Interview

Interview 23.04.2020, 11:58

SKUM - Interview mit der Demo-/Eigenproduktionsband 04/20

Mit ihrem vierten Langspieler "Molitva" (Dt.: Gebet) haben sich SKUM hochverdient unseren Auszeichnung "Tipp des Monats unter den Eigenproduktionen" unter den Nagel gerissen. Seit rund zwei Jahrzehnten sind die Jungs in der rheinländischen Metal-Szene unterwegs und haben sich für ihren neuen todesmetallischen Rundumschlag ganze sieben Jahre Zeit gelassen. Wir holten uns den sprachlich vielseitigen Frontmann und Mitgründer Nikola Grgic für ein ausführliches Gespräch vor das Skype-Mikro.

Hi Nikola! Wie geht es dir angesichts der aktuellen Situation?

»Verhältnismäßig gut. Wie wir alle, muss ich mich in dieser Situation orientieren, denn jeden Tag gibt es mehr oder weniger neuen Input. Gerade jetzt ist es wichtig, sich selbst eine Struktur zu geben. Man sollte nicht einfach in den Tag hinein leben, sondern seine Aktivitäten planen. Und vor allem die Nachrichten- und Mediennutzung dosieren. Anfangs war das alles sehr surreal, die letzten paar Wochen hat sich bei mir aber mehr oder weniger ein bisschen Entspannung eingestellt. Wir haben ein Dach über dem Kopf, wir haben Strom, wir haben Essen. Und wir können alle immer noch relativ gut miteinander kommunizieren, auch wenn es das echte Gespräch nicht ersetzt.«

Zwischen "Molitva" und dem Vorgänger "Prasina" (Dt.: Staub) liegen knapp sieben Jahre. Warum habt ihr so verhältnismäßig lange gebraucht?

»Ich sage es mal so: Wir sind Schildkröten. Wir hätten bestimmt auch unter normalen Umständen vier Jahre gebraucht, vielleicht auch fünf. Wir sind gemütlich unterwegs und stressen uns nicht. Wir haben niemanden, der uns Druck macht, und nehmen uns Zeit für unsere Songs. Da sind wir alle auf unterschiedliche Art und Weise sehr akribisch und detailverliebt. Unser Schlagzeuger Christoph ist sehr in den Arrangements drin und vor allem nachher auch im Sound. Da wird gerne in Bereichen noch herumgedoktert, wo ich schon längst keinen Unterschied mehr erkenne. Man muss dazu sagen, er ist gelernter Tontechniker und es ist sein Job, Dinge zu hören, die ich nicht mehr hören kann (lacht). Ich habe dafür den Anspruch, mehr für die Texte zu investieren und nehme mir auch viel Zeit, um zu überlegen, in welcher Sprache sie stattfinden sollen. Das ist ein intuitiver Prozess.

Abgesehen davon sind in diesen sieben Jahren fünf Kinder innerhalb der Band geboren worden. Wir sind nicht so leistungsorientiert, SKUM ist eine Familie. Wenn jemand von uns mal eine krasse Zeit hat, sei es, dass es privat nicht im normalen Rahmen funktioniert oder er seine Proberaummiete nicht zusammenbekommt, dann ziehen wir ihn mit. Dann rechnen wir auch nicht hoch und sagen: „Du hast ein Jahr lang so viel Euro nicht bezahlt, bitte zurück damit!“ Deshalb brauchen wir manchmal für ein paar Dinge länger, weil jemand vielleicht gerade eine Phase in seinem Leben durchmacht, in der er einfach nicht so kann, wie er gerne würde.«

Der Titel "Molitva" heißt Gebet auf Bosnisch?

»Ja, Serbokroatisch hieß es früher, beziehungsweise kroatisch. Tatsächlich ist es mütterlicherseits der Herzogowina-Dialekt, mit dem ich groß geworden bin. Ich bin in Deutschland geboren, habe durch die Umstände aber erst im Kindergarten Deutsch gelernt. Hinsichtlich der Grammatik dürfte ich im Deutschen heutzutage flüssiger unterwegs sein, weil ich meine Muttersprache nie in der Schule gelernt habe. Nur im Haus- und Hofgebrauch bei der Familie. Trotzdem ist es aber so, dass ich sie immer noch in mir habe. Es heißt ja, man träumt auch mal in den Sprachen, in denen man flüssig unterwegs ist. Das passiert bei mir sowohl im Deutschen, als auch in der Muttersprache.«

Haben dich in deiner Kindheit auch die unterschiedlichen Kulturen geprägt?

»Mein Vater stammt aus Nordkroatien, der sprachliche Einschlag kommt bei mir aber eher von meiner Mutter. Ich glaube schon, dass da auch kulturell etwas dabei ist, aber ich erlebe kaum Situationen, in denen ich mich irgendwie anders oder fremd fühle. Ich hatte eine klassische Migranten-Kindheit, in der man mit vielen Kindern – egal, ob griechischer, italienischer oder türkischer Herkunft – die Gemeinsamkeit hatte, dass man manchmal ein bisschen zwischen den Stühlen sitzt. Gleichzeitig bekommst du aber auch relativ früh einen sehr breiten Fokus. Wenn du zweisprachig unterwegs bist, hast du einen anderen Zugang zu Sprachen. Mir gefällt, dass jede Sprache ihre eigene Melodie, ihren Singsang, ihren Rhythmus hat. Bei manchen Wörtern entstehen ganz andere Bilder, die Klangfarbe kann sehr bildhaft sein.«

Bist du denn als Metalfan auf die Welt gekommen oder kam das erst über die Jahre?

»Nee, ich glaube, da bin ich reingewachsen. Meine erste verzerrte Gitarre muss ich so mit sieben oder acht gehört haben. Das war nicht einmal Metal, mein Vater hatte mir ein Mixtape mit verschiedenen Pop- und Rock-Sachen drauf mitgebracht. Es müsste irgendwas von Michael Jackson gewesen sein. Damals war ich noch ein Pimpf und hatte überhaupt keine Ahnung von der Unterscheidung zwischen Pop, Rock und Metal. Mit elf, zwölf kam dann der Einstieg über Guns 'N Roses, Iron Maiden, Metallica, wahrscheinlich wie bei vielen. Über Slayer und so wurde es dann ein bisschen derber. Meine erste Death-Metal-Erfahrung hatte ich mit einem Blindkauf. Damals holte ich mir das Originaltape von "The End Complete" von Obituary, das ist nach wie vor eine Mordsscheibe für mich. Ich hatte eine sehr wütende Pubertät, in der die Musik immer härter wurde. Sobald diese Projektionsfläche bedient war, öffnete sich für mich aber auch viel Neues. Ich mag ruhige Sachen, ich mag harte Sachen, es darf sogar elektrisch sein. Es muss nicht zwingend das Etikett "Metal" draufkleben, es muss nur irgendwas bei mir auslösen und berühren.«

Und so hat eine Death-Metal-Version von 'Jesus He Knows Me' ihren Weg auf "Molitva" gefunden.

»Ja, unbedingt (lacht)! Die Nummer ist einfach toll. Ich weiß, dass wir die sehr verschoben haben und ich die Gesangslinie auch ein bisschen anders gelegt habe.«

Das zeichnet aber oft die erfrischendsten Cover-Versionen aus.

»Ja, das stimmt. Ich kenne aber auch Leute, die über genau sowas stolpern. Gerade bei einem Song, der so bekannt ist, gibt's natürlich viele, die nicht mehr umdenken können. Das ist aber auch in Ordnung, es muss nicht jeder mögen.«

"Molitva" und 'Jesus He Knows Me' – Bist du gläubig?

»Hm, das ist eine sehr intime und schwierige Frage (lacht). Ich lass' die Hosen aber nicht ganz runter: Was ich für mich als Glaube verpacke, ist wahrscheinlich für viele, die fundamental denken, nicht passend. Ich sehe mich als Mensch, der spirituell offen ist. Ich kann nicht belegen, dass da etwas ist, ich kann aber auch nicht belegen, dass nichts da ist. Es liegt mir auf jeden Fall fern, die Verantwortung für mein Denken und Handeln in das Wohlwollen einer Entität zu legen, von der ich nicht weiß, ob sie sich überhaupt einen Pups für irgendwas interessiert. Meine Oma hat immer gesagt: "Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott". Das fand ich ganz gut (lacht).

Mir ist allgemein sehr wichtig, dass in meinen Texten immer ein Quäntchen Hoffnung mitschwingt. Das ist auf dieser Platte ganz leise und eher hintergründig. Die Texte lesen sich ganz schön finster, was ich tatsächlich gar nicht so bewusst beabsichtigt hatte. Ich sage immer gerne: Dunkel wird es von ganz alleine. Da kannst du dich auch hinsetzen, die Hände in den Schoß legen und darauf warten, dass Schluss ist. Es liegt an jedem von uns, wie viel Licht er bringen will.«

Gibt es deshalb auch ein 'Happy Ending' auf "Molitva"? Oder wie passt das auf eine Death-Metal-Platte?

»Der Song selber ist eher der Wunsch nach einem Happy End. Bei 'Happy Ending' hatte ich das Bild einer verwüsteten Küstenlandschaft im Kopf. Mit sehr viel Trümmern und Tod. Gerade eine gewalttätige Eskalation bringt am Ende nur Leid. Man muss schon in einer krass luxuriösen Ausgangssituation sein, dass man von so etwas wie Krieg verschont bleibt. Wir müssen uns bewusst machen, wie vergänglich alles und man selbst ist. Und trotzdem tragen wir alle diesen "Little Spark Of Hope" in uns, den ich in dem Song auch erwähne. Es ist nicht alles nur scheiße, schlimm und dem Untergang geweiht.«

Ihr seid ziemlich genau 20 Jahre mit SKUM unterwegs. Seid ihr zufrieden damit, wo ihr heute steht?

»Ja. Christoph und ich sind die letzten Gründungsmitglieder und haben schon immer einen ewig währenden Disput darüber, seit wann wir wirklich mit SKUM unterwegs sind. Er meint 2000, ich 1999. Insgeheim muss ich aber zugeben, dass wahrscheinlich Recht hat. Er hat nämlich den Ordner mit den Flyern, die er akribisch gesammelt hat. Ich halte trotzdem aus Prinzip dagegen (lacht). Wir waren davor schon zusammen unterwegs und unter dem Bandnamen SKUM sind es jetzt ungefähr 20 Jahre. Ich glaube, die ersten Songs sind um 1998 rum entstanden. Unser Gitarrist Roberto, der auch für alle Artworks verantwortlich ist, sowie unser Bassist Christian, der sich um Promotion und Booking kümmert, sind auch schon über zehn Jahre dabei.

Viele Bands gehen ja sehr betriebswirtschaftlich an die Sache heran. Da wird genau darauf geachtet, dass alles funktioniert und dann müssen auch die Bandmitglieder "funktionieren". Klar, Rock 'n' Roll ist nicht nur Spaß, sondern auch Arbeit, trotzdem ist mir die Schlagseite manchmal zu betriebswirtschaftlich. Ich habe zwar den Betriebswirt an der Abendschule gemacht (lacht), aber den will ich nicht in der Band haben. SKUM ist für uns der letzte Bereich im Leben, der nicht durchoptimiert ist. Hinter der Platte stehen wir aber natürlich alle. Das ist unser Baby, unser Refugium und gleichzeitig auch unser Motor. Wir haben alles selber bezahlt, das Geld da einfach reingebuttert, Punkt. Wenn wir auf den Platten sitzen bleiben, dann ärgere ich mich im Nachhinein höchstens darüber, dass sie mir im Keller Platz wegnehmen. Viel wichtiger ist: Ich freue mich über dieses schöne Stück Vinyl mit unserer eigenen Musik, das ich im Schrank stehen habe.«

www.skum.de

www.facebook.com/skumofcologne

Bands:
SKUM
Autor:
Simon Bauer

Melde dich für unseren Newsletter an und verpasse nie mehr die wichtigsten Infos

Diese Seite verwendet Cookies. Erfahrt in unserer Datenschutzerklärung mehr darüber, wie wir Cookies einsetzen und wie Ihr Eure Einstellungen ändern und Cookies deaktivieren könnt. Darüber hinaus verwenden wir Cookies Dritter für die Einbindung audiovisueller Inhalte durch Youtube, Spotify und Soundcloud. Dem könnt ihr hier zustimmen oder dies ablehnen. Datenschutzerklärung ansehen.