RH #278Titelstory

DIO

Der Allergrößte ist von uns gegangen

 

Ein Nachruf

 

Wir sind sprachlos. Als uns am frühen Sonntagabend, dem 16. Mai, die Meldung erreichte, dass RONNIE JAMES DIO, der größte Rocksänger aller Zeiten, seinen Kampf gegen den Krebs verloren hat, traf uns der Schlag.

 

Es ging bereits Samstagnacht los. Erste Gerüchte, Ronnie liege im Sterben, wurden von seiner Frau und Managerin Wendy Dio über Blabbermouth dementiert: Ronnie gehe es nicht gut, aber er lebe. Und er bedanke sich für die vielen Genesungswünsche aus aller Welt.

Am Sonntagmorgen gegen 7.45 Uhr amerikanischer Zeit verstarb DIO in einem Krankenhaus in Houston, nachdem er sich von seinen Verwandten und engsten Freunden verabschiedet hatte. Sein Tod sei ein friedlicher gewesen, sagt Wendy: »Viele, viele Freunde hatten die Möglichkeit, Ronnie Goodbye zu sagen, bevor er leise von uns ging. Er wusste, wie sehr er von allen geliebt wurde. Wir alle sind sehr dankbar für die große Anteilnahme. Bitte lasst uns nun unsere Privatsphäre für ein paar Tage, damit wir diesen schrecklichen Verlust begreifen können. Bitte wisst, dass Ronnie euch alle geliebt hat und dass seine Musik für immer weiterleben wird.«

Wirklich begriffen hat diese Meldung zum Zeitpunkt des Redaktionsschlusses noch niemand. Während ich diese Zeilen schreibe, laufen die letzten Vorbereitungen für unser Festival - die natürlich überschattet sind von DIOs Tod. Die Flut an Mails und SMS ist endlos, und sie alle haben den gleichen Tenor: Der größte Rocksänger aller Zeiten ist von uns gegangen; der Verlust wird nicht aufzuwiegen sein. Ihr wünscht euch Schweigeminuten beim Festival und Aktionen, die unsere Anteilnahme verdeutlichen. Wie wir das realisieren werden, wissen wir im Moment nicht - aber es ist uns ein ebenso großes Bedürfnis wie euch. Das gesamte Wochenende wird unter dem Eindruck dieses gewaltigen Verlustes stehen, das ist klar, und niemand kann das Thema lange aus seinen Gedanken verdrängen. Mit RONNIE JAMES DIO geht nicht nur ein unersetzbarer Sänger und großartiger Musiker, sondern ein beträchtlicher Teil, ein Eckpfeiler der Szene. Und genau das müssen wir erst begreifen lernen.

Von ELF bis Heaven & Hell

 

Ronald James Padavona, so der bürgerliche Name des am 10. Juli 1942 in Portsmouth, New Hampshire geborenen Sangeswunders, will eigentlich Baseball-Spieler werden, wird aber von seinem Vater dazu gezwungen, Trompete zu lernen. Wie DIO später oft erklärt, ist das Spielen dieses zunächst ungeliebten Instruments die entscheidende Grundlage für seine Atemtechnik. Im Gegensatz zu vielen anderen Rocksängern, die einfach irgendwie mehr oder weniger hörenswerte Töne von sich geben, lernt Ronnie, wie man richtig Luft holt, und ist später in der Lage, aus dem Bauch heraus - wie ein professionell geschulter Sänger - zu singen. Dies ist, neben Ronnies Enthusiasmus, sicher der wichtigste Grund für die Belastbarkeit seiner Stimme bis ins hohe Alter.

Die Trompete wirft Ronnie als Jugendlicher in die Ecke; er weiß inzwischen, dass er singen kann, und spielt außerdem Bass. Der inzwischen an der US-Ostküste lebende Jungspund ändert seinen zu exotisch klingenden Nachnamen in das kürzere, prägnantere DIO (angelehnt an den Mafiaboss Johnny Dio), verdingt sich in diversen kurzlebigen Projekten (The Vegas Kings, Ronnie And The Rumblers, Ronnie And The Redcaps, Ronnie Dio And The Prophets) und landet schließlich bei den Electric Elves, die heute als erste wichtige Profistation seiner Karriere gelten. Nach der Umbenennung in ELF nämlich stößt Ronnie auf seinen späteren Mentor (und Freund) Roger Glover, der zusammen mit seinem Deep-Purple-Kollegen Ian Paice nach jungen Talenten für Produzenten-Jobs Ausschau hält. 1972 erscheint auf ihrem Label Purple Records das von Glover und Paice produzierte Album „ELF“, dem mit „Carolina County Ball“ (1974) und „Trying To Burn The Sun“ (1975) noch zwei weitere folgen. ELF spielen härteren Bluesrock, der gut zu Deep Purple - oder besser: gut in deren Vorprogramm - passt, und finden sich alsbald on the road mit dem mächtigen Ritchie Blackmore wieder.

Und Ritchie wird nach Roger Glover und Ian Paice zum nächsten Mentor für DIO. Ronnie beeindruckt ihn mit seiner kraftvollen, jedoch sehr warmen Stimme und soll eine Ritchie-Blackmore-Solosingle einsingen, die in ein komplettes Album mündet. „Ritchie Blackmore´s Rainbow“ (1975) ist eigentlich eine bessere ELF-Scheibe mit Ritchie an der Gitarre, wird aber ein solcher Erfolg, dass Blackmore Deep Purple vollständig den Rücken kehrt, um mit DIO eine neue Band - Rainbow - zu gründen. Das Line-up wird kräftig durcheinandergewirbelt, und mit „Rising“ (1976) gelingt Rainbow ein bis heute unübertroffenes Jahrhundertwerk (s.a. Plattenkritiken auf den folgenden Seiten).

RONNIE JAMES DIO ist im Hardrock-Olymp angekommen - und gilt fortan als bester Sänger des gesamten Genres. Diesen Ruf wird er bis zu seinem Tod verteidigen.

Die übrigen Stationen seiner Karriere - das dritte und letzte Rainbow-Studioalbum „Long Live Rock´n´Roll“, seine Glanztaten mit Black Sabbath, die tollen Soloalben unter dem Namen DIO und schließlich Heaven & Hell (der dritte Teil der Black-Sabbath-Saga) - lassen sich in der Kürze der Zeit nicht gebührend ehren. Wir werden RONNIE JAMES DIO aber zu einem späteren Zeitpunkt ein Sonderheft widmen, das sowieso schon länger auf unserem Themenplan steht. Dass es bisher nicht realisiert wurde, liegt an Ronnies Krebserkrankung. Wenn er wieder auf den Beinen sei, so Wendy Dio vor etwa einem Jahr, werde er für ausführliche Interviews dafür zur Verfügung stehen. Darauf wollten wir warten.

Der Mensch DIO

 

Dass RONNIE JAMES DIO ein warmherziger, intelligenter, ausgesprochen höflicher Mensch war, ist allgemein bekannt. Die Gerüchte um arrogantes Star-Gehabe in alten Rainbow- und Black-Sabbath-Tagen erschienen nach persönlichen Gesprächen mit dem göttlichen Sänger geradezu absurd, obwohl Ronnie selbst durchaus zugab, starke persönliche Veränderungen durchgemacht zu haben. Er sei heute viel dankbarer für alles, was er erreicht habe, und leide nicht mehr unter dem Druck seines Egos, gab er seinen Gesprächspartnern stets lächelnd zu verstehen, wenn alte Zwistigkeiten mit Ritchie Blackmore oder Tony Iommi angesprochen wurden. Er fügte dann gerne ein väterliches „my son“ oder „kid“ hinzu, nahm sein Gegenüber mitunter in den Arm und wirkte genauso herzlich und offen wie auf der Bühne. Selbst als seine Mutter im Sterben lag, verschob er auf dem Rock Hard Festival nicht die angesetzte Autogrammstunde, ließ sich geduldig mit Fans fotografieren und lieferte anschließend einen souveränen Auftritt ab, den er lediglich um eine (weitere) Zugabe kürzte, als die Nachricht vom Tod der Mutter eintraf. Selten haben wir einen professionelleren, freundlicheren, natürlicheren Musiker zu Gast gehabt. Nach dem Auftritt trank er ein paar Gläser Wein, trauerte leise um seine Mutter, bedankte sich dennoch bei allen Festival-Mitarbeitern und ließ den Abend ruhig im Hotelzimmer ausklingen. Wer es bis dahin nicht war, wurde an diesem Tag zum überzeugten DIO-Fan.

Und auch wenn es etwas unpassend erscheinen mag: Ich möchte eine kleine Anekdote nicht unerwähnt lassen, die die Souveränität und Höflichkeit RONNIE JAMES DIOs zum Ausdruck bringt.

Auf dem Monsters Of Rock Festival 1987 fand - ich glaube, in Nürnberg - eine Aftershow-Party im Bandhotel statt, auf die ich als Nachwuchsschreiber eingeladen war. Während sich Metallica und Ratt an der Hotelbar vergnügten und später prügelten, verschlug es meinen Kumpel Oliver Klemm (ebenfalls ein Schreiber-Novize) und mich zusammen aufs Klo. Ich weiß nicht mehr, ob wir dort nur pinkeln wollten oder ob wir Dummheiten im Schilde führten (nein, schwul sind wir nicht), aber ich kann mich an ein kleines japanisches Groupie mit hohen Stiefeln erinnern, das mit dem Rücken zu uns in der Ecke stand. Ein Groupie am Pissoir im Herrenklo? Seltsamer Anblick. Olli und ich rissen dumme Sprüche und lachten. Plötzlich drehte sich das Groupie um, grinste uns ins Gesicht, streckte uns die Hand entgegen und sagte: »Hello, kids. I´m Ronnie James Dio. Nice to meet you!« Ritchie Blackmore hätte uns achtkantig aus dem Hotel werfen lassen - zumal sich Olli den ganzen Abend lallend weiter über DIO beömmelte, während er am Boden um die versammelten Musiker herumkrabbelte. DIO lächelte nur väterlich und gab Herrn Klemm später (nach dessen mehr schlecht als recht bewältigter Pubertät) sogar mehrere nette, ausführliche Interviews.

Das Leben geht weiter. Geht das Leben weiter?

 

Auch wenn ich schmunzeln muss, wenn ich an diese allererste Begegnung mit DIO 1987 denke, so lässt sich die Endgültigkeit des Verlustes natürlich nicht verdrängen. Über naiven, wenn auch gutgemeinten Quatsch wie „Er befindet sich nun an einem besseren Ort“ hätte RONNIE JAMES DIO - ein aufgeklärter, aber stets toleranter, höflicher Atheist, wie in einigen Gesprächen mit ihm zum Ausdruck kam - nur müde gelächelt. Gerade weil er um die Endlichkeit des Lebens wusste, hat er seine letzten Jahre mit einem beispiellosen, authentischen Enthusiasmus genossen. Nicht zuletzt deshalb war seine Stimme bis ins hohe Alter so unverbraucht, so stark und souverän. DIO wollte jedes Jahr, das ihm noch blieb, jedes Festival, jedes Konzert, jede Studioaufnahme genießen und bewusst erleben. Deshalb nahm er keine Drogen (von ein wenig Alkohol und Marihuana abgesehen) und begegnete allen Fans und „Geschäftspartnern“ (die ebenfalls fast ausnahmslos große Fans waren) mit Respekt. RONNIE JAMES DIO war eine beeindruckende, raumfüllende Persönlichkeit - und doch nahm er jedem Gesprächspartner sofort die Nervosität. Er erlaubte es dem anderen, sich trotz der Anwesenheit einer Legende zu entfalten, und ermöglichte so Begegnungen und Gespräche, die auch ihm selbst Spaß machten. Zumindest verstand er es perfekt, jedem diesen Eindruck zu vermitteln. Er schüchterte niemanden ein, was bei seiner Aura ein Leichtes gewesen wäre, sondern ermöglichte es seinem Gegenüber jederzeit, selbst zu „glänzen“. Und genau das ist eine Definition von wahrer menschlicher Größe.

 

RONNIE JAMES DIO, wir werden lange um dich trauern. Wir werden nie ganz über den Verlust hinwegkommen. Aber wir werden uns ein Beispiel an dir nehmen: Wir werden das, was uns bleibt, deine göttliche Stimme, deine zeitlosen Kompositionen, so lange genießen, wie wir können. Danke!

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