ToneTalk

ToneTalk 22.05.2019, 08:00

TESSERACT - Der schmale Grat

Alec „Acle“ Kahney dürfte der breiten Musikhörerschaft allenfalls als Gitarrist und kompositorischer Strippenzieher der Prog-Metal-Innovatoren TESSERACT bekannt sein, gilt aber bereits seit mehreren Jahren als verlässlicher Toningenieur, der sich auf Mix und Mastering versteht. Der Brite hegt Ambitionen, ein „richtiger“ Produzent zu werden, wobei ihn die Zeitgeist-Erkrankung Multitasking ausbremst, weil er als Betreiber eines seriösen Studios zunächst einmal finanziell über die Runden kommen muss.

Wie bist du als Musiker dazu gekommen, dich bewusst mit dem Handwerk eines Produzenten auseinanderzusetzen?

»Nachdem ich mit ungefähr neun Jahren angefangen hatte, Gitarre zu spielen, dauerte es fast zehn Jahre, bis mir ein kostenloses Programm zum Aufnehmen von Musik in die Hände fiel. Das war eine sehr schlicht ausgestattete Version von Cubase. Im Internet suchte ich dafür nach Drum-Loops, weil ich damals weder einen guten Schlagzeuger kannte noch die Software zum Erstellen von Grooves mit ordentlichem Sound erschwinglich war. Als ich fündig wurde, spielte ich eine Coverversion von Limp Bizkits Nummer ´Take A Look Around´ ein, die als Soundtrack zu „Mission: Impossible“ bekannt wurde. Ich verkabelte meine Verstärker-Boxen-Kombination von Marshall direkt mit der On-Board-Soundkarte meines PCs. Das klang furchtbar, war aber der Anfang für mich, was Recording betraf. Dem folgten viele Jahre des Herumprobierens, wobei ich aus Fehlern am meisten gelernt habe.«

Welche Lehre war die wichtigste, die du daraus gezogen hast, auch bei deinen Engagements in verschiedenen Profistudios?

»Ich habe eigentlich nur im Metropolis und im Sphere gearbeitet, die sich beide in London befinden. Die bedeutendste Erkenntnis, die ich dabei gewann, betrifft die Gesamtlautstärke beim Abmischen einer Aufnahme; sie sollte möglichst niedrig bleiben, damit man hinterher beim Mastern mehr Spielraum für Feinabstimmungen hat, ohne dass das Ganze verzerrt. Normalerweise fange ich mit einem Pegel von -12 bis -15 Dezibel an und fahre ihn langsam hoch, ohne den „Sweet Spot“ zu überschreiten. Das gilt jetzt nur für den Digitalbereich, denn wenn man mit analogen Mischpulten und Tonbändern zu tun hat, sind natürliche Übersteuerungen manchmal durchaus erwünscht.«

Was hast du im Gegensatz zu anderen Tontechnikern zu bieten?

»Katzen im Studio, die ihr Fell sträuben, wenn etwas scheiße klingt… Im Ernst, ich sehe meine Stärken darin, dass ich ein Händchen für ein ausgewogenes Stereo-Klangbild und mittlerweile einiges an Erfahrung gesammelt habe; die fehlt manchem, der sich heutzutage „Engineer“ oder „Producer“ schimpft. Außerdem behalte ich selbst dann die Übersicht, wenn ich viele Spuren berücksichtigen muss, und denke mal, dass ich etwas davon verstehe, allen Facetten einer Aufnahme Rechnung zu tragen. Falls mich die Leute für transparente Sounds mit gehörigem Druck empfehlen, bin ich zufrieden.«

Du selbst wirbst damit, nach akustischer Perfektion zu streben; was ist das deiner Meinung nach?

»Ich hasse verwaschen klingende Produktionen und bin besessen von den Mitten im Frequenzspektrum. Damit kann ich mich ewig aufhalten, weil ich finde, dass die Mischer sie sowohl in Studios als auch auf Konzerten vernachlässigen, obwohl sie den Eindruck, den Musik letzten Endes vermittelt, maßgeblich beeinflusst. Vieles tut einfach nur in den Ohren weh und ermüdet, woran meistens die verzerrten Gitarren, Becken und gewisse Laute des Gesangs schuld sind. Dabei ist es ziemlich leicht, das zu vermeiden, bloß muss man dabei etwas von der grundlegenden Funktionsweise eines Bandreglers verstehen; ein bisschen Nachjustieren, und schon hört man Details, die ansonsten untergehen würden. Kompressoren sind auch hilfreich, obwohl man es auch übertreiben kann, sodass das Ergebnis dumpf, leblos wirkt.«

Auf welches Ausrüstung kannst du absolut nicht verzichten?

»Mehrere Equalizer und Kompressoren als Einzelkomponenten, aber sollte ich einmal gezwungen sein, meinen Gerätepark zu verkleinern, würde ich einen PC mit Cubase und verschiedenen Plug-ins, meine momentanen Monitorboxen und Computerinterfaces behalten. Unabhängig davon ist eine anständige Raumakustik das A und O, so, wie sie mein eigenes Studio hergibt. Für unser aktuelles Album mit TESSERACT brauchte ich im Grunde nicht mehr als das. „Sonder“ ist auf Kopfhörer zugeschnitten und zielt auf ein binaurales Hörerlebnis ab. Dabei handelt es sich um eine Art von akustischer Täuschung, die dadurch entsteht, dass die Frequenzen auf dem linken und rechten Kanal jeweils subtil voneinander abweichen.«

Wie verhinderst du, dass du beim Arbeiten mit der Band einen Tunnelblick bekommst?

»Das passiert tatsächlich hin und wieder. Wenn man versucht, etwas genau so umzusetzen, wie man es im Kopf hört, läuft man Gefahr, das Songwriting zu vernachlässigen. Wahrscheinlich geht es nicht nur mir so, denn durch den technischen Fortschritt in den letzten 20 Jahren sind die Möglichkeiten, Aufnahmen zu bearbeiten, theoretisch unendlich geworden, und viele Alben vermitteln nur ein mehr oder weniger vertrautes Klangbild, während die Kompositionen an sich zu wünschen übrig lassen.«

Stilistisch hast du dich weitgehend auf sogenannten Modern Metal festgelegt. Könntest du dich trotzdem auch für völlig anders gelagerte Künstler anheuern lassen?

»Ja, und das würde ich auch gern, bloß ist das leichter gesagt als getan. Das Höchste der Gefühle waren für mich bisher ein paar eher Rock-orientierte Sachen wie Frank Carter & The Rattlesnakes und Counterfeit. Man verliert allmählich die Lust, wenn man sich beim Mastern hauptsächlich mit Rauschunterdrückung herumschlagen muss, weil es jemand mal wieder zu gut mit den Distortion-Effekten gemeint hat. Privat mag ich auch Musik, zu der man schlicht die Seele baumeln lassen kann, und rein akustische Klänge. Aus dieser Richtung wünsche ich mir definitiv mehr Aufträge.«

Du hast die Relevanz der Umgebung für deine Arbeit erwähnt, doch in der Branche spielt sich jetzt das meiste online ab, wo Studios und Bands Dateien austauschen; wie gehst du damit um?

»Ich nehme mich nicht davon aus, weil ich andernfalls nahezu arbeitslos wäre. Kommunikation übers Internet macht den Löwenanteil meines Tagesgeschäfts aus, auch wenn ich Wert darauf lege, mich persönlich mit meinen Kunden zu treffen. Das geschieht immer seltener, aber es läuft eben so wie mit vielen Dingen im Zuge der rasanten Entwicklung: Man arrangiert sich damit, weil es praktisch ist. Ohne Skype oder E-Mails wäre mein Job unvorstellbar.«

Du bietest auch gegen Entgelt Lehrvideos zu bestimmten Aspekten deiner Tätigkeit an – lohnt sich das?

»Ja, denn man glaubt gar nicht, wie viele Kreative sich derzeit über die Prinzipien der Tontechnik informieren wollen, weil sie sich zu Produzenten oder dergleichen berufen fühlen, Es gibt mal mehr und mal weniger Interesse, aber ich möchte generell dazu beitragen, dass Laien annehmbare Qualität abliefern können, denn unter Neuveröffentlichungen hörst du so viel Mist. Davon abgesehen helfen mir diese Tutorials, meine Rechnungen zu bezahlen, klar.«

Siehst du langfristig kommen, dass der klassische Beruf des Produzenten untergeht, oder wird immer ein Unterschied zwischen Hobbyisten und Profis bestehen?

»Ich weiß nicht. Anfänger können sich wirklich selbst umfassende Kenntnisse aneignen, ohne eine Ausbildung zu machen. Das Netz bietet alles Notwendige dafür, wenn man weiß, wo man suchen muss, aber irgendwann erreicht man ein Niveau, auf dem es schwierig wird, noch im Alleingang Fortschritte zu machen – und wie erwähnt, haben ein entsprechendes Ambiente oder hochwertige Lautsprecher zum Abhören eine Menge für sich.«

Da es deiner bisherigen Arbeitsweise widerspricht: Hast du je mit dem Gedanken gespielt, eine Gruppe live im Studio mitzuschneiden?

»Das ist sogar schon ein paar Mal passiert, und zwar mit TESSERACT. Solange die Musiker gut aufeinander eingespielt sind, die Räumlichkeiten stimmen und alle Instrumente bzw. Klangkomponenten richtig eingestellt wurden, kann das großen Spaß machen. Das Feeling, das beim Aufnehmen ohne Metronom entsteht, lässt sich durch nichts ersetzen.«

Was hast du in diesem Zusammenhang bezüglich des anhaltenden „Loudness War“ zu sagen, dessen Verursacher sich quasi gegenseitig darin überbieten, die Regler bis zum Anschlag aufzureißen?

»Ich ziehe natürliche Dynamik vor und setzte feste Bandbreitengrenzen, weshalb sich meine Arbeiten in der Regel an hervorgehobenen Mitten und Bässen erkennen lassen. Das Resultat tönt automatisch wärmer, und wem es zu leise ist, der soll einfach seine Anlage weiter aufdrehen.«

Welche Rolle spielen Hersteller von Equipment als Sponsoren?

»Eine gewaltige. Ich habe Endorsement-Verträge mit den Entwicklern von Steinberg, Toontrack, und Slate Digital sowie der Verstärkerschmiede Kemper. Gern würde ich auch enger mit Programmierern von Plug-ins zusammenarbeiten, weil diejenigen, die ich gebrauchen kann, oft recht teuer sind und ich einen Narren daran gefressen habe.«

Welche Ziele verfolgst du für die nähere und ferne Zukunft?

»Ich träume von einem größeren Studio, in dem ich Drums aufnehmen kann. Zuerst muss ich aber die Bude abbezahlen, in der ich im Augenblick arbeite. Fest vorgenommen habe ich mir die Zusammenstellung einer Bibliothek von Schlagzeug-Samples und eigenen Klangemulatoren, doch was mir dafür vor allem fehlt, ist Zeit.«

www.tesseractband.co.uk

www.aclekahney.com

Bands:
TESSERACT
Autor:
Andreas Schiffmann

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