Interview

Interview 21.08.2020, 11:00

V/HAZE MIASMA - Interview mit der Demo-/Eigenproduktionsband 09/2020

Mit „Agenda:endure“ ist eine Platte erschienen, die sich dem Blackened Post Metal zuschreibt und aus der Feder einer Combo namens V/HAZE MIASMA stammt. An dem Projekt sind vier Musiker aus Süddeutschland beteiligt. Initiator Atmosphere nimmt sich für uns Zeit, um über die Entstehung und die Vorteile eines Musikprojekts zu sprechen.

Verrate mir zuallererst doch einmal: Was hat es mit eurem recht kryptischen Namen auf sich?
»Ok, ich habe schon vermutet, dass diese Frage kommt. Manchmal frage ich mich auch, was mich da geritten hat, als ich mir das überlegt habe (lacht). Das ist jetzt schon eine Weile her und so ganz auflösen möchte ich es auch nicht – ein bisschen Mysterium muss ja bleiben. Im Endeffekt sind es drei Begriffe, die zu einem zusammengesetzt sind. Das V steht für vigor, also Lebenskraft, haze kann im Englischen mehrdeutig verwendet werden und Miasma ist ein Begriff, der im Mittelalter den Pesthauch beschrieben hat und auch später im paramedizinischen Bereich als Bezeichnung für eine dunkle Aura und etwas Krankmachendes verwendet wurde. Der Name spiegelt so schon das erste Mal einen Gegensatz wider zwischen der Lebenskraft und den krankmachenden Elementen. Und dieser Gegensatz ist es auch, der sich wie ein roter Faden durch das ganze Projekt zieht.«

Verstehe, dann hast du das Geheimnis um den Namen zumindest schon mal etwas gelüftet. Wie kam es denn zur Gründung? Und was steckt dahinter?
»Das ist schwer zu sagen, weil es im Endeffekt keine wirkliche Band ist, aber auch kein reines Solo-Projekt. Ich mache schon seit über 20 Jahren in verschiedenen Bands Musik und da ist es normalerweise so, dass du eine Idee hast und bis aus der Idee ein Song wird, haben schon ziemlich viele Leute daran rumgebastelt. Ich mag das auch, und nur so schaffst du es, deine eigenen Grenzen zu erweitern, wenn du dich auf die Ideen der anderen einlässt. Und trotzdem ist das, was am Ende rauskommt, zwar großartig, aber nicht hundertprozentig meins. Ich hatte schon seit Jahren das Gefühl, dass ich Musik schreiben muss, die richtig aus dem Bauch herauskommt. In den Herbst- und Wintermonaten 2018 habe ich mir dann die Zeit dafür genommen und so ist das entstanden. Es waren erst mal nur meine Ideen und Songstrukturen, an denen sich bis zum Schluss nicht viel verändert hat. Übrigens ist auch die Reihenfolge der Songs auf dem Album genau die Reihenfolge, wie die Lieder zeitlich entstanden sind. Jetzt ist es aber so, dass ich nicht der Musiker bin, der die Fähigkeiten besitzt, alle Instrumente und den Gesang selbst in so einer Qualität einzuspielen, dass ich am Ende damit zufrieden wäre. Aber ich habe bei uns unter dem Pseudonym Wisdom, besser bekannt als Sebastian Moser von den Grotesque Studios, jemanden gefunden, der sofort dabei war. Mit ihm mache ich schon seit knapp 20 Jahren Musik und er ist eine Art Seelenverwandter in der Musik für mich, gerade was die dunkleren Sparten angeht. Ich hatte schon immer im Kopf, dass neben aggressiverem Gesang, den Basti beigesteuert hat, auch melodischer Gesang dabei sein soll. Ich habe einen Kumpel aus meiner fränkischen Heimat, der eigentlich in einer Irish-Folk-Band Dudelsack spielt. Andi (der bei V/HAZE MIASMA den Namen Shine trägt - ls) ist aber auch ein unglaublich guter Sänger und mit ihm habe ich schon unter diversen Metal-Festival-Pavillons gejammt. Da habe ich mir gedacht, wir müssten mal richtig zusammen Musik machen. Und der Vierte im Bunde, Roar oder Julian, der kam noch zufälliger ins Boot, weil ursprünglich geplant war, die Drums zu programmieren, was uns am Ende aber doch nicht gefallen hat und wir gesagt haben, wir brauchen jemanden, der die Sachen spielen kann. Und mit Julian haben wir die perfekte Wahl getroffen, weil er sich erstmal emotional in die Songs einfühlt und sich überlegt, was er spielt. Außerdem ist er ein Bub aus den Allgäuer Bergen und kann das thematisch deshalb gut nachfühlen. Das passt einfach perfekt. Und das ist die Entstehungsgeschichte.«

Ihr habt euch vier verschiedene Pseudonyme gegeben. Sie werden wahrscheinlich nicht willkürlich gewählt worden sein. Was bedeuten sie für euch?
»Letztendlich sind es nicht wirklich Namen, die wir als Pseudonyme verwenden, sondern es sind mehr Symbole für das, was jeder Einzelne zur Musik beiträgt.«

Es ist also nicht wie bei Ghost, wo die Mitglieder heimlich ausgetauscht werden können?
»Das ist natürlich praktisch, aber das war gar nicht das Ziel, ein völlig anonymes Projekt daraus zu machen. Der Gedanke war, dass es hier weniger um die Personen an sich geht. Wenn man Musik macht, neigt man schnell dazu, den eigenen Narzissmus in den Vordergrund zu stellen. Und darum geht es in dem Projekt gar nicht, sondern um Musik, Natur und Emotionen. Wer was macht, soll nicht so im Vordergrund stehen. Die Namen sind der Versuch das zu verdeutlichen.«

Das funktioniert ganz gut. Wie sieht es denn mit euren Einflüssen aus? Ich finde, in den Songs ist eine Mischung verschiedener Genres mit drin.
»Ja, das stimmt. Es ist beides: Wir haben einen gemeinsamen Nenner, der an den Grenzen des Black Metal ansetzt. Wir sind aber auch sehr unterschiedlich – sowohl in dem, was wir in anderen Bands machen, als auch in dem, was wir privat hören. Ich glaube, man hört mich schon gut raus aus der Musik. Ich bin ein Kind der Neuziger und bin mit den Anfängen des Black Metal aufgewachsen. Ich hatte aber auch meine progressive Phase, was man stellenweise raushört, wie man manchen Reviews entnehmen kann. Man hört auch ganz klar Bands, die ich in den letzten Jahren viel gehört habe. Das sind Sachen wie Ghost Brigade, Swallow The Sun, Enslaved, aber auch Post-Metal-Geschichten wie Cult Of Luna oder Neurosis und Solstafir höre ich gerne. Tatsächlich glaube ich aber auch, dass man an manchen Stellen heraushört, dass ich meine Wurzeln im Grunge habe, mit Parallelen zu Alice In Chains. Und ich finde das spannend, dass Leute die Einflüsse heraushören, weil das lauter Sachen sind, wo ich sage: Ich liebe diesen ganzen Kram.«

Kommt ihr denn alle aus der Ecke Bayern?
»Ich komme ursprünglich aus Oberfranken. Einer von uns lebt in Oberbayern, zwei im Allgäu und ich wohne schon seit ein paar Jahren in der Gegend von Mannheim. Wir sind also doch etwas verstreut. Wir sind keine Proberaumband, die sich regelmäßig trifft, weil es auch gar nicht das Ziel ist, live aufzutreten. Da müsste man viele Sachen wieder ganz anders angehen. Lustigerweise habe ich unseren Schlagzeuger Julian erst am zweiten Tag der Aufnahmen kennengelernt. Das sind dann spannende Begegnungen und so kann Musikmachen heutzutage funktionieren.«

Ich habe gesehen, dass die Songs eine ganz interessante Nummerierung haben: von 000 bis 666. Hat es damit etwas auf sich oder war es Zufall?
»Es war Zufall, dass es bis zur Sechs geht und alles andere ist ein ästhetischer Gedanke gewesen.«

Ästhetik spielt eine wichtige Rolle in eurem Projekt, richtig?
»Absolut. Ich würde sagen, dass das Visuelle fast gleichrangig ist mit der Musik. Das Erste, was die Leute davon Anfang 2019 überhaupt mitbekommen haben, waren ja visuelle Sachen, wie Fotos und Video-Teaser. Auch da geht es um die Gegensätze, verdeutlicht durch Schwarz-Weiß-Ästhetik. Auf der einen Seite Natur und Naturgewalten, auf der anderen Seite von Menschen gemachte Gebilde und Industrie. Es ist weiterhin unser Ziel, visuelle Reize zu liefern und nicht nur alle paar Jahre Musik zu veröffentlichen, sondern es soll ein permanentes Schaffen sein. Das ist quasi wieder mein Ding, wo ich mich auslebe. Die Fotos sind ja auch keine Stock-Fotos, sondern das sind Sachen, wo für mich viele Erinnerungen an Touren durch Berge und Wälder dranhängen. Die Natur ist ein ganz wichtiger Einfluss.«

Was würdest du sagen, ist das übergeordnete Thema des Albums?
»Ich habe das Gefühl, dass die Natur als Inspiration gedient hat, aber wenn ich mir die Texte nochmal durch den Kopf gehen lasse, ist es nur einer von drei großen Themenkomplexen. Ein anderer ist ein düsterer und persönlicher Themenkomplex, in dem es um Depressionen, Suizidalität und so etwas geht. Da muss ich aber immer dazu sagen, dass es nicht immer nur um meine eigenen Emotionen geht, sondern viel um die Verarbeitungen von Geschichten, die ich schon fast täglich in meinem Beruf als Sozialarbeiter mitbekomme und die ich irgendwo hinstecken muss. Manchmal wurde ich auch gefragt, ob es mir gut geht, wenn man sich näher mit den Texten beschäftigt hat und ja, ich bin ein von Grund auf positiver Mensch, der sich aber dessen bewusst ist, dass es auch diese Schattenseiten gibt und es ein Privileg ist, wenn es einem gut geht. Der andere Themenkomplex beschäftigt sich mit gesellschaftskritischen Sachen, zum Beispiel damit, dass der wohlhabendere Teil der Gesellschaft auf Kosten der Schwächeren lebt und wenn es darauf ankommt, nicht bereit ist, vom eigenen Lebensstandard etwas abzugeben.«

Welcher Song vom Album bedeutet dir am meisten?
»Das ist gar nicht so einfach zu sagen, wenn man selbst so viel in das Album reingesteckt hat, weil dann alle Songs eine Bedeutung haben. Ich bin ja ganz froh, dass ich das Album weiterhin mag. Es ist im Januar rausgekommen und in der Vergangenheit ging es mir oft so, dass ich aufgenommene Sachen eine Weile lang nicht mehr hören konnte. Das ist bei diesem Album noch gar nicht so und ich stehe voll dahinter. Ich glaube trotzdem, dass der rundeste Song für mich 'Hubris' ist. Vielleicht liegt es auch daran, dass es der Song ist, von dem ich als Erstes einen fertigen Mix gehört habe.«

Würdest du denn sagen, ihr habt euren Sound schon gefunden oder nehmt ihr neue Einflüsse bei dem nächsten Album mit auf?
»Die neuen Songs sind schon relativ weit. Ich denke, dass sich von außen gesehen gar nicht so viel verändert, wobei es mir jetzt noch ein bisschen schwer fällt zu sagen, wie der Gesang bei den neuen Sachen klingen wird, und davon hängt ja auch immer viel ab. Es wird soundtechnisch ein paar Neuerungen geben, wobei das für den Hörer wahrscheinlich eher Feinheiten sind. Einfach gesagt, bleibt es in der gleichen Richtung.«

Das Projekt läuft also so gut, dass ihr weitermachen wollt?
»Genau, das neue Album ist in Arbeit. Ich habe bei diesem Projekt das Gefühl, es wird so lange laufen bis wir das Gefühl haben: Jetzt ist alles gesagt. Das war auch meine Erfahrung bei dem ersten Album. Ich hatte einen wahnsinnigen Drang, diese Songs zu schreiben und sie sind wirklich innerhalb von ein, zwei Monaten von der Grundstruktur her entstanden. Mit einem Mal wusste ich aber auch, jetzt ist aber wieder gut, es reicht. Solange wir aber Lust darauf haben, bleiben wir dran.«

Ein cooler Ansatz!
»Ich glaube, was dabei auch hilft, ist, dass man sich heutzutage nicht mehr abhängig machen muss von Plattenlabeln, was wir aus unseren anderen Bands zur Genüge kennen. Das kann natürlich auch eine Unterstützung sein. Aber es ist gerade etwas so Entspannendes, alles selber machen zu können und die Freiheit zu haben, alles rauszubringen, wann wir es wollen. Ich würde es aber nicht in Stein meißeln, dass wir immer unabhängig von Labeln bleiben.«

www.facebook.com/VHazeMiasma

Bands:
V/HAZE MIASMA
Autor:
Lisa Scholz

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