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TRANS-SIBERIAN ORCHESTRA

Düsseldorf, Philipshalle

 

Pünktlich um 20 Uhr gehen die Lichter in der Philipshalle aus und obwohl die knapp 2500 Anwesenden allesamt auf ihren Stühlen sitzen, ist bei ihnen eine unaufgeregte Erwartungshaltung spürbar. Sie fiebern dem Auftritt des TRANS-SIBERIAN ORCHESTRA entgegen, das im Frühjahr 2011 das erste Mal europäische Bühnen betritt.
Mitgebracht hat das TSO eine Geschichte über den in die Jahre gekommenen Ludwig van Beethoven, die den Abend behandelt, an dem er seine zehnte Symphonie beendet hat. Dargestellt und verpackt wird das Ganze in einem Bühnenbild, dem es an nichts mangelt: Videoleinwand, große Bühnenaufbauten, Laser, Pyros, Trockeneis und neben zwei Keyboards, einem Schlagzeug, zwei Gitarren, einem Bass, den BackgroundsängerInnen und einem Violinisten sitzt noch ein geschätztes Viertel eines Orchesters auf der Bühne.
Die musikalische Qualität an diesem Abend ist über jeden Zweifel erhaben. Angeführt von der herausragenden Stimme Tim Hockenberrys, der den alten Beethoven spielt, vollbringt jeder Künstler – vom Vokalisten über den Instrumentalisten bis zum Erzähler – an diesem Abend eine blitzsaubere Leistung, die die Augen der Zuschauer zum Leuchten bringt.
Dennoch ist es irgendwie surreal mit anzusehen, wie besonders die rechte Seite der Bühne in Person von Chris Caffery und John Lee Middleton schon mit Beginn des allerersten Songs nach allen Regeln der Kunst abrockt und sich im Publikum nichts, aber auch absolut gar nichts, rührt. Dies liegt sicherlich zum Großteil daran, dass jeder mit seinem Hintern auf einem Stuhl sitzt, zum anderen aber auch daran, dass das Publikum entweder aus bereits in die Jahre gekommenen Savatage-Fans oder gleichaltem Charts-Publikum besteht, wobei letzteres augenscheinlich nichts anderes als Sitzvorführungen gewohnt ist.
Auf der Bühne wird dessen ungeachtet weiter professionell gerockt, doch merkt man jeder Handbewegung, jedem Stick-Trick von Jeff Plate, jeder Geste an, dass sie bis ins kleinste Detail ausgearbeitet und einstudiert ist. Platz für Spontanität bleibt so nicht, selbst die BackgroundsängerInnen setzen beim Betreten und Verlassen der Bühne jeden Schritt passend zum Rhythmus auf das Parkett. Dies wirkt zwar alles hochprofessionell, aber manchmal auch so sehr „over the top“, dass die Grenze zur Persiflage überschritten wird. Nicht nur die extrem enge Hose, die das Gemächt von Jeff Scott Soto sehr in den Vordergrund rückt, verwirrt leicht. Die Choreographie der ihren Körper im Takt von links nach rechts werfenden Backgroundsängerinnen in ihrem luftigen, kleinen Schwarzen hätte auch im „Titty Twister“ Erfolg.

 

Das Publikum klatscht zwar begeistert Beifall, doch ist es wohl symptomatisch, dass sich erst zum Zugabenteil, in dem alte Savatage-Klassiker wie 'Sleep' und 'Chance' ins Publikum gefeuert werden, ein Großteil des Publikums von ihren Sitzen erhebt und begeistert mitsingt.
So bleibt eine zweieinhalb Stunden lange, sowohl musikalisch als auch optisch perfekte Show, die eine Menge Spaß macht, allerdings auch komplett glattgebügelt ist. Es ist in der Tat eine Rockoper.


SETLIST
Overture
Midnight
Fate
What Good This Deafness
Mephistopheles
What Is Eternal
Mozart And Memories
Vienna
Mozart
The Dreams Of Candlelight
Requiem (The Fifth)
The Dark
Für Elise
The Fifth
After The Fall
A Last Illusion
This Is Who You Are
Misery
Who Is This Child
A Final Dream
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Toccata
Sleep/Gutter Ballet Medley
The Mountain
Another Way To Die
Carmina Burana
Chance

 

Ein Interview mit TSO-Gitarrist Al Pitrelli findet ihr hier!