Die Geschichte hinter der Rock-Hard-CD

Opeth

Der 29. Mai 2009. Ein sonniger Tag. Durch die Sonnenbrille von Mikael Åkerfeldt sind nur kleine Sehschlitze zu erkennen. Die Band ist nach einer anstrengenden US-Tour am Vormittag in Düsseldorf gelandet. Wer mal einen Transatlantik-Rückflug mitgemacht hat, weiß, was das heißt.

Man fliegt am Abend irgendwo in Amerika los und kippt sich ein paar Drinks in den Kopf, um vorzeitig einschlafen zu können, was natürlich nicht klappt, weil dein Sitznachbar schenkelklopfend alle US-Schwachsinns-Blockbuster des Abends gucken muss, andauernd aufs Klo rennt oder (das ist das Schlimmste!) in seinem Leben so viele Hamburger/Pommes/Cola-Portionen vertilgt hat, dass er eigentlich zwei Sitze kaufen müsste. Eine Ölsardine hat in ihrer Dose mehr Platz als du. Durch die Zeitumstellung wird die Nacht wahnsinnig kurz. Kaum ist man das erste Mal eingedöst, geht in Europa schon wieder die Sonne auf, und es wird taghell im Flieger, weil irgendwelche Trottel vergessen haben, die Fensterklappen runterzuschieben. Es ist definitiv noch zu früh, doch dann murmeln die Stewardessen ein nicht besonders ehrlich gemeintes „Sorry!“, wenn sie dir den Frühstückswagen ins Knie rammen. Wenig später geht´s in den Landeanflug, und du weißt, dass du den nun folgenden Tag komplett vergessen kannst.

OPETH machen ein kleines Nickerchen im Hotel, bestellen reichlich Red Bull bei der Festivalorganisation und stellen sich dem Vorgeplänkel ihres Headliner-Auftritts, bestehend aus dem Triathlon Autogrammstunde, Interviews und Fotosession. Die Band ist geduldig, unkompliziert und professionell. Niemand wäre beleidigt gewesen, wenn der Auftritt etwas schwächer als gewohnt ausgefallen wäre, stattdessen spielt man die vielen schwierigen Teile der zehnminütigen Death-Prog-Opern, nun ja, wie im Schlaf. Gemeint ist, dass die Band durch die gemeinsame, immens wichtige US-Tour eine gut geölte Maschine ist, die sich ohne jede Nervosität traumwandlerisch durch einige ihrer besten Songs bewegt und entsprechend selbstbewusst auftritt.

Als ich das Konzert das erste Mal höre, bin ich vollkommen baff, dass es während der 90 Minuten nur einen einzigen (!) klar erkennbaren Spielfehler gibt. Nichts gegen andere Bands, aber das ist schon sehr ungewöhnlich. Normalzustand ist, dass weite Teile eines solchen Konzerts unbrauchbar sind, weil andauernd irgendjemand was falsch macht. Es gibt natürlich noch bessere oder perfektere Musiker als OPETH, aber leidenschaftlicher klingen die in der Regel nicht. Ihr werdet nach einigen Durchläufen selbst herausfinden, was ich meine.

Wenig später kündigen OPETH ihre Jubiläumstour an, bei der sie in der altehrwürdigen Royal Albert Hall in London eine schön anzusehende DVD mitschneiden. Die Setlist ist allerdings eine völlig andere, und ganz so entspannt wie auf dem Rock Hard Festival lässt sich ein DVD-Projekt an einem historischen Ort selbst für unaufgeregte Typen wie OPETH nicht realisieren. Ihre beiden letzten und unbestreitbar besten Alben „Ghost Reveries“ und „Watershed“ werden nur gestreift. Als Keyboarder Per Wilberg auch noch seinen Abschied ankündigt, ist klar, dass diese Einheit neu formiert werden wird, ganz gleich, wer Wilberg ersetzt. Plötzlich ist unsere Show von 2009 eine rare und einmalige Momentaufnahme einer Band, die auf dem vorläufigen Höhepunkt ihrer Karriere angelangt ist, ehe sich andere Perspektiven eröffnen. Denn interessanterweise schlagen OPETH mit ihrem neuen Album „Heritage“ musikalisch und klanglich auch ganz neue Töne an. Damit gerät die diesem Heft weltexklusiv (!) beiliegende CD zu einem Sammlerstück, das den Übergang von den „alten“ zu den „neuen“ OPETH symbolisiert. Kenner der Band werden feststellen, dass sich die Liveversionen der Tracks zuweilen deutlich von den jeweiligen Studioaufnahmen unterscheiden, die Musiker ganz gezielt Tempo und Arrangement verändert haben und durch den Einsatz von reichlich analogem Equipment beim Mix vieles natürlicher klingt. Weil OPETH auf ihrem neuen Album (Zufall oder nicht?) einen ähnlichen Weg eingeschlagen haben, war es zum Glück kein größeres Problem, Management, Plattenfirma und natürlich den Bandboss selbst von den Arbeiten zu überzeugen.

So eine CD ist trotzdem ein verdammt weiter Weg, und die Songs von OPETH sind kein Zuckerschlecken. Viele hundert Stunden Extraschichten am Mischpult, ein Hoffen und Bangen vor einem zusammenbrechenden Computer (der 102 Spuren partout nicht mehr bewegen wollte!), intensiver Mailverkehr mit allen Beteiligten und vier konzentrierte Mastering-Sessions sind nun beendet. Die CD ist im Presswerk, der letzte Fehler beseitigt, das Artwork gedruckt. Einfach nur schön!

Holger Stratmann

 
 

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