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DIE ÄRZTE

XY-Konzert - Dortmund, Westfalenhalle

DIE ÄRTZE, eine Band, die ihren Zenit bereits überschritten hat? Von wegen! Die Herren "auuus Berlin" beweisen am XY-Abend in Dortmund nicht nur, dass sie es noch so was von drauf haben, sondern auch, dass Männer einfach das bessere Publikum sind. Und sie haben nichts anderes im Kopf als "Ficken und Bier".

Zwar sind Männer das bessere Publikum, aber auch leicht zu beeindrucken und abzulenken. Vor der Show zeigen die großen LED-Wände neben der Bühne leicht bekleidete Frauen, Alufelgen und alles, was das Männerherz sonst so begehrt. Dabei geht ein Raunen durch die Westfalenhalle, welches die restlichen Männer draußen am Bierstand dazu verleitet, aus der doch extremen langen Warteschlange auszutreten und einen kurzen Blick in die Halle zu werfen.

Die Ärzte XY-KonzertPünktlich um 20:15 Uhr, direkt nach der Tagesschau, gehen die Lichter in der fast ausverkauften Halle aus. Auf den Leinwänden sieht man die Band, wie sie mit weißen Bademänteln bekleidet aus den Katakomben der Halle den Weg auf die Bühne sucht. Doch auf der Bühne passiert nichts. Stattdessen strahlen Scheinwerfer auf die Mitte des Hallendaches, wo sich eine Plattform aus der Decke löst, auf der ein paar Gestalten in weißen Bademänteln und Security stehen. Das Publikum flippt aus. Die gesamte Halle ist auf diese Plattform fixiert, und bemerkt nicht, dass der Bühnenvorhang fällt und DIE ÄRTZE auf der Bühne stehen. "Was zum Teufel...?" Das mit dem Rücken zur Band stehende Männervolk wurde mit dem Hallenklassiker der letzten Tour, 'Junge', überrascht und dankt es mit einer Wall Of Death.
Weiter im Programm geht’s mit 'Ich bin ein Mann'. Quasi das Motto des gestrigen Abends. Und was kann männlicher sein als ein pogender Innenraum? Deswegen direkt hinterher 'BGS'. Zwar ist die Bühne nicht so schön und liebevoll dekoriert wie beim XX-Konzert, aber welcher Mann braucht das schon? Eigenlob stinkt zwar, aber die beste Band der Welt darf über sich sagen: 'Wir sind die Besten'. Nicht nur, weil sie das beste männliche Publikum der Welt haben, das auf Anhieb eine La-Ola durch die ganze Halle geschafft hat (nicht wie die Damen am Vorabend, so Farin), nein, das Publikum hört auch gar nicht mehr auf. Fußballerfahrung, Herr Urlaub! Es folgen das 'Lied vom Scheitern', 'Himmelblau', 'Der Optimist' und 'El Cattivo'. Welch ein Ohrenschmaus! Dann wird es kniffelig. "Beim nächsten Lied haben die Frauen gestern zwölf Anläufe gebraucht, um es vernünftig hinzubekommen", so Herr Urlaub. Da fragt man sich, was so daran ist, bei dem Song 'Käfer' „Nein, nein, nein“ zu brüllen? Bei den Männern klappt es auf Anhieb.

Die Ärzte XY-KonzertSeitenwechsel der Saitenspieler. Rodrigo Gonzales schnallt sich die Gitarre um und Maschinengewehrsalven donnern durch die Boxen. Da weiß jeder DÄ-Fan, was kommt: 'Anti Zombie'! Gefolgt von meinem bisherigen Highlight des Abends: 'Vermissen Baby'. Aber es soll heute nicht der einzige Höhepunkt bleiben: Nach erneutem Seitenechsel stimmt Bela B. die Zivildienst-Hymne 'Omaboy' an. Begleitet von einer Pyroshow, gegen die selbst Kiss oder Rammstein blass aussehen. Bei der Hitze der Feuerfontänen verbiegen sich sogar alle Plektren von Rod.

Nach der heißen Einlage folgen 'Wie am ersten Tag', 'Yoko Ono', 'Meine Freunde' und 'Vokuhila', welche wie die Faust auf's Auge auf einen solchen Männerabend passen. Bei so vielen Y-Chromosomen in der Halle bleibt das Niveau natürlich nicht lange über der Gürtellinie. Nicht nur, dass DIE ÄRTZE es irgendwie bei ihren Ansagen auf den Herrn zu Guttenberg abgesehen haben und 'Deine Schuld' als politische Aussage von den dreien angestimmt wird: Die Band erlaubt sich vorher spontan einen Song zu komponieren und die Textzeilen immer auf die Silbe "ier" enden zu lassen. Denn was haben Männer die ganze Zeit im Kopf? Klar: Ficken und Bier. Und das ziehen die Berliner dann eine gefühlte halbe Stunde durch. Gen Ende ist es schon ein wenig nervig, aber so sind sie halt. 'Deine Schuld' zündet im Anschluss leider nicht so gut wie sonst.

'Alleine in der Nacht' und 'Heuln' folgen. Dann, ein weiterer persönlicher Höhepunkt: 'Sweet Gwendoline'. Aber mit dem Song konnte man ja an diesem Abend rechnen. Da wir Männer ja auch brutal sind und uns gerne auch mal in die Fresse hauen, gab's den 'Schunder Song'. Kurz und schmerzlos folgt der Abgang von der Bühne, doch wer jemals auf einem DÄ-Konzert war, weiß genau: da kommt noch was. Als 'Rebell' verklungen ist, brüllt der Männerhaufen direkt nach einer Zugabe.

Die Ärzte XY-KonzertDie Herren lassen nicht lange auf sich warten und eröffnen den ersten Zugabenblock mit 'Schrei nach Liebe'. Es klingt schon beeindruckend, wenn 11.000 Männer „Arschloch“ brüllen. Während 'Elke' rutschen DIE ÄRTZE irgendwie wieder in das Titten-und-Bier-Schema und reizen es noch mehr aus. Ich wusste gar nicht, dass sich so viele Worte auf Bier reimen.
Das Publikum verlangt im Anschluss 'Teenagerliebe', was auch prompt gespielt wird. Schon schade, dass man einen solchen Song nicht mit seiner Angebeteten erleben kann. Denn auch Männer haben ein Herz! Auch wenn sie biertrinkend mitsingen: „Teenager... schluck....liebe!!!“ Das Ende der ersten Zugabenrunde wird mit 'Unrockbar' besiegelt.

Und dann folgt die Mutter aller Zugaben: Angefangen mit 'Ignorama' und 'Zu spät', welches auch nicht von Ficken-und-Bier-Reimen verschont bleibt. Im Anschluss können sich DIE ÄRZTE nicht so recht einigen, was jetzt gespielt werden soll. Die Lösung ist einfach: Farin spielt 'Claudia', Bela 'Rock Rendezvous' und Rod 'Geschwisterliebe'. Zur gleichen Zeit. Das geht geht natürlich voll in die Hose. Geeinigt wird sich dann doch auf den immer noch indizierten Song. Im Anschluss knallen die Irren aus Berlin noch 'Claudia' in voller Länge hinterher und fragen 'Ist das alles?'

Fast jeder Besucher denkt nun, das es das gewesen sei und die ersten Fans verlassen bereits die Halle, stürmen aber sofort wieder herein, als sie hören, dass 'Ein Lied für dich' angestimmt wird. Wahnsinn, noch ein Zugabenblock? Ein kleiner, wie sich herausstellt. 'Dauerwelle vs. Minipli' ist der letzte Song, bevor die Band die Bühne verlässt. Aber so, wie es Rockstars gebührt: Mit einem Helikopter der von der Hallendecke auf die Bühne heruntergelassen wird. Mit echtem Rotoren-Sound heben DIE ÄRTZE ab und verabschieden sich mit einem weiteren "Ficken und Bier".

Fazit des Abends: Überraschend angefangen, schwach losgelegt, extrem gesteigert und grandios beendet. Lasst euch die Tour nächstes Jahr nicht entgehen!

Zu unserem Bericht vom XX-Konzert geht es hier entlang!

 

SETLIST 

Junge
Ich bin ein Mann
BGS
Wir sind die Besten
Lied vom Scheitern
Himmelblau
Der Optimist
El Cattivo
Käfer
Anti Zombie
Vermissen Baby
Omaboy
Wie am ersten Tag
Yoko Ono
Meine Freunde
Vokuhila
Ficken und Bier
Deine Schuld
Alleine in der Nacht
Heulerei
Sweet Gwendoline
Schunder Song
Rebell
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Schrei nach Liebe
Elke
Teenagerliebe
Unrockbar
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Ignorama
Zu Spät
Geschwisterliebe
Claudia
Ist das alles
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Lied für dich
Dauerwelle vs.Minipli

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