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TRUCKFIGHTERS, THE SKULL, ALL THEM WITCHES, THE VINTAGE CARAVAN, STONED JESUS, WUCAN, LUCIFER, BELZEBONG

UNDER THE BLACK MOON 2016

UNDER THE BLACK MOON

Nach über sieben Stunden wird’s nochmal sportlich beim „Under The Black Moon“-Festival im Münchner Backstage. Die TRUCKFIGHTERS aus dem schwedischen Örebrö bieten als Trio trotz allen Bewegungsdrangs ihres Gitarristen genügend Freiraum auf der wohnzimmergroßen Bühne des Werks. Und das hat dieser findige Stagediver genau erkannt. Drei Meter Anlauf, ein Satz über fünf, sechs Meter mitten hinein in die tobende Menge - olympiareifer Auftritt! Beinahe goldverdächtig.

Beinahe. Denn der Platz ganz oben auf dem Stockerl gebührt natürlich den Veranstaltern, die diese zweite Auflage des Stoner-Happenings an der Friedenheimer Brücke zu einem echten Vergnügen machen. 16 Bands auf drei Bühnen, dazu Streetfood, ein Rock’n’Roll-Flohmarkt und Bundesliga auf der großen Leinwand des Freigeländes - mehr kann man nicht verlangen an einem nieselig-kalten März-Samstag. Alle Bands des Tages zu sehen (und allen gerecht zu werden) ist unmöglich. Größter Wermutstropfen: Die Gigs von THE SKULL und WUCAN überschneiden sich weitestgehend, so dass sich Freunde beider Kapellen schlechten Gewissens für Alt oder Jung entscheiden müssen. Es sei denn, sie nehmen - wie der Rezensent - ein Pendlerschicksal in Kauf, was bei dem enormen Andrang einiges an Quetschtoleranz erfordert.

Schon bei der ersten Band, den Ukrainern STONED JESUS, ist die Halle brechend voll. Der bluesige Stonersound des Quartetts aus Kiew läuft zweifellos gut rein, trotzdem soll die Frage eines Schlangestehers nicht unerwähnt bleiben: „Gibt’s hier etwa Freibier?“ THE CROMPTONS nebenan im noch fast leeren Werk haben es im Anschluss wesentlich schwerer, Stimmung zu entfachen. Dabei ist der schön angeschmutzte Rock’n’Roll des Vierers aller Ehren wert, wie sich an den zunehmend entzückten Gesichtern unschwer ablesen lässt. Deutlich voller ist es im Anschluss beim Gig der ebenfalls in München ansässigen Okkult-Doomer CULT OF THE BLACK MOON RISIN’. Sänger Calippo Schmutz lässt sich das Haar vom Bodenventilator föhnen, zelebriert ein Ritual zwischen Kerzen und Rauchwaren und hält sich dabei an einer Bourbonflasche schadlos. Ein bisschen sehr Jex-Thoth-mäßig, das Ganze, aber technisch einwandfrei dargeboten. Calippo und Jessica - das wäre ein Paar!

Während die Intrumental-Polen BELZEBONG in der Halle die Rauchfreunde hypnotisieren, zieht es den Rezensenten bald in den kleinen Club nebenan, wo sich die Lokalmatadore BLACK VOODOO TRAIN ihrem psychedelischen Bluesrock hingeben. Zehn Minuten wird gewabert bis Sängerin Louisa Simon ihren ersten Einsatz hat. Dann geht’s ab Richtung Uranus, die Gitarren drehen einen Soundkokon zum Entspannen und Nachdenken. Starker Gig, hier wächst was heran.

ALL THEM WITCHES im Werk sind ein weiterer früher Höhepunkt des Festivals. Das Quartett aus Nashville vermengt Blues, Doom, Psychedelic und Americana zu einer staubigen aber trotzdem ungemein erfrischenden Melange, die auch Pink-Floyd-, The-Doors- und Lou-Reed-Fans dringend ans Herz gelegt sei. Der ideale Soundtrack zum Autofahren, Kochen oder Fensterputzen, auch Matratzensport erscheint nicht abwegig. Die Fans sind entzückt, singen Drummer Robby Staebler ein kräftiges Happy Birthday. Wunderbare Band - und ein inspirierendes Konzert.

Nun darf transpiriert werden. THE VINTAGE CARAVAN aus Island haben sich über die Jahre zu einer echten Live-Macht entwickelt. 'Babylon' nimmt die Halle im Sturm, es folgen die Kracher 'Craving' und 'Shaken Beliefs'. Sänger/Gitarrist Óskar Logi Ágústsson ist ein Derwisch vor dem Herrn, Bassist Alex Örn schüttelt sich die Schweißtropfen aus dem Vollbart. Die Menge dankt es mit einem veritablen Moshpit. Selten hat der Bezeichnung Powertrio besser gepasst als auf die Jungs aus Reykjavik. Ready to conquer!



Für die Ernüchterung des Tages sorgen im Anschluss LUCIFER. Die deutsch-englische Doom-Kollaboration klingt auf Platte eigentlich ganz ordentlich mit ihrer Coven/BlackSabbath-Mischung, live scheitert das ganze an Sängerin Johanna Sadonis, genauer gesagt der arg limitierten Stimme der Berlinerin. Nett anzuschauen ist die grazile Blondine zweifellos, auch wenn sich das Wallewalle-Stageacting rasch abnutzt. Aber diese Stimme… Eine Handvoll Töne sind einfach zu wenig für höhere Ansprüche. Der Applaus hinter den ersten paar Reihen fällt dementsprechend verhalten aus.

Wie sich Optik und musikalische Klasse vereinbaren lassen, demonstrieren im kleinen Club WUCAN. Die Dresdner Kräuterrocker haben sich mit einer EP, einem Album und großer Tourfreudigkeit in der Spitze der deutschen Retrorock-Szene etabliert. Und was die Band seit dem Auftritt beim Hammer Of Doom vor gut zwei Jahren an Selbstvertrauen und Präsenz zugelegt hat, ist kaum zu fassen. Sängerin, Gitarristin und Flötistin Francis Tobolsky hat Talent und Charisma im Überfluss, hier sitzt jeder Ton, jeder Song kommt auf den Punkt. Der große Abräumer ist 'Franis Vikarma' mit seiner unwiderstehlichen Flöten-Hookline, quasi das 'Devil Man' WUCANs. Ein energisches 'Am I Evil' - Cover zum Abschluss, fertig ist der aufregendste Gig des gesamten Festivals.

Auch THE SKULL machen ihren Job nebenan höchst passabel. Zwar gefallen mir persönlich die Wagner-losen Trouble aufgrund ihrer unvergleichleichen Gitarrenpower immer noch ein gutes Stück besser, trotzdem kann man auch dem kettenrauchenden Altmeister Eric und seinem Bassisten Ron Holzner die Anerkennung nicht verweigern. Der Set ist klassikerlastig, Songs wie 'The Tempter' oder 'At The End Of My Daze' sind einfach nicht totzuspielende Göttergaben. Auch der neue Stoff kommt gut an, wenngleich sich die ganz große Magie an diesem Abend nicht (mehr) entfalten mag.

Und damit nochmal zu den TRUCKFIGHTERS, die mich auf Platte eher kalt lassen, aber live duchaus beeindrucken. Was Gitarrist Niklas „Dango“ Källgren an Bühnenkilometern macht, hat der Rest des Billings höchstens zusammen hingebracht. Unfassbar, der Kerl! Irgendwie erinnert die Performance an eine Stoner-Version der Red Hot Chili Peppers musikalisch lassen sich Kyuss und Soundgarden deutlich heraushören. Die Fans fressen dem Trio aus der Hand, crowdsurfen auch bei ruhigeren Passagen. Und weit nach Mitternacht macht sich schließlich eine dampfende Karawane auf Richtung S-Bahnhof. Kaputt, zufrieden, glücklich. Nächstes Jahr gerne wieder!