Interview


Pic: Robert Smith

Interview 16.01.2019, 15:08

THE NEAL MORSE BAND - Eine Reise ins Ich

Das 2016er Konzept-Doppelalbum „The Similitude Of A Dream“ seiner THE NEAL MORSE BAND bezeichnete der Ex-Spock's Beard- und Transatlantic-Mastermind als einen der Höhepunkte seiner an Höhepunkten nicht gerade armen Karriere. Wie sein Vorgänger folgt jetzt auch der neueste Doppeldecker dem britischen Buch "The Pilgrim's Progress" aus dem Jahr 1678, das in zwei Teilen die Geschichte zuerst eines Mannes und später seines Sohnes erzählt, die sich beide auf dieselbe Reise begeben. Wir arbeiteten gemeinsam mit dem tiefgläubigen Kreativitätswunder und Teamplayer Neal Morse den abenteuerlichen Entstehungsprozesses von „The Great Adventure“ auf.

Neal, du hattest großen Respekt vor der Aufgabe, einen würdigen Nachfolger für „The Similitude Of A Dream“ zu finden. Wie kann ich mir dieses Gefühl bei einem erfahrenen Musiker wie dir vorstellen?

»Weißt du, mit „Similitude“ hatten wir uns die Messlatte ziemlich hoch gelegt. Immer wenn wir das Album auf die Bühne brachten, kam es uns vor, als würde es sich von selbst spielen. Das war eine der stärksten Besonderheiten, die ich von der "Similitude"-Tour im Kopf behielt und wenn du einmal von diesem Wein gekostet hast, dann willst du auf keinen Fall einen Schritt zurück machen. Aber Musik ist wie Luft, du kannst sie nicht einfach so greifen. Sie hat ein Eigenleben und niemand versteht wirklich, warum eine Ansammlung von Noten diese besondere Magie an sich haben kann. Deshalb betete ich, dass Gott uns dabei helfen würde, erneut etwas auf diesem Level zu produzieren.«

Wie ist dir schließlich der erste Schritt ins Songwriting gelungen?

»Der erste Schritt ist schon eine Weile her. Das war während des ersten Abschnitts der „Similitude“-Tour. Ich erinnere mich daran, dass ich im Februar oder März des Jahres (2017 – sb) nach Hause kam und spürte, dass ich für viele Tage eine Pause einlegen würde. Doch dann wachte ich eines Tages ziemlich früh auf und spürte, dass ich besser ins Studio gehen und schreiben sollte. Also begann ich relativ ziellos mit dem Songwriting. Der Prozess war sehr interessant, denn Gott kennt dieses große Wandgemälde und lässt mir immer nur kleine Mosaiksteine davon zukommen, sodass ich das fertige Bild nicht erkennen kann. Aber Gott gibt auch den anderen Jungs in der Band Stücke davon und somit hat jeder von uns verschiedene Teile des Puzzles. Der Prozess dauerte lang, deutlich länger als üblich. Der nächste Schritt folgte im August, damals schrieben wir ein Stück, das auch auf der Geschichte von „Similitude“ und „The Pilgrim's Progress“ basierte. Aber trotzdem hatten wir noch nicht genügend Puzzleteile, um das fertige Werk zu sehen. Im Januar darauf trafen wir uns erneut und wussten, dass wir das Album jetzt durchziehen würden. Wir schrieben zunächst eine 60-minütige Version, die nicht auf einem Konzept basierte und auf einer Single-Disc Platz fand. Ende Januar, Anfang Februar wurde mir dann aber bewusst, dass ich es dabei nicht belassen konnte (lacht). So stürzten wir uns in unser eigenes großartiges Abenteuer, um herauszufinden, was dieses Album wirklich werden wollte. Ich nahm all das Zeug, das wir im Januar geschrieben hatten, behielt einige Teile davon, komponierte neue Stücke dazu und entwarf eine Fortsetzung der „The Pilgrim's Progress“-Geschichte. Dieses Mal aus der Sicht des wütenden, zurückgelassenen Sohnes. Das war ein Schlüsselmoment für mich und ich schrieb eine weitere Version des Albums, die fast zweieinhalb Stunden dauerte (lacht). Vergangenen August trafen wir uns erneut und arrangierten das komplette Album endlich in der Form, wie es heute vor euch liegt. Es ist ein gemeinschaftlich entstandenes, wunderschönes Werk.«

Das von dir bereits mehrfach erwähnte „The Pilgrim's Progress“ fungiert als literarische Vorlage für das Konzept beider Alben. Das Buch ist in zwei Teile unterteilt, hattest du also von vornherein geplant, diese Aufteilung auch in musikalischer Hinsicht beizubehalten?

»Eigentlich nicht. Planen ist etwas, was ich nicht wirklich mache, wenn ich kreativ sein will. Aber die beiden Alben hängen definitiv zusammen. Deshalb erwähnen wir auch mit Absicht viele der Hauptthemen des vorherigen Albums auf dem neuen. Das alles kam während der Sessions im August dazu. Eines der Probleme der kürzeren Januar-Version war für mich, dass wir zu viele einzelne Themen hatten, um diese auf einer Scheibe unterzubringen. Mein Favorit war das "Warschau-Thema", das am Anfang von der zweiten Scheibe vom Orchester gespielt wird. Ich nannte es so, weil ich es an einem freien Tag während der "Similitude"-Tour in Warschau schrieb. Schlussendlich fügte sich aber alles.«

Mike Portnoy war während des Entstehungsprozesses von „The Similitude Of A Dream“ lange Zeit dagegen, ein Doppelalbum zu veröffentlichen. War es dieses Mal leichter, ihn zu überzeugen?

»Eigentlich wollte er es beide Male nicht so machen. Für „Similitude“ hatte ich bereits grob eine zweite Scheibe entworfen, denn ich spürte, dass genug Material vorhanden war. Dieses Mal war das alles eigentlich nicht unbedingt darauf angelegt. Nachdem ich jedoch die neue, über zwei Stunden lange Version geschrieben hatte, ging ich mit gekreuzten Fingern zu den anderen, schlug es ihnen vor und hoffte, dass sie es genauso spüren würden wie ich (lacht). Ich war wirklich glücklich, dass alle einverstanden waren. Sogar Mike, der wirklich nur eine Scheibe haben wollte. Er sagte "Ach, was soll's! Das ist ein mutiger Schritt, lasst es uns durchziehen!"«

Welchen Teil der Geschichte von „The Pilgrim's Progress“ erzählst du uns jetzt auf „The Great Adventure“, das aus der Sicht des Sohnes geschrieben ist?

»Nun, er spricht oft über seine Beziehung zu seinem Vater. Er ist wütend auf ihn, weil er von ihm zurückgelassen wurde. Daraufhin spricht Gott jedoch zu ihm und trägt ihm auf, denselben Weg wie sein Vater zu gehen. Er verfolgt also seinen Vater, erreicht einen Fluss, den dieser bereits überquert hat und muss eine Entscheidung treffen, ob er weitergehen will. Und das ist der Moment, an dem die Geschichte endet. Der Moment, in dem er den Fluss überquert. Wenn ich ein Konzeptalbum schreiben will, muss ich eine fesselnde Geschichte erzählen, die mich berührt.«

Was macht dieses Buch so besonders für dich?

»Es ist nicht das beste Buch aller Zeiten für mich, denn es ist auch schwierig zu lesen. Was ich daran allerdings mag, ist das Konzept einer Reise. Der Sohn geht auf eine spirituelle Reise und trifft all diese interessanten Charaktere – manche helfen ihm, andere wollen ihn vom Weg abbringen. Auch die Orte, die er erreicht, das Schloss der Verzweiflung oder der Marktplatz der Eitelkeiten zum Beispiel, sind coole Ideen. Ich mag den Gedanken, dass wir uns alle auf einer Reise befinden und damit rechnen sollten, Hindernissen zu begegnen. Ich denke, dass das für die Menschen sehr tröstlich sein kann, denn es gibt viele Momente, in denen wir uns fragen, warum wir nicht schon längst angekommen sind.«

Kann „The Great Adventure“ also auch autobiografisch verstanden werden? Das große Abenteuer deines Lebens?

»Auf jeden Fall, ich habe in dieses Album sogar noch mehr von mir selbst hineingepackt, als in „Similitude“. Meine Gedanken, meine Erfahrungen, meinen Kommentar zum modernen Leben. Mein Ziel ist, das „The Pilgrim's Progress“-Konzept zu nehmen und es in der heutigen Welt zu platzieren.«

Was bedeutet dir persönlich die Metapher des Reisens?

»Ich mag den Gedanken, mich ständig fortzubewegen. Wir sind ständig in Bewegung, ob es uns gefällt oder nicht. Nichts ruft dir diese Tatsache deutlicher vor Augen, als die Hochzeit deiner Tochter (lacht). Meine Tochter hat vergangenen Monat geheiratet und das war überwältigend für mich. Ich habe letzte Nacht mit ihr telefoniert und erst dann realisiert, dass sie nicht mehr hier wohnt. Das Leben geht weiter und wir müssen ihm folgen.«

Verbindest du „The Great Adventure“ möglicherweise auch mit einem bestimmten Ort?

»Nein, es ist mehr eine Übersicht. Eine spirituelle Allegorie. Ich denke dabei weniger an tatsächliche physische Orte.«

Arbeitest du in deiner Musik stärker mit Bildern oder mit Emotionen?

»Mit beidem. Ich setze mich mit Bildern auseinander und versuche die Gefühle für das Publikum auszudrücken, die ich an diesen Orten spüren würde. Als ich diesen Abschnitt am Anfang von 'Venture In Black' schrieb, wollte ich, dass die Geschichte düsterer wird und der Charakter ein seltsames Gefühl bekommt. Ich versuchte mir vorzustellen, wie er sich fühlen wird, wenn er diesen dunklen Ort betritt und dort allen Mut verliert. Das Leben ist verrückt, im Verlauf eines Tages kannst du einen ganzen Haufen verschiedener Erfahrungen durchleben. Manche machen dich glücklich und muntern dich auf, Hindernisse können dich aber auch komplett entmutigen. Das geschieht manchmal sogar innerhalb weniger Stunden.

Hast du eigentlich eine Ahnung, woher all deine Ideen und Melodien kommen?

»Ich weiß es nicht. Ich widme alles Gott und seinen Engeln, aber ich habe keine Ahnung, wie das alles funktioniert. Hoffentlich finde ich es irgendwann heraus (lacht). Manche dieser Melodien fliegen mir zu, während ich am Klavier sitze, manche holen mich auch nachts aus dem Schlaf. Es gibt ja diese berühmte Geschichte von Paul McCartney, der von der Idee von 'Yesterday' aus dem Schlaf gerissen wurde.«

Es kann also jederzeit passieren, dass dir eine neue Idee in den Sinn kommt?

»Oh ja. Wenn du dir die Sprachaufnahmen auf meinem Handy anhörst, findest du wirklich ein paar lustige Sachen. Ich bin kaum zu verstehen, während ich eine Melodie summe und der Pilot im Flugzeug "wir rechnen mit einigen Turbulenzen, bitte legen sie ihre Sicherheitsgurte wieder an", durch den Lautsprecher durchsagt (lacht).«

Was würdest du sagen, war der verrückteste Ort, an dem du eine neue Idee eingesungen hast?

»Hmm... vielleicht in einem Skilift (lacht herzlich). Ich hatte diese wirklich witzige Idee für ein Weihnachtslied, als wir vor einigen Wochen Skifahren waren. Alle starrten mich an, als wäre ich komplett verrückt geworden (lacht).«

www.nealmorse.com

www.facebook.com/nealmorse

Bands:
THE NEAL MORSE BAND
Autor:
Simon Bauer

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