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NEAERA, BURY TOMORROW, THE DEFILED

Bochum, Matrix

Noch einen Tag vor Veröffentlichung ihres neuen Brechers "Ours Is The Storm" bitten NEAERA zum Tourstart in Bochum. Eigentlich war für den Auftritt der Münsteraner eine kleine, seitliche Halle innerhalb der verwinkelten Katakomben der Matrix vorgesehen - zum Glück aller hatten die Veranstalter sich dann doch noch rechtzeitig umentschieden und die große Konzerthalle geöffnet. Eine weise Entscheidung.

Zu Konzertbeginn um 20.00 Uhr sind bereits mehr Besucher in der Halle als je in die unterirdischen Gewölbe gepasst hätten. Ob es wirklich voll ist, lässt sich allerdings schwer beurteilen, da die niedrige, schlauchartige Konzerthalle selbst bei nur 50 Besuchern jeden Klaustrophobiker in die Flucht schlagen würde. Die besonders pünktlichen Gäste sind allerdings gut gelaunt und viele von ihnen wirken besonders motiviert, im Laufe des Abends ordentlich die Kuh fliegen zu lassen. Das Publikum ist bunt durchmischt und scheint sich sowohl für Hardcore als auch für extremen Metal erwärmen zu können und es wirkt nun, als könne eine Vorband vor einem solch dankbaren Publikum nur gewinnen - der nichtsahnende Konzertbesucher hat die Rechnung ohne THE DEFILED gemacht. Der Fünfer aus London betritt mit Robert-Smith-Frisuren die Bühne und geht gleich in die Vollen. Mit viel Energie und Spielfreude brezeln sie dem Publikum ihre schräge Symbiose aus Industrial, Thrash und Metalcore um die getunnelten Ohren. Das ist zwar halbwegs originell - richtig zünden tut es aber trotzdem nicht. Aufgrund des fies abgemischten Gesanges flattert der Goth-Core größtenteils irgendwo zwischen befremdlich und nervtötend umher und entlockt dem irritierten Zuschauer nach einer halben Stunde nicht mehr als einen Höflichkeitsapplaus.

Während der Umbaupause wird die Bühne mit großformatigen Stellwänden dekoriert und der nun vorherrschende Dresscode erinnert zunehmend mehr an ein Basketballfeld denn an eine Konzerthalle. Bunte T-Shirts und kurze Sporthosen verkünden die Ankunft von BURY TOMORROW, die beim Publikum wesentlich besser ankommen. Zum Einen sicherlich, weil der Death-Metal-Fan erleichtert ist, NUR klassische Metalcore-Dosenkost serviert zu bekommen und weiß, was ihn die nächsten 45 Minuten lang erwarten wird. Zum Anderen aber sicherlich auch, weil es sich beim NEAERA-Publikum um kein reines Death-Metal-Klientel handelt und die Band von den britischen Musikmedien stark gefeiert werden und so gut wie jeder Trend von der Insel früher oder später auch hier ankommt. Facebook und Youtube ist es zu verdanken, dass die enghosigen Briten im vorderen Teil der Halle von einer beeindruckenden Fanschar begrüßt werden, die jeden Refrain ihrer Singles 'Lionheart', 'An Honourable Reign' oder 'Royal Blood' textsicher mitsingt. Das ist auch gut so, da der Klargesang von Gitarrist Jason Cameron die ersten drei Stücke lang viel zu leise ist. Als der Sound dann aber stimmt, stellen die starken Ohrwurmrefrains das Gepolter von Schreihals Daniel Winter-Bates aber deutlich in den Schatten. Davon könnte es ruhig mehr geben, doch das Publikum scheint zufrieden und hat sichtlich Spaß an der Performance und den Ansagen. Peinliche Ausnahme stellt Shouter Daniel da: "Hier sind so viele schöne Frauen. Wer steht alles auf unseren Sänger?" Nie war es stiller in der Matrix.

Während die meisten nach Abgang der Brachial-Boyband nur noch Augen für die Bar haben, werden andere Gäste wieder einmal Zeuge des NEAERA-Phänomens: Obwohl viele im Publikum mit Shirts der Münsteraner uniformiert sind, spazieren die Musiker größtenteils völlig unbeachtet durchs Publikum. Den Soundcheck erledigen die Herren auch selbst und erstaunlicherweise wirkt die Band auch nach sechs Studioalben in acht Jahren und etlichen Auftritten in Begleitung großer Namen viel bodenständiger und authentischer als ihre Vorbands.

Nachdem die Bassdrum ihren obligatorischen, eiskalten Todessound gefunden hat, verschwindet die Band von der Bühne, zieht die Jacken aus und kommt zum Intro gleich wieder zurück. Dieses verkörpert die Donner-untermalte Ruhe vor dem Sturm, den Vokalist Benny anschließend loslöst: 'Our Is The Storm' brüllt er dem Publikum entgegen, das darauf völlig ausrastet. Der Song ist nicht nur das Titelstück des neuen Albums sondern auch ein Statement über das, was die kommende Stunde vonstatten gehen wird. Das Publikum headbangt, springt und schreit aus vollen Kehlen mit. Gleich zum zweiten Song, dem Publikumsliebling 'Walls Instead Of Bridges' ordnet Benny eine Wall of Death an: "Macht mal eben, links so, rechts so - macht mal eben". Das macht die Meute dann auch; das Energielevel bleibt den gesamten Auftritt über ganz oben. Die Band schüttelt ungläubig die Köpfe angesichts des Wahnsinns vor der Bühne. Jeder Song wird abgefeiert; egal ob Klassiker oder neues Material. Vom neuen Album gibt es zwar nur die drei bereits veröffentlichten Songs, doch neben dem Titeltrack macht auch 'Decolonize The Mind' eine gute Figur und 'Through Treacherous Flames' erweist sich als absolute Live-Abrissbirne mit Klassikerqualitäten - ebenso professionell wie gut gelaunt reißen NEAERA grinsend die Hütte ab. Die ganze Truppe scheint völlig aus dem Häuschen zu sein. Als Sänger Benny das Publikum zum Crowdsurfen animiert, ist gefühlt die ganze Halle dabei - bis auf einen besonders coolen Besucher in der ersten Reihe, der die Hände konstant in den Taschen hat. Der sympatische Sänger bemerkt scherzhaft: "Ich wollte als Kind nie in den Zirkus, weil ich Angst hatte, dass mich der Clown auf die Bühne holt."

Die meisten haben damit aber kein Problem, lassen sich durch die Halle reichen und genießen die akustische Schraubzwinge, die mit 'Let The Tempest Come' als letzten Song eine logische Klammer darstellt. Es folgen ein pro-forma-Abgang und sehr kurze "Zugabe"-Rufe, die eigentlich überflüssig sind - denn die Band will anscheinend selber noch nicht gehen. Völlig fertig und verschwitzt zelebrieren sie mit ihren Fans noch 'Paradigm Lost' und 'Synergy'. Benny springt noch einmal ins Publikum, das noch einen Gang höher schaltet - es bleibt nur verbrannte Erde.

Zehn Minuten nach dem Orkan steht der Sänger auch schon wieder am Merchandise-Stand, verkauft und plaudert: "Mit so einem Tourstart hätten wir nicht gerechnet - ich habe jetzt etwas Angst vor morgen".

Pic: Whitecap Creations