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MASSENDEFEKT, AC/DC, TYLER BRYANT & THE SHAKEDOWN

Düsseldorf, Esprit Arena

AC/DC

AC/DC mit Axl Rose? Als diese Neuigkeit die Runde machte, traten bei mir unverzüglich die berühmten vier Phasen der Trauerbewältigung ein. Phase eins: Leugnen. „Das kann nur irgendein hinrissiges Gerücht sein.“ Zweite Phase: aufbrechende Emotionen. „Wie bescheuert sind die eigentlich? Werden AC/DC jetzt von der Bühne gebuht? Macht Angus' Herz das mit? Vielleicht wird es ja doch nicht so übel...?!?“ Phase drei: nostalgisches Dauerhören der Klassiker und die ernüchternde Erkenntnis: Das war einmal. Die vierte Phase, das Abschließen und Einlassen auf Neues (in diesem Falle Axl), trat ein, als ich die ersten Live-Clips sah und Kollege Peters total verstrahlt - ähem, verklärt natürlich – vom Konzert in Leipzig berichtete. Spätestens da war klar: „AXL/DC“ verdienen eine Chance. Wie praktisch, dass kurzfristig in Düsseldorf ein Zusatzkonzert anberaumt wurde.

Ob es nun an den stattlichen Preisen, den entsetzten Fans oder beidem liegt – ausverkauft ist die Esprit Arena an diesem Mittwochabend nicht. Aber immerhin: Rund 25.000 Fans, Skeptiker und Sensationsgierige tummeln sich beim Headliner im heute zum Glück überdachten Stadion.

Davon ist beim Opener MASSENDEFEKT allerdings noch wenig zu merken: Die Lokalmatadore aus Meerbusch, die so kurzfristig als Support gebucht wurden, dass sie sich für die AC/DC-Show schon Karten gekauft hatten, steigen vor leidlich gefüllter Halle selbstbewusst in ihren Auftritt ein. Mit dem punkigen Deutschrock des Quartetts können viele Besucher offenbar jedoch wenig anfangen und quittieren die Show mit höflichem, aber verhaltenem Applaus. Beim Song 'Ein Gruß gen Himmel', den die Band Wölli, dem verstorbenen Drummer der Toten Hosen widmet, brechen die Dämme ein wenig, so dass MASSENDEFEKT unter verdientem Beifall von der Bühne gehen können.

TYLER BRYANT & THE SHAKEDOWN treffen mit ihrem rotzfrechen Heavy-Bluesrock schon eher den Geschmack des inzwischen recht zahlreich erschienenen Publikums. Zumal die Jungs aus Nashville, allen voran Frontmann/Gitarrist Tyler Bryant, wie die Wiesel über die Bühne flitzen und als Supportband ganz und gar nicht den Eindruck machen, sich in den Schatten ihrer großen Vorbilder zu stellen.  Die Zuschauerreaktionen und die nach oben explodierte Zahl der Facebook-Likes sind eindeutig: Auf dieser Tour haben die jungen Texaner sich unzählige neue Fans erspielt.


Ob AC/DC in neuer Konstellation das heute auch sagen können? Die Spannung ist beinahe greifbar, als pünktlich um 20:30 Uhr die Umbaumusik verstummt und auf den Leinwänden der riesigen Bühnenkonstruktion ein Meteorit angeschossen kommt, der direkten Kurs auf die Esprit Arena nimmt. Eine gleißende Lichtexplosion später entern die Rock-Veteranen, angeführt vom schuluniformierten Angus Young, die Bretter und legen mit 'Rock Or Bust' los. Alle Augen, und vor allem Ohren, sind natürlich auf Mister Rose gerichtet, der zwar ein wenig moppelig, dennoch aber topfit und trotz erst kürzlich überstanden Fußbruchs extrem agil zu Werke geht. Viel wichtiger aber: Axl legt alles, was er an Volumen, Gefühl, Rotz und Schmirgelpapier aufbieten kann, in seine Stimme. Und das klingt – anfängliche Skepsis hin oder her – so geil, dass der Gunners-Frontmann spätestens bei der zweiten Nummer 'Shoot To Thrill' die als überkritisch geltenden AC/DC-Fans auf seiner Seite hat und zwischen den Songs immer wieder mit gellenden „Axl! Axl!“-Rufen gefeiert wird. Natürlich klingt der 54-Jährige nicht wie sein Vorgänger Johnson, trotzdem passt sein Reibeisen zum Sound der Riffrocker, wie das sprichwörtliche Hinterteil aufs Sammelbehältnis. Angenehm bescheiden, ja fast schon zurückhaltend, aber mit einer feinen Prise Humor versehen tönen auch die Ansagen des Sängers. „Den nächsten Song kennt ihr vielleicht“, merkt er verschmitzt an, bevor bei 'Back In Black' auf und vor der Bühne die Hölle losbricht.

Bereitwillig überlässt Rose immer wieder Angus Young das Rampenlicht, der im weltbekannten Hoppelschritt kreuz und quer über die Bühne und hoch über den Bandköpfen auf der riesigen Verstärkerfront tänzelt, bei 'Let There Be Rock' und 'Highway To Hell' nahezu unfassbare Soli hinlegt, mit seiner Krawatte effektvoll den Sechssaiter bearbeitet und sich im Rock'n'Roll-Wahn, immer noch spielend, auf dem Boden wälzt. Die an sich imposanten Spezialeffekte wie die überdimensionale, 'Hells Bells' einläutende Glocke, die dralle Aufblas-Rosie in Strapsen oder die Kanonen, die nach 'For Those About To Rock (We Salute You)' obligatorisch das Showende einschießen, werden bei diesem mehr als zweistündigen Konzert zur Nebensache. Auch Stevie Young (g.), Cliff Williams (b.) und selbst Drum-Tier Chris Slade geraten trotz makelloser Leistung eher zum Beiwerk. Das hier ist ganz klar eine Zwei-Mann-Show, Axl Rose der Gewinner des Abends und sein kleines Freudentänzchen zu 'Let There Be Rock' mehr als berechtigt. Ja, diesen Schritt zu gehen, war gewagt. Nein, AC/DC sind nicht mehr die Gleichen. Und nein, das Resultat ist weder der 'Highway To Hell' noch die 'Rock 'n' Roll Damnation', sondern ein verdammt gutes Live-Erlebnis. 'Let There Be Rock'!


 
SETLIST AC/DC

01. Rock Or Bust


02. Shoot To Thrill


03. Hell Ain't A Bad Place To Be


04. Back In Black


05. Got Some Rock & Roll Thunder


06. Dirty Deeds Done Dirt Cheap


07. Rock 'n' Roll Damnation


08. Thunderstruck


09. High Voltage


10. Rock 'N' Roll Train


11. Hells Bells


12. Given The Dog A Bone


13. If You Want Blood (You've Got It)


14. Touch Too Much


15. Sin City


16. You Shook Me All Night Long


17. Shot Down In Flames


18. Have A Drink On Me


19. T.N.T.


20. Whole Lotta Rosie


21. Let There Be Rock (+ Gitarrensolo Angus Young)
+++
22. Highway To Hell (+ Gitarrensolo Angus Young)

23. Riff Raff

24. For Those About To Rock (We Salute You)

 

Pics: Thorsten Seiffert (facebook.com/rnrreporter)

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