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HALESTORM, DAYSHELL, THE SMOKING HEARTS

London, The Forum

Die Schlange vor Camdens alterwürdigem The Forum reicht um mehrere Hausecken. Mit typisch britischer Ruhe stehen die HALESTORM-Fans im Londoner Norden an, um ihren liebsten amerikanischen Export auf seiner ersten Headliner-Tour in Europa gebührend in Empfang zu nehmen.

Und gebührend bedeutet: Mit ausverkauftem Haus. So wie alle Shows in England davor – und wie es sich bisher abzeichnet auch die auf dem Festland danach. Bevor die Grammy-Gewinner allerdings ihren Siegeszug in der Metropole antreten können, heißt es für das Publikum erst einmal, die Vorbands durchzustehen. Während sich der große Saal noch füllt, bespielt die Londoner Combo THE SMOKING HEARTS die gut gelaunte Menge. Mit einer Mischung aus Punkrock und Hardcore knödeln sich die fünf Jungs extrem agil durch ihr Set. Es mag daran liegen, dass der Sound auf den Sitzrängen nicht so ausdifferenziert ankommt, aber die Performance klingt ziemlich lärmig und breiig.

Genau wie die nachfolgenden US-Emocorer DAYSHELL stoßen die Jungs deshalb auf halbherzige Begeisterung und gelegentlichen Jubel, in dem weniger Passion als rastlose Verlegenheit mitschwingt. Was beiden Bands fehlt – und das wird deutlich als HALESTORM nach einer langen Umbaupause die Bühne betreten – sind Mitsing-Parts. Besonders der von DAYSHELL selbst als „Fresh Metal“ betitelte Still leidet unter den sehr undifferenzierten Scream-Versuchen ihres Fronters Shayley Bourget, der bei Of Mice & Men bewiesen hat, dass er es definitiv clean besser kann.

Sicherlich, objektiv betrachtet werden beide Bands immerhin nicht von der Bühne gebuht, als allerdings zum HALESTORM-Opener 'I Miss The Misery' Jubel aufbrandet, wird klar, welche Kapazitäten tatsächlich im Publikum stecken. Im Saal und auf den inzwischen komplett besetzten oberen Sitzrängen tummeln sich aufgedonnerte Teenager, Metaller, Hausfrauen aber auch Mitvierziger in Rush-Shirts, die HALESTORM direkt von der letzten Tour mit Alter Bridge mitgenommen zu haben scheinen. Dazwischen finden sich – es ist eben London – auch einige Typen im Anzug. Und sie alle sind schlichtweg verzückt als Lzzy – cool wie ein Eisblock – in krassen Highheels, mit verspiegelter Sonnenbrille und ihrer weißen Gibson Explorer auf die Bühne stiefelt. Auch der Rest der Band ist gut drauf, Arejay schafft es neben dem Drumming seine obligatorischen Faxen zu machen und Backing Vocals beizusteuern, während Josh Bass und Keyboard abwechselnd bedient. Besonders der Bassist wird bei den deutschen Dates vermutlich schmerzlich fehlen, wenn er aus privaten Gründen nach Hause in die USA fliegt. Er ist die unscheinbare Säule des Gigs und die Frage drängt sich auf, warum es – zumindest bei dieser Show – nur einen starken Lichtkegel gibt, denn während Lzzy und bisweilen Gitarrist Joe und Drummer Arejay im Scheinwerferlicht performen, steht Josh eigentlich die ganze Zeit im Dunkeln. Nach 'Love Bites (So Do I)' und 'It's Not You' folgt 'Freak Like Me' – und spätestens hier hält es die jungen Mädels auf den oberen Rängen nicht mehr auf den Sitzen. Der Erfolg der Show basiert vor allem auf der Popularität des „The Strange Case Of...“-Albums, auch wenn die Fans Songs wie das kürzlich veröffentlichte Dio-Cover 'Straight Through The Heart' brav aussitzen und beklatschen. Irgendwann tritt die Gitarrenfraktion von der Bühne und wird es Zeit für das Drumsolo von Arejay – ein Element des Auftritts, an dem man immer wieder seine wahre Freude haben kann. Seine agile Spielweise gepaart mit der Fähigkeit mit dem Publikum zu interagieren, sind selten im Musikbereich und lohnen schon fast allein den Besuch einer HALESTORM-Show. Die übergroßen Drumsticks sind Geschmackssache, kommen aber vor allem bei den jüngeren Zuschauern extrem gut an. Wenn HALESTORM eines über die Jahre gelernt haben, dann ist es ein glattes Entertainment-Gesamtpaket zu liefern. Die Performance ist lückenlos und hochprofessionell und es ist absehbar, dass die Band auf diesem Weg nur eine Richtung kennt – nämlich den in die großen Stadien. Dass dieser professionelle Ablauf etwas die Rotzrock-Attitüde, vielleicht sogar – scharf formuliert – das Herzblut aus den Auftritten nimmt, zeigt sich an den sehr einstudierten Ansagen. Lzzy scheint sich gedanklich noch in 2013 zu befinden und formuliert häufiger Aussagen wie „Das war ein Jahr, was?“. An der musikalischen Exzellenz der Truppe ändert das aber nichts. Wenn Lzzy am Keyboard die Evanescence-ähnliche Ballade 'Familiar Taste Of Poison' singt, schwenkt ein ganzes Meer von beseelten Fans Feuerzeuge und Handybildschirme. Und dazwischen ist Halestorm, wie schon seit Jahren, metallische Früherziehung. Zaghafte Pommesgabeln und verstärkte Gitarren, dazu Cover von Judas Priest und Dio – insgesamt ist der Abend im The Forum wirklich eine unterhaltsame Grenzerfahrung zwischen Rock und Pop. Was bleibt sind gute Stimmung und starke Ohrwürmer, aber auch ein wenig die Sorge, wie die Dinge werden, wenn die Band weiterhin in der Geschwindigkeit professioneller und größer wird. Die ausverkaufte Headliner-Tour zeigt, dass die Band langsam an einen Scheideweg anzukommen scheint, der sie zwischen ihren metallischen Wurzeln und ihrem Erfolg im Popmusik-Bereich wählen lässt. Stehen wir irgendwann der nächsten Lady Gaga oder den nächsten Iron Maiden gegenüber? Oder kann es etwas dazwischen geben? Die Zeit wird es zeigen.

SETLIST HALESTORM

I Miss The Misery
Love Bites (So Do I)
It's Not You
Freak Like Me
Straight Through The Heart (Dio-Cover)
You Call Me A Bitch Like It's A Bad Thing
Innocence
Don't Know How To Stop
Rock Show
Gold Dust Woman (Fleetwood-Mac-Cover)
Break In
Familiar Taste Of Poison
Drum Solo
Dissident Aggressor (Judas-Priest-Cover)
Mz. Hyde
Daughters Of Darkness
I Get Off

Mayhem
Get Lucky (Daft-Punk-Cover)
Here's To Us

 

Pics: Laura Niebling