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WRACK, MOR DAGOR, FORGOTTEN TOMB, ANGANTYR, DARKMOON WARRIOR, URFAUST, MGLA

Essen, Zeche Carl

URFAUST

Ein wunderbar lauschiger Frühlingsabend, die Sonne versinkt hinter den Bäumen, perfekte Harmonie und Ruhe. Zum Glück stehe ich heute um 18 Uhr vor der Essener Zeche Carl, um das Bier-, und Black Metal-Kontrastprogramm anzutreten. Der zweite Tag der ersten deutschen Ausgabe des Black Thrash Inferno der österreichischen Veranstalter Catapult Promotion beginnt und hat mit einer Mischung aus sieben traditionellen und spezielleren Schwarzwurzel-Acts ein dichtes Programm aufgefahren.

Nach dem gestrigen Thrash-Tag konzentriert man sich heute davon getrennt vollständig auf die Black-Metal-Seite und schickt um 18:40 Uhr WRACK aus dem benachbarten Bochum auf die Bühne. Sie lösen ihre Opener-Aufgabe auch mit eingesprungenem Ersatzmann an der Gitarre sehr ordentlich und punkten mit sympathisch-klischeefreiem Auftreten. Leider sind ausschweifendes Songwriting mit Liedlängen zwischen 10 und 19 Minuten nicht sonderlich kompatibel zu einer Spielzeit von einer halben Stunde. Außerdem kommt das vertrackte, treibende Material im dumpfen Sound nicht optimal zur Geltung. Im Rahmen eines längeren Konzerts in kleinerem Club, würde ich WRACK trotzdem wieder Gehör schenken.

Mit DARKMOON WARRIOR aus Eberswalde ändert sich nichts am breiigen Sound. Allerdings erwacht hier die Old-School-Fraktion aus dem Halbschlaf und bekommt nach einem kernigen Einstiegs-„Fuck off!“ vom Fronter/Basser, der eine Flasche Rotwein im Getränkehalter seines Mikroständers geparkt hat, tiefergelegten Corpsepaint-War-Black-Metal vor den Latz. Mein Ding ist das konservative Geschredder nicht, aber die Leute finden's unterhaltsam, auch wenn besondere Reaktionen außen vor bleiben.

MOR DAGOR können kurz nach acht mehr Banger vor die Bühne ziehen. Vielleicht liegt's an den Kaltgetränken, oder dass man heute Abend Heimspiel hat, vielleicht aber auch an den Dark-Funeral-artigen, brachial Blast-lastigen Songs. Luftholen ist in den regelmäßig eingebauten Midtempoparts erlaubt, danach fetzt man von der reinen Geschwindigkeit alles gegen die Wand. Ob man mitten im Song mit einer Knallschußpistole ins Publikum feuern muss, bleibt Geschmackssache. Im Gesamtklang stechen aber vermehrt Melodien heraus und mit einem noisigen Outro und Applaus kann der Auftritt als erfolgreich verbucht werden, auch wenn man in den immerhin 18 Jahren des Bestehens nie so recht dem Underground entwachsen ist.

Bevor der internationale Teil des Abends beginnt, muss die wirklich unsägliche Regelung Erwähnung finden, die den Konzertbesuchern untersagt, während der Veranstaltung das Gebäude nach Belieben zu verlassen und zu betreten, es sei denn, man löst für 30€ ein neues Ticket an der Abendkasse. Ob die Zeche Carl aus eigenen Beweggründen oder Probleme mit dem Ordnungsamt dafür verantwortlich sind, bleibt ein Rätsel. Die Sache stößt in jedem Fall so manchem Gast, der sein soeben erworbenes Merch zum Auto bringen will, ziemlich sauer auf. Immerhin gibt's dann sicher 'ne interne Imbissbude, wenn man schon acht Stunden an den Verbleib im Club gebunden ist. Von wegen! Die einzige offizielle Verköstigung besteht aus fertigem Kartoffelsalat mit Wurst, oder Nüssen von der Theke. Ein Hoch darum auf den Barkeeper am Haupttresen, der mir und anderen Hungrigen eine Bestellung aus dem direkt angeschlossenen, aber heute abgetrennten Restaurant ermöglicht!

Die Dänen ANGANTYR ziehen beträchtlich mehr Anhänger vor die Stage als vorige Bands. Für eine Triobesetzung klingt der nordisch-traditionelle Black Metal erstaunlich kräftig und klar. Das Corpsepaint von Mastermind Ynleborgaz und seinen Live-Mitstreitern Vrede und Skogsvandrer trieft ihnen dreckig von Gesicht und Haupthaar und Ansagen wie „Skål, Germany!“ wirken prägnant und erinnern mich immer wieder an Immortals Abbath. AGANTYR sind energetisch und halten die Stimmung im Saal mit langgezogenen, meistens schnellen Songs hoch. So richtig ergreifend find ich's nicht, das tut dem an sich guten Auftritt mit originellem Einsatz eines Horns am Ende aber keinen Abbruch.

URFAUST spielen schlichtweg keine schlechten Konzerte. Dafür ist die konzeptuelle Anlage des Duos zu einzigartig und nahezu unfehlbar. Ihre zahlreichen Anhänger verehren den am ehesten zwischen Doom, Black und klassischem Metal anzusiedelnden Sound ohne Ende, Gegner wenden sich gelangweilt ab und wissen nicht, was der ganze Hype soll. Ich empfinde das URFAUST-Intermezzo heute als sehr wohltuend. Weihrauchgeruch, blaues Licht, ein okkult-künstlerisch designter Banner, ein rituelles Gesamtgefühl. Der Gesang erfüllt in seinen wehklagenden Facetten den ganzen Raum, jeder Schlag des Drummings wird zelebriert und transportiert Leidenschaft. Als kurz vor elf nach der geforderten und gewährten Zugabe Schluss ist, hallen die weiteren Zugabe-Rufe bis in die Umbaupause nach. Der zweite Festivalabend ist ohne Zweifel auf dem Zenit.

Entgegen meiner Erwartungen können die mir bislang nur namentlich geläufigen Polen von MGLA damit Schritt halten. Scheinbar hat man in jüngster Vergangenheit enorm an Popularität zugelegt und fällt durch optisches Inkognito mit Kapuzen und Sturmhauben ohne Sichtfenster umso mehr auf. Das blaue Gegenlicht macht die Akteure noch unkenntlicher, die ihrerseits mit Vollgas in ihre  exzellent besuchte Show starten. Egal mit welcher Form des extremen Metal man zu tun hat, MGLA weisen ähnlich wie ihre Landsmänner Behemoth oder Vader eine faustschlagartige Grundbrutalität zwischen Aggression und Groove auf, die ergänzt um tiefere Tunings, Melodien und Feedbacks hin und wieder an frühe Burzum in modernem Gewand erinnert. Überzeugt!

Um halb eins kommt dem eigentlichen Headliner die undankbare Aufgabe zu, vor einer fast um die Hälfte geleerten Halle zu stehen, weil viele sich aus Zeit- oder Energiegründen schon davongemacht haben. Sänger/Gitarrist Morbid macht sich wenig draus und steigt zackig mit „We are FORGOTTEN TOMB from fuckin' Italy and it's time to reject existence!“ ein. Das Quartett aus Piacenza hat sich im Laufe der letzten drei Alben einen unverwechselbaren Stil zwischen fetten Riffs, cleveren Arrangements und Melancholie erarbeitet. Besonders die vielseitige Bassarbeit fällt immer mehr ins Gewicht. Mit dem Opener der „Under Saturn Retrograde“-Platte, 'Shutter', 'Deprived', der späteren Zugabe 'And Don't Deliver Us From Evil' und einem neuen Song liegt der Fokus deutlich auf aktuellem Material. Trotzdem passt das mittlerweile über zehn Jahre alte, weniger breaklastige 'Daylight Obsession' richtig gut rein. Mit einem klassisch rock'n rolligen Schrammelwirbel aller Instrumente ist um halb zwei endlich Feierabend.
Für weitere Ausgaben des Infernos können es ein, zwei Bands weniger sein, wobei die Spielzeiten für Openerbands auch länger sein dürfen.


Setlist MGLA

Further Down The Nest I
With Hearts Towards None IV
Mdlosci I
Mdlosci II
With Hearts Towards None I
Groza III
With Hearts Towards None III
With Hearts Towards None VII

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