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GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR, CARLA BOZULICH

Essen, Weststadthalle

GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR

Nach zehnjähriger Schaffenspause ist das kanadische Post-Rock-Kollektiv seit 2012 wieder aktiv und hält in diesem Jahr schon die nächste Veröffentlichung bereit. Die Tour zu „Asunder, Sweet and Other Distress“ führt mit Hamburg, Essen und München nur durch drei deutsche Städte. Kein Wunder also, dass der große Eventsaal der Weststadthalle nahezu ausverkauft ist. GODSPEED YOU! BLACK EMPEROR sind der Ursprungs-Monolith einer unüberschaubaren Szene und ziehen  genre- und generationsübergreifend wirklich jeden an, der epische Instrumentalkunst zu schätzen weiß.

Eröffnet wird der Reigen um Punkt 19:45 Uhr von der amerikanischen Sängerin Carla Bozulich, die manchem durch ihre Band Evangelista ein Begriff sein wird. Heute ist die lockige Dame als Duo mit einem Live-Musiker sehr reduziert unterwegs, aber ihre bluesig-voluminöse Stimme füllt den Saal auch ohne Drums oder opulente Begleitung. Dass ihr direkt im ersten Song ein Spielfehler auf der Gitarre unterläuft, nimmt Carla mit sympathischem Humor: „Fuck it, this is not my guitar!“ Abgesehen davon performen sie und ihr Begleiter, der zwischen Gitarre und Bass wechselt, introvertierter. Die sphärischen Klänge auf der Bühne sind nicht wirklich leicht in Worte zu fassen. Ich fühle mich immer wieder wie in einen alten, traurigen Film versetzt, der von ruhiger und trotzdem angespannter Musik untermalt wird. Im letzten Drittel des 35-minütigen Auftritts wird es zunehmend trippiger und collagenhafter. Besonders der archaisch-folkig anmutende A-Capella-Exkurs Carlas in charakeristisch-tiefem Timbre bleibt als Highlight im Gedächtnis haften.

Während der Pause nutzen viele Gäste den lauen Frühlingsabend zum Bier im benachbarten Park. Den Kioskbesitzer kann es nur freuen, zumal die happigen 4,50 Euro für den halben Liter am Tresen der Weststadthalle nicht jeder berappen mag. Um 21:00 Uhr startet der heiß erwartete Hauptact vor beachtlich vollem Laden. Nach vorn oder zur Mitte durchzukommen ist nicht drin. Über der Stage prangt eine breite Videoprojektion die in vergilbten Farbtönen je nach Song, oder sagen wir eher Soundmonument, verstörende Filme zeigt, die Sozial- und Systemkritik als Inhalte transportieren. Spontan fällt mir der Film 'Koyaanisqatsi' aus den frühen 80ern als Assoziation ein. Der Übergang zwischen Linecheck und Beginn des eigentlichen Materials verläuft fließend, wir hören drei Gitarren, zwei E-Bässe, zwei ineinander greifende Drummer und die dramaturgisch auch zwischen den Stücken toll eingesetzte Violine. Die meisten der Musiker (Innen) spielen im Sitzen und ziehen das Publikum fortan über eine Stunde und 45 Minuten in den Bann. Zugegeben, ich bin mit den aktuellen Alben GODSPEED YOU! BLACK EMPERORs wenig vertraut, sodass mir die performten Tracks allesamt neu sind. Das gesamte neue Album, sowie Auszüge des 2012er-Releases „Allelujah! Don't Bend. Ascend!“ werden dargeboten, die teilweise sehr coole orientalische Skalen an Bord haben. Leise Anfänge, die sich minimalistisch steigern und innerhalb von zehn- bis zwanzigminütigen Kompositionen massiv auftürmen, bis alles in einem orchestralen Höhepunkt gipfelt – so wird das Ensemble gekannt und geliebt. Als es sich die krachige Wall of Sound ein letztes mal ergießt, kennt der Applaus keine Grenzen mehr. Ansagen oder Zugaben bleiben selbstverständlich aus. Heute hat man sich mit dem Gesamtkunstwerk zufrieden zu geben, das von allen Anwesenden sichtlich respektiert wird.