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WATAIN, ISLAY

EINDHOVEN METAL MEETING 2013

EINDHOVEN METAL MEETING 2013

Das Eindhoven Metal Meeting ist eines der dienstältesten Indoor-Festivals Europas und fährt stets ein gut ausgewogenes Billing auf. Und trotz zahlreicher Herbsttourneen und steigender Konkurrenz sind große Halle und kleiner Club gut gefüllt, so dass wir uns kaum um das Traditionsevent sorgen müssen. Dieses Jahr gibt es am Donnerstag einen Auftakt mit namhaften Bands aus dem traditionellen Bereich (u.a. Death Angel, Sabaton, Accept, Hatriot, Izegrim), als Anhänger der lärmigen und dunklen Tonkunst sind die beiden folgenden Tage für den Verfasser dieser Zeilen aber viel interessanter.

Freitag

FLESHGOD APOCALYPSE müssen ihren Auftritt absagen, dementsprechend sind DEUS MORTEM auf der Nebenbühne mein Festivalauftakt. Der Black Metal der Truppe riecht reichlich muffig, weshalb mir der Wechsel zu MORGOTH nicht besonders schwer fällt. Die Veteranen punkten mit ausgewogener Setlist, und Brecher wie 'Body Count' können ihre Wirkung gar nicht verfehlen.

Demgegenüber sind BELPHEGOR irgendwie lahm. Die Setlist ist für den Jubiläumsanlass zu bieder, und amüsanter war Sänger Helmuth auch schon mal. Dass die Österreicher sich live überhaupt als konservative Krawallcombo präsentieren und ihre eh schon seltenen Göttergaben wie 'Sanctus Perversum' konsequent ignorieren, ist eine Schande, mag aber an den alkoholbedingt eingeschränkten Spielfähigkeiten liegen.

Danach eine Grundsatzentscheidung: Napalm Death oder IN SOLITUDE? Letztere sind eine der aktuell interessantesten Combos, weshalb ich das bestimmt sehenswerte Birmingham-Kommando zurückstelle, um mich von der schwedischen 'Sister' umgarnen zu lassen. Das Quintett spielt ganz im Sinne des neuen Albums inzwischen mehr Heavy Darkwave als Heavy Metal, macht dabei aber eine extrem gute Figur und überbrückt eine technische Panne am Bass zudem mit einem souveränen Jam. Die neuen Lieder sind schwerer und dunkler als auf Scheibchen, womit sich in Kombination mit den Altwerken ein guter Fluss ergibt. Starker Auftritt!

CARPATHIAN FOREST sind dagegen kaum mehr als eine Parodie ihrer selbst. Ähnlich wie auf dem Party.San will einfach keine kalte, finstere Stimmung aufkommen, und so bleibt eine unterhaltsame Rock 'n' Roll-Show, in der der ehemalige Oberbösewicht Nattefrost den Alleinunterhalter markiert und dabei eher an Charlie Chaplin als an finstere Mächte erinnert. Gutklassige Biertrinkmusik, mehr ist die ehemalige Black-Metal-Institution nicht.

THE CHURCH OF PUNGENT STENCH, das sind Sänger/Gitarrist Don Cochino und zwei Begleitmusiker, die eine riesige Stimmung vor der Nebenbühne entfachen und sicherlich auch mit Carpathian Forest oder Tiamat hätten tauschen können. Der Moshpit ist kurz davor, ein echtes Sicherheitsrisiko zu werden. Die Bewegungslosigkeit der Musiker lege zumindest ich ihnen als Rührung aus.

Die Krux bei TIAMAT ist doch, dass die Truppe seit „A Deeper Kind of Slumber“ nur noch vereinzelt ordentliche Songs auf die Kette bekommen hat und inzwischen in unsägliche Gruftie-Schlager-Gefilde abgedriftet ist. Selbst Spätschönheiten wie 'Until The Hellhounds Sleep Again' und 'Cain' verblassen im Vergleich zu den beiden gespielten „Wildhoney“-Stücken, und der größte Teil des Sets ist komplett indiskutabel. Dass dazu auch die Bühnenausstrahlung blass bleibt, passt ins Bild. In dieser Form sind Tiamat nur noch ein Schatten.

Nach Absage der WATAIN-Tour ergibt sich zumindest für westdeutsche Fans in Eindhoven die Gelegenheit, die Schweden mit ihrem aufwändigen Bühnenbild noch im Jahr 2013 zu sehen, bevor wir uns auf die Nachholkonzerte im Frühjahr freuen können. Und die Höllenbrut zieht alle Register und fährt eine die Sinne betörende und verstörende Messe auf, die jegliche Zähmungsvorwürfe Lügen straft. Es ist so und es bleibt so: Es gibt keine andere Black-Metal-Band, die live eine derartig geballte Macht entwickelt. Dass das Quintett mit 'Sworn To The Dark' auf einen sicheren Hit verzichtet und stattdessen das vertrackte 'Holocaust Dawn' bringt und mit dem überlangen 'Waters Of Ain' abschließt, macht das Ganze noch beeindruckender.

 

Samstag

THE MONOLITH DEATHCULT präsentieren sich auf Platte recht sperrig und experimentell, kommen live aber ziemlich gut auf den Punkt und sind somit zumindest ein solider Aufwärmer.

Dennoch sind es DESTRÖYER 666, die die Halle das erste Mal halbwegs ordentlich füllen. Warum das Quartett bereits so früh auf die Bühne muss, erschließt sich mir nicht. Die Darbietung beinhaltet alles, was man von den (Wahl-) Briten kennt, auch wenn der epische Teil ihres Gesamtwerks leider vernachlässigt wird. Songs wie 'A Breed Apart' und ' Sons Of Perdition' sorgen das erste Mal für gereckte Fäuste und rotierende Hälse.

Da können BODYFARM auf der Nebenbühne gut anschließen. Auch wenn der Raum noch nicht richtig gut gefüllt ist, nehmen die Holländer mit, was mitzunehmen ist.

Dagegen sind ARKONA ein Kuriosum: In Gewänder gekleidet fehlt den RussInnen die Reduktion auf das wesentliche und die Ernsthaftigkeit, die eine Band wie Moonsorrow auszeichnet, gleichzeitig ist der alkoholische Schlagerfaktor noch lange nicht so hoch wie bei Korpiklaani. Sängerin Masha verweigert sich im dicken Fellumhang jeglicher Huntress-Assoziation, der Musik fehlt für das Pagan-Vahalla aber der Biss, weshalb die Stimmung auch eher beliebig ist.

Viel geiler ist da der stampfende Death Metal von HAIL OF BULLETS. Wo Van Drunen draufsteht, ist wie immer Qualität drin, und die neue Songs funktionieren im Set großartig. Dass sich ein paar Moshpitler gerade bei diesem Auftritt extrem asozial verhalten und bewusst in die headbangende Menge reinspringen, ist da nur eine Randnotiz. Viel wichtiger ist doch dieser unglaublich geile Gitarrensound.

ELVENKING sind dagegen pure Langeweile. Ich gebe es zu, ich mag sogenannten Power Metal aus Italien grundsätzlich nicht, und diese Gurkentruppe zwischen Kitsch und Drögheit demonstriert in Reinkultur, warum das so ist. Auch die direkt im Anschluss spielenden MARTIN WALYIER'S SKYCLAD wollen dem großen Namen der Legende und ihren tollen Songs mal so gar nicht gerecht werden und schlagen mich endgültig in die Flucht.

Die Überraschung des Festivals sind danach HOODED MENACE. Ich hatte die Truppe als starke Liveband, der aber noch das letzte Quäntchen fehlt, in Erinnerung, und ich kann euch sagen: Dieses Quäntchen ist nun da! In Kapuzen gewandet zerlegen die Finnen die Nebenbühne in ganz kleine Einzelteile und setzen dabei eher auf doomige Gründlichkeit als auf Raserei. Das erschafft eine intensive Atmosphäre, die die Truppe für die Oberklasse qualifiziert.

Und hochklassig geht es weiter: CORONER demonstrieren, was die geflügelte Redewendung "oft kopiert, doch nie erreicht" tatsächlich bedeutet. Denn während man annähernd sämtliche progressiven Extrem-Metalbands auf die Schweizer zurückführen kann, hat es bisher niemand geschafft, die Waage aus Gefühl und Technik derartig gut auszubalancieren - was vermutlich daran liegt, dass nur wenige Bands ein Übermaß an beidem haben.

Dass THERION danach Schwierigkeiten haben werden, die Stimmung zu halten, war vorauszusehen. Das Ensemble, das nach wie vor das Maß aller Dinge ist, wenn es darum geht, Rock und Metal mit Orchestermusik zu verbinden, leidet an dem erzwungenen Kompromiss zwischen den Aufführungsweisen beider Richtungen, der weder eine wirklich schweißtreibende Rockshow noch den introvertierten Operngenuss zulässt. Immerhin: Bei allem Kitsch ist immer noch genügend Abstand zum Flachmatentum der meisten sogenannten Rock/Metal-Opern vorhanden.

Das ist bei GOTHMINISTER anders, die mit Billiggeriffe meine Geschmacksnerven vergiften und mich mit Pathosgejaule schnell in die Flucht schlagen, so dass es zur Nebenbühne geht. Dort geht es allerdings mit ABORYMs Dubstepcore vom Regen in die Traufe. Ist der Zuhörer denn auf einem ordentlichen Metal-Festival vor gar keiner Geschmacklosigkeit mehr sicher?

Dann lieber ISLAY. Die sind zwar auch nicht gerade der Weisheit letzter Schluss, spielen aber soliden Death Metal und schicken einen ohne grobe Traumata nach Deutschland zurück.