Interview


Pic: Robert Zembrzycki

Interview 20.12.2021, 14:06

SARATAN - Interview mit der Demo-/Eigenproduktionsband des Monats 01/22

Auch wenn SARATANs fünfter Langspieler „Nabatea“ bereits im Juni diesen Jahres das Licht der Welt erblickte, haben sich die vier polnischen Musiker:innen die „Tipp des Monats“-Krone auch nachträglich mehr als verdient. Über die Hintergründe dieser kolossalen Union aus Death/Thrash Metal und ethnisch-orientalischer Folklore aus dem nahöstlichen Raum sprachen wir mit Kreativkopf und Bandboss Jarosław Niemiec.

Jarosław, euer neues Album „Nabatea“ ist bereits vor einigen Monaten erschienen. Wie blickst du heute darauf zurück?
»„Nabatea“ wurde im Juni veröffentlicht, es ist also fast schon ein halbes Jahr her. Für ein Album ist das ziemlich viel, deshalb sehe ich es heute schon mit anderen Augen. Ich bin stolz darauf, auch wenn ich niemals zu einhundert Prozent zufrieden mit meiner Arbeit bin. Der Aufnahmeprozess dauerte länger, als wir dachten, da wir kurz davor den ersten Lockdown hier in Polen hatten. In den letzten Jahren konzentrierte ich mich stark auf meine ethnischen Solo-Projekte, deshalb hat „Nabatea“ für mich eine besondere Bedeutung. Wir kehrten damit in gewisser Weise zu unseren Metal-Wurzeln zurück, nachdem die vorhergegangenen SARATAN-Veröffentlichungen „Dark Orient“ und die Single 'Shena' eher akustischer Natur waren.«

SARATAN starteten ursprünglich als klassische Thrash-/Extrem-Metal-Band. Seit dem Album „Martya Xwar“ von 2012 habt ihr euch mit Blick auf euren Sound und euer Gesamtbild aber in Richtung Oriental Metal weiterentwickelt, beeinflusst von der persischen Kultur. Was hat ihr euch zu diesem stilistischen Schritt bewogen?
»Wir wollten von Anfang an Metal mit persischen und nahöstlichen Einflüssen kombinieren. Für unser erstes Demo „Infected With Life“ aus dem Jahr 2006 nahmen wir den instrumentalen Song 'Disciples Of Opium' auf, der eine gewisse orientalische Stimmung versprühte. Später, als wir unser Debüt-Album aufnahmen, brachte ich eines meiner allerersten ethnischen Instrumente mit ins Studio, die Tar-e Azeri (eine Langhalslaute aus dem iranischen und afghanischen Raum – sb), hatte aber leider nicht die Zeit, sie auch einzuspielen. Die Aufnahmen dauerten 15 Tage inklusive Mix und Mastering, wir mussten uns also beeilen. Auf dem zweiten Album „Antireligion“ nahm ich zwei meiner Soloparts mit diesem Instrument auf, im Opener und dem letzten Song. Für jedes neue Album benutzte ich mehr Instrumente, lud Gäste aus dem Iran, der Türkei und Tunesien ein und arbeitete mehr mit weiblichem Gesang. Es war eine Evolution. Ich begann, all diese Instrumente aus dem Iran, dem nahen Osten, dem Kaukasus und später sogar aus Indien zu sammeln und lernte, sie zu spielen. Im Moment besitze ich ungefähr 40 Instrumente aus diesen Regionen.«

Du hast die Sprache, die Geschichte und die Kultur Persiens studiert. Was fasziniert dich daran am meisten?
»Seit ich klein war, reise ich viel. Bevor ich mit meinem Studium über Persien begann, hatte ich bereits unter anderem Indien und Ägypten besucht. Während meiner Studien wurde mein Interesse schließlich vollends geweckt, nachdem ich den Iran und Aserbaidschan bereist hatte. Die persische Kultur faszinierte mich auch noch nach dem Abschluss meines Studiums. Die traditionelle persische Musik ist großartig. Sie unterscheidet sich in jeder Hinsicht von europäischer Musik: Sie haben andere musikalische Theorien entwickelt, sie nutzen andere Arten von Skalen – Dastgah und Gusheh – sie arbeiten mit Vierteltönen. Am meisten beeindruckt mich aber, mit welcher Leichtigkeit und wie geschickt sie improvisieren können. Ich habe einige improvisierte Konzerte von Künstlern wie Kayhan Kalhor gesehen und es war pure Magie. Verglichen mit der arabischen und indischen Musik sind persische Stücke oftmals sehr emotional und düster.«

„Nabatea“ wurde von einer Reise nach Jordanien inspiriert, bevor die Corona-Pandemie weltweit für massive Einschränkungen sorgte. Was hast du während dieser Reise erlebt, das schlussendlich zur Entstehung des Albums führte?
»Adam, der Gitarrist von SARATAN, unser Schlagzeuger Michał und ich reisten im Sommer 2019 nach Jordanien und blieben über eine Woche dort. Wir mieteten uns ein Auto und bereisten das komplette Land. Wir fuhren bis an die irakische und saudi-arabische Grenze. Wir schliefen in der Wüste, erlebten die extreme Wüstenhitze von 46 Grad am eigenen Leib und trafen jede Menge Leute. Dieses Land ist unglaublich. Bevor wir dorthin reisten, war das Album rein musikalisch schon fast fertig, aber ich hatte noch nicht mit der Arbeit an den Texten begonnen. All die nabatäischen Monumente und das antike Land beeindruckten mich zutiefst. Als ich zurückkam, fing ich damit an, mehr über die Nabatäer (ein Zusammenschluss von Nomadenstämmen, die im Zeitalter der Antike im Nordwesten Arabiens lebten - sb) zu lesen und erkannte, dass diese Thematik perfekt zu unserer Musik passt.«

Kannst du uns einen kleinen Überblick über die Geschichten hinter den Songtiteln geben?
»Die Lyrics auf „Nabatea“ betreffen die Nabatäer, ihr Königreich und ihre Religion. Sie handeln von ihrem Mutterland, vom Fall des Nabatäer-Stammes und ihrer Hauptstadt Raqmu, die später in Petra umbenannt wurde. Weiterhin dreht sich das Album um ihre Ansichten, ihre Göttern und Traditionen.«

Welche Instrumente kommen auf „Nabatea“ zum Einsatz und was macht sie für dich besonders?
»Das wichtigste ethnische Instrument, das auf diesem Album gespielt wird, ist die Saz, das ist eine Art Laute. Die Saz-Parts wurden auf einer Baglamas (eine kleine Bouzouki - sb) und dem Shurangiz (iranisches Saiteninstrument - sb) gedoppelt. Weiterhin verwendete ich ein persisches Hackbrett namens Santur, die Tar-e Azeri, eine Bendir Rahmentrommel und eine iranische Rahmentrommel. Am meisten gefällt mir, dass ich keine virtuellen Instrumente und Sampler verwende. Alle ethnischen Parts wurden von mir eingespielt und die ethnischen Drums übernahm unser Schlagzeuger Michał, damit alles möglichst natürlich klingt. Seit unserem vierten Album „Asha“ spiele ich ausschließlich echte Instrumente, es ist mir sehr wichtig, dass ich keine virtuellen Instrumente mehr verwende. Früher arbeitete ich damit auf dem „Martya Xwar“-Album, aber das klingt meiner Meinung nach einfach nicht gut genug.«

„Nabatea“ ist ein Album der Kontraste, von kompromisslosem Death Metal zu atmosphärischen Oriental-Einflüssen, von Growling zu weiblichem Klargesang. Ist dieses musikalische „Yin und Yang“ die treibende Kraft deines kreativen Denkens?
»Diese Art des Kontrasts ist ein natürlicher Bestandteil unserer Musik. Wir haben Thrash-Metal-Wurzeln, aber wir entwickeln uns ständig weiter und wollen unsere Musik noch komplexer werden lassen. Mit jedem neuen Jahr beschäftige ich mich mehr mit traditioneller ethnischer Musik, die ich in die Musik von SARATAN einbinden möchte. Die treibende Kraft hinter meinen Kompositionen ist, unsere beiden musikalischen Wurzeln – Metal und Folklore – miteinander zu verknüpfen. Sie sind beide gleich wichtig für mich.«

SARATAN gibt es seit mittlerweile 18 Jahren, nichtsdestotrotz habt ihr „Nabatea“ komplett selbst produziert und vertrieben. Eine bewusste Entscheidung, um dem finalen Produkt so nah wie möglich zu sein?
»Der Musikmarkt erlebt ständig neue Veränderungen. Als wir mit der Band anfingen, konnten wir unsere Musik ausschließlich über Labels vertreiben. Bands, die sich nach dem "Do It Yourself"-Prinzip selbst vermarkteten, waren größtenteils Underground-Projekte. Als wir das erste Album veröffentlichten, kaufte so ziemlich jeder CDs. Jetzt ist die Situation natürlich eine komplett andere. Alle haben Zugang zu Streaming-Diensten und YouTube sowie anderen Seiten und Apps. CDs und LPs sind eher eine Art Merch, die Menschen hören Musik größtenteils über das Internet. Um CDs zu veröffentlichen und zu verkaufen, braucht man kein Label mehr und eine Menge Bands veröffentlichen ihre Alben in Eigenregie. Ich verstehe, dass ein Label sehr hilfreich sein kann, aber heutzutage ist es nicht mehr essenziell. Soziale Medien und Streaming-Dienste haben den Kontakt zwischen einer Band und ihren Fans stark vereinfacht. 2017 hatten wir „Dark Orient“ selbstveröffentlicht und wir waren mit den Ergebnissen zufrieden. Deshalb haben wir es bei „Nabatea“ wieder so gemacht.«

www.facebook.com/SaratanBand

www.saratanband.bandcamp.com/album/nabatea

Bands:
SARATAN
Autor:
Simon Bauer

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