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SCOTT KELLY, PETER WOLFF

Dortmund, Pauluskirche

SCOTT KELLY & JOHN JUDKINS

Als eines seiner zahlreichen Projekte zieht SCOTT KELLY gern mit seiner Akustikgitarre durch die Lande. Mit Multiinstrumentalist John Judkins (Rwake) und einer gemeinsamen 7“-Live-Platte im Gepäck ist der Neurosis-Sänger im noch jungen Jahr an einen besonderen Ort im Dortmunder Norden zurückgekehrt.

Ein Kirchenbesuch hat immer etwas Familiäres, egal, wann und aus welchem Grund man das letzte Mal auf den Holzbänken Platz genommen hat. So auch an einem kalten Februar-Abend, als Scott Kelly mit seiner Solo-Akustik-Show bei der evangelischen Pauluskirche in Dortmund auf der Matte steht. Als Ansager rührt der motivierte Pfarrer die Werbetrommel für das kulturelle Engagement seiner Kirche, emsige und freundliche Gemeindemitglieder organisieren den Abend ehrenamtlich und schaffen den sympathischen „Selbstgemacht“-Charme, weil hier eben keine Event-Vollprofis am Werk sind. Der Neurosis-Sänger mag diese familiäre Atmosphäre wohl, denn „der Scott“, wie ihn der Pfarrer mit Begeisterung und Stolz in der Stimme nennt, ist schon zum vierten Mal an diesem Ort. So bevölkern zahlreiche schwarze Gestalten am Samstagabend die Reihen und lauschen den im großen Raum ehrfürchtig hallenden Klängen.

Zunächst produziert diese aber PETER WOLFF im Stockfinstern. Das Gründungsmitglied von Downfall of Gaia stellt sein Solo-Debüt-Album „Repeat“ vor. Mit Laptop und Keyboard erschafft er düstere, karge Klangwelten, die sich in Hoffnungslosigkeit um sich selbst zu drehen scheinen. Den sphärischen Elektro-Ambient untermalt er mit schwarz-weißen Video-Collagen auf einer großen Leinwand. Die abstrakten Bilder und Muster vertiefen den musikalischen Eindruck und ziehen die Zuschauer in ihren hypnotisierenden Bann. Ohne Atem- oder Applauspause schweben Wolffs Soundkonstrukte etwa 45 Minuten lang durch den kalten Kirchenraum.Bei wärmendem Glühwein, Kaltgetränken und Würstchen im Hof erholen sich alle von dem intensiven Erlebnis für Augen und Ohren.

Dann geht es mit Beleuchtung weiter: SCOTT KELLY schnallt sich eine blaue Akustikgitarre um, sein Duo-Buddy John Judkins (Rwake) setzt sich zu seiner Rechten auf einen braun gepolsterten Stuhl (ein weiterer Kirchenklassiker). Beide Musiker vertiefen sich in ihren Akustik-Doom, schließen fast durchgehend die Augen – und gerade Judkins scheint in Gedanken zumeist meilenweit weg zu sein. Während Kelly den Rhythmus in schleppend-melancholischer Monotonie schrammelt, bringt sein Kompagnon mit Lapsteel- und E-Gitarre melodiöse Verzierungen ins Klangbild. Die Atmosphäre der kühlen, minimalistisch gestalteten Kirche und ihr Hall verstärken die Traurigkeit der düsteren Texte von ‘Ladder In My Blood’ und ‘The Sun Is Dreaming In The Soul’. Ein Highlight ist in jedem Fall das Neil-Young-Cover ‘Cortez The Killer’, das in diesem Setting einen noch größeren Schauer hinterlässt. „Wir freuen uns, hier zu sein“, richtet Kelly das Wort an die versammelten Kirchenbesucher: „Dortmund ist für mich wie eine zweite Heimat.“ Über die Plattitüde muss er selbst schmunzeln, aber man nimmt ihm das heimelige Gefühl an diesem Ort ab. Seine tiefe, raue und intensive Stimme bekommt in der Kirche noch mehr Dimension. Das Cover von Townes Van Zandts ‘Tecumseh Valley’ um die tragische Geschichte des Western-Mädchens Caroline wirkt dadurch noch auswegloser. Den letzten Song ‘We Burn Through The Night’ widmet Kelly den Familien aller Anwesenden und wirkt im Anschluss selbst davon emotional berührt. Die Zugabe leitet er kurzerhand mit „Wir haben noch einen – und wo ihr schon mal hier sitzt ...“ ein, anschließend gehen beide strammen Schrittes von der Bühne. Dann wird es noch einmal familiär-kurios: Während sich die Zuschauer schon zufrieden aus den Bänken schieben, stimmt der Pfarrer motivierende „Zugabe“-Rufe an. Erst nach nochmaligem Nachfragen am Merch-Stand muss er den etwas irritierten Besuchern eingestehen, dass es doch vorbei ist. Man möchte ihn trösten: Das nächste Mal kommt bestimmt!