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ANTIMATTER, SECRETS OF THE MOON, ALCEST, LES DISCRETS, GERM, WÖLJAGER, VEMOD, IRON MOUNTAIN, SOL INVICTUS, GLERAKUR, HEKATE

PROPHECY FEST 2016

PROPHECY FEST 2016

Nachdem die weitbekannte Balver Höhle vor knapp einem Jahr für einen Tag Schauplatz des ersten Prophecy Fests war, wurde der Umfang bei der diesjährigen Ausgabe verdoppelt und der Termin in den Hochsommer vorverlegt. Von entsprechender Witterung kann im sauerländischen Mittelgebirge zwar keine Rede sein, aber wen stört es, wenn man stets ein steinernes Dach im Fels über dem Kopf hat? Die unter dem Banner von Prophecy Productions auftretenden Künstler sind bei aller Stilvielfalt durch eines vereint: dem Gesamtkunstwerk. Musik, Ästhetik, Verpackung und vor allem Atmosphäre gehen Hand in Hand und machen das Festival zu einem der bemerkenswertesten Events im breiten Spannungsfeld zwischen Black Metal, Neofolk, alternativer Rockmusik und, ja, Jazz.

Freitag

Innerhalb der kühlen, von Räucherstäbchen getränkten Höhle eröffnen HEKATE die heutige Zeremonie. Durch die besondere Atmosphäre wirken die rituell anmutenden Trommelschläge noch viel spirituell aufgeladener und intensiver auf Körper und Geist ein. Betrachtet man die Truppe, die sich irgendwo zwischen Folk und Mittelalter verortet, rein instrumental, kann man sich gut auf die treibende, magische Stimmung einlassen – Gesang jeglicher Couleur (männlich, weiblich, deutsch, französisch) macht das Ganze aber irgendwie unangenehm. 

Bei GERM trauen sich schon weitaus mehr Leute in die Höhle, was auch damit zusammenhängen könnte, dass es bei dem australischen, experimentellen Projekt deutlich (schwarz-)metallischer zugeht, auch wenn man das dem kurzhaarigen, in ein Jackett gehüllten Vokalisten Tim Yatras auf den ersten Blick nicht ansieht. Der Rest der Truppe (u.a. Heretoir/Agrypnie-Gitarrist David) rockt ganz gut und bringt damit sogar die Menge ein wenig in Schwung, was sich aber mit dem Auftritt von LES DISCRETS wieder etwas legt.

Das liegt allerdings nicht daran, dass die Franzosen keinen starken Auftritt hinlegen, im Gegenteil: Ihr verträumter, sphärischer Metal lädt total zum Abtauchen, Treiben und sich Hingeben ein, nur eben nicht unbedingt zu großartigen Bewegungen. LES DISCRETS-Sänger Fursy Teyssier ist nicht nur musikalisch, sondern auch malerisch kreativ und stellt in diesem Jahr in der Höhle einige seiner Werke aus, die durch ihre düsteren und wahnsinnigen Motive grandios in das Gesamtkonzept des Festivals passen. 


IRON MOUNTAIN wirken an diesem Abend wie ein schamanisches Zwischenspiel. Irgendwo zwischen abgespacetem Stoner und verspieltem Folk wird elegant hinübergeleitet zum Highlight des Abends: SECRETS OF THE MOON. Im Fokus dieses Abends steht ihre aktuelle Platte „Sun“, und diese in Gänze live zu erleben, ist der absolute Wahnsinn. All die Höhen und Tiefen, die Leiden und Stärken, das Fallen und den Mut, ja einfach jegliche Emotionen, die dieses Kunstwerk hervorruft, durchlebt man nun in dieser atemberaubenden Höhle mit Leib und Seele. An dieser Stelle kann ich vor so viel unbändiger Leidenschaft nur den Hut ziehen und alle Leser zum Rock Hard Festival 2017 einladen, um die einzigartige Magie von SECRETS OF THE MOON selbst live zu erleben. 


Ausklingen lassen diesen verzauberten Abend HELRUNAR, die beim diesjährigen Prophecy Fest ihr exklusives Konzert für 2016 absolvieren – und die Leute scheinen heiß drauf zu sein, zumindest ist die Höhle rappelvoll. Zweifelsohne liefern die Münsteraner eine starke Show ab und lassen den ersten Tag des Festivals so mit einem ordentlichen Knall enden. (mam)



Samstag

Das Samstags-Programm beginnt für Festivalgänger früh um 11 Uhr vormittags mit einer Sonderaufführung des Musik-Theaters WÖLJAGER unter der Leitung von HELRUNAR-Frontmann Marcel. Dazu ist man aus organisatorischen Gründen in die Hönnetalhalle in der benachbarten Gemeinde Balve-Beckum ausgewichen, deren Schützenhallen-Charakter zwar nicht so recht zur Prophecy-Ästhetik passt, aber als bestuhlter Raum mit pragmatischer Bühne ihren Zweck erfüllt. Fünf MusikerInnen begleiten auf Cello, Violine, Viola und akustischen Gitarren das von Marcel zwischen den Spielszenen rezitierte Drama um den „Spökenkieker“ Wilhelm, die tragische Liebe zum Mädchen Magdalena und stets währende Vorahnung von Krankheit und Tod, die Wilhelm vorherzusagen vermag. Ohne Requisiten ist die Inszenierung sehr schlicht und auf die drei Darsteller konzentriert, die sehr leidenschaftlich in ihre Rollen eintauchen und am Ende verdienten Applaus ernten.

Zurück in der Höhle eröffnen VÖLUR vor sich rasch ansammelndem Publikum. Wie viele Künstler naturverbundener, spiritueller Klänge bei Prophecy Productions klingt das Trio andächtig und schamanenhaft. Langsame Rhythmen treffen auf Violine und überraschend harsche Urschreie.

Als ich anschließend aus dem Sonnenlicht wieder vor die Bühne gehe, herrscht komplette Dunkelheit. Sogar Notbeleuchtung, Theke und Merch-Stände sind abgedunkelt, um die volle Konzentration auf BOHREN UND DER CLUB OF GORE zu lenken. Die einzige Nicht-Label-Band des Festivals begeistert die vielen Anwesenden (Metal)-Fans mit düsterem Ambient-Bar-Jazz wie zu besten Film-Noir Zeiten. Zwischen manchen Liedern sorgen die trockenen, tonlosen Ansagen („Das nächste Lied handelt von einer jungen Frau, die in die USA ging und dort unter die Räder kam.“) für Lachen, was mit ebenso trockenem „Ich weiß nicht, was es da zu lachen gibt?“ quittiert wird. Die seit den Achtzigern aktiven Herren aus dem Ruhrgebiet haben heute definitiv neue Hörer dazugewonnen. 


Bei den nicht gerade als fröhlich bekannten Engländern ANTIMATTER gewinnt der Schauplatz an Helligkeit. Mal akustisch, mal elektrischer, erleben wir viele melancholische Alternative-Rock Songs aus den Jahren 2000 bis 2007, die insbesondere von Mick Moss' charismatischen Vocals leben. Zum Live-Debüt des isländischen Projekts GLERAKUR schleicht sich erstmals eine Verspätung im Ablauf ein, doch das achtköpfige Post-Rock-Ensemble lässt sich keine Unsicherheiten anmerken. Schnell eingetaucht in die opulenten Kompositionen und schnell war's auch wieder zu Ende. Sollte man beizeiten wieder live sehen.


Headliner der Herzen, wenn man so will, sind zu hundert Prozent ALCEST. Schon beim Soundcheck, der stets hinter schwarzem Vorhang abgehalten wird, scharen sich die Menschen stehend und sitzend vor der Bühne. Fast alle Besucher sind neugierig auf's exklusiv angekündigte „Écailles De Lune“-Set. In originaler Reihenfolge und bei schwelgerisch-verhalltem Sound ist der Auftritt dann auch so simpel und magisch zugleich, wie erhofft. Einzig Neiges Gesang dürfte lauter sein. Er bedankt sich artig nach jedem rauschenden Applaus und wirkt sehr gerührt von dem seiner Band entgegengebrachten Zuspruch. 


Unter den vielen hochkarätigen Shows erweisen sich SOL INVICTUS für mich eher als Lowlight. Sänger- und Gitarrist Tony Wakeford steht umringt von seinen Gastmusikern im Zentrum des Geschehens und performt eingängig wie eintönig das Material aus dem sehr reichhaltigen Fundus der Band. Ex-Agalloch Gitarrist Don Anderson bleibt relativ blass und kann kaum Akzente setzen. Das verbliebene Publikum gewinnt der Show sehr viel mehr ab und bereitet SOL INVICTUS auch entsprechendes Feedback.


Einen krönenden Abschluss mit Klängen für alle Weiten von Zeit und Raum bereiten wie im letzten Jahr VEMOD aus Norwegen. Tiefblaues Licht, Räucherstäbchen und das A-capella-Intro leiten die einstündige, entrückte Zeremonie zwischen stoischem Black Metal, eingängiger Harmonien und Ambient ein. Viele Anwesende sind mit geschlossenen Augen zum hypnotischen Rhythmus nickend zu beobachten, sind eins mit der Musik und ihrer Innenwelt. 

Das größte Kompliment geht an Prophecy Productions, die 2016 dieses ungewöhnliche Festival etablieren konnten, das auch im kommenden Jahr wieder Besucher aus aller Welt anziehen wird. (mes)

Autoren: Mandy Malon (mam) und Meredith Schmiedeskamp (mes)

Pics: Dajana Winkel

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