RH #213Interview

DIMEBAG DARRELL

Nachruf Dimebag Darrell

DIMEBAG DARRELL

Nachruf Dimebag Darrell

Hey Dime,

das war´s also: Am 8. Dezember des vergangenen Jahres hat dich ein Irrer auf der Bühne erschossen und die Rockwelt in tiefe Trauer gestürzt. Manche Geschichten enden nun mal so? Das ist schwer zu verstehen und nicht fair.
Wir haben lange überlegt, wie wir reagieren sollen. Ich glaube, über das Poster, das dich in Aktion zeigt, hättest du dich gefreut. Zeigt es doch genau, wofür du gestanden hast und was für dich das Leben ausmachte: Leidenschaft und Spaß.
Es gibt keine Anleitung für das Schreiben eines Nachrufes, und deshalb möchte ich an dieser Stelle einige Anekdoten erzählen. Geschichten, die hoffentlich auch Leuten, die dich nicht kannten, klarmachen, dass die Metal-Szene mit dir ein echtes Original verloren hat.

Zum ersten Mal getroffen haben wir uns Anfang 1991 im Rahmen der Europa-Tour, die Pantera im Vorprogramm von Judas Priest und Annihilator spielten. Du hast dich darüber gefreut wie ein kleines Kind und jeden Abend aufs Neue deine Kette mit der „British Steel“-Rasierklinge als Anhänger herumgezeigt. Es war schnell klar, dass du ein fanatischer Metal-Freak warst, der nie einen Unterschied zwischen Fans und Musikern gemacht hat. Als beinharter Kiss-Supporter hast du dir ein Ace-Frehley-Tattoo auf die Brust stechen lassen und deine Kohle für T-Shirts und CDs ausgegeben. Nach den Konzerten warst du meist der Erste, der die Aftershow-Party eröffnet hat - stilecht mit Dosenbier, Gras und Crown-Royal-Whiskey, für den ihr das „Black Tooth“-Rezept entwickelt hattet: Ein Wasserglas voller Whiskey wurde mit einem klitzekleinen Spritzer Cola eingefärbt. Trank man zu viel, bekam man kurz vor dem Kollaps das berühmte „Black Tooth“-Grinsen, das von dir immer wieder aufs Neue abgefeiert wurde. Du bist dann johlend in der Gegend herumgehüpft und hast deine jeweiligen „Opfer“ mit der Videokamera gefilmt, um diese Erinnerungen später mit deinen Freunden zu Hause (bei einem Gläschen natürlich...) teilen zu können. Es war die Zeit, als ihr nach vier in Eigenregie aufgenommenen Platten „Cowboys From Hell“ weltweit über ein Major-Label veröffentlicht und damit euren Siegeszug angetreten habt.

Großartige Gedanken über deine Karriereplanung hast du dir nie gemacht - du wolltest einfach nur Platten aufnehmen, live auftreten und dabei „eine Riesenparty“ veranstalten. Das nennt man wohl einen vorbestimmten Lebensweg, denn als Sohn des Country-Sängers Jerry Abbott hast du schon als kleiner Junge im Studio deines Vaters rumgehangen und Blues-Songs auf der Gitarre nachgespielt. Zusammen mit deinen unglaublichen Riffs war es dieser Einfluss, der dafür sorgte, dass du schon im Alter von 16 Jahren an keinem lokalen Talentwettbewerb mehr teilnehmen durftest. Du hast nämlich immer gewonnen und mit dem verdienten Geld die Karriere von Pantera gestartet, die sich jahrelang in Texas den Arsch abgespielt haben. Irgendjemand hat dich kürzlich als den „bahnbrechendsten Gitarristen seit Eddie Van Halen“ bezeichnet, als jemanden, „der mit seiner Spielweise die Metal-Welt revolutioniert und Tausende von Nachwuchsmusikern inspiriert hat“. Dieses Kompliment hättest du gerne gehört, denn bloße Lobeshymnen der Fachpresse, Platin-Auszeichnungen oder arrogant-unnahbares Rockstarverhalten waren dir zuwider. Auch als Multimillionär bist du immer du selbst geblieben, warst im Privatleben höflich und zurückhaltend und hast dich nach Konzerten stundenlang mit Fans und Freunden unterhalten.

Für dich war es das Normalste auf der Welt, vor Ozzy Osbourne auf die Knie zu fallen und ihm zu sagen, dass er dein absolutes Idol sei. Hinter solchen Aktionen steckte kein Promo-Effekt - sie kamen von Herzen. Und das haben Fans und Musiker gemerkt, wie die weltweite Betroffenheit beweist, die dein Tod ausgelöst hat.

Interviews mit dir waren immer ein echtes Vergnügen, denn du hast offen deine Meinung gesagt, und dein Witz und deine Schlagfertigkeit waren berühmt-berüchtigt: Einmal hast du deinen Bodyguard losgeschickt, um schnellstens eine Kiste mit eiskaltem Bier zu besorgen, ein anderes Mal hast du mich zusammen mit Jochen Schliemann vom Visions zur Geburtstagsfeier deines Bruders Vinnie in euren Stripclub, das „Clubhouse“ in Dallas, eingeladen. Es wurde eine lange, harte Nacht in Texas, und am nächsten Tag hast du angerufen und gefragt, wie es uns geht und ob wir nicht „mal einen trinken gehen“ könnten - du hättest tierischen Nachdurst...
Zu dieser Zeit wart ihr - nur wegen eurer Fans und ohne nennenswerte Unterstützung von MTV und Radiosendern - endgültig an der Spitze angekommen. Die letzte Pantera-Studioscheibe, „Reinventing The Steel“, hatte auf Platz vier in den US-Charts debütiert, auf der anschließenden Arena-Tour sind Slayer bei euch im Vorprogramm aufgetreten, und noch heute ist „Far Beyond Driven“ das extremste Album, das je in die Billboard-Charts von null auf eins gerauscht ist.

Etwas später habt ihr Pantera aufgelöst, aber obwohl du in Texas, wo du mittlerweile auf einer Stufe mit einheimischen Gitarrenlegenden wie Billy Gibbons von ZZ Top oder Stevie Ray Vaughan gestanden hast, ein zurückgezogenes Leben hättest führen können, hast du Damageplan gegründet und bist von neuem durch kleine Clubs und Hallen getourt. Musik war dein Leben, und für einen im positiven Sinne Besessenen, der im ganzen Haus Verstärker und Gitarren herumstehen hatte und selbst sein Auto, die „Cadillac Rock Box“, mit einer eigenen P.A. bestückte, gab es nichts anderes.
Jetzt bist du tot, und noch ist niemand in Sicht, der deinen Platz einnehmen könnte. Danke für all die Erinnerungen und die Musik, die du hinterlassen hast.

 
 

Diese Seite verwendet Cookies. Erfahrt in unserer Datenschutzerklärung mehr darüber, wie wir Cookies einsetzen und wie Ihr Eure Einstellungen ändern und Cookies deaktivieren könnt. Darüber hinaus verwenden wir Cookies Dritter für die Einbindung audiovisueller Inhalte durch Youtube, Spotify und Soundcloud. Dem könnt ihr hier zustimmen oder dies ablehnen. Datenschutzerklärung ansehen