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LANTLÔS, ALCEST

Essen, Turock

ALCEST

Die Kreativköpfe beider Bands stehen seit Jahren in freundschaftlicher Verbundenheit, haben auf den ersten drei LANTLÔS-Alben zusammengearbeitet und bestreiten nun als Zwei-Band-Paket ohne weitere Supports ihre gemeinsame Herbsttour 2015. Die letzten Releases, „Shelter“ und „Melting Sun“, in denen man sich jeweils einen Schritt von der eigenen musikalischen Vergangenheit löste, liegen inzwischen über ein Jahr zurück. Heute folgt die Rückschau, die abgesehen vom zu teuren Eintritt von 25€ inkl. VVK-Gebühren keinen Fan enttäuscht zurück lassen sollte.

Kurz vor Beginn herrscht entspannter Betrieb im Club, Bühne und Equipment sind perfekt vorbereitet und das Publikum zeigt sich heterogener denn je. Bekennende Fans modernen (Black) Metals, viele neutral Gekleidete und eine erstaunliche Altersspannbreite, wo auch die Ü40-Fraktion nicht außen vor bleibt. Wochentagsgerecht starten LANTLÔS extrem pünktlich um 20 Uhr ohne Intro mit 'Bliss'. In den ersten Reihen vibriert jeder Bassdrum-Anschlag in der Magengrube. Dazu gesellt sich ein wummernder Bass und die Drei-Gitarren-Wand des Quintetts. Den Vocals wurde eine Extraportion Reverb verpasst, sodass die Screams sehr nah an dem sind, wie Neige sie eingesungen hatte. Das trippige Interlude des Songs bekommt live gespielte Keyboardsounds und noisige Pedalboard-Effekte auf den Gitarren spendiert, die im Post Rock/Metal-Sektor inzwischen State Of The Art sind. Den großen Mittelteil des Sets machen die drei „Melting Sun“-Tracks 'I-Azure Chimes', 'II-Cherry Quartz' und 'IV-Jade Fields' aus, die allesamt gleichermaßen druckvoll und ätherisch ertönen. Die cleanen Vocals klingen auch wirklich gut heute, während es bei den zweistimmigen Parts schon mal 'nen Tacken schiefer tönt. Im letzten Drittel der 45 Minuten tischen LANTLÔS 'Pulse/Surreal' vom zweiten Album „.neon“ auf und meistern den Rückgriff zu den eigenen Post-Black-Metal-Blastbeat-Wurzeln, ohne diese nur durch antiseptische Schutzhandschuhe zu berühren. Die Performance von Markus, Felix, Cedric, Julian und Chris ist konzentriert, sie fokussieren sich auf das emotionale Musikerlebnis. Ansagen und Show sind sekundär. Nachdem 'Coma' verklungen ist, bleibt jetzt abzuwarten, ob die Band sich 2016 wieder neu erfindet.

Einmal alles von der Bühne runtergekramt und neu wieder hochgetragen. Beide Bands haben offenbar eine vollständige Backline im Gepäck. Bei ALCEST bleibt die Bühne karg und aufgeräumt (man spielt über einfache Combos statt Halfstacks), an der Wand hängt das Banner mit dem klassischen Logo, welches seit 2007 zahlreiche T-Shirts ziert. Und wie zu erwarten, zaubert das perfekt eingespielte Quartett über angenehm lange anderthalb Stunden glückliche Harmonie in die Gesichter der Besucher. Mittlerweile ist’s auch voll geworden, ohne dass für einen Gang zu Klo, Kippe oder Krombacher direkt der Platz aufgegeben werden muss. Die tiefen Frequenzen von Indria und Winterhalter sind in den vorderen Reihen nach wie vor zu laut, weiter hinten dann ein Unterschied wie Tag und Nacht. Nach dem zarten Einstiegsdoppel 'Opale'/'Summer’s Glory' ernten ALCEST saalfüllenden Applaus und Beifallspfiffe. Je mehr sie über den Verlauf des Konzerts auf Highlights der Diskographie zurückgreifen, steigt die Begeisterung der langjährigen Fans. 'Écailles de lune I', 'Les iris' und 'Souvenirs d’un autre monde' stehen sehr schlichten „Shelter“-Tracks wie 'L'eveil des muses' gegenüber, bei dem ich mich beim waveigen Mitschwingen ertappe. Bevor 'Percées de lumière' gewohnt ohrwurmend und mit über den Instrumenten thronendem Kreischgesang das reguläre Set beschließt, setzt 'Sur l’océan couleur de fer' nahezu ohne Schlagzeug und den Gesangsarrangements zwischen Neige und Gitarrist Zero Akzente. Die Zugabe ist bei derart frenetischem Jubel obligatorisch und entführt mit 'Autre temps' und dem ultra-schwelgerischen 'Délivrance' für 15 zusätzliche Minuten in eine Traumwelt jenseits unseres Alltags. Mit der nächsten Platte wünsche ich mir trotzdem jene Black-Metal-Elemente zurück, mit denen ALCEST eine unbändige, positive Form der Energie in diesem Genre salonfähig gemacht haben.

Setlist Lantlôs

Bliss
Melting Sun I: Azure Chimes
Melting Sun II: Cherry Quartz
Melting Sun IV: Jade Fields
Pulse/Surreal
Coma

Setlist Alcest

Wings
Opale
Summer’s glory
Écailles de lune I
Les iris
Souvenirs d’un autre monde
L'eveil des muses
Là où naissent les couleurs nouvelles
Sur l’océan couleur de fer
Percées de lumière
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Autre temps
Délivrance

Pic: Carmen Alba