RH #276Lauschangriff

Zeit, den Opferaltar abzustauben: Die Kanadier SACRIFICE, die in der zweiten Hälfte der 1980er mit ihren Frühwerken gemeinsam mit diversen Landsleuten die Grenzen des Thrash- zum Death Metal verschoben, sind mit dem bärenstarken fünften Album „The Ones I Condemn“ auferstanden.

Über das rührige brasilianische Label Marquee Records ist dieser vielseitige Thrash-Hammer bereits einige Monate erhältlich - in der Pappschuber-Erstauflage mit zusätzlichen Livesongs, Alternativ-Versionen und Neueinspielungen. Schon die enorm liebevolle Aufmachung der Re-Releases der ersten drei SACRIFICE-Werke als Doppelalben mit randvoll gefüllten Bonus-CDs sprach für das Ethos der südamerikanischen Firma.

»Jeder kennt miese Wiederveröffentlichungen ohne Re-Mastering, mit zweiseitigen Booklets und ohne Extras, wie es die großen Firmen handhaben. Armando hatte großartige Ideen, und kein SACRIFICE-Fan dürfte enttäuscht sein. Wir haben ihn noch nie getroffen, aber er ist der Grund, warum es die Band wieder gibt und wir dieses Interview führen können«, ist Sänger und Gitarrist Rob Urbinati voll des Lobes.
Bezüglich des einst von Metal Blade in hiesigen Breiten veröffentlichten „Apocalypse Inside“-Albums ist seine Einstellung ambivalent.

»Unveröffentlichtes Studiomaterial haben wir kaum noch, dafür Tonnen von Liveshows. Aber wir betrachten „Apocalypse Inside“ als unser Bastard-Album, weil es nicht im klassischen Line-up entstand und vielleicht nicht die Intensität seiner Vorgänger hat.«

Nicht nur Dew-Scented, die das Titelstück auf „Ill Natured“ coverten, werden diese Position kaum verstehen können. Freuen wir uns daher lieber über „The Ones I Condemn“, das via Cyclone Empire -ironischerweise mit ´Apocalypse Inside´ als Live-Bonussong - für Europa lizenziert wurde. Das Cover ´Anthem´ bleibt somit der kanadischen Pressung vorbehalten.

»Meine vier älteren Brüder haben ständig Rush gehört, als ich aufwuchs. Göttliche Musiker! Wir haben schon früh Rush-Songs im Proberaum gejammt, aber ´Anthem´ haben wir tatsächlich erst 2006 ausgegraben.«

Als Gitarrist bewundert Rob immer noch seine alten Idole, »aber Joe Rico und ich schätzen auch Helden der jüngeren Generation. Michael und Christopher Amott von Arch Enemy sind klasse, ebenso die beiden Unleashed-Typen - auch wenn das keine Großväter sind. Ich schätze Gitarristen, die nicht nur schnelle Sweeps und ultrafixe Läufe runternudeln, sondern einen eigenständigen Stil haben«.

´Give Me Justice´ erinnert an die glorreiche „Burning Bridges“-Ära der Amotts mit einer Extradosis Thrash.

»Wir lieben alle Bands von Michael, auch Spiritual Beggars. Bei Carcass war sein Spiel damals etwas von SACRIFICE beeinflusst. ´Give Me Justice´ ist mit Abstand der melodischste Song des Albums. Wir wollten einen ähnlichen Effekt wie mit ´Turn In Your Grave´ von unserem Debüt erzielen. Dort wiederholt eine Gitarre ein Hauptriff, während die andere Akkorde stehen lässt. Unsere Art des Melodie- und Harmoniespiels ist besonders von Iron Maiden und Mercyful Fate geprägt.«

Leider können zwei der engsten Bandkumpel das SACRIFICE-Comeback nicht mehr erleben: „The Ones I Condemn“ ist ihrem farbigen Freund Raymond „Black Metal“ Wallace sowie Adrian „The Energizer“ Bromley gewidmet.

»Ray kennen viele von der Fotocollage der „Torment In Fire“-Innenhülle. Seinen Spitznamen hat ihm Cronos persönlich verpasst. Es muss irgendwann 1985 bei einer Venom-Show gewesen sein. Cronos warf ihm mit den Worten „Alright then, Black Metal!“ eine Orange zu - und seitdem hatte Ray diesen Namen weg. Wir vermissen ihn sehr; ohne seinen Ansporn hätten wir wahrscheinlich nie eine Bühne betreten. Adrian war ein Journalist und ähnlich drauf. Jeder, der uns daheim in Toronto erlebt hat, wird sich an diese beiden Freaks erinnern können.«

Die Trauer über den Verlust ist in den Text des erst schleppenden ´Tetragrammaton´ eingeflossen.
»Der Song handelt im übertragenen Sinne auch von den kanadischen Soldaten, die in Leichensäcken aus Afghanistan überführt werden. Wenn man den Verlust eines engen Freundes zu beklagen hat, befindet man sich in einem seltsamen Trauerprozess und verliert die Hoffnung. Auf den Beerdigungen und Gedenkfeiern wird vom Himmelreich und von Gott gesprochen, aber nicht jeder kann daran glauben.«
´The Devil´s Martyr´ greift die Selbstgerechtigkeit beider Parteien im weltweiten Religions- und Kulturkampf an.

»Ob sich nun ein fanatischer Moslem auf einem belebten Marktplatz in die Luft sprengt oder sich die religiöse Rechte Amerikas überlegt, wo sie „intelligente“ Waffen einsetzen kann: Beides ist böser als jede Band, die je aus Norwegen gekommen ist«, kratzt Urbinati am Ego mancher Black-Metal-Bösewichter.

Aber er verarbeitet auch positive Inspirationen:

»Beim Schreiben von ´We Will Prevail´ habe ich an unser Team, die Toronto Maple Leafs, gedacht. Sie werden den Song wohl kaum offiziell verwenden - aber es wäre eine große Ehre für uns. Eishockey-Tickets sind bei uns verdammt teuer, aber wir leisten uns hin und wieder ein Spiel live. Da können wir dann ganz schön widerlich und laut werden«, amüsiert sich der Familienvater, der die Band nur noch als sein liebstes Hobby betrachtet. »Niemand von uns hat sein Instrument nach dem Bandsplit vor vielen Jahren aufgegeben, aber es war gar nicht so leicht, sich die alten Songs wieder draufzuschaffen. Die Band verschlingt auch nicht mehr Freizeit, als wenn wir aktiv Fußball oder Hockey spielen würden.«
Zum Schluss hat Rob noch positive Neuigkeiten für die hiesigen Anhänger auf Lager:
»Kürzlich traf ich Bob Reid von Razor bei einem Anvil-Gig, und wir sprachen über gemeinsame Europa-Gigs. SACRIFICE haben schließlich noch nie bei euch gespielt.«

 
 

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