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TWISTED SISTER, PENTAGRAM, LYNYRD SKYNYRD, OZZY OSBOURNE

Akzena Rock Festival - Vitoria (Spanien)

Akzena Rock Festival

Es ist immer schön, wenn sich Urlaub und ein ordentliches Festival verbinden lassen. In diesem Falle heißt die Kombination Baskenland und Azkena Rock Festival. Austragungsort ist der Parkplatz des Fußballstadions des örtlichen Erstligisten.

Die diesjährige Ausgabe des Festivals ist bereits die Elfte. Mit Kiss, Bad Brains, Thin Lizzy, The Cult, Molly Hatchet und Primus hat man in den vergangenen Jahren bereits einige Hochkaräter ins Baskenland locken können. Die knapp 40 Bands (von denen allerdings nur ein Teil Rock-Hard-kompatibel ist) werden auf drei Tage und drei Bühnen verteilt. Anders als bei den Festivals in Deutschland, startet das Programm nie vor 18.15 Uhr und dauert dafür bis in die frühen Morgenstunden.

Donnerstag:

Am ersten Tag zählt der Veranstalter 12.474 Zuschauer - wenn man hört, dass in Spanien derzeit eine Banken- und Wirtschaftskrise herrscht, merkt man hier nichts davon.

Die zweite Band auf der Hauptbühne sind BLUE ÖYSTER CULT, deren Auftritt leider einer mittleren Katastrophe gleichkommt. Zunächst fehlt im Line-up der auf der Bandhomepage aufgelistete Rudy Sarzo, der durch einen Tieftöner aus dem Meat-Loaf-Lager ersetzt wird. Hat man diesen Schock erst mal überwunden, enttäuscht die lahmarschige und blutleere Darbietung der Veteranen um die Gründungsmitglieder Eric Bloom und Donald Roeser. Nummern wie `The Red and The Black`, `The Golden Age Of Leather`, `Burnin` For You`, `City On Flame With Rock`n´Roll` und `They Came The Last Days Of May` wollen so gar nicht zünden und ihre Magie entfalten. Machen die Veteranen aus New York etwa eine abendliche Siesta oder liegt es doch am fortgeschrittenen Alter? Anders dagegen der zweite Teil des Auftritts mit `Godzilla` und dem abschließenden `(Don`t Fear) The Reaper`, wo die Herren ihre Klasse andeuten und überzeugen können. Weniger überzeugend ist die Setlist, in der Nummern wie `ETI` und `Astromony` fehlen. So bleiben die New Yorker heute weit unter den Erwartungen. Gut, dass sich die Herren später den Set von Twisted Sister anschauen und sich da hoffentlich für die Zukunft inspirieren lassen.

Anschließend geben GRAVEYARD auf der anderen großen Bühne (unpassenderweise „Robin Gibb-Stage“ benannt) ihr Spaniendebüt. Die von Haschisch-Geruch geschwängerte Luft und das lokale Bier sorgen für die entsprechende Spiellaune und so bieten die vier Schweden eine passende Retro-Stunde. Zwar spielt Ozzy erst morgen Klassiker aus der frühen Black-Sabbath-Phase, das passende Warm-up gibt es bereits jetzt. Cooler Auftritt!

Dann ist Partyzeit angesagt und TWISTED SISTER beweisen nach dem AC/DC-Intro einmal mehr, wer die unterhaltsamste Liveband des Planeten ist. Nachdem man letztes Jahr mit Iron Maiden in Madrid gastierte, ist nun erstmals das Baskenland an der Reihe. Gitarrist J.J. French gefällt es hier so gut, dass er gleich ein T-Shirt mit dem Wappen der Provinz trägt. Was früher unvorstellbar war, ist heute kein Problem, da die Truppe auf der Bühne mittlerweile ganz auf Kostümierung verzichtet - so lange man sich in solch einer blendenden Spiellaune präsentiert, kann man auf Verkleidung getrost verzichten.
Im Mittelpunkt der Show steht natürlich der Entertainer überhaupt: Dee Snider. Wie immer rennt er über die Bühne, sorgt für Späße und improvisiert, wenn er beispielweise das passiv rumsitzende Publikum am Bühnenrand zum Aufstehen auffordert. In Sachen Setlist hat man sich neben den üblichen Klassikern mit `Wake Up (The Giant Sleep)` und `Sin After Sin` zwei Überraschungen einfallen lassen, die perfekt in den abwechslungsreichen Set passen. Der Höhepunkt ist natürlich `We`re Not Gonna Take It` in einer Maxiversion, bei der spontan der gleichklingende spanische Refrain „Huevos en aceite“ (Eier in Öl) eingebaut wird. Ganz große Klasse! Und da auch die folgenden fünf Nummern restlos überzeugen, bleibt zu hoffen, dass die New Yorker sich auch nächsten Sommer wieder in Europa blicken lassen.

SETLIST TWISTED SISTER:

What You Don`t Know (Sure Can Hurt You)
The Kids Are Back
Stay Hungry
Wake Up (The Sleeping Giant)
You Can´t Stop Rock`n`Roll
Sin After Sin
We`re Not Gonna Take It
The Price
Burn In Hell
I Wanna Rock
+++
Come Out And Play
S.M.F.

Wer dann denkt, dass Twisted Sister das Niveau für die nachfolgenden Acts auf der Hauptbühne ins Unermessliche geschraubt haben, hat nicht mit STATUS QUO gerechnet. Bei den Briten fällt zunächst auf, dass nach Francis Rossi nun auch Rick Parfitt einen Friseurbesuch hinter sich hat: Die Mähne ist ab! Zwar ist das zunächst stark gewöhnungsbedürftig, aber was zählt ist die Musik. Und da hat das englische Kulturgut wieder eine saubere Mischung aus Klassikern (`Caroline`, `What You`re Proposing`, `Roll Over Lay Down`, `Down Down`) und neuerem Material (`Rock`n`Roll`n You`, `Beginning Of The End`, `The Oriental`, `Let`s Rock`) im Programm. Ärgernis ist wie immer nur das unerträgliche `In The Army`, für dass das fulminante Schlusstriple `Down Down, `Whatever You Want` und `Rockin All Over The World` allerdings entschädigt. Ohne Zweifel es ist wieder ein souveräner Auftritt der Briten, die es immer noch schaffen, den Spirit der Klassiker aufrecht zu erhalten und neue Nummern auf hohem Niveau zu bieten. Um es auf den Punkt zu bringen: Die Insulaner sind einfach unkaputtbar und das ist gut so. Bis zum nächsten Mal! Vielleicht wäre es mal eine wissenschaftliche Aufgabe für Neudi von Roxxcalibur, den Einfluss der Band auf die NWOBHM zu untersuchen.

Auf der anderen Open-Air-Bühne geben derweil STEEL PANTHER ihr Spaniendebüt. Gernot Hassknecht von der Heute-Show würde da vielleicht so loslegen: „Heavy Metal wollt ihr sein? Nein, eure Show ist gequirlte Kacke. Man parodiert Heavy Metal nicht! Entweder ist man Metal oder man lässt es sein. Sollen sich eure bunten Bänder im Ventilator verfangen, sollen eure Spiegel zerbrechen, sollen eure Perücken sich verfilzen und fangt euch bitte alle Geschlechtskrankheiten der Welt ein. Musikalisch seid ihr eine drittklassige Kopie von Dokken, Bon Jovi oder Poison (!) und die Authentizität fehlt euch gänzlich. Während schwedische Acts wie Crashdiet, Hardcore Superstar oder Crazy Lixx den Glam- und Sleazefaktor der Achtziger besitzen, seid ihr nur schlechte und peinliche Schauspieler. Wenn ihr irgendwo hinpasst, dann nach Las Vegas ins Vorprogramm von Siegfried und Roy, die euch am besten wegzaubern.“ Nichts wünscht man sich mehr, als wenn der legendäre Piledriver die Bühne stürmen und sein „Posers Will Die“-Motto in die Tat umsetzen würde. Wer nach Nummern wie `Just Like Tiger Woods`, `Party All Day`, `Community Property`, `Eyes Of A Panther` oder `17 Girls In A Row` noch nicht kotzen muss, findet auf der Hauptbühne Erlösung.

Diese trägt den Namen PENTAGRAM und ein größeres Kontrastprogramm kann man sich schwerlich vorstellen. Schon komisch: Während es in Deutschland ein Liebhaber-Festival wie das Hammer Of Doom braucht, spielen die Amerikaner hier zur besten Zeit auf der Hauptbühne vor 10.000 Zuschauern. Dabei ist der Auftritt der Veteranen wohl ein dreifaches Debüt: erste Spanienshow, das erste Mal im Billing mit Ozzy und das erste Mal vor solch einer Menschenmasse. Und da zeigt sich, wie unglücklich die Karriere von Bobby Liebling verlaufen ist. Nahezu zeitgleich und mit dem gleichen Spirit, wie Black Sabbath auf der anderen Seite des Atlantiks gestartet, ist seine Truppe nie groß rausgekommen. Egal, im Gegensatz zu dem Tattergreis aus Birmingham hat Bobby nie Kompromisse gemacht. Im Gegenteil: wenn es ein Motto für das Szene-Urgestein gibt, dann heißt es Keep It True! So bietet der stilvoll gekleidete, vom Leben (und Drogen) gezeichnete und ergraute Ostküstler mit seinem Sidekick Victor Griffin eine Zeitreise durch die Jahrzehnte und zeigt wo die Wurzeln von Heavy Metal, Hardrock und Doom liegen. Mächtig!

Wer noch bei Kräften ist, bekommt mit den DROPKICK MURPHYS den Headliner der ersten Nacht geboten. Phänomenal, wie sehr die Amerikaner im Baskenland angesagt sind.

 

Freitag:

Auch GUN haben sich für ein Comeback entschieden. Mit rundum erneuertem Line-up (aus den Achtzigern sind nur noch die Gizzi-Brüder dabei) bieten die Schotten dabei mehr als nur eine Retro-Show. Apropos Gizzi-Brüder: Von denen hat Basser Dante mittlerweile den Gesang übernommen. In die Setlist baut man gleich drei gelungene neue Nummern des in Kürze erscheinenden Albums „Break The Silence“ ein und zeigt, dass man es mit dem Comeback ernst meint. Höhepunkt der Show ist erwartungsgemäß die Rockadaption des Cameo-Hits `Word Up`, aber auch andere alte Nummern, wie `Better Days`, `Don´t Say It`s Over` oder `Taking On The World` sorgen für eine gute Stimmung im großen Zelt.

Nächster Zeltact ist BLACK LABEL SOCIETY. Während man sich im Vorprogramm von Ozzy etwas bescheidener geben muss, ist der heutige Bühneaufbau mit den zahlreichen Bannern und Marshallboxen extrem mächtig. Los geht es mit Sirenengeheul und dann folgt die identische Setlist der Shows mit Ozzy, als da wären: `Crazy Horse`, `Funeral Bell`, `Bleed For Me`, `Suicide Messiah`, `Overlord`, `Parade Of The Dead`, Godspeed Hell Bound`, `Conrete Jungle` und `Stillborn`. Letztlich eine gelungene Mischung, bei der in Sachen Abwechslung aber `In This River` gut getan hätte. Für Abwechslung soll zwar auch das Gitarrensolo von Zakk sorgen, mit dem es der Gute etwas übertreibt. Egal, die harten Jungs räumen brutal ab und so genießt der Gitarrist die Publikumsreaktionen ausgiebig (sein animalischer Gefühlsausbruch zum Ende der Show ist einmalig). Der Festanstellung bei Ozzy trauert er nach solch einem Abend bestimmt nicht hinterher.

Als Headliner waren Black Sabbath in der Originalbesetzung angekündigt. Wegen Tony Iommis Krebsleiden gibt es stattdessen auch hier OZZY OSBOURNE AND FRIENDS, was natürlich nur ein schwacher Ersatz sein kann. Dabei ist eine Ozzy-Show - wie immer - eine zweischneidige Sache. Einerseits tut es immer gut, die zahlreichen Klassiker des Briten zu hören, andererseits hat das Auftreten des Frontkaspers einen Nebengeschmack. Der mehrfache Einsatz des Wasserschlauchs ist nicht gerade witzig, bei den „Guests“ handelt es sich „nur“ um Geezer Butler und Zakk Wylde im Black-Sabbath-Teil und seine eigentliche Band mit Robert Nicholson (Bass), Gus G. (Gitarre), Tommy Clufetos (Drums) und Adam Wakeman (Keyboards und Gitarre) ist wohl die schwächste, die er jemals zu bieten hatte. Auch wenn die vier musikalisch einen überzeugenden Job machen, fehlt es ihnen einfach an der Ausstrahlung, die ihre Vorgänger zu bieten hatten. Apropos Ozzy: Auch wenn der Madman in den letzten Jahres nahezu alles tat, um seinen Ruf zu zerstören, auf der Bühne ist er absolut agil, weitgehend textsicher (der Teleprompter ist gar nicht nötig) und wenn er liebevoll Zakk umarmt oder sich kindisch darüber freut, wieder mit Geezer Butler die Bühne zu teilen, muss man ihn einfach mögen.
Auch in Sachen Setlist gibt es nix zu meckern: Geboten werden ausschließlich Klassiker der Achtziger. Nach sechs Nummern der Ozzy-Solophase zu Beginn, folgt nach einem mit der Sabbath-Nummer `Rat Salad` verbundenen Drum/Gitarren-Solo der Sabbath-Teil mit Geezer Butler als Gast. Der Set besteht zunächst aus `Iron Man`, `War Pigs` und `N.I.B.` sowie `Fairies Wear Boots` und wird von der Basslegende und dem Texter der Nummern geprägt. Letztlich lässt der kurze Set erahnen, wie legendär ein richtiger Sabbath-Set hätte sein können. Zur Schlussnummer `Paranoid` kommen alle beteiligten Musiker gemeinsam auf die Bühne und geben mit Doppel-Bass und Dreifach-Gitarren-Power (Wylde, Gus G. und Wakeman) eine beeindruckende Version des wohl wichtigsten aller Metal-Songs.
Ärgerlich nur, dass der Auftritt unmittelbar danach endet. Hatte man in Dortmund noch `Killer Of Giants` und `Mama, I`m Coming Home` im Programm, fehlen diese Nummern heute. Letztere hätte man schon alleine bringen müssen um Zakks Beitrag zur Band zu würdigen. Aber auch so kommt man nicht drum herum, den Auftritt als einen wirklich gelungenen zu bezeichnen.

SETLIST OZZY AND FRIENDS:

Bark At The Moon
Mr. Crowley
Suicide Solution
I Don`t Know
Shot In The Dark
Rat Salat (mit Drum- und Gitarrensolo)
Iron Man
War Pigs
N.I.B.
Fairies Wear Boots
Crazy Train
Paranoid

Für die Nachtschwärmer rockt abschließend DANKO JONES bis nach 3 Uhr das Zelt.

 

Samstag:

Aufgrund ihrer republikanischen/nationalistischen Ausrichtung hat ein Auftritt von LYNYRD SKYNYRD immer einen faden Beigeschmack. Ähnlich wie Ted Nugent, bieten die Südstaatler aber immer einen überzeugenden Set, der versöhnt. So auch heute. Beeindruckend, wie souverän und relaxt das Septett (unterstützt von zwei Backing-Sängerinnen) die große Bühne beherrscht und sich blind versteht. Problemlos kann man dabei einen Klassiker an den anderen reihen und nur eine Nummer des aktuellen (eines ihrer besten Alben!). Auch wenn der Himmel nach zwei Tagen vollen Sonnenscheins nach Regen aussieht, bei einer Band wie dieser kann und darf es nicht regnen - und das tut es dann auch nicht. Beobachtet man die Arbeitsteilung auf der Bühne, hat man fast den Eindruck, also ob Rickey Medlocke mit seiner einzigartigen Ausstrahlung zum Mastermind der Truppe aufgestiegen ist. Cool auch der Basser mit einer Motörhead-Kutte. Höhepunkt natürlich das Schlussdoppel `Sweet Home Alabama`/`Freebird`, wobei die Nummern mit zwei gigantischen Bühnenbannern optisch unterlegt und kräftigst mitgesungen werden. Letztere Nummer stellt wegen des atemberaubenden Instrumentalparts den emotionalen Höhepunkt des Festivals dar. Ganz großes Gefühlskino. Schade, dass die Band die Bühne fünf Minuten zu früh verlässt, da wäre noch eine Nummer mehr möglich gewesen.

SETLIST LYNYRD SKYNYRD:

Workin` For MCA
I Aint`t The One
Skynyrd Nation
What`s Your Name
Down South Jukin`
That Smell
Simple Man
Gimme Three Steps
Call Me The Breeze
Sweet Home Alabama
+++
Freebird

Wer noch Kraft hat, kann sich mitten in der Nacht ein Bild vom Comebackversuch der britischen Kastraten THE DARKNESS machen.

Ohne Zweifel hat das Festival seinen Charme und lebt wohl auch von der ungewöhnlichen Bandauswahl (Folk, Rock, Blues, Rockabilly, Metal). Dennoch hätte man sich ein etwas härteres Billing gewünscht, zumal die im Bericht genannten Acts auch die besten Publikumsreaktionen erreichen konnten. In Sachen Organisation lässt sich allerdings einiges von den deutschen Veranstaltern lernen. Ebenso wie man in Spanien kein Dosenpfand kennt, gibt es auf dem Gelände keinen Becherpfand. Dementsprechend ist das Areal aufgrund der Trinkfestigkeit der Spanier eine riesengroße Müllkippe. Peinlich, da Vitoria in diesem Jahr als Green Capital Europas ausgezeichnet wurde…

 

Pic: Wolfram Küper

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