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SLIPKNOT, WE BUTTER THE BREAD WITH BUTTER

Berlin, C-Halle

Statt sich nach dem Ausfall des bulgarischen Sonisphere-Festivals einen Tag gelangweilt am Sack zu kratzen, spielen SLIPKNOT als überraschenden Deutschlandabstecher eine schon fast intime Clubshow in der Berliner C-Halle. Und kratzen sich dann dort überdurchschnittlich oft am Sack. Warum auch immer. Jedenfalls nicht aus Langeweile. Denn von verwöhntem Arena-Act-Verhalten ist hier keine Spur zu entdecken.

Trotzdem spricht auf der ersten Tour nach dem Drogentod von Bassist Paul Gray einiges gegen die ehemaligen Schockrocker: Frontmann Corey Taylor legt den Fokus längst auf seine Mittlerweile-Hauptband Stone Sour, und zumindest der großartige Drummer Joey Jordison würde sich ebenfalls lieber auf 'ne andere Spielwiese konzentrieren. Für seine Murderdolls interessiert sich jedoch kaum jemand. SLIPKNOT 2011 sind eine Zweckgemeinschaft von Taylors Gnaden. Bock auf 'ne neue Platte hat er nicht, aber zumindest live schlüpft er mit seinen Kumpanen gelegentlich zurück in die Rolle des Psychos, von dem er sich mit Stone Sour und überhaupt als der nette Mensch, der er nun mal ist, meilenweit entfernt hat. Und genau das ist der Unterschied zu den SLIPKNOT, die Ende der Neunziger - egal, ob man sie nun liebt oder hasst - den extremen Metal umkrempelten. Es fehlt das Unberechenbare, das wirklich Wilde, Angstmachende. Sieben der acht Gestalten auf der Bühne (eigentlich sind's ja neun, aber Ersatztieftöner Donnie Steele darf nur hinterm Vorhang rocken, obwohl er in der SLIPKNOT-Frühphase mal Gitarrist der Band war; stattdessen hängen Overall und Maske von Paul on stage) geben sich redlich Mühe, ihrem Image gerecht zu werden. Es läuft noch das Intro, und der Turntable-Gasmaskenmann surft schon durch die Crowd. Später springt er sogar vom geschätzt fünf Meter hohen Balkon in die Fans. Der fette Clown und dieser irgendwie blöd aussehende Langnasenknilch haben mit ihrem Percussion-Zeux musikalisch nicht viel Input, bleiben aber pausenlos in Bewegung, und Ersterer schmeißt mir zwischendurch mal eben einen Stick an den Kopf. Gitarrist Mick Thomson gibt bestens den Michael Myers aus Rob Zombies "Halloween"-Remakes und bewahrt seine bedrohliche Aura. Sänger Taylor hingegen weiß, dass sein Stone-Sour-Kuschelrock für das SLIPKNOT-Image so förderlich ist, wie ein Gig auf 'ner Bar Mitzwa für 'ne Burzum-Coverband und macht einen auf netter Rocker: "I love you all", "Take care of yourselves and your children". Jesusfuckingchrist, sind wir hier bei den Söhnen Mannheims? SLIPKNOT werden inzwischen nicht mehr durch kreativen Irrsinn zusammengehalten, sondern durch Reichtum, Ruhm und Professionalität. Doch alles andere wäre wiederum längst unglaubwürdig. Und genau deshalb sind sie heute Abend richtig gut. Die proppenvolle C-Halle ist von der ersten bis zur letzten Sekunde eine wogende, im eigenen Schweiß badende Masse. Dutzende Feuerfontänen von der Bühne heizen die Luft noch zusätzlich auf. Die Ordner ziehen diverse ohnmächtige Mädels aus den ersten Reihen und versorgen die Meute mit Wasser. Die Performance begeistert. Sei sie halt routiniert statt von echtem Wahn diktiert. Hits haben SLIPKNOT nach wie vor höchstens 'ne Handvoll. Aber das ist hier Nebensache, und vielleicht lässt sich Taylor ja doch noch zu einem finalen Album überreden.

Vorkasper waren die Seitenscheitel-Bubis WE BUTTER THE BREAD WITH BUTTER, die mit ihren Elektro-Core-Zeitlupen-Beatdown-Versionen von 'Hänschen Klein' und 'Alle meine Entchen' gut ankamen. Ebenfalls erwähnenswert: Konservenpausenmusik von Crucifix und den U.K. Subs. Schöner Abend!