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CHRISTMAS METAL SYMPHONY

Bochum, RuhrCongress

CHRISTMAS METAL SYMPHONY

Stille Nacht, heilige Nacht? Nicht gerade das Lieblingsmotto des typischen Metalfans. Vor allem diese Sache mit der Stille. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt: Unter der Flagge CHRISTMAS METAL SYMPHONY zieht derzeit eine Allstar-Truppe durch die Lande, die dem Fest der Liebe einen rockerfreundlichen Anstrich verpasst. Bleibt nur abzuwarten, ob das Ensemble im Bochumer RuhrCongress ein paar schöne musikalische Geschenke auf die Bühne zaubert.

Geschenkt waren die Tickets schon einmal nicht. Satte 50 Euro mussten Kurzentschlossene an der Abendkasse berappen, mehr als 45 Kröten waren auch im Vorverkauf fällig – ein teurer Spaß. Da wundert es eigentlich niemanden, dass die Halle mit rund 300 Konzertbegeisterten mehr als spärlich gefüllt ist. Diese aber harren guter Dinge und sehr gespannt der Ereignisse und Musiker, die da auf sie zukommen mögen.

Um Punkt 20 Uhr sind das zunächst die 32 Mitglieder des Sinfonieorchesters MAGNUM OPUS ORCHESTRA, gefolgt von den Musikern der Rock-Combo METALFORCE 1, die ihre Gäste mit einer instrumentalen Overtüre vor die Bühne locken. Damit ist es allerdings im Nullkommanichts vorbei, als TESTAMENT-Frontkanone Chuck Billy die Bretter entert und, auffallend gut bei Stimme, mit 'More Than Meets The Eye' auch den letzten Besucher aus dem Winterschlaf reißt. Besinnliche Weihnachtszeit adé heißt es ebenfalls bei der nächsten TESTAMENT-Nummer 'Souls Of Black', bevor Chuck den nächsten Sternsinger Michael Kiske ankündigt und vorerst das Feld räumt.

Letzterer fackelt nicht lange und macht mit gleich drei HELLOWEEN-Nummern in gewohnt professioneller Manier mächtig Dampf. Neben den Mitgrölsongs 'March Of Time' und 'I Want Out' überzeugt Kiske die begeisterte Meute vor allem mit dem ruhigen, live vor dieser Tour noch nie gespielten 'Longing', das lediglich von Gitarre und Streichern begleitet wird und bei nicht wenigen harten Jungs und Mädels eine amtliche Gänsehaut bewirkt. Aber hatte Mister 'Nie wieder Metal'-Kiske nicht eigentlich mal geschworen, keinen einzigen HELLOWEEN-Song mehr zu singen? Wenn sein Unisonic-Kollege Kai Hansen selbigen verfasst hat, scheint offenbar eine Ausnahmeregelung vorzuliegen. Sei's drum: Die Fans freuen sich 'nen Weihnachtskeks und Michi selbst hat ebenfalls jede Menge Spaß in den Backen.

Genauso liegen die Dinge bei Udo Dirkschneider, der im fliegenden Wechsel seinen Landsmann ablöst und nach der Nummer 'They Want War' die Publikumsherzen vor allem mit den beiden Accept-Covern 'I'm A Rebel' und 'Metal Heart', letzteres von einem ägyptisch angehauchten Orchester-Intro eingeleitet, höherschlagen lässt. Wie gewohnt etwas krächzig, dafür aber voller Inbrunst, hält Udo seine Pappenheimer bei Laune, auch wenn die munter mitsingenden RuhrCongress-Besucher in der eigentlich für  knapp 5000 Menschlein ausgelegten Halle doch ziemlich verloren wirken.

Eine Verschnaufpause verschafft Herrn Dirkschneider der inzwischen wieder bestens ausgeruhte Chuck Billy, der mit einer vor Energie strotzenden Version des TESTAMENT-Bretts 'Practice What You Preach' für etwas ruppigere Stimmung beim „Weihnachtskonzert“ sorgt, bevor er die Bühne dem großartigen und bei dieser Show leider viel zu selten in den Mittelpunkt gerückten Orchester überlässt. Es folgt eine kunstvoll arrangierte, brachiale Version von Symphony X' 'The Odyssey', begleitet von stillem Staunen, offenstehenden Mündern und schließlich lautem Beifall der Zuhörer.  Vom Können des MAGNUM OPUS ORCHESTRA hätte es ruhig noch ein paar weitere Kostproben geben dürfen.

Stattdessen geht es weiter mit einer jungen Dame, für die der Begriff „Klassik“ ebenfalls kein Fremdwort ist. Floor Jansen macht allerdings vom ersten Moment an deutlich, dass sie vor allem Bock auf Rock hat, und lässt drei Songs lang die Haare und ihr kurzes Röckchen fliegen. Eine kleine Überraschung zaubert die NIGHTWISH-Stimme aus dem Hut, als sie mit dem After-Forever-Cover 'My Pledge Of Allegiance' eine Reise in ihre Vergangenheit unternimmt. Mit 'Nemo' schlägt die Niederländerin die Brücke zu ihrem neuen finnischen Brötchengeber, bei dem sie es nach Auftritten wie diesem vermutlich noch weit bringen wird.

Ziemlich ungewohnt präsentiert sich im Anschluss HAMMERFALL-Barde Joacim Cans, der seine Poser-Rüstung gegen ein kleidsames David-Garrett-Outfit eingetauscht hat und die Melodic-Schiene mit 'Hearts On Fire' und 'Last Man Standing' weitaus weniger theatralisch weiterfährt als man es von ihm gewohnt ist. Schlecht steht dem Fronter die abgespeckte Bombast-Version aber keineswegs, und die Clapping Ovations des auffallend lauten Publikums kommen auch nicht zu kurz.

Cans tauscht das Mikro mit einer der positiven Überraschungen des Abends: Bei so vielen namhaften Sängern hatte ANTHRAX-Stimme Joey Belladonna schon keiner mehr so richtig auf dem Schirm. Umso heftiger singt er sich mit dem Black-Sabbath-Cover 'Heaven And Hell' in die inoffizielle Hall Of Fame des Abends, schiebt mit 'Antisocial' und 'Madhouse' zwei astreine ANTHRAX-Klassiker hinterher und bringt den Pulk vor der Bühne mit dem von AC/DC geborgten 'Highway To Hell' zum Brodeln. Gegen ein paar weitere Tracks hätten wohl die Wenigsten etwas gehabt, aber „the show must go on“.

Tut sie auch, und zwar mit dem ersten Duett des Konzerts: Floor Jansen, die sich in Windeseile in ein angemessenes Abendkleid geworfen hat, trällert gemeinsam mit Joacim Cans die NIGHTWISH-Version von 'The Phantom Of The Opera'. Kann was - und auf diese Weise darf Mister Cans auch völlig legal seine Theatralik-Ventile wieder aufdrehen.

Den kommenden Song, der gleichzeitig auch das große Finale des bis dahin doch recht gelungenen Abends sein soll, hätte man dagegen guten Gewissens abdrehen können. Wie die Chorknaben, nebst Chormädchen Jansen versteht sich, postieren sich die gestandenen Rocker brav und adrett mit Notenständern auf der Bühne und trällern vom Blatt den Weihnachts-Evergreen 'Silent Night'. Achtung, Kitsch-Overkill! Kein Wunder, dass Belladonna und Kiske verdächtig selten bis gar nicht die Lippen bewegen. Schauriger Abschluss einer ansonsten sehenswerten Show, die bei etwas moderateren Eintrittspreisen auch in Sachen 'Ihr Rockerlein kommet' wohl deutlich mehr Zuspruch gefunden hätte.

SETLIST CHRISTMAS METAL SYMPHONY

Classic In Rock Anthem (Magnum Opus Orchestra)
More Than Meets The Eye (Chuck Billy)
Souls Of Black ( Chuck Billy)
March Of Time (Michael Kiske)
Longing (Michael Kiske)
I Want Out (Michael Kiske)
They Want War (Udo Dirkschneider)
I'm A Rebel (Udo Dirkschneider)
Metal Heart (Udo Dirkschneider)
Practice What You Preach (Chuck Billy)
The Odyssey (Magnum Opus Orchestra)
My Pledge Of Allegiance (Floor Jansen)
Alone (Floor Jansen)
Nemo (Floor Jansen)
Hearts On Fire (Joacim Cans)
Last Man Standing ( Joacim Cans)
Heaven And Hell (Joey Belladonna)
Antisocial (Joey Belladonna)
Madhouse (Joey Belladonna)
Highway To Hell (Joey Belladonna)
The Phantom Of The Opera (Floor Jansen & Joacim Cans)
Silent Night (alle)

 

Pics: Alexandra Michels