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BOYSETSFIRE, IN FLAMES, AGNOSTIC FRONT, NEAERA

Vainstream Rockfest 2013

Vainstream

Das seit 2006 jährlich in Münster stattfindende Vainstream Rockfest präsentiert sich dieses Jahr unter strahlend blauem Himmel bei gefühlten 30°C. Sonnenbrand vorprogrammiert, denn auf dem zentral in der Stadt gelegenen, knapp 15.000 Besucher fassenden Gelände ist jeder schattige Quadratmillimeter heiß umkämpft.

Begonnen wird die Feierlichkeiten bereits am Freitagabend im Skaters Palace mit der "Desperados Opening Night", wo sich GOLDLUST, BANE, YOUR DEMISE und UNEARTH die Klinke in die Hand geben.

Am Samstag heißt es dann: drei Bühnen, 18 Bands. Bereits um zehn Uhr eröffnen BLEED FROM WITHIN das Spektakel; das einströmende Publikum erkundet fix das überschaubare Gelände und versammelt sich dann gut gelaunt vor den beiden nebeneinander stehenden Hauptbühnen. THE DEVIL WEARS PRADA und DEEZ NUTS, so der Eindruck, können vor allem das etwas jüngere Publikum schnell begeistern. Bei dem Bilden von Altersschubladen sollte man zwar vorsichtig sein, jedoch dürfte es nicht verwundern, dass im Vergleich zu reinrassigen Metal-Festivals der Altersdurchschnitt bei einem Metalcore und Hardcore/Punk geprägten Festival wie dem Vainstream ein wenig niedriger liegt.

Der Nachwuchs will gefördert werden, besonders der einheimische, und so bieten die Veranstalter einer lokalen „Größe“ die Möglichkeit, sich dem heimischen Publikum zu stellen: NEAERA, Melodic-Death-Metal aus Münster, überzeugen in dem durchweg hochwertigen internationalen Billing, und können auch mit Stücken aus dem dieses Jahr erschienen Album „Ours Is The Storm“ punkten. Immer wieder eine schöne Sache auf eine solide Heimmannschaft setzen zu können, und sich im internationalen Vergleich nicht verstecken zu müssen!

Sondaschule

Das Vainstream bezeichnet sich selbst als „Rockfest“, und „Rock“ ist ein dehnbarer Begriff. Trotzdem ertönt auf dem Festival der ein oder andere stilistische Ausreißer. Dazu gehört definitiv SONDASCHULE aus Oberhausen. Die siebenköpfige Ska-Punk-Combo ist sicherlich eine Gute-Laune-Maschine, besonders bei so sommerlichen Temperaturen, wirkt jedoch im Rockfest-Billing ein wenig verloren. Das Publikum zeigt sich jedoch offen und anpassungsfähig; die vordersten Reihen belohnen die musikalische Abwechslung mit Tanz und Gesang.

THE GHOST INSIDE aus dem sonnigen Los Angeles leiten dann wieder zu etwas gewohnteren Klängen über, mit melodischen Hardcore-Riffs und einem gut gelaunten Jonathan Vigil am Mikrophon.

Anti-Flag

Die Urgesteine ANTI-FLAG, seit fast genau 20 Jahren auf dem musikalischen Parkett zu finden, gehören jedoch definitiv zu einem der ersten wirklich großen Highlights an diesem Tag. Politisch, straight, ohne viele Schnörkel, dafür mit einer klaren Message, so gefällt es dem Publikum. Eine solide Bühnenpräsenz, keine Überraschungen, dafür ein hohes Maß an Spielkompetenz und Leidenschaft für die Songs.

Anschließend AGNOSTIC FRONT: ein wenig brutaler, kompromissloser, schleppendere Basslinien und ein bisschen mehr Brüderlichkeit und Kommunikation mit dem Publikum. Das weiß zu gefallen: der nächste Circle Pit lässt nicht lange auf sich warten.

Jennifer Rostock

Und nun der zweite Ausreißer: JENNIFER ROSTOCK. Zu Gute halten muss man der jungen Frontfrau, dass sie selbst einsieht, dass ihre Band wohl als (Zitat) „musikalischer Weichspüler“ auf das Festival gebucht wurde. Was die Farbenfreude der Tätowierungen und den Piercing-Anteil angeht, reiht sie sich optisch definitiv in die Riege ihrer männlichen Gesangskollegen ein. Aber was soll man sagen, wenn darum gebeten wird, das Publikum in „Jungs und Mädchen“ aufzuteilen, und mit einer gezwungenen Ironie die Aufforderung ertönt, alle mögen mal die Eier raus holen, um was von „Sternen, die man vom Himmel holt“ mitzusingen (die Mädchen bitte ganz liebevoll, die Jungs schön laut grunzen und grölen)? Ein junger Mann im Publikum sieht es mit Humor: „Ich mache ein Foto für meine kleine Schwester, die freut sich.“

Die Briten von ASKING ALEXANDRIA schlagen dann aber wieder in die Metal- und Hardcore-Kerbe. 2003 in den Vereinigten Arabischen Emiraten gegründet, 2007 aufgelöst, 2008 in England neu gegründet (nur noch Lead-Gitarrist Ben Bruce ist vom Original-Line-up übrig geblieben), hat die Combo es trotzdem geschafft, diesen Sommer eine Menge namhafter Festivals zu spielen und in relativ kurzer Zeit eine treue Fanbase zu gewinnen. Auch auf dem Vainstream ist das Publikum textsicher und feiert bei wolkenlosem Himmel.

Blitzkreuz und Konfetti, Rhythmen a lá Rammstein und Marsch-Bewegungen wie zu Großvaters Zeiten; bei CALLEJON werden dann die Boxen so richtig aufgedreht, sodass der dröhnende Bass auch endlich in den letzten Reihen ankommt. Man mag von den Spielereien mit der Symbolik aus vergangen Zeiten halten, was man will, eine gelungene, provokante und abwechslungsreiche Bühnenshow lieferten die Herren aus dem Raum Köln/Düsseldorf allemal ab. Das Cover des Fettes-Brot-Hits 'Schwule Mädchen' hätte man sich vielleicht sparen können, aber das Publikum nimmt's mit Humor und Ironie, also grölen auch die letzten Reihen mit.

Boysetsfire

Wem diese Darbietung doch vielleicht ein wenig zu neumodisch ist, der freut sich über die guten alten BOYSETSFIRE, die seit 2010 wieder ihr Unwesen treiben. Nathan Gray, mit ergrautem Bart, aber immer noch den Schelm im Nacken, beglückt die Zuhörerschaft mit seiner authentischen Art, einem Lächeln im Gesicht und einer Energie, die bis in die letzten Winkel des Festivalgeländes zu spüren ist. Wie schafft es diese Band, dass jeder zweite Songs etwas so Packendes und Hymnenartiges transportiert, dass man seinem Nachbarn um den Hals fallen und in schwermütiges Sinnieren über die guten alten Zeiten verfallen will? Eine durchweg ausgezeichnete Band; Songwriting und Live-Performance überzeugen durch die Bank weg.

A DAY TO REMEMBER, die dieses Jahr ihr Zehnjähriges feiern, wollen an dieses Gefühl anschließen. Das gelingt der Truppe mit ihren etwas poppig angehauchten Melodien und den bassigen Growls, die mit dem auch live überzeugenden cleanen Gesang gepaart werden. Eine angenehme Mischung aus Melancholie und Spaß.

Winston McCall kann es sich mittlerweile theoretisch leisten, das Publikum weder zum Mitsingen, noch zum Tanzen, oder zu einer Wall of Death aufzufordern. PARKWAY DRIVE, habe nicht umsonst den weiten Weg über das ein oder andere Weltmeer auf sich genommen, um dem deutschen Publikum mit ihrem Breakdown-Beschuss einzuheizen. Kein Clean-Gesang, dafür Hardcore vom Feinsten, eine harmonisch auf der Bühne agierende Truppe, viel Bewegung, viel Interaktion. Es macht Spaß zuzusehen und mitzumachen. Diese Band ist live immer wieder ein Highlight.

Zelebriert wird das Ende des Musikmarathons mit den Grammy-ausgezeichneten IN FLAMES. Die Melodic-Death-Metal-Pioniere aus Göteborg, die es in Top-Positionen der Charts schafft, muss sich zwar von dem ein oder anderen Kritiker anhören, sie wäre sich ihrer Wurzeln nicht mehr bewusst und schiffe zu sehr in trendigen Gewässern. Andere jedoch sehen das Positive in der innovativen Entwicklung und Einverleibung moderner musikalischer Elemente in ein traditionsreiches Genre. Wie man es auch sehen will, live überzeugt die Truppe bis zum letzten Ton, womit in diesem Jahr die Lichter des Vainstreams erlöschen.

Noch nicht ganz! Am Sonntag lässt man dann ab 22:00 Uhr auf der Club Stage mit drei „Absacker-Bands“ (ERIK COHEN, ALL THAT REMAINS, CLUTCH) das Festival ausklingen.

Eine runde Sache, und obwohl das Festival-Camping-Erlebnis ausbleibt (bis auf die Hand voll mutigen Wild-Camper, die sich vereinzelt in das Stadtbild Münsters integrieren), ein sehr angenehmes, nicht zu aufgeblasenes Festival mit so manchem musikalischen Highlight besonders für Freunde der Metal- und Hardcore-Szene.

 

Pics: Sarah Fleischer www.sarahfleischer.de

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