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WINGER, FIVE AND THE RED ONE

Aschaffenburg, Colos-Saal

Waren WINGER Ende der Achtziger eine der Bands, die Thrash-Fans mit ihrem Hairspray-Metal am meisten polarisierten, verwundert es, dass sich heute im Colos-Saal zahlreiche Altthrasher im Publikum befinden, die damals durch solch einen "Gastbesuch" ihr hartes Image verloren hätten. Die Zeiten ändern sich und das ist gut so. Wie der Abend noch zeigen wird, ist das Quartett um Namensgeber Kip Winger heute alles andere als eine klischeehafte Posertruppe.

Doch bis die Amerikaner die Bühne entern, wird diese erstmal von FIVE AND THE RED ONE besetzt. Einigen dürften die Ulmer mit dem seltsamen Bandnamen noch durch ihren Openingslot für die Whitesnake-/Alice-Cooper-Tour und/oder die zahlreichen Festivalauftritte im letzten Jahr in Erinnerung geblieben sein. Auch wenn der Spirit der Nachwuchstruppe stimmt, fehlt es aber doch an starkem Songmaterial und der nötigen Ausstrahlung, um eine Liga aufsteigen zu können. Zwar passt man stilistisch zum Headliner und erhält mehr als Höflichkeitsapplaus, aber dem eigenen Anspruch, "Rock neues Leben einhauchen zu können", wird man definitiv nicht gerecht. Beeindruckend Drummer Tim Fleige mit seiner einzigartigen Mund-Akrobatik während seines Spiels, er singt zwar nicht mit, aber irgendetwas scheint er ständig mitteilen zu wollen. Vielleicht nennt man das ganzheitliches Spiel. Was durchaus unnötig und befremdend wirkt, ist, dass die Bandfotografin fast die ganze Zeit auf der beengten Bühne verweilt. Nun muss sich zeigen, wie sich die hervorragenden Tourangebote auf die Albenverkäufe ausschlagen, denn wenn man mit solch einem Support und der dritten Veröffentlichung (die bald anstehen dürfte) nicht schafft richtig durchzustarten, spricht das für sich. Time will tell ...

Nach einer unnötig langen Umbaupause kommt dann der Altmeister mit seinen Mistreitern auf die Bühne. Klasse, dass er für sein Comeback mit Reb Beach und Rob Morgenstein auf zwei weitere Originalmitglieder zurückgreifen kann. Die große Überraschung ist aber John Roth, der auch noch bei Giant aktiv und heute alles andere als ein Rhythmusgitarrist hinter Reb ist. Und da man als Quartett gastiert, verzichtet man auf einen Keyboarder. Diese Position übernimmt der Chef bei drei Nummern (`Rainbow In The Rose`, `Headed For A Heartbreak` und `Miles Away`) selber und sorgt dabei für die ruhigen Töne. Ein cleverer Schachzug ist es, dass die Truppe ihre alten Klassiker keineswegs originalgetreu runterspielt sondern so interpretiert, dass die Nummern nun ihre Pubertät hinter sich haben und erwachsen klingen. Ein gelungener Spagat, der das Potenzial simpler Nummern wie `Seventeen` zeigt, für die man sich auch heute nicht schämen muss.

Zudem zeigt sich die musikalische Klasse der Truppe, die Reb und Rod eine gelungene Solorunde einräumt und bei der die Chemie stimmt. Apropos Reb Beach: Auch wenn er noch bei Whitesnake aktiv ist und mit David Coverdale in den großen Hallen tourt, wenn er sich heute zwischen den beiden Bands entscheiden müsste, würde die Wahl sicherlich auf seine alte Liebe und Heimatband fallen. Man merkt es dem Musiker einfach an, dass hier der Spaß und nicht die Kohle im Vordergrund steht. Außerdem ist Kip ein ausgezeichneter Entertainer (nicht nur wegen seiner Bass-Pirouette). Der Saal ist voll und die Stimmung prächtig. So sind die einzigen Wermutstropfen der wirklich laute Sound und die kurze Spielzeit von nur 80 Minuten. Ähnlich wie Tesla, Y+T, Great White oder Journey scheint man endlich Gefallen an Europagastspielen zu finden.

Fazit: Ein überraschend gelungener Abend, der zeigt, wie zeitlos die alten Nummern sind, wenn sie angemessen gespielt werden, und wie stark die aktuelle Scheibe "Karma" ausgefallen ist.

Setlist

Pull Me Under

Blind Revolution Mad

Easy Come Easy Go

Rainbow In The Rose

Stone Cold Killer

Deal With The Devil

Down Incognito

Your Great Escape

Reb Solo

You Are The Saint, I´m The Sinner

Rob Solo

Headed For A Heartbreak

Can`t Get Enough

Seventeen

+++

Miles Away

Madalaine

Pic: Britta Stippich