Online-MegazineInterview

PHIL RUDD - In der Ruhe liegt die Kraft

Schnelle Autos, bunte Eier

Phillip Hugh Norman Witschke (alias Phil Rudzevecuis, genannt Phil Rudd) wurde am 19. Mai 1954 in Melbourne geboren. Er schloss sich AC/DC im Januar 1975 an und nahm nicht weniger als zehn Alben mit der Band auf („TNT", „High Voltage", „Dirty Deeds Done Dirt Cheap", „Let There Be Rock", „Powerage", „If You Want Blood", „Highway To Hell", „Back In Black", „For Those About To Rock", „Flick Of The Switch"). Dann genehmigte er sich eine Auszeit von zwölf Jahren, die er in der Nähe von Tauranga in Neuseeland verbrachte; während dieser Zeit wurde er zunächst von Simon Wright und dann von Chris Slade ersetzt. 1995 feierte er mit dem Album „Ballbreaker" ein aufsehenerregendes Comeback. Fünf Jahre später saß er zur großen Freude der Fans für „Stiff Upper Lip" erneut hinter den Kesseln.

 

Mr. Rudd drischt zwar ordentlich drauf, spricht aber nicht viel, da er extrem schüchtern ist. Vier, fünf Interviews hat er seit Mitte der Neunziger gegeben - wenn überhaupt. Soviel vorweg zur folgenden Unterredung, in der der Trommler auf seine ruhige Art und Weise aus sich heraus ging wie selten zuvor.

 

Bist du wirklich auf der Ladefläche eines Lieferwagens in Surrey Hills zur Welt gekommen?

Phil Rudd: »Haha, das ist nicht ganz richtig - meine Eltern haben es noch bis zum Krankenhaus geschafft... Aber sie haben mir erzählt, dass mein Vater wirklich heftig auf die Tube gedrückt hat, damit meine Mutter nicht im Wagen entbinden musste. Oder genauer gesagt: im Umzugswagen, den sie damals hatten. War keine große Sache.«

Welche Erinnerungen hast du an deine Kindheit in Australien?

»Die üblichen: Schule, Sport... Nichts Außergewöhnliches.«

Erzähl uns von deinem ersten Drumkit...

»Das war ein japanisches Kit von einer Firma namens Boston. Hat mich 250 Dollar gekostet. Hab ich mir von meinem ersten Lohn gekauft. Ich habe damals als Lehrling bei einer Firma malocht, die auf Klimaanlagen spezialisiert war; ich hab eine Ausbildung als Elektriker gemacht und Leuchtreklamen entworfen. Davor hatte ich auch als Maler gearbeitet. Um auf das Drumkit zurückzukommen: Ich habe mich körperlich zu diesem Instrument hingezogen gefühlt, obwohl keiner in meiner Familie so richtig auf Musik abgefahren ist.«

Welche Drummer haben dir während deiner Jugend am besten gefallen?

»Auf jeden Fall Ringo Starr - angesichts der Erfolge der Beatles kam man um ihn nicht herum - und einige andere, die ich auf Platten entdeckt habe. Mich haben bestimmte Songs angespitzt, nicht unbedingt die ganzen Alben, weil sie diesen kleinen Funken Magie enthielten, der mich umgehauen hat. Eine dieser Nummern war ´Tin Soldier´ von den Small Faces (Platz neun der englischen Charts im Dezember 1967; damals war Phil also 13 - Red.). Mann, ich habe diese irren Synkopen von Kenny Jones nach dem Break mitten im Song bewundert! Ich bin auch auf auch Simon Kirk (Free) und Corky Laing (Mountain) abgefahren - wegen ihrer Fähigkeit, das Tempo zu halten, während sie wie die Tiere auf die Felle droschen. Sie waren nicht spektakulär, aber teuflisch präzise und effektiv.«

Hast du je Unterricht genommen?

»Nein. Ich habe von Anfang an nach Gehör gespielt. Erst später habe ich mal irgendwann einen einsamen Kurs mitgemacht. Eine interessante Erfahrung, für meinen Geschmack aber nicht mit genug Körpereinsatz verbunden. Ich wollte spielen, spielen, spielen: sofort, instinktiv - und keine Zeit mit Theorie-Kram verplempern. Ich habe keinen Bock gehabt auf diesen Berg von Konstruktionen und Rhythmen, die man dir einbläut, wenn du den „klassischen" Weg gehst. Mir hat auch die Geduld gefehlt, immer wieder die Tonleitern rauf und runter zu rasseln. Alles, was ich wollte, war, Arsch zu treten, haha! Also hat es mir gereicht, zu Hause zu bleiben und auf einem kleinen, billigen Plattenspieler meine Scheiben zu hören. Nach kurzer Zeit hab ich auf einer Party zwei Typen getroffen, einen Bassisten und einen Gitarristen, und bot ihnen meine Dienste an: „Ich glaub fast, euch fehlt noch einer, oder?!" Tja, und schon war ich in meiner ersten Band.«

Charlemagne?

»Ja, sicher. Der Bassist hatte sich für diesen Namen entschieden, weil er verrückt nach Militärkram war. Ich habe nicht gewusst, wer Charlemagne war (Karl der Große - Red.), aber es klang gut. Für mich ist das das Wichtigste gewesen. Wir haben wirklich kein originelles eigenes Material am Start gehabt, also haben wir halt Songs von Free, den Small Faces oder Humble Pie gecovert. Unser Gitarrist stand sehr auf Peter Frampton. Wir hörten unsere Plattensammlungen durch und pickten uns das eine oder andere Stück heraus - vorausgesetzt, es war nicht schon von einer anderen Band gecovert worden.

Aufgetreten sind wir hauptsächlich in Provinznestern, in Cafés und auf Feten. Ich erinnere mich, dass wir unser Equipment im Kofferraum eines alten Ami-Schlittens verstaut hatten.

Danach habe ich mit anderen Typen gespielt. Wir haben jedes Wochenende bei mir geprobt. Meine Eltern haben uns die Bude überlassen und solange das Weite gesucht, haha! Das war eine schöne Zeit, über ein Jahr lang, aber wir haben nicht faul rumgehangen, sondern richtig geprobt. Wenn mein Gedächtnis mich nicht im Stich lässt, dann haben wir seinerzeit aufgehört, weil unser Gitarrist seinen Pilotenschein machen wollte und das mehr und mehr Zeit in Anspruch nahm - zuviel jedenfalls, als dass wir richtig hätten weitermachen können.«

Danach hast du dich BUSTER BROWN, einer Band aus Melbourne, angeschlossen?

»Ja. Damals bin ich noch zur Schule gegangen - und damit musste ich schnell aufhören, um einen Job zu finden. Meine Eltern haben mir kein neues Kit bezahlen können, und so musste ich mich halt krummlegen, um die nötige Summe aufzubringen.«

Hat sich diese Band nicht auch COLOURED BALLS genannt?

»Ja, COLOURED BALLS war der Name des ersten Line-ups, vor meiner Zeit, vor BUSTER BROWN. Diese Erstbesetzung bestand aus wahnsinnigen, fast selbstzerstörerischen Trinkern. Wir hingegen sind damit zufrieden gewesen, ordentlich einen draufzumachen. Einen Gig allerdings habe ich noch mit der Originalbesetzung von COLOURED BALLS hinter mich gebracht... Ohne vorher zu proben und ohne einen einzigen ihrer Songs zu kennen, hab ich mich auf meinen Hocker gepflanzt und losgelegt, haha!«

Zu dieser Besetzung von BUSTER BROWN gehörten u.a. der zukünftige Sänger und der zukünftige Bassist von ROSE TATTOO: Angry Anderson und Geordie Leech - Angry sogar noch mit Haaren auf dem Kopf...

»Haha, Haare, Haare - das sagt sich so leicht. Er hatte selbst damals schon, sagen wir mal, einige gelassen... Wir haben ein Album zusammen aufgenommen („Something To Say", September 1974, via Mushroom Australien - Red.), aber ich bin recht schnell ausgestiegen. Da ist einfach zuviel Mist passiert. Die Kohle ist für die falschen Sachen verschleudert worden - also habe ich mich mit dem beschissenen Pseudo-Management angelegt, und ratzfatz war ich draußen.«

Waren die Aufnahmen zu „Something To Say" deine erste Studioerfahrung?

»Ja, wir haben genau eine Woche Zeit gehabt, das komplette Album in den Kasten zu bringen. Wir haben einfach unsere Songs möglichst gut gespielt, ohne wirklich irgendeinen Überblick zu haben. Lobby Loyde von den COLOURED BALLS (legendärer australischer Gitarrist - Red.) hat uns produziert, und man kann nicht gerade sagen, dass er sich voll reingehängt hat. Egal, was man ihn gefragt hat - zum Beispiel, ob das Riff, das gerade eingespielt worden war, in Ordnung sei -, er hat lakonisch geantwortet: „Keine Ahnung - es ist euer Album, Jungs!" Haha, ich habe meine Erfahrungen gesammelt. Ich hatte vorher noch nie etwas aufgenommen, und selbst im Nachhinein finde ich, dass ich mich nicht schlecht geschlagen habe. Das Ergebnis war ganz okay. Außer den Vocals; die waren viel zu roh und viel zu rauh für meinen Geschmack. Der Rest der Band: nicht schlecht. Vor allem der Drummer, haha!«

Erinnerst du dich an den Tag, an dem du dein erstes Album in den Läden gesehen hast?

»Ich weiß noch, wo wir damals gewohnt haben, und erinnere mich auch, zwei, drei Mal die Single „Buster Brown" im Radio gehört zu haben - ein schönes Gefühl. Aber es ist einfach zuviel Mist drumherum gelaufen: Der Originalbassist versuchte, den Manager zu mimen usw. Ich habe Angry seit langer Zeit nicht mehr gesehen, aber Geordie hab ich letzten Februar getroffen: Er ist Postbote. Aber er spielt noch, macht hier und da bei Sessions mit. Er ist ein klasse Typ.«

Was hast du nach deinem Rausschmiss bei BUSTER BROWN gemacht?

»Tja... Ich hatte meine Lehrstelle aufgegeben, um mehr Zeit für die Band zu haben - und nun stand ich ohne Job da. Also habe ich für meinen Vater gearbeitet, indem ich sechs Monate lang Autos wusch - bis zu dem Tag, an dem mich mein Nachfolger Trevor Young - der Ex-Drummer von COLOURED BALLS - fragte, ob ich das Gerücht gehört hätte, dass AC/DC einen Drummer suchen. Ich bin schnurstracks zur Bleibe der Boys - und bin direkt Mitglied geworden.«

Hattest du da bereits etwas über AC/DC gehört?

»Ja. BUSTER BROWN und AC/DC hatten schon zusammen in Adelaide gespielt, man kannte sich also einigermaßen. Im Nachhinein ist das witzig: Drei Bands spielten während eines Zeitraums von drei Wochen; jeder sollte einmal den Headlinerjob kriegen. In der ersten Woche spielten also wir - Buster Brown - zuerst. In der zweiten Woche waren wir an zweiter Stelle. Und als wir dann Headliner sein sollten, weigerten sich AC/DC, den Posten zu räumen. Weil mir das überhaupt nicht gefiel, bin ich losgezogen, um zwei, drei Worte mit dem Promoter zu wechseln, der meine offene Redeweise nicht recht zu schätzen wusste. Auch das hat meine Entlassung aus der Band etwas beschleunigt, haha!«

Hatten AC/DC bereits ein Album aufgenommen, als du zu ihnen gestoßen bist?

»Ja. Meine Ankunft ist ungefähr mit der australischen Veröffentlichung von „High Voltage" zusammengefallen, auf der ich noch nicht mitgemacht hatte. Sie hatten für diese Gelegenheit verschiedene Drummer rekrutiert: John Proud, Tony Cerruti (ex-The 69ers - Red.) und Peter Clack. Peter haben wir übrigens im letzten Februar wiedergesehen. (Wahrscheinlich hat sich auch George Young, ex-EASYBEATS und älterer Bruder von Angus und Malcolm, bei diesem ersten Album hinter die Schießbude gesetzt. - Red.)

Welche Titel musstest du bei deiner Audition spielen?

»Oh, wir haben im Wesentlichen Standard-Rocktitel und Songs von „High Voltage" gejammt. Der Funke ist sofort übergesprungen. Und dann ist es losgegangen wie mit BUSTER BROWN: die gleichen Orte, die gleichen Clubs... bis auf einen Unterschied: das Management war besser, und jede Woche habe ich etwas Kohle bekommen. Das war cool. Ich habe auch eine eigene Bude gehabt. All das hat mir geholfen, besser organisiert zu sein und den Überblick zu behalten, endlich zu wissen, wohin die Reise geht.«

Wie waren die ersten Auftritte mit der Band?

»Einer unserer ersten Gigs war ein Open Air: das Sunbury-Festival (Melbourne, 25. Februar 1975 - Red.), ungefähr drei Wochen nach meinem Einstieg. Wir hatten noch keinen festen Bassisten, also hat George uns mal wieder aus der Patsche geholfen und den Bass bedient. DEEP PURPLE sind Headliner gewesen, und aus dem einen oder anderen Grund haben sie sich durch unsere Gegenwart bedroht gefühlt. Sie haben nicht gewollt, dass wir nach ihnen spielen. Ich weiß nicht, ob diese Weigerung von der Band ausging, vom Management oder von den Roadies (Ganz sicher von den Roadies... Klingt eher nach Ritchie Blackmore! - Red.), auf jeden Fall hat es die Order gegeben, uns rauszuwerfen: „Das war´s - haut ab, keiner wird heute Abend mehr spielen." Sie haben ganz schön dick aufgetragen, sich aufgeblasen und den starken Max markiert. Nun, George ist nicht der Typ, der sich von irgendwem auf die Füße treten lässt - es gab also eine kleine Keilerei... Wie dem auch sei: Das ganze Theater hat uns jedenfalls nicht davon abgehalten, auf die Bühne zu steigen und zu spielen, haha!«

Habt ihr mehrere Bassisten angecheckt, bevor ihr auf Mark Evans gestoßen seid?

»Ja, wir haben wirklich versucht, den Besten für diesen Job zu finden. George hat viele Bassparts auf unseren ersten Alben eingespielt. Und er ist offensichtlich der ideale Kandidat gewesen, obwohl er nach seinem EASYBEATS-Abenteuer kein Interesse daran hatte, als ständiges Mitglied dabei zu sein. Gleiches galt auch für seinen Produzentenjob, wenn es darum ging, uns im Studio zu unterstützen. Er hat jedoch immer den Rückwärtsgang eingelegt, sobald er sich festlegen oder eine Verpflichtung eingehen sollte. Schade, denn er ist ein exzellenter Bassist.

Das Line-up hat sich mit der Ankunft von Mark Evans im März ´75 stabilisiert, aber wir haben auch andere Bassisten vor ihm getestet. Ich erinnere mich, dass unter ihnen ein Typ war, den wir „Speedy" nannten - aus naheliegenden Gründen. Unsere Wahl haben wir mit viel Zurückhaltung getroffen, denn es ist nicht leicht gewesen, einen Musiker zu finden, der die gleiche Herangehensweise und die gleichen Ideen hat wie George. Wir haben also herumprobiert, bevor wir den passenden Mann fanden. Die erste Hürde haben zwei, drei andere Bassisten geschafft, bevor wir unsere Entscheidung zugunsten von Mark getroffen haben. (Allem Anschein nach ist Larry van Kriedt - auf der ersten Single „´Can I Sit Next To You Girl´/´Rockin´ In The Parlour´" zu hören - zeitweilig in den Schoß der Band zurückgekehrt, die damals als Quartett mit Malcolm Young am Bass unterwegs war. - Red.) Mark hat sich gut integriert, zumindest am Anfang. Aber auch bei ihm hat man letztendlich realisieren müssen, dass ihm das gewisse Etwas fehlt.«

Im September 1975 hast du dir einen Daumen gebrochen und bist bei einigen Konzerten durch jemand anderen ersetzt worden.

»Colin Burgess hat mich vertreten (Ex-Masters Apprentices-Drummer, der beim ersten Line-up von AC/DC mit dabei war und auf der ersten Single der Band auftaucht - Red.). Ich bin für die letzten Songs auf die Bühne gekommen und habe sie mit meiner heilen Hand getrommelt, haha! Die Boys haben mir dieses Vergnügen gelassen. Mit oder ohne Hand: Ich wollte an der Show auf meine Art und Weise teilhaben, meinen Part dazu beitragen. Ich hatte mich verletzt, weil ich Angus bei einem Gig im Mathew Findlers Hotel verteidigte. (Ein Zuschauer suchte handgreiflich Streit. - Red.) Ich hatte zugeschlagen wie ein Irrer - bis hin zu dem Schreckensmoment, an dem ich feststellte, dass mein Daumen gebrochen war. Es brauchte eine Operation, um ihn wieder hinzukriegen.«

Wann hast du bemerkt, dass der Erfolg kam?

»Eigentlich haben wir immer Erfolg gehabt. Die Band hatte bereits vor meinem Einstieg einen exzellenten Namen - besonders live. Sicher, wir haben die Komplimente geliebt, aber noch wichtiger war, dass wir die Wahrheit und Ehrlichkeit in ihnen erkannt haben. Wir wussten, dass wir gut und professionell waren. Wir haben uns förmlich zerrissen, um den bestmöglichen Sound hinzubekommen.«

Aber in England habt ihr bei Null anfangen müssen.

»Ganz so weit unten nicht. Egal, wo wir hingekommen sind: Wir mussten uns bewähren. Ich denke unter anderem an unsere ersten Konzerte in Deutschland, in Hamburg (15. September 1976 - Red.). Dort haben wir den Grundstein für unseren Erfolg gelegt und zementiert. Und zwar durch Mund-zu-Mund-Propaganda und nicht durch unsere Alben, die dort eh nicht im Radio liefen. Man muss dazu sagen, dass wir wirklich keinen gefälligen Pop oder Hits komponiert haben, haha! Das hat uns mit beiden Beinen auf dem Boden gehalten. Ich glaube, wir haben einen Film in der Festival Hall (Juni 1975, Melbourne - Red.) gedreht. Dieses Video hat es uns ermöglicht, einen Deal bei Atlantic in Europa an Land zu ziehen.

Der Ruhm ist so nach und nach gekommen, aber wohin wir auch gingen, es führte kein Weg an den Clubs vorbei. Das Gleiche passierte in den USA. Außer in einigen Städten, in denen wir von Anfang an in großen Hallen gespielt haben, wie in Jacksonville in Florida: Dort sind wir zum ersten Mal als Co-Headliner vor nicht weniger als 4.000 Leuten aufgetreten (der siebte US-Gig von AC/DC, die sich zusammen mit REO Speedwagon damals den Headlinerjob teilten - Red.). Aber das war eine Ausnahme - ansonsten haben wir in den übelsten Spelunken gespielt, die dieser Planet zu bieten hat. Das hat uns stark gemacht.«

Vor 1976 seid ihr in Australien bereits Stars gewesen, aber dem Rest der Welt vollkommen unbekannt.

»Die Zuschauer sind nach und nach gekommen. Das war eine ganz natürliche und authentische Entwicklung. Einige Leute haben uns per Zufall gesehen, sind Fans geworden und mit ihren Kumpels wiedergekommen. Wir haben unser erstes Konzert in England in einem Miniclub vor 80 Leuten gegeben. (Red Cow, 1976 - Red.) Als wir zum zweiten Mal dort gespielt haben, war alles ausverkauft, man hätte niemanden mehr reinquetschen können. Das waren echte Herausforderungen, und wir haben uns gefreut, dass wir ihnen gewachsen waren. Wir sind an Orten aufgetreten, in denen wir nicht mal in unseren schlimmsten Alpträumen spielen wollten, wir haben in England und Schottland für DJs den Anheizer gemacht - und die Jungs hatten den Headlinerjob, haha! Aber das hat uns nicht umgehauen.«

1979 habt ihr das erste Mal ein Album ohne George als Produzenten aufgenommen: Bei „Highway To Hell" saß Robert John „Mutt" Lange hinter dem Pult. Ist es schwer gewesen, sich ohne George zurechtzufinden?

»Es war in jedem Fall anders. Total anders. Aber ich habe es eher zu schätzen gewusst. Mutt ist sehr enthusiastisch gewesen. Es hat ihn fasziniert, zu sehen, bis zu welchem Punkt Angus und Malcolm an ihre Musik glaubten - das ist ansteckend gewesen. Gerade als Producer-Guru hat er unsere Integrität genossen. Sicher, in einigen Momenten waren wir ohne George und Harry Vanda, die immerhin unsere ersten sechs Alben produziert hatten, ein wenig verloren... Sie waren immer für AC/DC da - von Anfang an, sogar vor meiner Zeit. Aus diesem Grunde habe ich „Stiff Upper Lip" auch gerne eingespielt, denn George war ja an die Regler zurückgekehrt.«

Bon Scott ist am 19. Februar 1980 gestorben. Angus hat 1991 in einem Interview gesagt, dass du von allen Bandmitgliedern derjenige warst, den dieser Verlust am meisten berührt und betroffen hat.

»Sein Tod hat mich verändert, förmlich erstarren lassen. Keiner hat je gedacht, dass uns so etwas passieren könnte. Bon war, untertrieben gesagt, immer ein bunter Hund, und obwohl er ein- oder zwei Mal fast draufgegangen wäre (Phil denkt vor allem an den Motorradunfall im Februar 1974 - Red.), kam er irgendwie zurecht. Ich bin damals davon überzeugt gewesen, dass er plötzlich wieder auftauchen würde, die Tür aufmachen würde und einfach wieder da wäre. Aber dieses Mal ist es für immer gewesen.

Ich habe eine gewisse Zeit gebraucht, um mir darüber klar zu werden, dass es ihn nicht mehr gab - dass er wirklich tot war. Wir sind Bon alle sehr nahe gewesen, haben ihn alle geliebt. Und alle, die ihn gekannt haben, waren von der Nachricht seines Todes am Boden zerstört. Danach haben wir uns entschieden, ohne ihn weiterzumachen, denn er hätte es sich ganz sicher nicht gewünscht, dass sein Tod das Ende von AC/DC bedeutet hätte.«

Was ist zwischen 1980 und 1983 passiert, das deinen Ausstieg aus der Band verursacht hat?

»Pfff.... Wir sind unglaublich groß geworden, dank des Erfolges von Alben wie „Highway To Hell" und „Back In Black". Alles wurde immer gigantischer. Um unsere Platten und das neue Album „For Those About To Rock" zu promoten, sind wir wie die Irren getourt. Dieser Gigantismus hat mich buchstäblich verbraucht, mir jegliche Substanz genommen. Mein Interesse war verkümmert. Nach und nach habe ich Lust bekommen, andere Sachen zu machen, meine Hobbies ausüben zu können: Fliegen, Schießen, Autorennen. Leidenschaften, denen ich nicht nachgehen konnte, während wir auf Tour waren.

Wenn du unterwegs bist, kannst du nichts anderes machen - du lebst in einer komplett anderen Welt. Am Anfang findest du´s noch super, weil du ein Paralleluniversum entdeckt hast, aber nach einer bestimmten Zeit hört das aus Gesundheitsgründen auf - und ich meine damit sowohl die körperliche als auch die geistige Gesundheit. Am Ende habe ich keinen echten Spaß mehr daran gehabt, auf der Bühne zu stehen. Es war also besser, mich zurückzuziehen, als noch länger zu bleiben und mir alles andere zu versagen.«

Spielst du auf dem Album „Flick Of The Switch"?

»Ja.«

Auf dem ganzen Album?

»Ich glaube ja.«

Wie hat die Band reagiert, als sie von deinem Ausstiegsplan erfahren hat?

»Das Leben geht weiter." Es ist keine große Sache gewesen, außer dass man sich mit dem Problem eines Nachfolgers für mich befassen musste.«

Immerhin bist du ein Familienmitglied gewesen...

»Ja, aber es kommt vor, dass sich auch die besten Freunde anbrüllen oder dass sie sich lange nicht sehen. Das schließt ja nicht aus, dass sie sich bei einem Wiedersehen in die Arme fallen.«

Ist es eine Erleichterung gewesen, AC/DC zu verlassen?

»Ja, das kann man sagen, ich habe mich definitiv erleichtert gefühlt. Ich habe endlich Zeit gehabt, die Dinge zu tun, auf die ich Lust hatte, ohne auf festgefügte Stundenpläne achten zu müssen. Ich habe tausend Sachen gemacht, bin drei Jahre lang Rennen gefahren, habe Schießunterricht genommen, meinen Hubschrauberflugschein gemacht und mein eigenes 24-Spur-Tonstudio eingerichtet.«

Hast du zwischen 1983 und 1994 weiterhin Drums gespielt?

»Die ersten sechs Jahre habe ich absolut nichts gemacht. Später habe ich so nach und nach wieder angefangen. Ich hatte gemerkt, dass ich meine verrücktesten Träume verwirklichen konnte, ohne meine musikalische Karriere für immer an den Nagel hängen zu müssen. Dazu kam das Gefühl, gute Arbeit mit AC/DC geleistet zu haben. Daher hatte ich keine Lust, diese Zeit meines Lebens total zu vergessen. Ich habe also mit zwei neuseeländischen Musikern wieder angefangen zu spielen, natürlich Rock. Wir haben sogar einige Sachen in meinem eigenen Studio aufgenommen, das ich gebaut hatte, um ein bisschen an der Musikszene dranzubleiben. Ich habe auch einigen jungen Bands geholfen (u.a. Hard To Handle - Red.), indem ich ihnen Tipps gegeben habe und sie bei mir Demos oder sogar ganze Alben aufnehmen ließ. Man kann allerdings nicht sagen, dass ich als Produzent tätig war; eher schon als Toningenieur.«

Hast du Entzugserscheinungen gehabt, wenn du in diesen Jahren an AC/DC gedacht hast?

»Obwohl ich nicht mehr bei ihnen gespielt habe, habe ich mich der Band immer verbunden gefühlt. Ich bin immer davon überzeugt gewesen, der einzig wahre AC/DC-Drummer zu sein. Ich habe immer dieses tiefe Gefühl gehabt, dass meine Nachfolger nur vorübergehend diesen Posten besetzten. Ich habe die Band live während der „Razor´s Edge"-Tour gesehen, als sie in Auckland gespielt haben (16. November 1991, letzte Station der Welttournee ´90/91). Nach dem Gig haben die Boys und ich lange Zeit zusammengehockt, um über die alten Zeiten zu quatschen. Als wir schließlich abgehauen sind, war es drei Uhr morgens, so ist die Zeit verflogen.

Bei dieser Gelegenheit habe ich Chris Slade getroffen, der ein exzellenter Drummer ist. Ich muss ohnehin gestehen, dass ich seinen Stil bereits gemocht habe, bevor er bei AC/DC eingestiegen ist. Er hat sich gut auf der Bühne mit der Band gemacht, da gab´s nichts zu meckern. Chris war da, und es gab keinen Anlass, schnell etwas daran zu ändern. Ich habe mir auch nicht wirklich eine Chance für einen Wiedereinstieg ausgerechnet.

Das hat mich nach ein paar Bierchen allerdings nicht davon abgehalten, Malcolm zu sagen: „Falls ihr mich je brauchen solltet - ich stehe wieder zur Verfügung". Ich glaube, dass Angus und er die Bänder gehört hatten, die ich in meinem Studio in Neuseeland aufgenommen hatte - und sie haben gemerkt, dass ich immer noch eine Trommel zerlegen konnte, wenn´s drauf ankam. Etwas später hat Malcolm mich angerufen und gefragt, ob ich nicht Lust hätte, ein wenig zu jammen. Also haben wir uns wiedergetroffen und - bumm: ist alles genau wie früher gewesen, als ob ich nur zwischendurch mal Kippen holen gegangen wäre. Und das, obwohl wir seit zwölf Jahren nicht mehr zusammen gespielt hatten - fast eine Ewigkeit!«

Seltsamerweise hat die Band vor 19 Jahren kürzere Konzerte gegeben als jetzt. In der Zwischenzeit seid ihr älter geworden - ist das nicht hart, dieses Höllentempo durchzuhalten, an das du nicht mehr gewöhnt gewesen bist?

»Als ich 1996 zurückkam, hatte ich einige schmerzhafte Sehnenentzündungen, die mir Sorgen machten, aber das hat sich mit der Zeit gegeben. Jetzt bin ich topfit.

Die Shows der „Ballbreaker"-Tour, während der ich mein Comeback hatte, haben noch länger gedauert als die der „Stiff Upper Lip"-Tour, deren Gigs mitunter länger als zweieinviertel Stunden gewesen sind. Heute dauern unsere Konzerte zwei Stunden. Dadurch haben sie noch mehr Power, da wir keine Ruhephase in der Mitte einlegen. Wir beginnen mit einem Knall und hören mit einem Knall auf. Leerlauf gibt´s nicht. Zwei Stunden sind genau richtig - danach ist es sowohl für die Musiker als auch für das Publikum schwierig, Aufmerksamkeit und Konzentration aufrechtzuerhalten.«

Deine Rückkehr fiel im August ´95 mit den Dreharbeiten des ´Hard As A Rock´-Clips zusammen. Bei dieser Gelegenheit riefen die Fans, die sehr glücklich über deine Rückkehr waren, immer wieder lauthals deinen Namen. Warst du gerührt?

»Natürlich, das hat mich enorm gerührt. Viele Fans sagten mir wirklich nette Sachen, dass sie mich für den wahren Drummer der Band gehalten hätten und so. Es ist immer schön, so was zu hören, das hat mich sehr glücklich gemacht. Genauso wie unsere jüngste Scheibe „Stiff Upper Lip", die ich mittlerweile genauso gut finde wie meine bisherigen Lieblingsalben von AC/DC wie beispielsweise „Powerage". Das ist eine wirklich gute Scheibe...«

Wir widersprechen dir nicht.

 

Interview: Philippe Lageat

Übersetzung: Dani Lipka

Bearbeitung: Matthias Breusch

Fotos: Marc Villalonga

 

 

Discographie Phil Rudd (ohne AC/DC):

 

BUSTER BROWN

„Something To Say"

(LP, 1974, Wiederveröffentlichung auf CD)

 

Line-up:

Gary „Angry" Anderson (v.)

Gordon „Geordie" Leech (b.)

Phil Rudd (dr.)

Paul Grant (g.)

John Moon (g.)

Chris Wilson (keys)

 

Tracklist:

 

Rock´n´Roll Lady * Let Me In * Buster Brown * Roll Over Beethoven (Chuck Berry) * Young Spunk * Apprentice * Something To Say