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NOCTE OBDUCTA, HERETOIR, ANTAGONISM

Mainz, Studihaus

NOCTE OBDUCTA

Auf den ersten Eindruck wirkt der Campus der Johannes Gutenberg-Universität in Mainz mit seiner vorstädtischen Hochhaus-Baustellen-Ästhetik ziemlich karg und leer. Warum ich heute hier bin? Die Märzausgabe der Veranstaltungsreihe „Exkursion zur Hölle“ hat mich aus dem Norden NRWs an den Oberrhein gelockt. Der erste Teil des Abends besteht aus musikwissenschaftlichen Vorträgen zum Oberthema „Post Black Metal“. Danach starten ANTAGONISM, HERETOIR und die Mainzer Urgesteine NOCTE OBDUCTA ganz unakademisch mit lauter Musik, Humor und Alkohol durch.

Aber eins nach dem anderen. Die Räumlichkeiten im Studihaus sind einfach, aber praktisch gehalten. Coole Bühne, Mischpult, viel Platz und 'ne Theke: passt. Wer sich die kostenlosen Vorträge anhören möchte, muss stehen oder auf dem Boden sitzen. Die Referenten arrangieren sich entspannt mit Mikrofonständer und Bierkastentisch. Inwiefern bestimmte Subgenres im Metal nun universitär analysiert gehören und ob die Investition von Zeit und Geduld lohnt, muss jeder für sich entscheiden. Die Studenten Sidney König (Uni Köln) und Sascha Smollen (Uni Mainz) kennen die Materie und präsentieren angenehm wenig dozentenhaft ihre Ausführungen zur (De-)Konstruktion von Genregeschichte, bzw. musikalischer Detailanalyse von Fallbeispielen. Von Einseitigkeit dessen, was derzeit unter Post Black Metal firmiert, kann jedenfalls keine Rede sein.

Nachdem alle Gäste den Saal verlassen und, je nach Ermäßigung, 11 bis 13 Euro Eintritt gelatzt haben, betritt gegen 21 Uhr mit ANTAGONISM der Opening-Act die Bühne. Die Combo um die vier Herren aus der Gegend wurde vor rund zehn Jahren gegründet und versteht sich selbst als antikommerziell, sodass nie Tonträger oder Merchartikel produziert wurden. Geboten wird uns mittelschneller Black Metal der traditionellen Schule samt Corpsepaint und Nieten. Allzu ernst nimmt man sich glücklicherweise nicht, sondern zeigt auf und abseits der Stage Humor. Der Gipfel ist dabei das rote, inverse Holzkreuz samt Bierflaschenhalterungen, welches Fronter Kimraz (die Ähnlichkeit mit Gaahl ist nicht von der Hand zu weisen!) als Mikroständer dient. Musikalisch reißt die Show nicht vom Hocker, aber man merkt dem Quartett den Bock auf Mucke deutlich an. Besonders die Gitarrenarbeit überrascht mit Abwechslung in Form von rockigen Bienenschwarmriffs, klassischen Metalparts und zum Ende einem tiefergelegten Stoner-Moment.

Obwohl das Debütalbum schon vier Jahre auf dem Buckel hat, sind HERETOIR seitdem zu einer souveränen Szenegröße angewachsen. Man spürt Jungs an, dass sie ihre melancholisch-nostalgischen Lieder nicht nur ordentlich spielen, sondern auch emotional durchleben. Der Saal ist ordentlich gefüllt und direkt in den ersten Minuten stürmt Nocte-Sänger Torsten für Gastvocals auf die Bühne. Bandchef David ist für Scream und Clean super bei Stimme und bedankt sich nett für die Orga und die Vorträge. Mit 'Fatigue', 'Heretoir', 'Graue Bauten' und dem bereits bekannten Instrumental 'Inhale' besteht ein Teil des Sets aus Bewährtem. Für Überraschungen sorgt neben der alten Nummer 'Wiedersehen...unsere Hoffnung' und dem reduziert interpretierten Austere-Cover 'Just For A Moment' besonders der Titelsong des kommenden Langspielers „The Circle“. Von schwelgerischem Cleangesang, epischen Postrock-Momenten bis zu harschen Vocals samt dominantem Doublebass-Finale ist hier alles dabei. Jetzt aber husch ins Studio!

Tja, was erwartet den langjährigen Hörer, wenn NOCTE OBDUCTA in ihrer Heimatstadt eine ihrer seltenen Clubshows spielen? Nach langer Umbaupause, vor proppevollem Haus kurz vor Mitternacht? Nichts anderes als Leere. 'Leere' von „Umbriel“ in verkürzter Form als selbstgespielter, instrumentaler Introsong. Von da an präsentiert das experimentelle Kollektiv einen 80-minütigen Querschnitt durch die schwarzmetallische Bandgeschichte. Viele Gesangspassagen übernimmt Torsten trotz seiner Agrypnie-Laufbahn nach wie vor selbst. Keyboarder Flange, Gitarrist Stefan und Gitarrist/Kreativkopf Marcel steigen immer wieder zu zwei- bis vierstimmigen Parts ein. Von der Songauswahl treffen straighte Abgehnummern der Marke 'Niemals gelebt', 'Es fließe Blut' und das immer wieder unfassbar geile 'Fick die Muse' auf Vertracktes, wie 'Der Durst in meinen Augen' oder das geschickte 'November/Und Pan spielt die Flöte'-Medley. Die vier neuen Tracks bleiben nach dem ersten Hören nicht ganz greifbar hängen, klingen aber nach einer vielversprechenden Mischung aus „Nektar 1-2“ und psychedelisch-waberigen Momenten der Dinner auf Uranos/Umbriel-Zeit.
NOCTE OBDUCTA haben bei aller Ernsthaftigkeit der Musik an sich immer Platz für Witz, Humor...und Schnaps: Zwei ex-Mitglieder aus der Frühphase der Band kommen zum gesanglichen mitdeibeln bei 'Im bizarren Theater' dazu. Vorher wird das begeisterte Publikum pinnchenweise mit zwei Pullen Ouzo versorgt. Nachdem ein weiterer neuer Song das Set abschließt, holt die aufgeheizte Menge die Band für die Zugabe 'Prinzessin der Nachtschatten' nochmal zurück. Sicher alles nicht ganz kitschfrei, aber ich hatte sehr viel Spaß und bin gern noch weitere 13 Jahre lang Fan. Es lebe die Ananas.

Setlist Nocte Obducta:

Leere
Der Durst in meinen Augen
Niemals gelebt
Glückliche Kinder
Am Waldrand
Löschkommando Walpurgisnacht
November/Und Pan spielt die Flöte
Es fließe Blut
Im bizarren Theater
Fick die Muse
Die Pfähler

Prinzessin der Nachtschatten

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