für diverse Rockgrößen, bevor er mit AC/DC die beiden Alben „Razor´s Edge" (1990) und „Live" (1992) sowie die Single „Big Gun" (1993) aufnahm. Kurz nach der Veröffentlichung der Single wurde er ein Opfer der überraschenden Rückkehr von Phil Rudd und hat die Band unter bis heute nicht ganz geklärten Umständen verlassen. Ende März, kurz vor der Tour als Opener von Kansas, konnten wir Chris in Wales beim Proben mit Asia auftreiben. Der Mann hatte sich gerade eine neue Hi-Hat-Maschine zugelegt, die er unbedingt ausprobieren wollte - trotzdem gewährte uns der charismatische Glatzkopf mehr als eine Stunde Zeit für eine Unterhaltung. Das folgende Gespräch ist sein erstes Interview in einem Magazin, seit er vor acht Jahren AC/DC verlassen hat.

 

Wie bist du zum Drummen gekommen?

 

»Mein Bruder hat es mir beigebracht. Er hat bei einem Spielmannszug mitgemacht und hatte die Angewohnheit, seine Tambourtrommel mit nach Hause zu schleppen, um sie dort auf Hochglanz zu polieren. Er hat mir dann einige Kniffe gezeigt, und von da an hab ich´s mir selber beigebracht. Danach hörte er auf zu spielen, und ich habe weitergemacht, haha! Ich war selber bei einigen Spielmannszügen dabei: Schul- und Militär- und Pfadfinderbands. Zu trommeln, während man marschiert, ist ein hervorragendes Training fürs Rhythmusgefühl! Jeder Schritt entspricht einem Schlag.«

 

Und dein erstes Kit?

 

»Das habe ich von dem Geld bezahlt, das ich durch das Austragen von Zeitungen verdient habe. Ein uraltes Schlagzeug aus dem Sonderangebot: eine kleine Bassdrum, ein Tom, eine Snaredrum, ein Hi-Hat und ein Becken.

Zwei Jahre später habe ich mir ein Premier-Kit gekauft. Und wiederum ein Jahr später habe ich in einem Club in Südwales das Gerücht gehört, dass eine örtliche Band, TOMMY SCOTT AND THE SENATORS, ihren Drummer gefeuert hätte. Am nächsten Tag - ich hab samstags in einem Schuhladen geschuftet, um mir ein bisschen Taschengeld zu verdienen - kommt ausgerechnet der Leadgitarrist der Band in den Laden, um sich ein Paar Treter zu kaufen. Ich hab mich ihm zitternd wie Espenlaub genähert. Er war ja schon 22 und ich gerade eben 16. Ich habe gesagt: „Ich bin Drummer und wohne in der Nähe eures Sängers Tom."

Am gleichen Abend ist die Band zu mir rübergekommen, ich hatte mein brandneues Premier-Kit am Start, und hat mich gefragt, ob ich das Intro von ´Walk Don´t Run´ kenne, einem Ventures-Song, der nicht gerade übermäßig bekannt war. Ich hab das Intro gespielt und mir den Job gesichert. Tja, so fing meine professionelle Karriere an. Oh, das hab ich noch vergessen: Tommy Scott war niemand anderes als Tom Jones! The Senators waren eine Halbprofi-Band. Ich glaube, als ich da angefangen habe, bin ich noch auf der Schule gewesen. Aber ich habe meine Studien schnell eingestellt, um mich ganz dem Trommeln zu widmen. Und aus TOMMY SCOTT AND THE SENATORS sind dann TOM JONES AND THE SQUIRES geworden.«

 

Was hast du mit Tom eingespielt?

 

»Seine erste Single „Chills And Fever", die nicht gelaufen ist. Danach die Demos zum legendären „It´s Not Unusual" (dem späteren großen Klassiker von Tom Jones - Red.). Ich hab hinter den Fässern gesessen, Les Reed, der den Song komponiert hat, am Keyboard und Micky Gee an der Gitarre. Wir haben wieder und wieder an der Scheibe gefeilt und sie fünfmal aufgenommen. Aber ich erscheine nicht auf der Endversion - im Gegensatz zu Jimmy Page...«

 

Wie bitte?

 

»Ja ja, Jimmy hat bei dem Song mitgespielt. Wahrscheinlich auch John Paul Jones. Die haben sich damals als Studiomusiker ihre Brötchen verdient. Ich bin sicher, dass sie auf den „Voraufnahmen" mit dabei waren, die ich eingespielt hatte. Es hat ihnen die Zeit gefehlt, sie fertigzustellen, denn sie konnten nicht so recht den Swing der Demos erreichen. Aber sie haben meine Aufnahmen nicht aufbewahrt, weil ich nicht gut Noten lesen konnte.

Etwas später habe ich trotzdem bei einem Album von Tom mitgewirkt, mit John Paul Jones am Bass. Das Ding nannte sich „13 Smash Hits". Ich mache nicht bei allen Titeln, aber doch bei einigen mit.«

 

Hast du mit Tom dein erstes Konzert in London gegeben?

 

»Ja, als Opener für die ROLLING STONES. Das ist gleichzeitig mein erstes professionelles Konzert gewesen, in der Oxford Street, in einem Club, der sich - natürlich - Beat City nannte. Die Stones hatten damals gerade ihren ersten Hit gelandet, mit einem Chuck Berry-Cover: ´Come On´.

Ich hatte mir diese Single gekauft, bevor ich überhaupt wusste, dass wir für sie eröffnen sollten, denn ich habe diese Version geliebt. Wir haben noch ein weiteres Jahr warten müssen, bis wir angefangen haben, ein wenig Erfolg zu schmecken. „It´s Not Unusual" ist 1965 rausgekommen und hat sich am ersten März auf den ersten Platz der englischen Charts gehangelt, am Tag des heiligen David, des Schutzpatrons von Wales. Und da ist aus Tom ratzfatz ein Megastar geworden, und er hat eine Solokarriere gestartet.«

 

Hast du nicht während deiner ersten US-Tour mit Tom einen Drummer-Job bei Elvis Presley abgelehnt?

 

»Ich habe nicht abgelehnt. Lass es mich mal so sagen: Der Manager von Tom hat es mir ausgeredet, den Job anzunehmen... Das ist eigentlich etwas, das ich bis heute beruflich bedaure. Elvis hat sich damals ein Konzert von Tom auf Hawaii angesehen. Wir hießen da noch THE SQUIRES, aber wir hatten uns zu einer Big-Band mit 30 Musikern entwickelt. Man muss sich klarmachen, dass Tom damals in den USA eine Sensation gewesen ist. So unglaublich das auch erscheinen mag: Damals war er populärer als Elvis und Frank Sinatra zusammen! Ich übertreibe da nicht. Elvis hatte also schon von ihm gehört. Er ist mit seiner Frau Priscilla auf Hawaii gewesen und kam, um uns spielen zu sehen. Wie es schien, gefiel ihm mein Stil. Da ich die Tour mit Tom beenden musste, plante Elvis, mit zwei Drummern zu arbeiten, Ronnie Tutt - der dann sein fester Drummer wurde - und mir, denn ich konnte am Anfang der Proben nicht dabei sein. Ich habe nie direkt mit Elvis verhandelt, sondern mit seinem Manager Joe Esposito, und wir haben halt versucht, das Beste aus der Situation zu machen. Aber alles ist schiefgegangen - ich hatte nämlich am Anfang Tom gegenüber nichts davon erwähnt, und als ich mich dazu entschlossen hatte, mit ihm zu reden, hat mir sein Management Knüppel zwischen die Beine geworfen. Das ist sehr schade.«

 

Auf der gleichen US-Tour hast du anscheinend auch mit Ted Heath und der Count Basie-Band jammen können...

 

»Während er unterwegs gewesen ist, hat Tom bei der Ted Heath-Band in Europa angerufen - und bei der Count Basie-Band in den Staaten auch. Aber bei mir hat es sich so ergeben, dass ich ohne Tom mit der Ted Heath-Band in England für kurze Zeit zusammenspielen konnte. Ich habe auch einige Stücke mit der Count Basie-Band auf Tournee gespielt. Es ist ein großes Vergnügen für mich gewesen, mit derartigen Musikern zusammenzuspielen, denn ich hatte meine ersten Erfahrungen mit Musik gemacht, indem ich Jazz hörte. Genauso wie ich ein Rockfan bin oder andere Sachen gut finde. Aber ich hatte schon immer einen eklektischen Geschmack, ob Blues oder Jazz, ob Klassik oder Metal. Auch KORN, METALLICA und KONSORTEN gefallen mir sehr.«

 

Warum hast du Tom verlassen?

 

»Man hatte mir einen gut bezahlten Job angeboten. Ich sollte bei einer Band mitmachen, die sie für den Soundtrack zum Film „Toomorrow" brauchten - gerade als ich herausgefunden hatte, dass Tom seine anderen Musiker besser bezahlte als mich. Das hab ich ganz schön ungerecht gefunden. Ich glaube gar nicht, dass das eine Entscheidung von Tom gewesen ist, sondern eher eine von Gordon Mills, seinem Manager. Ich habe also Tom verlassen, um bei diesen Dreharbeiten mitzumachen (1970 - Red.). Olivia Newton-John ist die Sängerin der Band gewesen, die - wie der Film - Toomorrow hieß. Bei diesen Leuten bin ich dann einige Monate geblieben. Wir haben innerhalb von sechs oder zehn Monaten vielleicht zweimal geprobt! Aber die Bezahlung war voll in Ordnung, haha! Seltsamerweise habe ich bei den Aufnahmesessions für das Album mitgemacht, bevor ich bei der Band eingestiegen bin. Ich tauche also auf der Toomorrow-Scheibe auf, aber einmal mehr nicht auf allen Titeln. Im Film bin ich nicht aufgetreten. Aber, wie gesagt, man hat mich fast ein Jahr lang super bezahlt, während ich nichts weiter gemacht habe als ein bisschen Promotion.«

 

Hast du zu dieser Zeit um 1970 nicht auch mit Tom Paxton und Tony Hazzard Platten aufgenommen?

 

»Ja, aber ich habe auch mit vielen anderen Künstlern gearbeitet. Ich kann mich gar nicht mehr an alle erinnern. Vielleicht sind dies die beiden Alben, wo ich tatsächlich mal unter den Credits aufgeführt bin... Damals habe ich - wie Page, Jones und viele andere - als Studiomusiker gearbeitet; und zwar für jeden, der meine Telefonnummer kannte und wollte, dass ich an Aufnahmen teilnehme. Das ist mein Job gewesen; so habe ich mir meinen Lebensunterhalt verdient. Ich musste halt so regelmäßig arbeiten wie möglich. Während mehrerer Jahre habe ich fast jeden Tag irgendeine Aufnahme gemacht - das ist heute nicht mehr mein Ding.«

 

Welches Album ist das seltsamste, an dem du jemals mitgewirkt hast?

 

»Es gab da diesen englischen Comedy-Typen, Jimmy Tarbuk... Mit dem habe ich was gemacht. Dann Roger Whittaker... Und einen kenianischen Pfeifkünstler. (Wahrscheinlich hatte der den Spitznamen „Ilse Werner von Nairobi"... - d.Übers.)«

 

Wann hast du Manfred Mann getroffen?

 

Während dieses Toomorrow-Projektes. Er hat mich angerufen und mich gefragt, ob ich Lust hätte, mit ihm eine Band zu gründen. Irgendjemand hätte ihm gesagt, dass der Drummer von den PINK FAIRIES gut wäre - und er dachte, ich wäre das, haha! Aufgrund dieser Verwechslung haben wir uns kennengelernt. Er wollte wissen, ob ich einen Bassisten kenne. Da ich gerade auf Colin Pattenden gestoßen war - wir sind zusammen auf einer Audition für eine TV-Show gewesen -, konnte ich ihm helfen. Zu unserem Trio gesellte sich noch Mick Rogers, ein Engländer, der Manfred in Australien über den Weg gelaufen war. Wir haben also angefangen, und es klappte gut. Manfred wollte sich allerdings nie festlegen, ob das Line-up, das gerade am Start war, denn nun definitiv sei, haha! So ist das gewesen.«

 

Bevor aus Manfred Mann, der Band der Sechziger, MANFRED MANN´S EARTH BAND geworden ist - habt ihr da nicht zwei Singles eingespielt?

 

»Ich weiß nicht. Soweit ich mich erinnere, haben wir ein Album eingespielt, das „Chapter 3" oder „The Third Album" hieß und das nie erschienen ist. Ich habe viel Spaß bei den Aufnahmen zu dieser Platte gehabt, und offensichtlich hat Manfred unsere Art zu arbeiten gemocht und uns deshalb fest angeheuert. Bis dahin sollte ich eigentlich nur für die Dauer der Aufnahmen zu „Chapter 3" bleiben. Erst danach hat Manfred uns angeboten, ständige Bandmitglieder zu werden.«

 

Man sagt, dass du den Namen Earth Band vorgeschlagen hast.

 

»Ja, das stimmt. Wir haben uns den Kopf zerbrochen, um einen Namen zu finden. Ich erinnere mich, dass wir vorher ein Festival auf den Virgin Islands gespielt haben, noch immer unter dem Namen Manfred Mann - und, um offen zu sein: Man hatte uns dort einen mäßigen Empfang bereitet. Wir sind eine Prog-Rock-Band gewesen, aber alle dachten, dass wir noch immer die Manfred Mann-Pop-Band aus den Sechzigern wären. Wir haben uns also zu einer Namensänderung entschlossen, und ich schlug „Earth Band" vor, was sofort einstimmig angenommen wurde.«

 

Zwischen 1972 und 1978 hast du acht Alben mit MMEB aufgenommen und mit großen Bands wie FREE und den KINKS die Bühne geteilt.

 

»Ja, unsere erste Tour lief in Australien, wo wir mit FREE und DEEP PURPLE gespielt haben - das war, glaube ich, 1972. Das Amüsante daran ist, dass Asia mit mir vor gerade mal einer Woche für Paul Rodgers (Ex-Sänger von FREE - Red.) eröffnet haben.«

 

Warum hat sich Manfred deiner Meinung nach trotz eures Riesenerfolges 1978 entschlossen, die Band aufzulösen?

 

»Schwer zu sagen. Es ist alles gut gelaufen, wir hatten sogar einen ersten Platz in den US-Charts (mit der Single „Blinded By The Light", 1976 - Red.), und plötzlich hat sich Manfred entschieden, dass er genug habe, dass er sich langweile und dass er aufhören wolle. Wir haben´s gelassen genommen. Ich war seit sieben, acht Jahren dabei und sah vor allem neue Horizonte auf mich zukommen. Um ehrlich zu sein, ich glaube, dass Chris Thompson (Vocals, Rhythmusgitarre - Red.) viel mit Manfred hinter unserem Rücken gesprochen und ihm gesagt hat, dass es ihm nicht gefallen würde, wie sich die Dinge entwickelten. Und dabei hat er ihm wahrscheinlich auch untergeschoben, dass er mein Spiel nicht sonderlich gut fand... Zumindest hatte ich das Gefühl. Colin und ich haben den Namen Earth Band beibehalten und eine neue Band mit Pete Cox (ex-GO WEST- Red.) als Sänger gegründet. Zweimal hat Manfred uns die Erlaubnis erteilt, den Namen zu benutzen. Wir sind dann auf Tour gegangen, aber seine Plattenfirma hat uns direkt ausgebremst und uns verboten, den Namen Earth Band zu verwenden - das war´s dann mit unserem Projekt. Schade, wir sind ´ne gute Truppe gewesen.«

 

Hast du deshalb aus Böswilligkeit mit Colin eine andere Band gegründet, die du TERRA NOVA - quasi „New Earth" - getauft hast?

 

»Ja, sicher. Wir haben sogar ein gleichnamiges Album aufgenommen, das aus irgendwelchen seltsamen Gründen nirgendwo herausgekommen ist - außer in der Schweiz. Um so ärgerlicher, weil es eine sehr gute Scheibe ist.«

 

Lass uns noch mal auf Colin Pattenden zurückkommen. Es heißt, dass er 1977, also als er MMEB gerade verlassen hatte, eine Audition bei AC/DC gehabt haben soll, die einen Ersatz für Mark Evans suchten. Was ist da genau dran?

 

»Das stimmt. Ich hab das selber erst einige Jahre später erfahren, als ich mich AC/DC angeschlossen hatte. Der Posten ist zwischen Cliff Williams - der ihn dann ja bekam - und Colin „ausgespielt" worden. Das ist um so bemerkenswerter, weil nämlich im selben Moment Cliff auch ´ne Audition bei MMEB hatte, um Colin zu ersetzen! Haha, unglaublich, wie klein die Welt ist. Angus und Cliff haben mir versichert, dass es eine knappe Sache gewesen ist. Das wundert mich nicht, denn Colin und Cliff haben einen sehr ähnlichen Stil.

Malcolm und Angus hatten Colin in Australien spielen sehen, auf dieser Tour, die wir mit DEEP PURPLE und FREE gemacht hatten. Und die beiden haben ein Gedächtnis wie ein Elefant. An jenem Abend ist Colin auf der Bühne eine Saite gerissen, und er hat, während sein Roadie sie ausgewechselt hat, trotzdem weitergespielt. Sie haben diese Haltung bewundert: „Weiterspielen um jeden Preis!" Aus diesem Grund haben sie fünf Jahre später sofort an ihn gedacht und ihn zur Audition geladen - genauso wie Cliff...«

 

1979 hast du zwei Alben mit Frankie Miller und Kai Olsson aufgenommen und im folgenden Jahr Lee Kerslake bei URIAH HEEP ersetzt. Hast du dich immer mehr als einen Studiomusiker gesehen, oder waren diese zahlreichen Studioaufenthalte eher Zufall?

 

»Ich habe nichts gegen den Studiojob, wenn ich etwas Zeit für einen Probelauf habe. Was ich echt nicht leiden kann, ist dieses Zackzack-alles-im-Kasten-Aufnehmen: „So, du spielst das jetzt, hier, sofort." Ich brauche ein Minimum an Probezeit, und wenn´s nur eine Stunde ist, in der ich mich ein bisschen einarbeiten kann. Ich spiele lieber mit einer Band, mit echten Leuten, als mit unpersönlichen Bändern, weil ich immer den Kontakt suche.

AC/DC zum Beispiel nehmen auch als wirkliche Band auf: Alle Musiker sind zur gleichen Zeit im Studio und spielen. Sie sind vielleicht durch Plexiglas voneinander getrennt, aber sie sehen sich und sie spielen zusammen. Ich bewundere das. Das ist vielleicht eines ihrer Erfolgsgeheimnisse. Es stimmt schon: Sie packen mitunter ein paar Overdubs auf bestimmte Parts, aber trotzdem fangen sie immer damit an, dass sie gemeinsam spielen, nach Gefühl, und es so oft wie nötig wiederholen, bis alles perfekt hinhaut. Es steht nicht zur Debatte, dass Angus ganz alleine zwei Wochen nach den anderen ins Studio geht, um seine Gitarrentracks aufzunehmen. Und sie verwahren immer die ersten Bänder. Auf jedem Song einer AC/DC-Scheibe ist immer ein bisschen von einem der ersten Bänder am Start. Ich glaube, das bringt ihnen viel.«

 

1982 hast du dich mit Gary Numan, dem Papst des Cold Wave, eingelassen. Eine wunderliche Kombination...

 

»Ich hab ihn bewundert, weil er mir die Chance verschafft hat, mit Pino Palladino zusammenzuspielen - sowohl auf einem Album als auch auf der Bühne -, nachdem wir in den Staaten auf Tour gewesen sind. Das ist ein großartiger Kerl und ein unvergleichlicher Bassist. Bei NUMAN hat Pino das erste Mal auf einem Fretless-Bass gespielt - im Studio und live. Ich hab ihn Gary empfohlen.«

 

1983 ist ein außergewöhnliches Jahr für dich gewesen.

 

»Oh, ja. Ich habe den größten Teil von 1983 mit der MICK RALPHS BAND gespielt. Manchmal kam David Gilmour (Gitarrist von PINK FLOYD - Red.), der mit Mick befreundet war, zu uns rüber, um zu quatschen und ein Bierchen zu trinken. Im gleichen Jahr, ich erinnere mich nicht mehr genau an den Tag (tja, Baby, das war ja auch in den Achtzigern... Ich kann mich nicht mal mehr an letzte Woche erinnern! - die Übers.), hat mich Gilmour angerufen, um mir vorzuschlagen, mit ihm auf Tour zu gehen. Ich hab gesagt, dass ich das liebend gern tun würde, aber ich hätte halt meine Verträge bei Mick. Da hat David lachend gesagt: „Macht nix, der ist ja auch dabei!" Er hat aufgelegt, und ich machte erst mal einen Luftsprung: „Ich werde mit David Gilmour spielen! Ich werde mit David Gilmour spielen!"

Aber am gleichen Nachmittag schellte das Telefon noch mal: „Hier ist Jimmy Page. Ich gründe gerade eine neue Band. Willst du mein Drummer sein?" Ich musste mich setzen, um nicht umzukippen, und sagte ihm verlegen: „Es tut mir leid, Jimmy, aber ich habe mich gerade bei Gilmour verpflichtet. Wir werden die nächsten vier, fünf Monate auf Tour sein." Und da geschah das Unmögliche - er antwortete: „Kein Problem, ich werde warten." (Ich wünschte, alle meine Ex-Freunde hätten das mal gesagt, wenn ich angeblich zu lange im Bad war... - die Übers.)

Es erübrigt sich ja wohl, zu sagen, dass ich dieses Datum auf meinem Kalender rot eingekreist habe. Die Tour mit David hat sechs, sieben Monate gedauert, danach habe ich mich The Firm, d.h. Jimmy, Tony Franklin (b.) und Paul Rodgers (v.) angeschlossen, mit denen ich ´85 und ´86 zwei Alben eingespielt habe.«

 

Auf dem Papier war The Firm ein echtes „dream team". Trotzdem habt ihr nie so recht den Jackpot geknackt. Wie erklärst du dir das?

 

»Ich denke, das lag vor allem an der Tatsache, dass Jimmy keine LED ZEPPELIN-Songs spielen wollte und Paul sich aus Respekt vor Paul Kossof kategorisch weigerte, Klassiker von FREE oder BAD COMPANY zu spielen. Ich glaube wirklich, dass wir einen Bombenerfolg gehabt hätten, wenn sie nicht so eigensinnig gewesen wären. Ein, zwei Mal habe ich versucht, ihnen Vernunft beizubringen, aber davon wollten sie nichts wissen. Ich respektiere ihre Haltung, aber das erklärt natürlich einiges.«

 

1988/89 hast du mit Rick Dufay (ex-AEROSMITH) ein Album aufgenommen, das wegen der Probleme und des anschließenden Konkurses des französischen Link-Labels nie das Tageslicht erblickt hat.

 

»Ja, stimmt - das ist im Februar/März gewesen. Aber kurz darauf sind alle Drummer dieser Welt von AC/DC zur Audition gebeten worden. So auch zum Beispiel Simon Phillips (legendärer Studiodrummer - Red.), der sein Glück einen Abend vor meiner Audition versucht hatte - erfolglos. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mich wahrscheinlich gar nicht mehr vorgestellt, haha! Wir haben ein bisschen auf einige ihrer Titel gejammt. Meistens hat Malcolm angefangen, und ich sollte dann improvisieren.

Als ich abgehauen bin, dachte ich, ich hätte es total verrissen. Ich habe nur eine Stunde Fahrt zurück zu mir nach Hause gehabt, aber ich war so mit meinen Selbstvorwürfen beschäftigt, dass ich mich auf dem Rückweg total verfahren habe. Damals hatte ich noch kein Mobiltelefon; als ich zu Hause ankam, was eine halbe Stunde länger als sonst dauerte, hatten sie schon bei meiner Frau angerufen, um ihr zu sagen, dass ich den Job hätte! Ich war auf einer Wolke... Ich hab jede Minute, die ich mit dieser Band verbracht habe, genossen. Absolut phantastisch!«

 

1993 hast du gesagt: „Ich möchte so lange wie möglich in der Band bleiben. Das ist wirklich mein Herzenswunsch." Einige Monate später jedoch hat Phil Rudd dich verdrängt. Was ist in der Zwischenzeit passiert?

 

»Diese Frage musst du Malcolm und Angus stellen. Wir haben zwei Monate lang Demos in London aufgenommen, mit Malcolm am Bass und Angus an der Rhythmusgitarre, was mich überrascht hat: Malcolm ist immerhin Rhythmusgitarrist - vielleicht der beste der Welt, er ist ein Metronom, er hat mir die Arbeit sehr erleichtert - und kein Bassist. Kurz gesagt: Ich weiß lediglich, dass Phil Rudd nach dem letzten Gig der „Razors Edge"-Tour in Auckland (16. November 1991 - siehe auch Interview mit Phil - Red.) backstage zu uns gekommen ist. Ich hab das seinerzeit nicht so recht gecheckt. Da Phil in Neuseeland lebte, erschien es mir normal, dass er vorbeigeschaut hat. Aber 18 Monate später ist er nach London gekommen und hat mit den Young-Brüdern gejammt. Ich glaube, dass Angus 1983 nicht gewollt hat, dass Phil die Band verlässt. Trotzdem ist er rausgeworfen worden. Also muss etwas passiert sein...«

 

Anscheinend war es Malcolm, der damals Phils Abgang verlangt hat.

 

»Ja, vermutlich. Vielleicht hat das Management da auch ein Wörtchen mitgeredet. Seit Phil seit 1993 wieder mit ihnen spielt, haben sie ihre Trademarks wiedergefunden, sie fühlten sich wohl, weil sie ihre alten Stücke wieder spielen. Wie heißt es so schön: Es gibt nichts Besseres als das Original.«

 

Hast du von diesen Jams mit Phil gewusst?

 

»Nein. Zumindest kann ich mich nicht daran erinnern. Malcolm hat mich angerufen, um mir zu sagen: „Tut mir leid, Chris, aber du hast dir nichts vorzuwerfen. Phil ist zurückgekehrt. Wir wissen nicht, was passieren wird. Kannst du ein paar Tage Geduld haben?" Aber aus Tagen sind ganz schnell Monate geworden. Schließlich habe ich sie angerufen: „Tut mir leid, aber ich habe die Nase voll von der Warterei. Ich kann nicht einfach untätig rumsitzen. Ich habe euch die Entscheidung abgenommen: Ich gehe. Ich glaube, das wird euch euren Entschluss erleichtern."

 

Es muss sie in der Tat erleichtert haben. Malcolm hat sich mir gegenüber wirklich korrekt verhalten. Er sagte: "Das hat nichts mit deinen Fähigkeiten zu tun, und du hast auch nichts falsch gemacht. Es ist einfach so, dass Phil bereit ist, wieder einzusteigen." Ich muss zugeben, dass das echt ein übler Moment für mich war. Dann habe ich, um zu vergessen und darüber hinwegzukommen, drei Jahre lang Kunstunterricht genommen. Ich war so angewidert und enttäuscht, dass ich mein Kit mehrere Jahre nicht angerührt habe. Wisst ihr, ich werde älter und... Du tust dein Bestes für gewisse Leute, du gibst 200 Prozent, und das ist noch nicht genug. Ich habe eine sehr lange Karriere gehabt, auf die ich auch stolz bin, aber manchmal muss man eine Auszeit nehmen - daher mein Einschreiben in den Kunstkurs.«

 

Ist das eine gute Therapie gewesen?

 

»Hm, sagen wir´s so: Für einen Drummer zeichne ich gut genug, haha! Nein, im Ernst, ich bin eigentlich mehr ein Bildhauer als ein Maler. Ich interessiere mich aber auch für Grafikprogramme. Ich bin ein MacIntosh-Maniac.«

 

Wie kommt es dann, dass du das Angebot von Asia angenommen hast? Warum diese Rückkehr zur Musik nach so langer Abwesenheit?

 

»Ich kenne die Bandmitglieder nun seit zweieinhalb Jahren. Sie haben an mich gedacht, nachdem sie den Clip zu ´Thunderstruck´ gesehen hatten. Ihr Manager, Sir Harry, hat versucht, mich aufzutreiben, aber keiner hat gewusst, wo ich zu finden war. Er hat mir schließlich, da er meine Telefonnummer nicht hatte, einen Brief geschrieben, um mich zu fragen, ob ich mich mit ihm treffen würde. Also bin ich in die Loco-Studios gekommen und habe mich sofort sehr herzlich von Geoff (Downes, keys) und John Payne (v.) aufgenommen gefühlt. Sehr charmante Leute. Wir sind direkt in die örtliche Kneipe gegangen, um uns besser miteinander bekannt zu machen, haha!

Im letzten Sommer haben wir in einem Wohnwagen zusammen an den Demos gearbeitet, aber als es dann soweit war, das Ganze aufzunehmen, konnte ich meinen Job nicht machen, weil ich ernsthaft krank wurde. Ich bin noch nie in meinem Leben richtig krank gewesen, und auf einmal war ich bettlägerig, flachgelegt durch einen Virus, den kein Arzt identifizieren konnte. Ich hatte noch nicht mal mehr die Kraft, meinen Kopf zu heben. Ich habe sehr viel abgenommen - obwohl das ja nicht unbedingt schlecht ist, haha! Geoff und John hatten einen eng gesteckten Zeitplan, also haben sie andere Drummer eingebaut wie Vinny Colaiuta und Simon Phillips

 

Deshalb hast du auch auf dem neuen ASIA-Album „Aura" mal wieder keine Credits?

 

»Genau. Aber auf der Digipack-Version, die drei Bonustracks enthält, erscheine ich auf vier Stücken.«

 

Du hast den Kontakt mit der Bühne in letzter Zeit wieder aufgefrischt. Dabei hast du seit ´91 nicht mehr live gespielt. Wie war das Gefühl, wieder vor Leuten zu spielen?

 

»Es war wunderbar, denn es hat mir sehr gefehlt. Außerdem ist ASIA eine brillante Band. Im nächsten Oktober und November werden wir noch mal als Headliner durch England und Deutschland touren.«

 

Interview: Philippe Lageat

Übersetzung: Dani Lipka

Bearbeitung: Matthias Breusch

Photos: Marc Villalonga

 

 

Discographie Chris Slade (ohne AC/DC)

 

TOM JONES

„13 Smash Hits" (1967)

 

TOOMORROW

1970: „Toomorrow" (1970)

 

TONY HAZZARD

„Loudwater House" (1971)

 

TOM PAXTON

How Come The Sun (1971)

 

MANFRED MANN´S EARTH BAND

Chapter 3, Volume 3 (1971, nie veröffentlicht)

Manfred Mann Earth Band (1972)

Glorified, Magnified (1972)

Messin´ (1973)

The Good Earth (1974)

Nightingales And Bombers (1975)

The Roaring Silence (1976)

Watch (1978)

 

FRANKIE MILLER

Falling In Love (1979)

 

KAI OLSSON

Crazy Love (1979)

 

TERRA NOVA

Terra Nova (1979)

 

URIAH HEEP

Conquest (1980)

 

GARY NUMAN

I, Assassin (1982)

 

THE FIRM

The Firm (1985)

Mean Business (1986)

 

RICK DUFAY

Written in Stone (1989, nie veröffentlicht)

 

ASIA

Aura (2001)

 

(Anm.d.Red.: Chris spielt auf so vielen Alben, dass es

uns hier unmöglich ist, eine vollständige Liste seiner Aufnahmen zu veröffentlichen - daher an dieser Stelle nur die wichtigsten seiner Projekte.)