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CATARACT, TANKARD, MISERY INDEX, NEAERA, JON OLIVA´S PAIN

Queens Of Metal Open Air 2009

Auch die vierte Ausgabe des Queens-Of-Metal-Festivals ist mal wieder ein Paradebeispiel dafür, wie man Metal-Fans unterschiedlichster Stilrichtungen zum gemeinsamen Spaßhaben zusammenführen kann. Im beschaulichen Kleinwenkheim nahe Bad Kissingen herrscht an diesem Juniwochenende der Ausnahmezustand und letzten Endes versammeln sich an beiden Tagen gut 3.500 Besucher auf dem idyllisch von Bäumen umgebenen Sportplatzgelände.

Freitag

Aufbau und Struktur des Geländes hat man ein wenig modifiziert, die Verkaufsstände sind zusammengerückt, zudem hat man für Erholungspausen zwei größere Bierzelte aufgebaut, die auch Schutz vor Regen bieten. Letztendlich führen diese Maßnahmen mit dazu, dass vor der Bühne mehr Betrieb herrscht, was insbesondere den zahlreich auftretenden Undergroundbands zugute kommt. Auch die Preise sind absolut okay, 2€ für ein 0,5er Bier (nicht gezapft, aber kalt) und 2,50€ für ein Hefeweizen können sich beispielsweise sehen lassen. Nach den Undergroundbands VOICE OF REVENGE, RAVAGE (guter Death Metal!), GRIND INC., THE FIRSTBORN, NEURASTHENIA und ORDEN ORGAN, sind SACRED STEEL am frühen Nachmittag die erste etwas bekanntere Band, die die geräumige Bühne betritt. Das Quintett um Frontmann Gerrit polarisiert mit seinem durch und durch ehrlichen Power Metal wie eh und je. Manche recken Partei ergreifend die Faust gen Bühne, andere verlassen ob der Sirenen-artigen Vocals fluchtartig das Gelände. Aber eines muss man den Schwaben auf alle Fälle lassen: Sie ziehen ihr Ding ohne Rücksicht auf Verluste durch und das mit inbrünstiger Überzeugung. Guter Gig!

POWERWOLF führen das nachmittägliche Power-Metal-Spektakel fort. Musikalisch ebenfalls überzeugend, optisch jedoch nicht mehr als eine Lachnummer. Das süddeutsche Kasperletheater bringt zwar mächtig Power aufs Parkett, doch das düstere, Graf-Zahl-mäßige Outfit wirkt nicht nur angesichts des prallen Sonnenscheins arg deplatziert. Ob so viel unfreiwilliger Komik verziehe ich mich lieber an den Bierstand und warte vorfreudig auf WHITECHAPEL. Die Amis lassen sich nicht lumpen und prügeln ihre Deathcore-Hits gleich mit dreifacher Gitarrenpower ins Publikum. Welch ein Jammer, dass die Technik heute schon den ganzen Tag spinnt und der Sound bei fast allen Bands matschig und ohne Druck rüberkommt. Leider bekommen die Verantwortlichen das Problem bis Tagesende nicht in den Griff, was viele Besucher ein wenig anpisst. Gerade bei einer technisch versierten Prügel-Combo wie Whitechapel kann ein schlechter Sound natürlich tödlich sein. Der Sechser macht trotzdem das Beste aus der Situation und insbesondere Sänger Phil Bozeman sorgt für staunende Blicke. Spindeldürr und nicht viel größer als eine Milchkanne, entlockt das Bürschchen seinem Körper unmenschliche Laute. Keifen, Brüllen, Grunzen, Schreien, der Junge ist der schiere Wahnsinn. So gibt es bei Bandhymnen wie 'Vicer Exciser' oder dem genialen Schlussakt 'This Is Exile' doch noch mächtig Betrieb im Circle-Pit und Whitechapel können den Beweis antreten, dass sie zusammen mit The Black Dahlia Murder und Job For A Cowboy derzeit das Nonplusultra im Deathcore-Genre sind.

FUELED BY FIRE sind auch jung, teilweise aber auch so jung, dass anstelle ihrer Selbst die Managerin auf Fragen von Journalisten antwortet. Als ich hinter der Bühne ein wenig Smalltalk mit dem 17-jährigen Gitarristen betreibe, schiebt sich prompt die Managerin zwischen uns, schätzungsweise dreimal so alt wie ihr Schützling und wachsam wie eine besorgte Henne. Die spinnen, die Amis. Musikalisch ist natürlich alles im Lack, die US-Tex-Mex-Thrasher feuern feiste Thrash-Riffs ab und lassen Erinnerungen an gute, alte Bay-Area-Zeiten aufkommen. Ein Problem habe ich mit der ganzen neuen US-Thrash-Welle dann aber doch. Die Bands sind irgendwie austauschbar und das Songwriting besitzt keinen Charakter, anders ausgedrückt: Es bleibt einfach nichts hängen. Trotzdem ein ordentlicher Auftritt. NEAERA haben in den letzten Jahren enorm an Popularität zugelegt und sich immer mehr vom Metalcore entfernt. Das riesige Backdrop ist schon beeindruckend. Leider passt auch bei den Münsteranern der Sound nicht ganz, so dass dem Walzen-artigen Death Metal mit Core- und Black-Metal-Einflüssen ein wenig die Durchschlagskraft fehlt. Blickfang und Aktivposten des Fünfers ist und bleibt Sänger Benjamin, ein Flummi vor dem Herren, der keifend und schreiend wie ein Derwisch auf den Bühnenbrettern rumtobt. Der Schwerpunkt des Sets liegt erwartungsgemäß auf den Songs der letzten beiden Alben „Omnicide – Creation Unleashed“ und „Armamentarium“. Ein Song wie 'Spearheading The Spawn' ist einfach ganz großes Kino im Bolt-Thrower-Format. Neaera werden ihrem Co-Headliner-Status auf alle Fälle gerecht.

Weit vorm ILLDISPOSED-Auftritt kursiert das Gerücht, Sänger Bo und einer der beiden Gitarristen hätten den morgendlichen Flug aufgrund extrem hohen Alkoholkonsums vom Vortag verpasst. Und tatsächlich laufen nachmittags nur dreifünftel des Dänenkommandos auf dem Festivalgelände herum und warten gespannt auf die Anreise der anderen beiden. Letztendlich schafft es nur Bo, pünktlich auf der Bühne zu stehen, so dass Illdisposed mit nur einer Gitarre auskommen müssen. Ein großes Ärgernis, zumal der Sound noch immer kacke und künstlich aufgebläht rüberkommt. Bos herrlich süffisant-assigen Kommentare sorgen zwar für den einen oder anderen Lacher, doch insgesamt ist das für einen Headliner-Gig eindeutig zu wenig.

Samstag

Früh startet der Krach am heutigen Samstag bei angenehmem Festival-Wetter (nicht zu kalt und nicht zu heiß). Der Mittag ist noch weit entfernt, da lärmen schon Bands wie PATH OF DEVASTATION, SCHARBOCK oder DAVIDIAN von der Bühne. Dem schließen sich mit DRAGONSFIRE, ULTRAWORSCHT und CONTRADICTION noch drei weitere, eher unbekannte Bands an, ehe danach mit HACKNEYED Deutschlands talentierteste Death-Metal-Nachwuchscombo für offene Mäuler und verdutztes Augenreiben sorgt. Die kaum der Pubertät entflohenen Bubis spielen derart routiniert auf, dass man bei geschlossenen Augen meinen könnte, es mit alten Haudegen zu tun zu haben. Old-School-Death-Metal, der sowohl herrlich stumpf, als auch filigran rüberkommt. Endlich hat man auch die Soundprobleme vom Vortag in den Griff bekommen, so dass die Songs herrlich fett aus den Boxen rollen.

Danach entern die Black-Thrasher WITCHBURNER die Bühne, doch das etwas gleichförmige Songmaterial und der leicht nervtötende Kreischgesang lassen mich in Richtung Bierstand flüchten. ENEMY OF THE SUN sind Geschmacksache. Musikalisch Top, gesanglich ein Flop? Nun, ganz so krass sollte man es nicht ausdrücken, aber wenn Sänger Jules Näveri einen auf Mike Patton macht, rollen sich nicht nur mir die Fußnägel hoch. Das weinerliche Gequietsche passt einfach nicht zum fetten, Riff-lastigen Power-Thrash der Grip-Inc-Nachfolgeband um Waldemar Sorychta. Dass der gute Jules auch anders singen kann, beweist er mit seinem brutalen Shout-Gesang. Wenn dann noch alte Grip-Inc-Klassiker a la 'Hostage To Heaven' ausgepackt werden, passt das Ganze doch. Das alles ist jedoch nichts im Vergleich zu den nachfolgenden CATARACT. Die Schweizer liefern musikalisch einen derart geilen Auftritt ab, dass einem Hören und Sehen vergeht. Man soll sich ja mit Superlativen zurückhalten, aber vom Timing und Zusammenspiel her, ist das heute definitives Slayer-Niveau. Heimlicher Star der Schweizer ist Drummer Ricky. Was der Gute hinter den Kesseln abzieht, ist sensationell. Punktgenau und mit vielen kleinen versteckten Details drischt der Mann auf sein Kit ein und schafft es selbst in den rasenden Highspeed-Songs, noch einen Groove drunterzulegen. Weltklasse! Aber auch der Rest der Mannschaft agiert tight und verlässlich wie eine Maschine, wahlweise ein Schweizer Uhrwerk. Der Set selbst bietet kaum eine Verschnaufpause, wie ein Hagelsturm prasseln die Songs auf das zunehmend begeisterte Publikum nieder. 'Blackest Hour', 'Choke Down' oder 'Vanished In The Dark', ein Kracher jagt den nächsten. Höhepunkt eines genialen Auftritts ist natürlich der abschließende Smasher 'Nothing's Left', bei dem im Pit noch mal alle Kraftreserven mobilisiert werden. Große Klasse!

DREAM EVIL kneif ich mir, da musikalisch nicht unbedingt die Baustelle des Rezensenten, doch den Reaktionen zufolge schlagen sich die Skandinavier mit ihrem melodischen Power-/Melodic-Metal ausgezeichnet. Bei TANKARD ist dann Schluss mit lustig. Die Frankfurter Bembel-Thrasher haben zeitlich den besten Slot erwischt, denn das Festivalpublikum ist alkoholtechnisch gerade auf dem Höhepunkt des Tages angekommen. Gut abgefüllt, aber nicht zu voll. Für Gerre und Co. ein Leichtes, die Stimmungsschraube nach oben zu drehen und Gas zu geben. Das Publikum rastet förmlich aus, im Mosh-Pit vor der Bühne sind nur noch fliegende Menschenmassen und Staub zu sehen, der Sound knattert hart und präzise. Was will man mehr? Hits haben die Hessen ohnehin genügend am Start und so gleicht der Tankard-Auftritt einem Triumphzug. Keine Band kann da von den Ovationen her an diesem Wochenende mithalten. Auch nicht JON OLIVA’S PAIN, der flugs die Position mit Misery Index tauscht, weil diese nicht rechtzeitig zu ihrem Auftritt da sein können. Was soll man großartig über Jon Oliva sagen? Der Mann ist eine Legende. Umso trauriger die Tatsache, dass der mittlerweile etwas zu füllige Mountain-King fast schon auf die Bühne getragen werden muss, damit er im Sitzen seinen Gig bestreiten kann. Stimmlich zwar einigermaßen passabel, hat man als neutraler Zuschauer dennoch das Gefühl, dass sich hier ein Denkmal selbst vom Sockel stößt. Ich habe irgendwie Mitleid mit dem Fleischberg, der hinter seinem Piano thront und voller Inbrunst versucht, die Töne rauszukriegen. Wie gesagt, das kriegt er noch einigermaßen gebacken, aber im Vergleich mit den grandiosen Auftritten aus den Neunzigern ist das Ganze doch ein Trauerspiel. Wenigstens hat Oliva eine klasse Begleitband mit an Bord, die den Gig einigermaßen retten kann.

Ironie des Schicksals, dass danach MISERY INDEX akustisch alles kurz und klein kloppen? Die US-Death/Grinder zerlegen Kleinwenkheim in seine Einzelteile und donnern mit einer Energie und Spielfreude über die Bretter, dass einem die Spucke wegbleibt. Wenn man Gitarrist „Catweazle“ Sparky bei der Arbeit zusieht, kann man sich ein Grinsen kaum verkneifen. Der Mann legt eine Leidenschaft und Begeisterung an den Tag, wie man sie bei routinierten Bands kaum noch erlebt. Der Sound ist nahezu perfekt, wovon insbesondere Drummer Adam Jarvis profitiert, dessen unglaublich präzises Geprügel einem den Angstschweiß auf die Stirn treibt. Wie schafft es dieser Mensch nur, so schnell und exakt zu knüppeln, ohne dass er kollabiert. Meine Fresse, das ist Hochleistungssport! Sympathikus Jason Netherton glänzt nicht nur mit intelligenten, sehr politischen Texten, sondern auch mit viel Humor und deutschen Ansagen. Misery Index sind derzeit eine der attraktivsten Bands des gesamten Death-Metal-Genres und hinterlassen nichts als verbrannte Erde. Wenn nach dem letzten Song, 'Traitors', augenblicklich die Ruhe einsetzt, hat man nicht nur ein Rauschen in den Ohren, sondern auch das Gefühl, dass gerade eine Horde wild gewordener Büffel über einen hinweggerannt ist. Ganz großes Kino! Hoffen wir alle, dass das Queens Of Metal auch nächstes Jahr wieder stattfinden kann, denn mehr Qualität für wenig Geld findet man in der deutschen Festival-Szenerie derzeit kaum. Fotos und weitere Eindrücke findet ihr auf der Festival-Homepage.

www.queens-of-metal.com

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