History2009

Sonne! Metal! Ausverkauft!

Das siebte ROCK HARD FESTIVAL im Gelsenkirchener Amphitheater war das bisher schönste - und das nicht nur wegen der Tatsache, dass wir diesmal ausverkauft waren. Es gab keinerlei negative Vorkommnisse, keine Bandabsagen, keine Wettereinbrüche, keine nennenswerten Pannen, keinen Stress - alles war schön, laut und lustig. Der größte Teil des Dankes dafür gebührt natürlich euch!

 

Freitag

Kaum hat unser Götz zur Begrüßung liebevolle Worte über ein Thrash-Revival ins Rund geschmettert, entfachen WITCHBURNER ihr Riffmassaker der ganz alten Schule. Optisch und musikalisch regieren die achtziger Jahre, verstohlene Blicke in die Gegenwart werden mit Gefängnis bestraft. Der Vierer fegt genauso enthusiastisch über die Bretter wie Himmelstein an die Bar. Jeder nach seiner Fasson halt. ´German Thrashing War´ ist ein herrlicher Song - herrlich im Sinne von herrlich stumpf -, aber auf Dauer wird das Donnerwetter für meinen Geschmack ZU stumpf. Ein bisschen mehr Midtempo-Riffing könnte nicht schaden. Damit bin ich allerdings in der Minderheit, denn vor der Bühne dreht die Kuttenträgerfront komplett durch. Ein prima Opener und ein Auftakt nach Maß. (wrm)

Die ANGEL WITCH-Diskografie besteht - abgesehen von einem Schwung saurarer Singles - hauptsächlich aus Livealben, ihr zentrales Schaffen lässt sich prima auf das selbstbetitelte Debütalbum von 1980 runterkürzen. Bandgründer Kevin Heybourne zieht einfach einen Trumpf nach dem anderen aus diesem Hut, ohne die begrenzte Auftrittszeit mit unnötigen Ansagen zu zerfasern. Die angegrauten, musikalisch topfitten Herren verlassen sich auf die Magie ihrer Kompositionen, pendeln zwischen Black-Sabbath-Schwere, luftigen Hardrock-Überresten und der Energie der NWOBHM, die sie maßgeblich mitgeprägt haben. ´Confused´, ´Sorceress´ und ´Gordon´ strotzen vor Feeling und Authentizität. Götz freut sich über den besten Rhythmusgitarren-Sound auf dem Rock Hard Festival der letzten Jahre, Horden von Altmetallern und Jungbangern steigern sich über ´Angel Of Death´ in den siebten Heavy-Metal-Himmel. Hunderte von Kehlen singen die unsterbliche Hymne ´Angel Witch´ - wie in den Partyzeltnächten auch - ergriffen mit.

Die Publikumsumfrage ergab einen erhöhten Bedarf an Black Metal in Gelsenkirchen, der von der australisch-deutschen Freundschaft DESTRÖYER 666 gedeckt wird. Trotz des kontroversen Interviews vor zwei Ausgaben bleiben sicht- und hörbare Unmutsbekundungen von größeren Publikumsschichten aus. Gnadenlos angetrieben vom zyklopenhaften Kesselrührer aus dem Bergischen Land, Zarathustra-Höllenklöppel Mersus, hauen die Kriegs-Metaller zuletzt gar das wegen einer Textzeile kritisierte Frühwerk ´Australian And Antichrist´ in den bangenden Mob. Schade, dass das reichlich mit Nieten verzierte Abrisskommando nicht das schleppende ´Eternal Glory Of War´ anstimmt. ´I Am The Wargod (Ode To The Battle Slain)´ bringt das Selbstverständnis der Klischeeverteidiger auf den Punkt: räudig, schweißtreibend, nah am Thrash gebaut und trotzdem melodisch. Das Merchandise zum noch nicht veröffentlichten fünften Album „Defiance“ findet reißenden Absatz. Ein weiteres frühes Highlight! (btj)

Auch wenn man auf eine jahrzehntelange Karriere zurückblicken darf und einige der coolsten Crossover-Clubhits überhaupt verfasst hat, kann auf einem eher traditionell ausgerichteten Metal-Festival schon mal was schief gehen. Aber nicht, wenn man PRONG heißt. Das Power-Trio um Tommy Victor hat im Vergleich zu seinen Glanzzeiten in den Neunzigern nicht allzu viel verlernt, und irgendjemand muss dem Frontmann gesteckt haben, dass man auf dem Rock Hard Festival insbesondere dann beim Publikum punkten kann, wenn man Klassiker-Songs spielt. Und die hagelt es reihenweise. Der Startschuss fällt mit ´For Dear Life´, und sofort haben Prong das Publikum auf ihrer Seite. Egal, ob ´Beg To Differ´, ´Unconditional´, ´Whose Fist Is This Anyway?´ oder ´Snap Your Fingers, Snap Your Neck´ - die Band ist jederzeit Herr der Lage und schmettert ihre Hits mit viel Drive und Power ins Theater. Nicht nur im Pit vor der Bühne wird gepogt, gebangt und getanzt. Was will man als Veteranen-Band mehr? (ps)

Dass JAG PANZER zum Feinsten gehören, was die US-Power-Metal-Szene zu bieten hat, steht außer Zweifel. Trotzdem sind die Reaktionen des Publikums gespalten, als Harry „The Tyrant“ Conklin und seine Mannen mit dem Überflieger ´Chain Of Command´ die Bühne stürmen. Während in der Arena der Mob tobt und eine grandiose Setlist mit Hits wie ´King At A Price´, ´Iron Eagle´ und ´Licensed To Kill´ abgefeiert wird, quittieren die Opeth-Fans auf den Rängen diese Göttergaben lediglich mit Höflichkeitsapplaus. So grandios Harry auch wieder bei Stimme ist und wie toll die Band auch spielt, die Reaktionen fallen weniger euphorisch aus als beim „Keep It True“-Festival letztes Jahr. Den Fans in der Arena ist das aber völlig egal. Sie feiern einen wirklich herausragenden Set, der nur gelegentlich unter kleineren Soundproblemen leidet. (bc)

Der Schreiber dieser Zeilen hatte noch nie das Glück, OPETH auf einem Festival zu erleben. Darum war er skeptisch, ob sich die schwedischen Meister vor einem sehr gemischten Publikum nach den extrem klassisch-metallischen Jag Panzer und zumindest zu Beginn noch bei strahlendem Sonnenschein wirklich gut schlagen würden. Der Schreiber dieser Zeilen lag komplett daneben. Für Momente wie den Opener dieses hervorragenden Auftritts fand Pete Steele einst präzise Worte: slow, deep and hard. ´Heir Apparent´ ist eine einzige Walze komplexer Bösartigkeit; auf einer großen Leinwand untermalen Travis Smiths großartige Artworks und Impressionen eines Waldspaziergangs das brillante Treiben. ´Ghost Of Perdition´ zieht das Tempo an, aus dem Spaziergang wird atemloses Rennen. „Wir möchten euch so gut unterhalten, wie wir können!“, verspricht der stets auf dem schmalen Grat zwischen charmant und schnöselig wandelnde Mikael Akerfeldt nach dem Song in seinem ruhigen, akzentfreien Englisch - niemand zweifelt mehr, dass er es einlösen wird. Die Setlist ist ausgewogen, ´Godhead´s Lament´ ist der Höhepunkt - sogar einige Crowdsurfer sind zu beobachten. Suchte man einen Kritikpunkt, einer würde sich aufdrängen: In die Minuten zwischen dem letzten Song ´Deliverance´ und dem Ende der offiziellen Spielzeit hätte mindestens noch das Cover von ´Would?´ gepasst. Opeth sind ein großartiger Headliner. Nur mehr von ihnen wäre noch besser gewesen. (tb)

 

Samstag

Die Comeback-Kids des Elchtods? EVOCATION! Aus der Band, die auf dem letzten „Up From The Ground“ 2007 noch schüchtern auf ihre Instrumente guckte, ist ein richtig agiler Haufen geworden. Sänger Thomas wirkt mit seinem Uniform-Outfit zwar so, als ob er noch einen Gig auf dem parallel in Leipzig stattfindenden „Wave-Gotik-Treffen“ spielen wolle, hat sich aber mit seinem kurzen Mikrofonknüppel zu einer richtigen Rampensau entwickelt, die das zahlreich erschienene Publikum zur Morgengymnastik animiert. Vesa und der frischgebackene Vater Marco duellieren sich mit klassischen Posen und geben für Soli schon mal den exaltierten Gitarrengott am Bühnenrand, Janne haut bei seinem Clicktrack-Bühnendebüt exakter auf seine Drumfelle als je zuvor. So und nicht anders muss Old-School-Schwedentod klingen: Die Fülle an Hits ihrer beiden Götteralben - ´The Dead´, der Ohrwurm ´Chronic Hell´ und das erst langsame ´Dead Calm Chaos´ - hat die Demoklassiker aus den frühen Neunzigern bis auf ´Veils Were Blown´ verdrängt. Skøl! (btj)

In all den Jahren war es um diese frühe Uhrzeit noch nie so voll wie nun bei GRAND MAGUS. Die Band, die vor dem Auftritt noch etwas nervös wirkte, wird der stolzen Kulisse mit einer grandiosen Show gerecht. Sänger und Gitarrist JB meistert die Doppelbelastung mit Bravour, haut sowohl mächtige Riffs als auch gefühlvolle Soli raus und singt wie Ronnie James Dio. Nicht weniger beeindruckend ist Bassist Fox, der einen Achtsaiter (!) spielt und damit nicht nur einen satten Groove, sondern auch enorm viel Melodie mit einbringt. Ich kenne kein anderes Trio, das live einen dermaßen vollen Sound hat. Die großartigen Songs der Schweden, die zwischen Heaven & Hell und Manowar angesiedelt sind, werden mit emporgereckten Fäusten abgefeiert, und die Idee, den Refrain des Titelstücks auf Deutsch („Eisen Willen“) mitsingen zu lassen, ist ein Volltreffer. Daumen bzw. Pommesgabel hoch für Grand Magus! (ms)

Welcher Newcomer kann schon von sich behaupten, Songs zu schreiben, die durch die Bank absolutes Hitpotenzial besitzen? AUDREY HORNE haben dieses fabelhafte Gespür für Killersongs, was sie zu den absoluten Shooting-Stars der Alternative-Rock-Szene macht. Ihre fulminante Mischung aus Faith No More, Alice In Chains und klassischem Hardrock zündet auch im Gelsenkirchener Amphitheater, und die Norweger legen mit Übersongs wie ´Confessions & Alcohol´, ´Threshold´, dem hypnotischen ´So Long, Euphoria´ oder dem fantastischen Rausschmeißer ´Bright Lights´ eine gierige Lunte nach der anderen. Wer an diesem Pfingstwochenende in der Lage ist, ein klein wenig über den Tellerrand zu blicken, erlebt soeben möglicherweise die Geburtsstunde einer neuen Supergruppe. Die Zukunft gehört eindeutig Audrey Horne, auch wenn es Frontmann Toschie noch ein wenig an Ausstrahlung und Charisma fehlt. (Wie bitte??? Mehr Charisma geht kaum noch! - gk) Aber wie gesagt: diese Songs, diese Melodien - der schiere Wahnsinn! Der tosende Applaus und die vielen Zugaberufe sprechen eine eindeutige Sprache. (ps)

Gitarrist Paul Bayens und Obersympathikus Martin van Drunen wiederholen ihren letztjährigen Triumphzug mit Asphyx als Teil der holländischen Allstar-Armee HAIL OF BULLETS. Auch hier gilt: Death the brutal way, mal zäh, dann wieder explodierend, wobei die Besetzung mit einer zweiten Gitarre und Trommelgott Ed Warby (Gorefest, Ayreon) für eigene Akzente sorgt. In ihrer Chronik des Zeiten Weltkriegs gibt es zuletzt nur Sieger, van Drunen betont vor ´Berlin´ in einer seiner traditionell deutschen Ansagen, das Kriegsende bedeute auch den Anfang von einem neuen, schöneren Deutschland. Anlässlich ´Stalingrad´ dankt er dem Rock-Hard-Team und den am Fotograbengitter moshenden Freunden von Desaster - ob diese Gratiswerbung die 20-Jahre-Party der Koblenzer ausverkauft hat? Auch für die Gleichheit der Geschlechter macht sich das Unikum stark: Vor ´Nachthexen´, bei dem die Rhythmusäxte wie ein Sternmotor knattern, betont van Drunen, dass Tapferkeit und Mut keine männlichen Tugenden seien. Recht so! (btj)

Die DRAGONFORCE-Gitarrenhelden Sam Totman und Herman Li haben kaum die ersten vier Millionen Noten ins Rund gefiedelgniedelt (stehen also keine zwei Minuten auf der Bühne), als schon diverse Crowdsurfer über die Absperrung purzeln. Denn auch wenn die Hummeln-im-Arsch-Nintendo-Ultra-Speed-Melo-Frickler in der Szene mächtig polarisieren: Heute räumen sie selbst bei Skeptikern souverän ab. Der Multikulti-Haufen hämmert in Lichtgeschwindigkeit eine dermaßen vor Kitsch triefende Chose in die Menge, dass im gesamten Amphitheater Rutschgefahr herrscht. Zum Tagessieger werden Dragonforce durch ihre optische Präsentation. Es wird pausenlos gegrinst, gehüpft (die Kerle haben sogar zwei Trampoline mitgebracht), und Tastenmann Vadim Pruzhanov absolviert eine komplette Aerobic-Lesson. Li spielt die Gitarre zwischendurch mit der Zunge und stellt sich mit Totman, Basser Frédéric Leclercq und dem auf einem pinken portablen Keyboard dudelnden Pruzhanov in einen Kreis, in dem jeder Musiker auf dem Instrumentenhals eines Kollegen fehlerfrei weiterspielt. Frédéric und Sam untermalen die cheesigen Fantasy-Texte mit alberner Pantomime und kommunizieren mit dem Publikum in witziger Gebärdensprache. Frontmann ZP Theart rast die Stufen des Amphitheaters nach oben, um jeden Fan einzeln zum Mitmachen zu mobilisieren. Brillante Performance! (jj)

Für nicht wenige unter den gut 7.000 Besuchern sind die Thrash-Pioniere FORBIDDEN der eigentliche Headliner des Tages. Entsprechend pickepackevoll ist es vor der Bühne und auf den Rängen im weiten Rund, als das Quintett aus der Bay Area mit ´Infinite´ vom „Twisted Into Form“-Albumklassiker aus dem Jahre 1990 wie die Feuerwehr losledert. Sofort bildet sich ein fetter Moshpit, der die nächste Stunde zu Genre-Evergreens der ersten beiden Scheiben wie ´Forbidden Evil´, ´Step By Step´, ´Off The Edge´, ´March Into Fire´ und ´Chalice Of Blood´ fast durchgängig rotiert und dabei im wahrsten Sinne des Wortes mächtig viel Staub aufwirbelt. Vom Thrash-Metal-Virus, das seit einiger Zeit auch hierzulande wieder grassiert, profitieren halt nicht nur Nachwuchsbands, sondern gerechterweise auch „alte Säcke“ wie Exodus, Overkill, Death Angel oder eben Forbidden. Einziger Wermutstropfen: Hätten Fronthüne Russ Anderson, der einen reichlich angeschickerten Eindruck macht, und Bandleader Craig Locicero (g.) zwischen den Songs nicht so viel gequatscht, wäre vielleicht auch noch Zeit für ihren besten Track überhaupt, ´Through Eyes Of Glass´, gewesen. (buf)

Nach dem alkoholgeschwängerten Gig vor vier Jahren gelobte Großmeister Jon Oliva Besserung und versprach uns allen einen noch legendäreren Gig. Vielleicht liegt es am neuen Flügel oder auch einfach nur daran, dass Mr. Oliva diesmal nicht hackenstramm wie eine ganze Schiffsbesatzung auf die Bühne kommt, dass das Versprechen eingelöst wird. Der Einstieg mit ´City Beneath The Surface´ ist stimmlich zwar noch unsicher, doch dann wird´s magisch. Was dieser sympathische Fleischklops an Charisma und Energie hat, treibt vielen Anwesenden die Tränen in die Augen. Neben zwei JON OLIVA´S PAIN-Songs gibt es eine traumhafte Reise durch den Savatage-Backkatalog. ´Of Rage And War´, ´Hounds´, ´Believe´ oder ´Sirens´: Jeder Ton, jede Geste sitzt und trifft den geneigten Fan im Mark. Schon bei den Anfangstönen von ´Gutter Ballet´ hat man ordentlich Pipi auf der Netzhaut, um dann im Chor mit den anderen 7.500 Jüngern inbrünstig mitzuschmettern. Nach den Rausschmeißern ´Jesus Saves´ und ´Hall Of The Mountain King´ sieht man in viele glückliche Gesichter und weiß, dass es pure Magie ist, die Jon Oliva auf die Bühne zaubert. (ft)

Keine Band hat im Rock-Hard-Forum vorab mehr Genöle ausgelöst als CHILDREN OF BODOM. Und tatsächlich erfüllen die Finnen sämtliche Vorurteile, aber auch weitgehend die positiven Erwartungen. Eingeleitet von einem Spoken-Word-Intro, in dem Fronter Alexi Laihos Lieblingswort „fuck“ gefühlte 837 Mal vorkommt, erklimmt der Samstags-Headliner die Bühne. Die Mischung aus melodischer Finesse und Thrash-Präzision funktioniert überwiegend gut. In Sachen Power stimmt fast alles. Selbst die schwülstigen Keyboards von Janne Wirman nehmen der druckvollen Gitarrenfront von Laiho und Roope Latvala kaum Durchschlagskraft. Dreistimmige Exkurse der Herren klingen allerdings schon mal arg schief, und Alexis Ansagen pendeln nur noch zwischen Realsatire und Nervigkeit. Ca. 217 „fucks“ packt Laiho in die Erzählung, wie er sich im fucking Tourbus seine fucking Rippen und die fucking Schulter abfuckte, was im Amphitheater statt fucking Mitleid nur „Blablabla“- und „Oh, du armer kleiner Hutz!“-Kommentare auslöst. Witziger ist Janne, der auf Deutsch „Gestern war ich in Essen - nix essen, saufen!“ kalauert (was Alexi umgehend mit einem „You´re a fucking retard“ kommentiert) und sich beschwert, dass Trommler Jaska Raatikainen zwei Drum-Roadies dabeihat, aber trotzdem scheiße spielt. Unterhaltsam und ein wertiger Tagesabschluss sind die Finnen unterm Strich auf jeden Fall, etwas mehr musikalische Abwechslung und weniger Dicke-Hose-Gelaber von Mr. Laiho dürften der künftigen Karriere allerdings nicht abträglich sein. (jj)

 

Sonntag

Sonntag, 11:45 Uhr: Zwischen ein paar übernächtigten Crewmitgliedern stehen sechs blutjunge, supernervöse Finnen im Backstage-Bereich und warten auf ihren Einsatz. TRACEDAWN spielen zum ersten Mal außerhalb ihrer Heimat. Auch on stage bleiben die Herren vor dem anfangs noch spärlich besetzten Rund daher etwas verschüchtert und wissen mit der großen Bühne nicht allzu viel anzufangen. Trommler Perttu Kurttila (schickes Pink-Shirt) säuft sich während des Sets noch Mut an, Basser Pekko Heikkilä (geschmackssicheres „Caligula“-Shirt) strahlt wie ein Honigkuchenpferd, Sänger Antti Lappalainen beherrscht Luftgitarre und -Keyboard, und die beiden Klampfer agieren optisch unauffällig, aber technisch souverän. Die musikalische Mischung aus sämtlichen Populär-Metal-Spielarten Finnlands (Children-Of-Bodom-Gefiedel, alte Sentenced-Bösartigkeiten, neuere Sentenced-Suizid-Melancholie, die Klargesangsdramatik früher, guter Sonata Arctica, Stratovarius-Klimpereien) werden handwerklich gelungen fusioniert, auch wenn außer dem mit Sprechchören abgefeierten Hit ´Without Walls´ vieles noch unausgegoren wirkt. Aber die Kerle stehen ja erst am Anfang ihrer Karriere. (jj)

An FIREWIND scheiden sich die Geister, denn die griechische Power-Metal-Band um Gitarrist Gus G., die bereits am Vorabend auf dem Gelände gesichtet wird, ist weitaus besser, als sie im Rückblick gemacht wird. Beispielsweise legt erst das halbe Amphitheater bei der „Flashdance“-Nummer ´Maniac´ erstklassige Tanzeinlagen hin, nachher will aber angeblich niemand Spaß dabei gehabt haben. Erst kommt aus dem Publikum jede Menge Applaus, doch hinterher hört man allerorten Gemecker über den ach so schrecklichen Keyboardsound und die angeblich cheesigen Melodien. Leute, bleibt mal auf dem Teppich: Firewind liefern in der prallen Mittagshitze eine richtig tighte Performance ab, und das wird auch vom immer zahlreicher eintrudelnden Publikum völlig zu Recht honoriert. Songs wie ´Mercenary Man´, ´I Am The Anger´ oder ´Destination Forever´ kommen richtig gut, und als Bonus spendiert man mit ´Losing Faith´ sogar noch einen netten (allerdings wenig überraschenden) Einblick ins 2010 erscheinende neue Album. (mbo)

Ein herzhaft gegröltes „Are you ready to bite the Bullet?“ von Kollege Bruder Cle ist der Startschuss für den nach 2007 zweiten Auftritt von BULLET auf dem Rock Hard Festival. Auf die Rock´n´Roll-Qualitäten der Schweden ist wie immer Verlass. Obwohl die fünf Jungs schon am Vorabend im Party-Getümmel gesichtet wurden, sitzen bei der 40-minütigen Show jedes Riff und jeder Schrei. Zu kernigen Ohrwürmern wie dem Opener ´Pay The Price´, ´Rock Us Tonight´, ´Dusk Til Dawn´ und ´Turn It Up Loud´ reißt die Gitarren/Bass-Front mit ganzem Körpereinsatz ihre Instrumente in die Luft, während im gut gefüllten Publikumsbereich Fäuste in die Luft gereckt und die besten Refrains mitgesungen werden. Auch für kleine Scherze und Show-Gimmicks ist das Quintett zu haben. Klampfer Hampus streckt regelmäßig begeistert seine Zunge raus, während Frontmann Hell Hofer ´Bite The Bullet´ grinsend mit einem stichelnden „Dieser Song handelt davon, wie Hampus Frauen behandelt!“ ansagt. Am Ende des Titelsongs vom aktuellen Album recken Bullet ihre zwei Gitarren und einen Bass in die Luft, auf deren Rückseiten „Bite - The - Bullet“ steht, bevor es mit ´Roadking´ und ´Bang Your Head´ in die Zugabe geht. (cs)

In ihrer Heimat Dänemark belegen D-A-D auf Festivals quasi gewohnheitsmäßig die Headliner-Slots. An diesem Nachmittag müssen sie mit 45 Minuten auskommen, die sie aber zu nutzen wissen. Alle vier sind Rock´n´Roll-Tiere vor dem Herrn - Sänger Jesper, der einen vom Publikum zur Gänze mitgesungenen Klassiker wie ´Sleeping My Day Away´ nach all den Jahren noch glaubhaft rüberbringt, ebenso wie Basser Stig mit seinem Outfit aus Eighties-Wrestling-Gedenkleder, nackter Haut und extra-phallischen Raketenbässen. Gitarrist Jakob überzeugt mit Zylinder und den feinsten Blues-Licks des Wochenendes, während Drummer Laust trotz seines babyblauen Anzugs genug Punch hat, um gestandene Doom-Metaller neidisch zu machen. Als wären das der optischen Reize nicht genug, gibt´s auch noch eine amtliche Pyroshow. „Ey, is´ dat laut!“, ruft der Typ hinter mir am Anfang nach ´Rim Of Hell´. „Ey, is´ dat geil!“, ruft derselbe Typ, nachdem ´Monster Philosophy´ das Amphitheater abschließend in Grund und Boden gerockt hat. Recht hat er. (tb)

Nachdem er letztes Jahr bereits mit Exodus die Bühne in Schutt und Asche gelegt hatte, ist Gitarrist Lee Altus dieses Mal mit seinem eigenen Baby HEATHEN am Start. Weil der zurückgekehrte Original-Drummer Darren Minter beruflich verhindert ist, wird er von Sadus-Schlagzeuger Jon Allen vertreten. Der erledigt seinen Job hervorragend, so dass Thrash-Klassiker wie ´Open The Grave´, ´Goblin´s Blade´ oder ´Hypnotized´ prächtig knallen. Nach anfänglichen Soundproblemen erzielen die Killer-Riffs und hyperschnellen Soli mit fortschreitender Spieldauer ihre tödliche Wirkung. Immer wieder entsteht im wild abgehenden Publikum ein großer Circle-Pit, der die Band sichtlich anspornt. Der früher mitunter etwas unsicher auftretende Sänger Dave White hat sich im Laufe der Jahre zu einem souveränen Frontmann gemausert und die Meute stets im Griff. In dieser Form dürfen die Bay-Area-Helden gerne wiederkommen! (ms)

Klar, gegen den Härtegrad des restlichen Line-ups würden die britischen Veteranen UFO nicht anstinken können, so viel war bereits im Vorfeld klar, aber dass der Gig letztlich derart enttäuschend ausfällt, damit hatte wohl kaum jemand gerechnet. Dabei hätte die Kombination aus Rock Hard Festival und bluesigem Hardrock durchaus klasse funktionieren können, wenn man das Publikum beispielsweise gleich am Anfang mit einem Hit der Marke ´Rock Bottom´, ´Only You Can Rock Me´ oder ´Too Hot To Handle´ hinter sich gebracht hätte. Eben diese drei Klassiker tauchen zwar später noch im Set auf, es sollen jedoch die einzigen wirklich festivaltauglichen Songs bleiben. Sogar ´Doctor, Doctor´ wird nicht ausgepackt. Auf einem Festival grob fahrlässig, denn Seltenes wie ´Long Gone´, ´I Ain´t No Baby´ und ´Cherry´ ist in Gelsenkirchen wohl nur für Die-hard-Fans eine Offenbarung. (Geht so. ´Long Gone´ gilt in Fankreisen eigentlich als Klassiker... - fa) Die Performance ist es indes nicht: Phil Mogg singt zwar gut, wirkt aber ansonsten absolut saft- und kraftlos. Der Rest der Band spielt höchstens routiniert (Pete Way wird am Bass von Dokken-Tieftöner Barry Sparks ersetzt), wobei Gitarrist Vinnie Moore zusätzlich noch durch extrem unpassendes Skalengedudel „glänzt“. Ein Umstand, der im 20-minütigen Soloteil von ´Rock Bottom´ gipfelt, dem Höhepunkt der Langeweile. (Hochinteressant! Der Song startete um 17:20 Uhr und endete um 17:31 Uhr. Wo da wohl der 20-minütige Solo-Part gewesen sein soll? - fa) Phil Mogg indes muss man zugute halten, dass er sogar noch fleißig Autogramme schreibt, als sich seine Kollegen bereits lange in Luft aufgelöst haben. (mbo)

Schon in der Umbaupause liegt die Spannung geradezu in der Luft. In der prall gefüllten Arena und auf den dicht besetzten Rängen fragt man sich, ob SACRED REICH mit ihrem Auftritt an ihre alten Glanzzeiten anknüpfen können. Wenige Minuten später beantworten ein riesiger Circle-Pit und hochgereckte Fäuste diese Frage auf eindrucksvolle Weise. Thrash-Klassiker wie ´Love/Hate´ oder ´Crimes Against Humanity´ wechseln sich ab mit kleineren Überraschungen wie ´Administrative Decisions´ oder ´Sacred Reich´ und Phil Rinds witzig-ironischen Ansagen. Der Sound ist fett und druckvoll, und so ist es kein Wunder, dass der Stimmungspegel an diesem Wochenende seinem Höhepunkt entgegensteuert. Das genial gespielte Black-Sabbath-Cover ´War Pigs´ zaubert dann sogar Gänsehaut auf die Arme der Headbanger, bevor Sacred Reich mit ´The American Way´ das Finale der Show einläuten. ´Death Squad´ und das unverzichtbare ´Surf Nicaragua´ markieren den Schlusspunkt einer der besten Shows des Wochenendes. Welcome back, Sacred Reich! (bc)

Wie im Vorjahr gab es in den Umbaupausen auf der kleinen Bühne im Biergarten einen Karaoke-Wettbewerb, dessen drei Vorrundensieger vor dem Headliner auf die große Bühne dürfen. So haben Christian Meißner mit ´Back In Black´ (AC/DC), Kathi Pfeifer mit ´Painkiller´ (Judas Priest) und Stefan Berthling mit ´Fear Of The Dark´ (Iron Maiden), verstärkt durch die Backing-Band ROKKEN, ihren großen Auftritt. Respekt, wie selbstsicher und souverän die drei ihre Sets durchziehen. Gefährlich dabei die Ansage der Dame, die nach ihrem fulminanten Auftritt das Publikum auffordert, dass sie sie doch alle mal am Arsch lecken können. Seltsam, dass Götz, der die Runde moderiert, unmittelbar danach wieder auf der Bühne auftaucht... Bevor dann das Warten auf Saxon beginnt, rocken Rokken mit ihrer eigentlichen (tollen) Sängerin ´Stand Up For Rock´n´Roll´ von Airbourne und beweisen, dass die Karaoke-Runde auch in diesem Jahr vom Publikum angenommen wird.

SAXON kündigen im Vorfeld einen „Special Classic Set“ an, und da erübrigt sich Biffs gewohnte „Old song or new song?“-Fragerunde bei ihrem zweiten Headliner-Auftritt bei uns von vornherein. Zwar mogeln die Briten insgesamt vier Songs vom neuen Album in die Setlist, ansonsten geht die Zeitreise aber weit in die frühen achtziger Jahre zurück, so dass nicht mal ´Crusader´ Berücksichtigung findet. Angesagt sind ganz alte Perlen (leider wird das Debüt aber wie immer ignoriert), die den Heavy Metal mit begründeten und vom Publikum gnadenlos abgefeiert und mitgegrölt werden. Optisch vom beleuchteten Adler im Hintergrund perfekt abgerundet, sorgt das Quintett für eine bewegende Stimmung zum Ende des langen Festivalwochenendes. Klar wird dabei einmal mehr, dass Saxon mit Klassikern wie ´Strong Arm Of The Law´, ´Motorcycle Man´, ´Dallas 1 PM´, ´The Eagle Has Landed´, ´20,000 Ft´, ´Wheels Of Steel´, ´And The Bands Played On´, ´Heavy Metal Thunder´, ´Denim And Leather´ und ´Princess Of The Night´ (die es sonst nie in dieser Fülle gibt) immer die richtige Wahl für eine Heavy-Metal-Party sind. So sorgen sie auch heute für ganz große Gefühle. Einen besseren Headliner hätte man sich nicht vorstellen können! (wk)