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LIFELOVER, TRIST

Essen, Zeche Carl

Dieser ursprünglich als gewöhnliches Konzert geplante Abend wurde für die schwedischen Depressive-Rocker LIFELOVER durch den plötzlichen Tod von Gitarrist/Hauptsongwriter Jonas „B.“ Bergkvist zu einem besonderen Abend mit tragischem Anstrich. Als Headliner von fünf Bands, begaben sie sich in Essen für einen Tribute-Auftritt zum letzten mal auf die Bühne.

LIFELOVER haben sich in den letzten Jahren seit ihrem Album „Konkurs“ neben SHINING zu einer beliebten Szenegröße im Depressive-Black-Metal entwickelt und mit ihrer Mischung aus rockenden Riffs, ohrwurmigen Melodien und dem entrücktem Kreischen und Singen ihres Frontmanns Kim Carlsson einen eigenständigen Stil etabliert. Demzufolge überrascht es kaum, dass die Altenessener Zeche Carl am heutigen Abend ziemlich gut besucht ist. Fans aus ganz Deutschland und Teilen Europas sind angereist, um das letzte musikalische Geleit für Jonas mitzuverfolgen. Neben dem zumeist entspannten Publikum, fallen jedoch leider etwas zu viele störende Absurd-Shirts und -Aufnäher unter den Anwesenden und auch sonstige NSBM-Geschmacksentgleisungen an einem der größeren Merchstände im Foyer auf. Zum Opener HYPOTHERMIA und auch über die an vorletzter Position auftretenden TRIST lässt sich nur wenig sagen, da beide Auftritte der jeweils zu dritt oder auch nur als Duo auftretenden Combos jeglicher Abwechslung und Dynamik entbehren. Die repetitiven, kaum zu unterscheidenden Midtemporiffs ziehen sich im Falle beider Bands durch den gesamten Auftritt. Das mag in bestimmten Situationen sehr sphärisch sein, funktioniert live aber nur bedingt.

Viel furioser kommen FÄULNIS daher. Die Hamburger präsentieren eine energiegeladene Black/Doom-Mischung mit latentem Punk-Spirit. Besonders die psychotische Performance von Sänger 'Seuche' sticht heraus, der sich beängstigend authentisch durch Songs wie „Trümmer“ oder „Landgang“ schreit und leidet. Obendrein hat die Band mit dem neuen Track „Scheiße, Rückfall“ den coolsten Songtitel des Abends zu bieten.

Eine vollkommen andere Stimmung verbreiten die Bayern HERETOIR, die heute ihr Live-Debut zum Besten geben. Souverän, als stünden sie seit zehn Jahren auf den Brettern, zocken die vier Jungs um Dreadlock-Sänger/Gitarrist Eklatanz atmosphärischen Shoegaze-Black-Metal, der nicht selten an die Franzosen ALCEST erinnert. Den – abgesehen von vereinzelten dumpfbackigen Kommentaren – sehr positiven Publikumsreaktionen ist zu entnehmen, dass HERETOIR trotz Undergroundstatus bereits eine Fanbase besitzen und in Zukunft sicher noch einiges erreichen können.

Nachdem der TRIST-Auftritt einiges an Fahrt aus dem musikalischen Geschehen auf der Bühne genommen hat, ist mit einiger Verzögerung gegen 23 Uhr Zeit für den Headliner. Was die Band in den kommenden 70 bis 80 Minuten darbietet, entspricht jedoch wohl kaum dem, was die meisten Fans von diesem letzten Gig erwartet haben. Es gibt über die gesamte Spielzeit keinen einzigen LIFELOVER-Song zu hören! Vielmehr entsteht der Eindruck, die um ein paar Gastmusiker erweiterte Band habe sich zu einer öffentlichen Jamsession getroffen, in der man in langgezogenen, improvisierten, manchmal nur von Akustikgitarre und Gesang begleiteten Stücken um den von ihnen gegangenen Freund und Bandkollegen trauert. Besonders Kim wirkt während des Auftritts in sich gekehrt, spielt zeitweise Gitarre, gibt sich ansonsten sitzend, stehend oder tänzelnd seinen klagenden und schrillen Stimmexperimenten hin und fällt aufgrund sichtbarer Trunkenheit einmal fast von der Bühne. Richtig Fahrt nimmt die Musik nur zweimal auf und es schimmert zumindest durch, dass es sich um die ehemaligen LIFELOVER handelt. Kommunikation mit dem Publikum gibt es keine und als die Musiker am Ende wortlos von der Bühne gehen, steht man ein wenig ratlos da. Letztendlich sollten alle, die livetaugliche Songs wie 'Cancertid' oder das lautstark geforderte 'MS Salmonella' vermisst haben, jedoch bedenken: LIFELOVER waren vor dieser Show bereits Geschichte und ließen wohl schlicht aus Respekt vor dem Tod Jonas' das Material aus Bandzeiten außen vor. Die Konzertbesucher gehen mit gemischten Eindrücken in die kalte Oktobernacht hinaus und Lob oder Kritik erscheinen unpassend. Den Jungs bleibt es hoch anzurechnen, dass sie den heutigen Abend so durchgezogen haben, auch wenn er hinter den Erwartungen mancher Fans zurückgeblieben sein wird.